Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
1.1 Zur Vorgehensweise. 4
1.2 Die Neuordnung im Feld der Zeitschriften nach 1945. 4
2. Les Temps Modernes. 9
2.1 Die Stellung der Les Temps Modernes 9
2.2 Die Rolle Jean Paul Sartres für den Erfolg der Zeitschrift 10
2.3 Die Rolle Sartres Mitarbeiter für den Erfolg der Les Temps Modernes. 12
3. Weitere Zeitschriften im Feld. 14
3.1 Auswahl der Zeitschriften. 14
3.2 Beziehungen zwischen den Zeitschriften 14
3.3 Esprit 15
3.4 Critique 16
3.5 La Nouvelle Critique. 18
3.6 Zusammenfassung. 19
4. Schlussbetrachtung. 22
5. Literaturverzeichnis. 25
3
1. Einleitung
In dieser Hausarbeit werde ich mich mit der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes im Feld der intellektuellen Zeitschriften auseinander setzen. Diese im Oktober 1945 gegründete Zeitschrift dominierte wie keine andere die intellektuelle Szene der französischen Nachkriegszeit und nahm seit ihrem Erscheinen eine hegemoniale Stellung im Feld der intellektuellen Zeitschriften ein. Die Positionen sämtlicher anderer Zeitschriften wurde in Bezug auf Les Temps Modernes bestimmt. Alle Zeitschriften mußten sich an dem Sartreschen Blatt messen lassen. 1 Diese Tatsache ist ein maßgebliches Indiz für die hegemoniale Stellung der Les Temps Modernes im Feld der Zeitschriften. In dieser Arbeit werde ich hauptsächlich auf die auf der Bourdieuschen Feldanalyse beruhende Analyse von Anna Boschetti „Sartre et Les Temps Modernes - une entreprise intellectuelle“ sowie die Sartre-Biographie von Annie Cohen-Solal „Sartre 1905-1980“ zurückgreifen. 2 3 4
1.1 Zur Vorgehensweise
Ich werde zunächst kurz auf die Entstehungsgeschichte der Zeitschrift eingehen und diese in den zeitgeschichtlichen Kontext bringen. Es wird deutlich werden, daß neben den zeitpolitischen Rahmenbedingungen noch andere Faktoren Jean-Paul Sartre zum Erfolg seiner Zeitschrift verhalfen. Aus diesem Grunde werde ich auch kurz auf die Biographie Sartres und die Sartresche Familie eingehen. Danach werde ich die hegemoniale Stellung der Les Temps Modernes gegenüber drei weiteren Zeitschriften nachzeichnen und herausstellen, was den Erfolg der Zeitschrift ausmachte und wie sich die tonangebende Position der Les Temps Modernes Ende der 1960er veränderte.
1.2 Die Neuordnung im Feld der Zeitschriften nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 kam es zu einer grundlegenden Neuordnung in Frankreich. Das Land erlebte Phasen gesellschaftlicher
1 Vgl. Boschetti, S. 185.
2 Boschetti, Anna (1985): Sartre et Les Temps Modernes - une entreprise intellectuelle, Paris.
3 Cohen-Solal, Annie (1988): Sartre 1905-1980, aus dem Französischen übersetzt von Eva Groepler,
Reinbek bei Hamburg.
4 Vor allem Boschetti arbeitet mir den von Bourdieu geprägten Begriffen wie Feld, Kapital, Legitimation
etc.. Vgl. dazu Bourdieu, Pierre (1999): Die Regeln der Kunst, Frankfurt am Main und Schwingel,
Markus (1995): Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg.
4
Neuordnung und der Wiederherstellung des nationalen Gleichgewichtes. 5 Säuberungsaktionen unter Zeitungsmachern und Kulturschaffenden wurden durchgeführt, nachdem genau diese Frage schon auf den CNE-Sitzungen 6 heftigst diskutiert wurde. 7 Es gab große Umbrüche im Bereich der Künste, wo nicht weniger Köpfe als in der Politik rollten. 8 Die wiedergewonnene Pressefreiheit trug schon bald Früchte und „dem Mangel folgte sofort die Fülle“. 9 Sehr viele neue Zeitschriften wurden gegründet.
Sartre, der sich unter anderem mit seinen Stücken „Die Fliegen“ (Uraufführung 1943) und „ Geschlossene Gesellschaft“ (Uraufführung 1944) im Zuge der Pariser Befreiungsbewegung den Durchbruch in Pariser Kultur- und Intellektuellenkreisen verschaffen konnte und als Sonderberichterstatter von Combat und Figaro in den USA erste journalistische Gehversuche unternommen hat, genoß inzwischen gesellschaftliche Anerkennung und wurde so zur Leitfigur für Tausende für Jugendliche. 10
Während auf den CNE-Sitzungen noch Diskussionen über die Säuberung unter Kulturschaffenden tobten, sagte Ende 1944 der Verleger Gallimard die Finanzierung der von Sartre geplanten Zeitschrift Les Temps Modernes zu. 11 Der Gedanke, eine Zeitschrift zu gründen, war Sartre und der ihn umgebenden sogenannten Sartreschen Familie nicht völlig neu: „Die Idee der Temps Modernes hatte in den Diskussionen zwischen Sartre, Beauvoir, Merleau-Ponty, später auch Camus und Leiris in der Widerstandsgruppe Socialisme et Liberté und vor allem nach deren Zusammenbruch Gestalt angenommen.“ 12
Auch Vercors gründete eine neue Zeitschrift, die bei Les Édition de Minuit erscheinen sollte. Als Chefredakteur seiner neuen Zeitschrift wünschte er sich den auch für seine übermenschliche Arbeits- und Willenskraft bekannten Jean-Paul Sartre. Die Zeitschrift mit dem Namen Les Chroniques de Minuit sollte „ auf der Grundlage einer gemeinsamen Plattform die Überbleibsel des Nationalsozialismus bekämpfen“. 13 Sartre lehnte ab, schließlich hatte er gerade seine eigene Zeitschrift gegründet. Das Gründungskomitee der Les Temps Modernes stellte eine Gruppe, die sich bereits gut
5 Vgl. Cohen-Solal, S. 388.
6 CNE: Comité national des écrivains. Aus der Résistence hervorgegangener Schriftstellerverband.
7 Vgl. Cohen-Solal, S. 345ff.
8 vgl. Cohen-Solal, S. 389.
9 Cohen-Solal, S. 387.
10 Vgl. Cohen-Solal, S. 349ff.
11 vgl. Cohen-Solal, S. 345.
12 Cohen-Solal, S. 404.
13 Cohen-Solal, S. 347.
5
kannte: Raymond Aron, Jean Paulhan, Albert Ollivier, Maurice Merleau-Ponty, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.
Annie Cohen-Solal zitiert Simone de Beauvoir zur Gründung der Zeitschrift und deren Hintergründe folgendermaßen: „Wir wollten der Nachkriegszeit eine Ideologie liefern. Wir hatten klare Vorstellungen... Camus, Merleau-Ponty, Sartre und ich wollten ein Gruppenmanifest verfassen. Sartre war entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, die wir alle zusammen leiten würden. Wir waren an das Ende der Nacht gelangt, der Tag dämmerte herauf. Seite an Seite wollten wir einen neuen Anlauf nehmen.“ 14 Die in Paris mit Spannung erwartete Zeitschrift, deren erste Ausgabe am 01. Oktober 1945 erschien, fand sofort eine breite Leserschaft. In einem Artikel des Figaro vom 03. November 1945 das Erscheinen der ersten Ausgabe von Les Temps Modernes als „wichtigstes Ereignis der Woche“ bezeichnet. 15 Sartre wußte, wirksam Spannung zu erzeugen: Schließlich war die Présentation der Zeitschrift, die seiner amerikanischen Geliebten Dolores Vanetti gewidmet war, bereits sechs Monate zuvor vorab in den Zeitschriften Horizon und Partisan Review in englischer Sprache erschienen. 16 Mit der Zeitschrift, die im monatlichen Rhythmus erschien und ein „ fast strenges Aussehen“ 17 hatte, sollte nach Sartre die gesellschaftliche Situation der Menschen und deren Selbstbewußtsein verändern. Mit ihr wollte Sartre der Literatur ihre gesellschaftliche Funktion wieder zurück geben, die sie seiner Meinung nach nie hätte verlieren dürfen. 18
Im Zuge der Neuordnung entstanden sehr schnell viele neue Zeitschriften, von denen einige so schnell verschwanden, wie sie kamen. Das Erscheinen der Les Temps Modernes hingegen war eine Besonderheit u nd quasi kennzeichnend für die Neuordnung des Feldes der intellektuellen Zeitschriften im Frankreich der Nachkriegszeit. Die Tragweite dieser Zeitschrift macht Boschetti deutlich: « Les cinq années qui suivantes (après 1945) voient une restructuration profonde qui à elle seule suffirait à indiquer la domination exercée par Les Temps Modernes, car leur apparition s’avère le principe de ce bouleversement, et leur modèle le paradigme régulateur de toutes les transformations. » 19
14 De Beauvoir, Simone (1997): In den besten Jahren: Erinnerungen, Berlin, S. 481. Zitiert in Cohen-Solal,
S. 347.
15 Zit. nach Cohen-Solal, S. 401.
16 Vgl. Cohen-Solal, S. 401.
17 Cohen-Solal, S. 401.
18 Vgl. Cohen-Solal, S. 403.
19 Boschetti, S. 185.
6
Die Zeitschrift wurde als politische Manifestation wahrgenommen, als programmatische Äußerung einer Sartre-Partei, die geradezu als dritte Kraft neben Gaullisten und Kommunisten begrüßt und angegriffen wurde. 20 21
Damit stellte Les Temps Modernes mit einem Schlag alle Zeitschriften in den Schatten, die nun neu entstanden waren und löste somit La Nouvelle Revue Française als tonangebende Zeitschrift ab. Diese mußte eingestellt werden, nachdem sie aufgrund der politischen Position Pierre Drieu la Rochelles und des Vorwurfs der Kollaboration zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. 22 Alle Versuche, sie durch Nachfolgezeitschriften am Leben zu erhalten, scheiterten kläglich, da diese lediglich als rückständige und unzulängliche Kopien der Zeitschrift erschienen. 23 Boschetti vergleicht den Versuch, die Nouvelle Revue Française durch Nachfolgezeitschriften am Leben zu erhalten mit der Gründung der philosophischen Zeitschrift Deucalion, die 1946 von Jean Wahl gegründet wurde. Diese Zeitschrift war der Versuch, am Erfolg der Philosophiezeitschrift Recherches philosophiques aus den 1930er Jahren anzuknüpfen. Auch diese Nachfolgezeitschrift scheiterte. 24 Auch andere intellektuelle Zeitschriften, die die Libération in die französische Hauptstadt brachten, überlebten nicht lange: Fontaine und Confluences stellten 1947 den Betrieb wieder ein, L’Arche im Jahre 1948, La Nef 1951, Terre des Hommes verschwand im Jahre 1946. Der Konkurrenz der Les Temps Modernes konnten diese Zeitschriften nicht standhalten. 25 Der Zeitschrift Cahier du Sud, die eher von lokaler und weniger von nationaler Bedeutung war, konnten die Rückschläge am Pariser Markt nichts anhaben. Lediglich die Zeitschrift Esprit, das Sprachrohr des engagierten Katholizismus überlebte die turbulente Neuordnung am Pariser Zeitschriftenmarkt. Schon seit ihrem Erscheinen nahm allerdings die von Sartre gegründete Zeitschrift eine hegemoniale Stellung im Feld der Zeitschriften ein. Wie nie zuvor gesehen vereinigte der Herausgeber und seine Redaktionsmitglieder ein enormes intellektuelles Kapital in sich. Sie versammelten alle Formen der Legitimation im Felde der damaligen Zeit und stellten so den Pol für freie Intellektuelle dar. Diese neue, engagierte und thematisch vielseitige Zeitschrift setzte fortan die Kriterien der Legitimation und schufen mit ihrem Konz ept eine bewußte Verbindung zwischen Literatur und Philosophie, zwischen Freiheit und Engagement. 26
20 Macho, Thomas H. (1998): Sartre. Hrsg. von Peter Sloterdijk, Philosophie jetzt, München.
21 Vgl. Macho, S. 37.
22 Vgl. Cohen-Solal, S. 404.
23 Vgl. Boschetti.
24 Vgl. Boschetti, S. 187.
25 Vgl. Boschetti, S. 187.
26 Vgl. Boschetti, S. 187.
7
Arbeit zitieren:
2003, Die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" im Feld der intellektuellen Zeitschriften in Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kann der von Platon entwickelte Idealstaat als totalitär bezeichnet we...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 14 Seiten
Der Begriff der Freiheit bei Jean-Paul Sartre
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Examensarbeit, 76 Seiten
Der Blick und das Schamgefühl in Jean-Paul Sartres Werk "Das Sein...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Referat (Ausarbeitung), 17 Seiten
John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit von 1971 - Eine kritische Rekons...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 18 Seiten
Merleau-Pontys innerweltliches und zeitliches Cogito
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Gerechtigkeit in einer Weltrepublik. Diskussion und Vergleich des Ansa...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Otfried Höffes Theorie der Gerechtigkeit
Unter Berücksichtigung der Ger...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 16 Seiten
Peter Otto Chotjewitz - ein Sympathisant?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Probleme der In Vitro Fertilisation und der Präimplantationsdiagnostik
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Designer-Babies und Maß-Menschen
Reproduktionsgenetik heute - m...
Biologie - Genetik / Gentechnologie
Wissenschaftlicher Aufsatz, 25 Seiten
Zu: Giacomo Leopardi - "L'Infinito"
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Die Staatstheorien von John Locke und Jean-Jacques Rousseau im Spiegel...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
An-sich-Sein, Für-sich-Sein und der Andere bei Sartre und seine Bezüge...
Hausarbeit, 20 Seiten
Rechtsgrundlage und ethische D...
Seminararbeit, 19 Seiten
Sir Karl Raimund Poppers Kritik an totalitärem Denken und "geschl...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 17 Seiten
Anonym's Text Die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" im Feld der intellektuellen Zeitschriften in Frankreich ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anonym hat den Text Die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" im Feld der intellektuellen Zeitschriften in Frankreich veröffentlicht
Existentialism and Sociology: The Contribution of Jean-Paul Sartre
Gila J. Hayim, Gila Hayim
0 Kommentare