Thema dieser Arbeit ist die Jugendkultur der (west)deutschen Bundesrepublik
der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Mittelpunkt
der Betrachtung soll die Gruppe der sogenannten Halbstarken
stehen, an Zahl sicher nicht die größte der Jugendsubkulturen jener
Zeit, möglicherweise aber ihre einflussreichste, was die Prägung von
Stilen anbelangt, bestimmt auch in der Art, wie sie die öffentliche Meinung
über "die Jugend" der Fünfziger bestimmte.
Das Interesse am Thema Jugendkultur bzw. Jugendsubkultur resultiert
aus der Erkenntnis, dass sich jugendliche Verhaltensweisen offenbar zu
allen Zeiten moderner Industriegesellschaften gruppenförmig herausbilden,
in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen und Einflüssen.
Die Relevanz dieses Themas ist daher bis heute gegeben. Auch in
der Folgezeit der fünfziger Jahre machten Jugendkulturen auf sich aufmerksam,
seien es beispielsweise Punker oder Skinheads. Jede Generation
hat ihr "eigene" Jugendkultur, in der sich verschiedene Subkulturen
wiederfinden. Während für die 60er Jahre die Beatgeneration als
typische Vertreter dieser Zeit galten, wurden die 70er Jahre von den
Blumenkindern oder den sog. Hippies dominiert. In den 80er Jahren
sprach man von der Blütezeit der Punker, die trotz ihrer relativ geringen
Gruppengröße, meist im öffentlichen Raum den Erwachsenen negativ
auffielen. Die 90er Jahre gelten als das Jahrzehnt der Raver und
Techno-Anhänger, die sich nach außen mittels der "Love-Parade" in
Berlin darstellen - eine der größten organisierten öffentlichen Veranstaltungen,
die speziell auf die jugendliche Fangemeinde dieser Musikrichtung
zugeschnitten ist.
So unterschiedlich die Ausprägungen der einzelnen Stilrichtungen auch
sind, es gibt wesentliche Gemeinsamkeiten, die alle Jugendsubkulturen
aufweisen. Die Orientierung an Gleichaltrigen, die als Gruppe eine
wichtige Funktion erfüllt, der hohe Stellenwert des Konsums (Kleidung,
Musik etc.), sowie die Ausprägung eines eigenen Stils als Wiedererkennungswert
(Mode, Sprache etc.) sind bedeutende Merkmale von
Jugendkultur.
In den fünfziger Jahren wurde die Herausbildung einer eigenständigen
Jugendkultur erstmals verstärkt wahrgenommen und somit auch Gegenstand
wissenschaftlicher Forschung. Daher steht dieses Jahrzehnt,
mit den Halbstarken als Subkultur im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit. [...]
Gliederung
1. Einleitung
2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der Nachkriegszeit bis Mitte der 50er Jahre
2.1 Politische Entwicklung
2.2 Wirtschaftliche Entwicklung
2.3 Vom Mangel zum Konsum
2.4 Der Wandel gesellschaftlicher Grundwerte
3. Jugend und Jugendsubkulturen
3.1 Zum geschichtlichen Begriff "Jugend"
3.2 Klassifizierung der Lebensphase "Jugend"
3.3 Begriffsklärung "Jugendkultur" und "Jugendsubkultur"
3.4 Sozialwissenschaftliche Jugendtheorien
3.4.1 Die phänomenologische Gegenwartsanalyse der Jugend: Helmut Schelsky
3.4.2 Der funktionalistische Ansatz: Samuel N. Eisenstadt
3.4.3 Der handlungstheoretische Ansatz: Friedrich H. Tenbruck
4. Jugendstile in den 50er Jahren in Westdeutschland
4.1 Die Peer-Group als informelle Gruppe
4.2 Stile der Jugendkultur
4.2.1 Die Existentialisten
4.2.2 Die Teenager
4.2.3 Die Motorradjungs (Rocker)
5. Die Halbstarken der fünfziger Jahre
5.1 Vorläufer der Halbstarken in der Geschichte
5.2 Die soziale Herkunft der Halbstarken
5.3 Die Entwicklung eines eigenen Stils in Mode, Sprache und Habitus
5.4 Verhalten in der Freizeit
5.5 Das Leben in Banden
5.6 Die Reaktion der Medien auf Krawalle und Provokationen
5.7 Rock 'n' Roll und die Rolle der USA
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Ausprägung von Jugendkulturen in der westdeutschen Bundesrepublik der 1950er Jahre, wobei das primäre Ziel darin besteht, den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und dem Entstehen jugendlicher Subkulturen am Beispiel der „Halbstarken“ aufzuzeigen.
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit und der 50er Jahre
- Wissenschaftliche Jugendtheorien und die soziologische Einordnung der Lebensphase Jugend
- Einfluss von Medien, Konsumgüterindustrie und US-amerikanischen Vorbildern
- Phänomenologie und Ausprägungen der „Halbstarken“ als Jugendkultur
Auszug aus dem Buch
Die soziale Herkunft der Halbstarken
Zu Beginn der 50er Jahre entstanden inmitten von Trümmerlandschaften der zerstörten Großstädte Banden von Kindern und Jugendlichen, die frei von elterlicher Kontrolle ideale Bedingungen fanden, eigene subkulturelle Gruppen zu bilden. Ein eigenes Norm- und Wertesystem entstand innerhalb dieser Gruppen. Die Erwachsenen waren zu sehr mit dem Wiederaufbau und eigenen Problemen beschäftigt, reagierten auf Ungehorsam der Kinder oft mit Schlägen und Prügelstrafen. In vielen Familien war der Vater vom Krieg nicht heim gekehrt oder wenn er nach Jahren wieder kam, war er der neuen Situation innerhalb der Familie kaum gewachsen. Zinnecker bemerkt, dass die Hälfte der "randalierenden Jugend" ohne Väter aufwuchsen. Auf diese Widersprüche und Spannungen in der Familie reagierten die Kinder und Jugendlichen mit der Flucht auf die Strasse, wo sie eine Gruppe vorfanden, mit der sie sich identifizieren können, in der sie sich Anerkennung und Respekt verschaffen konnten und die außerhalb jeglichen Zugriffs von Erwachsenen lag.
Territorial waren die jugendlichen Halbstarkencliquen eng an städtische Arbeiter- und Kleinbürger-Quartiere gebunden. Die Gruppen wurden spontan lokal gebildet, wobei das verbindende Element die gemeinsame Aneignung und Verteidigung des Wohnquartiers war.
Ca. 90 Prozent der "Halbstarken" kam aus der Arbeiterschicht, wobei der Anteil an der Gesamtheit der Jugendlichen bei nur ca. 2 Prozent lag. Mit 14 oder 15 Jahren befanden sich die Jugendlichen häufig in der Lehre oder waren nach abgeschlossener Lehre schon fest im Berufsleben. Diese Tatsache bedeutete Vorteile für diese Gruppe. Sie hatte gegenüber anderen, die noch zur Schule gingen, größere finanzielle Möglichkeiten. 1957 wurde die Fünf-Tage-Woche eingeführt. Die Arbeitszeit für Industriearbeiter pendelte sich bei 49 Stunden an fünf Tagen in der Woche ein. Damit stand den arbeitenden Jugendlichen mehr Freizeit zur Verfügung, die sie für ihre Vergnügungen nutzten. Besonders das freie Wochenende trug zu einer erheblichen Verbesserung der Freizeitgestaltung bei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Untersuchung der westdeutschen Jugendkultur der 1950er Jahre ein und stellt die Halbstarken als zentrale, einflussreiche Subkultur sowie die Forschungsfrage zum gesellschaftlichen Wandel dar.
2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der Nachkriegszeit bis Mitte der 50er Jahre: Dieser Abschnitt analysiert die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche, einschließlich des Marshall-Plans und des Wirtschaftswunders, welche die Grundlagen für die neue westdeutsche Gesellschaft legten.
3. Jugend und Jugendsubkulturen: Hier werden theoretische Ansätze zur Jugendforschung diskutiert und Begriffe wie „Jugend“ und „Jugendkultur“ aus historischer und sozialwissenschaftlicher Sicht geklärt.
4. Jugendstile in den 50er Jahren in Westdeutschland: Dieses Kapitel untersucht verschiedene informelle Gruppierungen der 1950er Jahre, darunter Existenzialisten, Teenager und Motorradjungs, und beleuchtet die Bedeutung der Peer-Group.
5. Die Halbstarken der fünfziger Jahre: Dies ist der inhaltliche Schwerpunkt der Arbeit, der die Geschichte, soziale Herkunft, Freizeitgestaltung und die mediale Reaktion auf die Halbstarken detailliert untersucht.
6. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die wesentlichen Erkenntnisse über den gesellschaftlichen Wandel, die Entstehung der Subkultur der Halbstarken und deren Einordnung in die deutsche Nachkriegsgeschichte zusammen.
Schlüsselwörter
Jugendkultur, Jugendsubkultur, Halbstarke, 50er Jahre, Nachkriegszeit, westdeutsche Gesellschaft, Wirtschaftswunder, Peer-Group, Rock 'n' Roll, Medien, Jugendkriminalität, Wertewandel, Arbeiterjugend, Sozialisation, Identitätsfindung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Jugendkultur in der Bundesrepublik Deutschland während der 1950er Jahre, wobei der Fokus insbesondere auf der Gruppe der „Halbstarken“ und deren Beziehung zum gesellschaftlichen Wandel liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Einfluss von wirtschaftlichem Aufschwung und Konsum, die Rolle der Medien bei der Stigmatisierung jugendlichen Verhaltens sowie der Kontrast zwischen staatlichen Normen und jugendlicher Selbstbehauptung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob Zeiten ausgeprägten gesellschaftlichen Wandels das Entstehen von Jugendkulturen begünstigen und wie die Jugendlichen auf die neue politische und moralische Ordnung nach dem Nationalsozialismus reagierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse jugendsoziologischer Theorien und historischer Studien, um die soziokulturellen Gegebenheiten der 50er Jahre systematisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, theoretische Ansätze zur Jugend, sowie eine detaillierte Analyse der Stile und Erscheinungsformen jugendlicher Gruppen und deren Konflikt mit der Erwachsenenwelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendkultur, Halbstarke, Wirtschaftswunder, Peer-Group, Rock 'n' Roll, Medieneinfluss und gesellschaftlicher Wertewandel.
Warum galten die Halbstarken als eine so provozierende Gruppe?
Ihre Abgrenzung von gesellschaftlichen Normen, ihre „Aufsässigkeit“, die Verwendung von Rock 'n' Roll als Ausdrucksmittel und ihre öffentliche Präsenz in Banden konfrontierten die Nachkriegsgesellschaft mit einem ihr fremden Phänomen der Nichtanpassung.
Welchen Einfluss hatten die Medien auf die Wahrnehmung der Halbstarken?
Die Medien trugen durch eine sensationslüsterne Berichterstattung maßgeblich dazu bei, die Bedeutung der Vorfälle zu überhöhen, was einerseits zu einer allgemeinen Jugenddebatte führte, andererseits aber auch die Provokation und den Widerstand der Jugendlichen zusätzlich bestärkte.
- Quote paper
- Carolin Engel (Author), 2003, Auffällige Stile der Jugend als Ergebnis gesellschaftlichen Wandels am Beispiel der Halbstarken in den 50er Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21619