2 Hauptteil
2.1 Ziel / Ideologie
Beide Werke beschreiben einen totalitären Staat, der eine Schreckensherrschaft ausübt. Unterschiedlich sind allerdings die Zielsetzungen dieser Staaten: In Wir soll ein Staat geschaffen werden, in dem alle Einwohner glücklich sind. Durch die Weiterentwicklung der Naturwissenschaften mit ihrer unanfechtbaren Logik wird der Mensch auf seine rationale Seite reduziert, Gefühle, alles mathematisch-naturwissenschaftlich nicht Berechenbare als unzivilisiert abgelehnt. ,,Liebe und Hunger regieren die Welt" (Samjatin, Wir, S. 23); diese Erkenntnis macht denjenigen, der beide bezwingt, zum absoluten Herrscher. Der Hunger wurde durch den 200jährigen Krieg (Naphta-Nahrung), die Liebe durch das ,,Lex sexualis" besiegt, welches sie zu einer ,,harmonischen, angenehm- nützlichen Funktion" (Samjatin, Wir, S. 25) macht.
Beim Aufbau des Staates wird davon ausgegangen, daß man zwischen Freiheit und Glück wählen muss, da jedes das jeweils andere ausschließt. Der Einzige Staat hat in logischer Konsequenz für seine Einwohner die Wahl für das Glück und damit gegen die Freiheit getroffen. Seine BewohnerInnen werden in ,,das segensreiche Joch der Vernunft" (Samjatin, Wir, S. 5) gezwungen. Alles ist eindeutig durch Gesetze geregelt, geplant und genormt (um Kinder bekommen zu dürfen, müssen die Nummern z. B. ebenfalls die Vater- bzw. Mutternorm erfüllen), nichts wird dem Zufall überlassen. Jede Nummer ist ein Rädchen im großen Getriebe der Staatsmaschine; daher wird eine absolute Gleichheit angestrebt. Sogar die ethischen und moralischen Fragen wurden mathematisiert: Das ,,Ich" in der einen Waagschale hat dem ,,Wir" in der anderen Waagschale gegenüber offensichtlich kein Gewicht und damit auch keinerlei Rechte. Da Freiheit zu Alkohol, Zigaretten und jeglicher Art von ungesundem Lebenswandel führt und in den Augen dieses Staates langsamen Selbstmord darstellt und damit die Summe aller Menschenleben erheblich verringert, muß der Einzelne zum Wohle des Staates in logischer Konsequenz auf diese Freiheit verzichten. In 1984 dahingegen wird das Ziel der Partei offiziell vor den Einwohnern verheimlicht: Das einzige Ziel ist pure Macht. Orwell sah dies als logisch-konsequente Weiterentwicklung der schon zu seinen Lebzeiten herrschenden Verherrlichung der Macht an sich an (,,worship of power"): ,,Die beiden Ziele der Partei sind, die ganze Erdoberfläche zu erobern und ein für allemal die Möglichkeit unabhängigen Denkens auszutilgen" (Orwell, 1984, S. 178).
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Die Erreichung dieser Ziele hieße, territorial, mental und sozial uneingeschränkte Macht zu besitzen. Die offizielle Begründung der Partei für ihre Handlungen lautet der in Zamjatins Werk angeführten verblüffend ähnlich: ,,Daß die Menschheit die Wahl hatte zwischen Freiheit oder Glück, und daß - für die große Masse der Menschen - Glück besser war" (Orwell, 1984, S. 241).
Um das Ausmaß an Macht, das sie schon besitzt, zu erhalten und nach Möglichkeit auszubauen, ist der Partei jedes Mittel recht. Sie kontrolliert Gedanken und Gedächtnis der Einwohner und damit die Wirklichkeit (inklusive der Geschichte) und die Materie. Die Bestätigung dieser Macht findet die Partei im Leid der Menschen; weiterhin wird sie durch den künstlich niedrig gehaltenen Lebensstandard gesichert, da die Sorge um das Alltägliche das Denken der Menschen einnimmt.
Ein weiteres wichtiges Merkmal ist das völlige Fehlen von Gesetzen. Wo Gesetze fehlen, kann alles und nichts zur Verhaftung führen, für die sich der Staat, welcher selbst keinem Gesetz unterliegt, in keiner Weise rechtfertigen muß. In gewisser Weise wird der Staat dadurch, wie auch durch die Kontrolle der Wirklichkeit, unfehlbar.
Sehr deutlich wird der Unterschied in der Ideologie beider Staaten durch die jeweils erwähnte Gleichung 2+2: Der Einzige Staat, der sich ausschließlich auf die Naturwissenschaften beruft, löst diese eindeutig mit 4; Orwells Partei hingegen verlangt von ihren Mitgliedern die Akzeptanz von 3, 4 oder 5 als Lösung, je nachdem, welche Version der Wirklichkeit der Staat gerade vertritt.
In beiden Romanen ist der vom Staat angestrebte ideale Einwohner einem Menschen kaum noch ähnlich. Bei Zamjatin geschieht dies durch die konsequente Konzentration auf die Vernunft des Menschen. Die Gefahr, die er sieht, ist die Vergötterung der Wissenschaft. Bei Orwell ist es die Vergötterung der Macht und die der Sinnentleerung des Lebens, die er als Gefahr ansieht. Da die Gefahren, auf die beide Autoren hinweisen wollen, zwar ähnliche Auswirkungen haben, sich aber grundlegend unterscheiden, kann Orwell hier bei der Schaffung seines Werkes nicht auf Zamjatin zurückgegriffen haben.
2.2 Lebensbedingungen
Die Lebensbedingungen in den beiden Staaten stellen zwei gegensätzliche Extreme dar. Bei Zamjatin gibt es: ,,Sicherheit, Komfort, Stabilität - nach herkömmlichen Be- griffen das Glück. Dafür verzichteten die Einwohner des Staates auf die Freiheit zu denken" 2 .
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Allerdings verzichten die Nummern nicht nur auf die Freiheit zu denken, sondern auch auf ihre Individualität, sämtliche Rechte gegenüber dem Staat und jegliche Art von Privatleben. Bis auf die persönliche Stunde ist der gesamte Tagesablauf staatlich geplant. (Wobei mir diese persönliche Stunde nicht nur die Unvollkommenheit des Staates zu symbolisieren scheint, sondern vor allem das Erstellen des Tagebuchs er- möglicht.) Die Häuser sind aus Glas, was jede Art von Privatleben verhindert; allerdings gibt es auch keinerlei Lebensgemeinschaften in diesem Staat. Um dem Fortpflanzungstrieb Genüge zu tun, gibt es Geschlechtstage, wobei jeder grundsätzlich das Recht auf jeden hat. Bei Verstößen gegen die vom Staat aufgestellten Gesetze widerfährt den betroffenen Nummern aber auch gleich die ihnen ,,zustehende" Strafe: Sie werden öffentlich durch den Wohltäter hingerichtet, da die Reduzierung der Gesamtsumme aller Menschenleben um ihr Leben geringer ist als der Schaden, den sie dem Staat zugefügt haben.
Oberflächlich und logisch betrachtet bietet dieser Staat das perfekte Glück an; dieses Glück scheint aber nicht allen Nummern zu genügen. Eine gut organisierte, sich durch alle Berufsschichten ziehende Widerstandsbewegung hat sich entwickelt und hat mit ihren Aktionen auch einigen Erfolg.
Bei Orwell sind die Lebensbedingungen beinahe genau gegensätzlich. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft, was z. B. am schlechten Gesundheitszustand Winstons erkennbar ist (,,dicke Krampfaderknoten" (Orwell, 1984, S. 5)), die Kleidung der Mitglieder der Äußeren Partei ist häufig verschlissen, das rationierte Essen kaum genießbar, Dinge wie Schnürsenkel oder Rasierklingen Mangelware. Einzig am synthetischen Gin scheint es nicht zu mangeln. Die Wohnungen und Häuser sind schäbig, die Versorgung mit Elektrizität häufig unterbrochen, die technischen Gerätschaften oft außer Betrieb (abgesehen von den zur Kontrolle notwendigen). Die Arbeitstage sind lang (Winston z. B. arbeitet 60 Stunden pro Woche). ,,Das Buch" spiegelt die Lebensbedingungen kurz, knapp und deutlich wieder: ,,Die Welt von heute ist ein armseliger, hungerleidender, jämmerlicher Aufenthaltsort, verglichen mit der Welt von vor 1914" (Orwell, 1984, S. 173).
Die Lebensqualität wird vorsätzlich so niedrig gehalten; denn ein Parteimitglied, das sich täglich die meiste Zeit mit Arbeit, Gemeinschaftsabenden und Sorgen um alltägliche Dinge beschäftigt, hat keine Zeit zu denken. Tatsächlich benutzt der Staat den ewig währenden Krieg, um überschüssige Erzeugnisse und Arbeitskraft zu verschwenden, damit sich der allgemeine Lebensstandard nicht erhöht.
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Hier stehen Zamjatin und Orwell eindeutig im Gegensatz: Auch wenn es in beiden Staaten kein Privatleben gibt und alle EinwohnerInnen unter der ständigen Kontrolle der Gedankenpolizei bzw. der Beschützer stehen, bemüht sich der Wohltäter offen-sichtlich zumindest um das körperliche Wohlergehen seiner Untertanen. Wenn auch die Intention die der Erhaltung der Arbeitskraft sein mag, leiden die Nummern keinen Mangel. Allerdings führt der mögliche Müßiggang doch dazu, daß eine Revolution angezettelt wird. Dies weiß Orwell geschickt zu verhindern. Seine Lebensverhältnisse sind ein direktes Resultat des Machtwunsches der Partei, also der Ideologie des Staates. Da diese bei Zamjatin auch schon anders ist, kann sich Orwell in diesem Punkt nicht an Zamjatin orientiert haben.
2.3 Medien und Propaganda
Wichtigstes Medium in Zamjatins Werk ist die Staatszeitung, welche konkurrenz- und kritiklos die Doktrin des Einzigen Staates verbreitet. Daß diese Zeitung nicht im entferntesten ein Mittel zur freien Meinungsäußerung ist (und daß es sich hier eindeutig um einen totalitären Staat handelt), läßt sich deutlich an Hand der Artikel belegen, die von D-503 in sein Tagebuch kopiert werden: ,,Der Wohltäter [...] wurde zum achtundvierzigsten Male einstimmig wiedergewählt. Einige Feinde des Glückes versuchten die Feier zu stören. [...] Ihren Stimmen Bedeutung beizumessen, wäre [...] töricht [...]. Jeder von uns weiß das" (Samjatin, Wir, S. 139).
Des weiteren müssen alle Nummern täglich zu Aud itorien, in denen die pflichtmäßige (Fort-) Bildung mittels eines Phonolektors stattfindet. Auch hier organisiert allein der Staat Ablauf, Inhalt und Teilnahme.
Die Indoktrination beginnt in Zamjatins Staat im Kindesalter, quasi schon ab der Geburt, da Erziehung ,,Staatssache" (Samjatin, Wir, S. 98) ist und in der ,,Erziehungsfabrik" (Samjatin, Wir, S. 116) stattfindet. Ein Beispiel für die frühe Beeinflussung ist das vom Protagonisten erwähnte Schicksal der ,,Freigelassenen, deren Geschichte jedes Schulkind kennt" (Samjatin, Wir, S. 181): Diese Nummern waren ohne ihre Arbeit und Befehle nicht in der Lage, weiterzuleben und begingen vor lauter Kummer Selbstmord, da sie die Freiheit nicht länger ertrugen.
Das Zusammengehörigkeits- und Einheitsgefühl der Nummern wird durch die gleichzeitige und gemeinsame Verrichtung aller Tätigkeiten, vom Aufstehen bis zum Spaziergang, verstärkt.
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Arbeit zitieren:
Stella Asch, 2000, Vergleich von Samjatins "Wir" zu Orwells "1984", München, GRIN Verlag GmbH
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