Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Darstellung der These vom Ressentiment im Aufbau der Moralen 5
2.1. Der Umsturz der Werte durch das Ressentiment 5
2.1.1. Was bedeutet Ressentiment bei Scheler? 7
2.1.2. Die Entstehung von Moralen durch Umwertung der Werte 8
2.2. Kritik an einem einseitigen Rationalismus. 10
2.2.2. Christliche Liebe als höchster Wert 12
2.2.2.1. Das Wesen der christlichen Liebe. 13
2.2.2.2. Moderne Wohlfahrtsorganisation ohne echte Liebe 14
2.2.3. Der Selbstwert gegenüber dem Fortschritts- und Vergleichswert 15
2.3. Die Position des Glaubens in Schelers Wertverständnis. 17
3. Problem der Erkennbarkeit von wahren Werten 20
3.1. Erleben des apriorischen Wertes bei Scheler 20
3.2. Erkennbarkeit apriorischer Werte für alle Menschen? 22
4. Fazit. 23
Literaturverzeichnis 26
„Werte werden nicht gefunden oder durch Umwertungen neu geprägt; sie werden entdeckt und gleich wie die Sterne am Himmel treten sie nach und nach mit dem Fortschritt der Kultur in den Geschichtskreis des Menschen. Es sind nicht alte Werte, es sind nicht neue Werte, es sind die Werte!“
(Richl, Alois: „Friedrich Nietsche. Der Künstler im Denken, 1897
2
1. Einleitung
Der ethische Diskurs hat immer noch, oder gerade heute wieder große Brisanz. Sei es in gentechnologischen Bereichen, wo es um Fragen nach der technischen Möglichkeit und der ethischen Verträglichkeit geht: was dürfen wir tun und was nicht, selbst wenn wir es könnten?; oder wenn es um Wertekonflikte zwischen Kulturauffassungen wie z.B. Demokratie und religiösem Extremismus geht. Es stellt sich immer wieder die Frage, was ethische Werte sind und wie sie begründet werden können. Begriffe wie Grundwerte, Wertewandel, Werteverfall und neue Werte sind Schlagworte, die in der modernen Gesellschaft kursieren und kontrovers diskutiert werden. Und das Problem ist so alt wie die Menschheit. Andere Kulturen haben unterschiedliche, teilweise konträre Auffassungen und Vorstellungen von unseren sittlichen Werten und deren Umsetzung in der Gesellschaft. Doch wessen Werte sind die richtigeren oder besseren? Gibt es überhaupt objektive, unumstößliche gute oder schlechte Werte? Oder sind sie alle subjektiv und haben sich im Laufe der Geschichte entwickelt - geprägt durch Glauben, Wissensstand, Bedürfnissen und Vorstellungen einer Gesellschaft? Dies würde bedeuten, dass Werte keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben.
Mit der Säkularisierung der Kirche und der Entwicklung des Bürgertums, können Werte heute auch nicht mehr dogmatisch religiös begründet werden. Es gibt keinen einheitlichen Kanon mehr, wie man sittlich und moralisch zu handeln hätte. Die Moraltheorien ab dem 18. Jahrhunderts 1 gingen davon aus, dass Werte im Allgemeinen, vor allem aber sittliche Werte, bloße Schattierungen im Bewusstsein menschlicher Gefühle und Verlangen sind, somit auf historischer Entwicklung beruhen und keinen objektiven und allgemeingültigen Grund oder Ursprung außerhalb des Bewusstseins haben. Das wissenschaftliche, rationale Denken wird zum einzigen Legitimierungsgrund für das Ethos, aus dem es selbst entstanden ist. 2 Die skeptische Philosophie vertritt zudem den Standpunkt, dass eine letzte Wahrheit zwar existieren, jedoch vom Menschen niemals erkannt werden kann. Das Interesse und theoretische Ziel zeitgenössischer, ethischer Überlegungen ist es vordergründig, eine Verbesserung und einen Fortschritt des menschlichen (Zusammen-)Lebens zu gewährleisten, indem
1 Z.B. Kant, Hume, Hobbes und die englischen Sensualisten.
2 Vgl. Vucht Tijsen, S. 102
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sie Maximen formulieren, die allgemeingültig und vernünftig sein sollen. 3 Ihr Anliegen ist eine praktische, jenseitige und möglichst gerechte und reibungslose Organisation der Gesellschaft, die für Sicherheit und Gleichberechtigung des Einzelnen sorgt. Der Wert bestimmt sich daher aus der Nützlichkeit für eine Gesellschaft und ist nicht von vornherein schon gegeben. Die Welt scheint entmythologisiert und von Aberglaube und Metaphysik befreit zu sein.
Max Scheler (1874-1928) richtet sich mit seiner Theorie, zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen den allgemeinen philosophischen Tenor und damit gegen eine ganze Tradition des abendländischen Denkens. Im Gegensatz zu einem rationalen und intellektuellen Ausgangspunkt, geht er von einer emotionalen Anthropologie aus und entwickelt eine ausgesprochene Philosophie der Liebe. 4 Wie Heidegger anmerkt, hatte Scheler eine „Totalität des Fragens - mitten im Ganzen des Seienden stehend - (…) einen unbezähmbaren Drang, immer im Ganzen zu denken und zu deuten.“ 5 Daher versucht er auch den Menschen im Ganzen zu sehen. Als Phänomenologe ist er bestrebt die Beobachtungen am menschlichen Verhalten in eine Philosophie des Lebens umzusetzen. Wie Scheler in seinem Text Vom Umsturz der Werte hervorhebt, geht es ihm um die Förderung des Menschen zum Vitalen und Höheren, denn seiner Auffassung nach, ist der Mensch auf höhere Werte gerichtet. 6 Scheler beschäftigt sich kritisch mit dem Problem der Krisis der modernen Welt und hat als einer der Ersten seiner Zeitgenossen, „Nietzsches Vorhersage des europäischen Nihilismus als der ‚Entwertung der obersten Werte’ ernst genommen und als das Problem des kommenden Jahrhunderts verstanden.“ 7 Scheler entwickelt eine „materiale Wertethik“ in Übereinstimmung mit den Grundlehren des Katholizismus. Es handelt sich um eine Rangordnung der Werte, der zu Folge ewige, wahre Werte existieren, die unumstößlich sind und keiner inhaltlichen und gesellschaftlichen Veränderung unterliegen können. Diese höchsten Werte sind die geistigen Heilswerte, allen voran die Liebe, denen untergeordnet erst die Sitten- und Rechtsordnung sowie Nutz- und Arbeitswerte folgen. Denn die Liebe ist für Scheler die Voraussetzung, der
3 Wie z.B. Kant, der in der „Metaphysik der Sitten“, mit dem kategorischen Imperativ, ein Gesetz finden
wollte nach dem sich alle Menschen richten sollen.
4 Vgl. Dempf, S.40 in: Good (Hg.), 1975
5 Good, 1975, S. 9
6 Vgl. Bühl, S. 37
7 Landgrebe, S. 81 in: Good (Hg.), 1975
4
Werterkennung und alle anderen Werte finden in ihr erst ihr Fundament. Scheler kritisiert die moderne, industrielle Gesellschaft, wahre Liebe gegen ein oberflächliches, rein funktionales Wohlfahrtssystem getauscht zu haben, in der das Heil des Einzelnen keine Bedeutung mehr hat, sondern nur der reibungslose Ablauf der Organisation von Belang ist. Damit behauptet er, sie hänge verfälschten Werten an, deren Ursprung in einer Umwertung der Ur-Werte, durch die von Groll, Hass und Neid gespeisten Intentionen des Ressentiments liegt.
Die Grundlage dieser Hausarbeit ist Schelers Text Das Ressentiment im Aufbau der Moralen (1912). Ich möchte mich mit dieser Arbeit der Frage annähern, was Scheler unter Werten verstanden hat und wie diese in die moderne Zeit einzuordnen sind. Zunächst werde ich im folgenden Kapitel Schelers These vom Umsturz der Werte durch das Ressentiment darstellen, um daran zu untersuchen, welche Intention er mit diesem Text hatte. Dieser Punkt beinhaltet auch die Bearbeitung der Fragen, was Scheler unter Ressentiment verstanden hat und wie es zu einer Umwertung der Werte kommen konnte. Danach folgt eine Untersuchung der Wertvorstellung Schelers. Hierbei werde ich mich vor allem auf das Beispiel der Liebe konzentrieren, um daran zu untersuchen, welche Vorstellung Scheler von Werten hatte. Im dritten Kapitel folgt schließlich die Untersuchung des Problems der Erkennbarkeit von Werten bei Scheler. Hieraus ergibt sich auch die weitere Frage, ob Schelers Philosophie auch ohne eine christliche Gottesvorstellung zugänglich ist, bzw. ob seine Werte auch ohne Glauben erkennbar sind.
2. Darstellung der These vom Ressentiment im Aufbau der Moralen
2.1. Der Umsturz der Werte durch das Ressentiment
Scheler beschreibt in essayistischem Stil die geschichtliche Entwicklung der Säkularisierung und Industrialisierung der modernen abendländischen Kultur. 8 Er geht davon aus, dass mit der zunehmenden Skepsis gegen kirchliche Dogmen, mit Beginn des 13.Jh. ein qualitativer Umschlag seinen Anfang nahm, der in der Französischen Revolution zur höchsten Blüte gelangte und die Grundlage für ein neues Ethos
8 Vgl. Vucht Tijssen, S. 33, 40
5
begründete. Den Ursprung sieht Scheler im Ressentiment und Groll gegen den nicht zu erreichenden, guten Wert des liebenden Gottes 9 und allsichtigen Auges. Der Mensch wendet sich von der Idee einer göttlichen Ordnung und dem Eingehen ins Gottesreich ab und hin zu einer rein rationalen, auf das Irdische und Sichtbare begrenzten Sichtweise. Statt Streben nach persönlichem Heil, wird das Interesse auf die Allgemeinheit verlagert, die von Scheler auch als „Masse“ oder „Herde“ bezeichnet wird. Alle Menschen sind der modernen Vorstellung nach gleich, bzw. sogar uniform, und haben nur insofern Bedeutung, als dass sie zur Sicherung der Gemeinschaft beitragen. Das Ziel besteht vordergründig in der Schaffung eines Sozialwesens, welches eine Organisation für die Gesellschaft zum Ziele hat, die den Anspruch größerer Humanität erhebt. Dieses zunächst positiv scheinende Interesse, wird von Scheler mit der Begründung kritisiert, dass der höchste Wert der geistigen Liebe, Selbstliebe ebenso wie echter Barmherzigkeit für den Nächsten, zu Gunsten einer allgemeinen Wohlfahrt für die Gesellschaft, wegrationalisiert wurde. Daher wendet sich Schelers Kritik nicht gegen wohltätige Organisationen im Allgemeinen, sondern vielmehr dagegen, dass sie an Stelle des christlichen Liebesideals gerückt sind: Echte Nächstenliebe soll zu Gunsten einer Wohlfahrt für das kollektive „Gesamtwohl“ 10 degradiert und somit entwertet worden sein.
Scheler „unterbaut seine Kulturkritik (…) mit einer soziologischen Analyse der Beziehungen zwischen sozialen Faktoren, wie Minderwertigkeits-, Neid- und Ungerechtigkeitsempfinden, der Entstehung von Ressentimentgefühl und des daraus hervorgehenden Kulturmusters.“ 11 Erst durch eine Umwertung der Werte durch das Ressentiment entstehen moralische Werturteile und Wertesysteme, die fortan die apriorischen Werte ersetzen. Diese verfälschten Werttafeln unterliegen historischen und kulturellen Veränderungen, wie dies von der modernen philosophischen Diskussion angenommen wird, nicht jedoch die ursprünglichen apriorischen Werte. Scheler zeichnet ein Bild des Verfalls christlicher, d.h. wahrer Werte, zu Gunsten einer lebenserniedernden und krankmachenden Industriegesellschaft. Alles in dieser Welt ist funktionalisiert, generalisiert und abstrahiert 12 , ohne Raum für echte Emotionen, Nächstenliebe, Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Die Gesellschaft ist von Egoismus, Eifersucht, Materialismus und Unsicherheit gekennzeichnet. Die
9 Vgl. Scheler, S. 37ff.
10 Vgl. Scheler, S. 99
11 Vgl. Vucht Tijssen, S. 35
12 Vgl. Vucht Tijssen, S. 34
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Arbeit zitieren:
Tanja Zwillsperger, 2003, Schelers Kritik an der modernen Wertevorstellung, München, GRIN Verlag GmbH
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