Gliederung
1. Einleitung 5
2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der Nach 9
kriegszeit bis Mitte der 50er Jahre
2.1 Politische Entwicklung 9
2.2 Wirtschaftliche Entwicklung 20
2.3 Vom Mangel zum Konsum 24
2.4 Der Wandel gesellschaftlicher Grundwerte 28
3. Jugend und Jugendsubkulturen 34
3.1 Zum geschichtlichen Begriff Jugend 34
3.2 Klassifizierung der Lebensphase Jugend 39
3.3 Begriffsklärung Jugendkultur und Jugendsubkultur 41
3.4 Sozialwissenschaftliche Jugendtheorien 44
3.4.1 Die phänomenologische Gegenwartsanalyse der Jugend: 45
Helmut Schelsky
3.4.2 Der funktionalistische Ansatz: Samuel N. Eisenstadt 48
3.4.3 Der handlungstheoretische Ansatz: Friedrich H. Tenbruck 51
4. Jugendstile in den 50er Jahren in Westdeutschland 55
4.1 Die Peer-Group als informelle Gruppe 55
4.2 Stile der Jugendkultur 57
4.2.1 Die Existentialisten 58
4.2.2 Die Teenager 61
4.2.3 Die Motorradjungs (Rocker) 64
5. Die Halbstarken der fünfziger Jahre 66
5.1 Vorläufer der Halbstarken in der Geschichte 66
5.2 Die soziale Herkunft der Halbstarken 68
5.3 Die Entwicklung eines eigenen Stils in Mode, Sprache und 71
Habitus
3
5.4 Verhalten in der Freizeit 74 5.5 Das Leben in Banden 78 5.6 Die Reaktion der Medien auf Krawalle und Provokationen 81 5.7 Rock 'n' Roll und die Rolle der USA 83
6. Zusammenfassung 91
7. Literaturverzeichnis 102
4
1. Einleitung
Thema dieser Arbeit ist die Jugendkultur der (west)deutschen Bundesrepublik der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Mittelpunkt der Betrachtung soll die Gruppe der sogenannten Halbstarken stehen, an Zahl sicher nicht die größte der Jugendsubkulturen jener Zeit, möglicherweise aber ihre einflussreichste, was die Prägung von Stilen anbelangt, bestimmt auch in der Art, wie sie die öffentliche Meinung über "die Jugend" der Fünfziger bestimmte.
Das Interesse am Thema Jugendkultur bzw. Jugendsubkultur resultiert aus der Erkenntnis, dass sich jugendliche Verhaltensweisen offenbar zu allen Zeiten moderner Industriegesellschaften gruppenförmig herausbilden, in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen und Einflüssen. Die Relevanz dieses Themas ist daher bis heute gegeben. Auch in der Folgezeit der fünfziger Jahre machten Jugendkulturen auf sich aufmerksam, seien es beispielsweise Punker oder Skinheads. Jede Generation hat ihr "eigene" Jugendkultur, in der sich verschiedene Subkulturen wiederfinden. Während für die 60er Jahre die Beatgeneration als typische Vertreter dieser Zeit galten, wurden die 70er Jahre von den Blumenkindern oder den sog. Hippies dominiert. In den 80er Jahren sprach man von der Blütezeit der Punker, die trotz ihrer relativ geringen Gruppengröße, meist im öffentlichen Raum den Erwachsenen negativ auffielen. Die 90er Jahre gelten als das Jahrzehnt der Raver und Techno-Anhänger, die sich nach außen mittels der "Love-Parade" in Berlin darstellen - eine der größten organisierten öffentlichen Veranstaltungen, die speziell auf die jugendliche Fangemeinde dieser Musikrichtung zugeschnitten ist.
So unterschiedlich die Ausprägungen der einzelnen Stilrichtungen auch sind, es gibt wesentliche Gemeinsamkeiten, die alle Jugendsubkulturen aufweisen. Die Orientierung an Gleichaltrigen, die als Gruppe eine wichtige Funktion erfüllt, der hohe Stellenwert des Konsums (Kleidung,
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Musik etc.), sowie die Ausprägung eines eigenen Stils als Wiedererkennungswert (Mode, Sprache etc.) sind bedeutende Merkmale von Jugendkultur.
In den fünfziger Jahren wurde die Herausbildung einer eigenständigen Jugendkultur erstmals verstärkt wahrgenommen und somit auch Ge-genstand wissenschaftlicher Forschung. Daher steht dieses Jahrzehnt, mit den Halbstarken als Subkultur im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit.
Als eine der zentralen Thesen soll der Frage nachgegangen werden, ob insbesondere Zeiten ausgeprägten gesellschaftlichen Wandels das Entstehen von Jugendkulturen begünstigen und in welcher Weise dies geschieht. Die Jugendkulturen der fünfziger Jahre waren die ersten, die unter dem Einfluss einer sich in die westliche Parteiendemokratie der Nachkriegszeit hinein entwickelnden Gesellschaft entstanden - nach Jahren der Gleichschaltung der Jugend unter einer autoritären faschistischen Staatsform. Auch die Entwicklung einer konsumorientierten, Massengüter produzierenden Industriegesellschaft und die Suche nach moralischer und kultureller Identität kennzeichnen u. a. den heftigen gesellschaftlichen Wandel, der die fünfziger Jahre prägte und spannend machte. Letztlich war es nicht nur die Jugend, die ihre gesellschaftliche Position neu zu bestimmen hatte, diese Anforderung betraf alle damaligen Generationen.
So sollen am Anfang dieser Arbeit die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der fünfziger Jahre untersucht werden. Wie gestalteten sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit bis zur Herausbildung der hier analysierten Jugendkulturen? Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sind diese entstanden? Welche Rolle spielten dabei wirtschaftlicher Aufschwung und beginnender Konsum? Welchen Wandlungsprozessen unterlagen Familie, Freizeitverhalten und Arbeitsprozess? Gab es einen Wertewandel, wie sah er aus und welchen Einfluss hatte er auf die Jugend jener Jahre?
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Im folgenden Verlauf der Arbeit wird die jugendsoziologische Literatur untersucht nach notwendigen Begriffserklärungen und relevanten Ansätzen zum Thema Jugendkultur und Jugendsubkultur. Hier soll auch der Frage nachgegangen werden, seit wann die Jugend als eigenständige Lebensphase betrachtet wird, welche Definitionen auf "Jugendkultur" und "Jugendsubkultur" angewandt werden.
Im Hauptteil der Untersuchung wird hinterfragt, welche Gruppen und Stilrichtungen der Jugendkulturen in den fünfziger Jahre auftraten. Welche Rolle spielten z. B. Existentialisten, Teenager und Motorradjungs? Besonderes Augenmerk wird auf die Gruppe der Halbstarken verwandt, deren Existenz offensichtlich von erheblichem Einfluss auf die öffentliche Diskussion über Jugend und Jugendfragen, Erziehung und gesellschaftliche Werte war. Das Abgrenzen von gesellschaftlichen Normen, ihr "Anderssein" und ihre "Aufsässigkeit" bis hin zur Anwendung von Randale und Gewalt erschienen spektakulär und konfrontierte die sich neu formierende Nachkriegsgesellschaft zum ersten Mal mit dem Phänomen der Nichtanpassung einer gesellschaftlichen Gruppe, was offensichtlich zur Schockerfahrung führte und mit Unverständnis quittiert wurde. Aus welchen gesellschaftlichen Schichten rekrutierten sich die Halbstarken? Handelten sie bewusst "politisch", definierten sie ihre Aktionen als "Widerstand"? Nicht zuletzt scheint auch die Frage interessant, ob das Phänomen der Halbstarken in den fünfziger Jahre erstmals auftrat oder Vorläufer in der Geschichte hatte.
Inwiefern orientierten sich die Halbstarken an Mustern und Vorbildern, die über die neuen medialen Möglichkeiten des Freizeitkonsums (Film, Musik, Jugendzeitschriften) zugänglich waren? Offensichtlich spielten Idole, vor allem aus den USA, eine große Rolle bei der Orientierung der jungen Generation. Da das Auftreten der Gruppe der Halbstarken zu erheblichen Diskussionen unter den Erwachsenen über die Rolle und das Verhalten von Jugendlichen generell führte, wird hier auch der Fra-
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ge nachgegangen, welche Funktion die Medien bei der Beurteilung und ggf. Aufwertung des Phänomens "Halbstarke" ausübten.
Zum Schluss fasse ich die wesentlichen Erkenntnisse dieser Arbeit zusammen und stelle im Überblick dar, welche jugendlichen Subkulturen auf die der 50er Jahre folgten.
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2. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in der Nach-kriegszeit bis Mitte der 50er Jahre
Im folgenden soll beschrieben werden, welche Rahmenbedingungen die westdeutsche Gesellschaft der fünfziger Jahre prägten, welche Entwicklung die Gesellschaft seit Kriegsende genommen hatte. Dies soll zeigen, welche politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse die Generation vorfand, aus der heraus sich die Jugendkulturen jener Jahre entwickelten.
2.1 Politische Entwicklung
Mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 war die Naziherrschaft beendet und Deutschland stand vor der Aufgabe des politischen und gesellschaftlichen Neubeginns. Man spricht von der Stunde Null, die einen kompletten Neuanfang darstellen sollte - dennoch ist dieser Begriff weitgehend umstritten.
Zwar wurde der Diktatur unter Hitler, einschließlich seiner Idee von einem Großdeutschland und seinen Vorstellungen von einer deutschen Gesellschaft, durch Intervention der Alliierten ein Ende bereitet, etliche Politiker und Wirtschaftsführer aus der Nazizeit hatten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft jedoch weiterhin Einfluss.
Die Anstrengungen der Alliierten, Deutschland zu entnazifizieren, blieben aufgrund des kaum zu bewältigenden Verwaltungsaufwands eher halbherzig. Die vier Siegermächte bildeten 1945 den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, um die Hauptkriegsverbrecher zu verurteilen. Anfang Oktober 1946 wurden die hauptverantwortlichen NS-Größen des Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Völkermord schuldig gesprochen. Die Organisationen NSDAP, SS, Gestapo und der Geheimdienst der SS (SD) wurden verboten, jedoch wurden deren Mitglie-
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der ohne Nachweis persönlicher Schuld nicht strafrechtlich verfolgt. 1 Die Alliierten setzten sich zum Ziel, neben den Nazigrößen alle Mitglieder der damaligen NS-Organisationen zu bestrafen. Dass dieses Vorhaben nicht vollends gelingen sollte, zeigen die weiteren Ausführungen.
Bis September 1945 waren in der amerikanischen Zone 66.500 und in der britischen Zone bis Ende desselben Jahres 70.000 Personen in Haft. Durch Druck der englischen Öffentlichkeit erhielten 1946 zwei Drittel der von den Briten Inhaftierten ein verkürztes Verfahren und wurden wieder frei gelassen. Zahlreiche Strafverfahren verzögerten sich. Die Alliierten wollten den Abschluss der Nürnberger Prozesse abwarten, um die Schwere der Schuld hinsichtlich der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Organisationen besser einschätzen zu können. Im Herbst 1947 kam aus Washington die Aufforderung, die Strafverfahren bis zum Frühjahr 1948 abzuschließen. Um dem Zeitdruck gerecht zu werden, wurden von der Militärregierung neue Bestimmungen erlassen, wobei sich die Zahl der zu Verurteilenden von 750.000 auf 250.000 reduzierte.
Weitere Schwierigkeiten ergaben sich aus der hohen Zahl der Mitglieder der NSDAP und deren Unterorganisationen. Wollte man alle entnazifizieren, bezog sich dies auf ca. ein Fünftel der Gesamtbevölkerung der BRD. Da viele Richter vorher nationalsozialistisch organisiert waren, gab es einen großen Mangel an unbelasteten Personen innerhalb der Gerichtsbarkeit. Viele Richter waren zum Teil selbst Angeklagte. In Bayern wurden unter Minister Pfeiffer ca. 60 Prozent derer, die eigentlich als "Hauptschuldige" hätten eingestuft werden müssen, entweder als "Entlastete" oder als "Mitläufer" eingestuft und kamen so mit geringen Geldstrafen davon. 2
In der Literatur ist gar von einer Restauration der Wirtschafts- und Ge-sellschaftsordnung die Rede. So wird das Jahr 1945 als wesentliche Zäsur in der deutschen Geschichte bezeichnet, nicht jedoch als die viel- 1 Weber,J. (2002), S. 13.
2 Huster, E.-U. u. a. (1972), S. 51ff.
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fach so genannte "Stunde Null". Zwar war der deutsche Faschismus besiegt, eine Gesellschaftsordnung auf der Basis systemverändernder Maßnahmen als Alternative jedoch nicht opportun, insbesondere wegen der politischen und ökonomischen Interessenlage der USA, die auf eine Restauration des Kapitalismus in Deutschland gerichtet war. 3
Nachdem das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 kapituliert hatte, erhielten die Siegerstaaten die oberste Regierungsgewalt. Das verbliebene Gebiet wurde in eine amerikanische, britische, französische und sowjetische Besatzungszone aufgeteilt. In Berlin wurde der Alliierte Kontrollrat gebildet, der von den vier Mächten die gemeinschaftliche Verwaltung Deutschlands übernehmen sollte. Im März 1948 brach dieser jedoch aufgrund der zunehmenden ideologischen und machtpolitischen Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion auseinander. Am 1.1.1947 wurden die amerikanische und die britische Zone zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet der Bizone zusammen geschlossen, 1949 folgte ihnen die französische Zone. Aus diesem Gebiet der drei Westmächte -Trizone genannt- wurde später die BRD, während auf dem Gebiet der sowjetischen Zone die DDR entstand. 4
Die Situation im besetzten Deutschland war in hohem Maße von den Beziehungen zwischen den Siegerstaaten abhängig. Insbesondere zwischen den westlichen Staaten auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite. 5 Anfang 1947 entwickelte sich der sogenannte Kalte Krieg, der entscheidend sein sollte für die weitere Entwicklung Deutsch-lands. Die amerikanische und die sowjetische Regierung standen sich mit unvereinbaren Vorstellungen über die Staatsform Deutschlands gegenüber. Der damalige amerikanische Präsident Truman sah den Kommunismus in der Sowjetunion als Gefahr, die in Schach gehalten werden musste.
3 ders. S. 69.
4 Neebe, R. (1990), S. 9.
5 Siepmann, E. (1986), S.23. zit n. Theissen, H., Die Vorgeschichte der 50er Jahre.
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1946 wurde die Versorgung der Bevölkerung immer schlechter, der Zuwachs der Industrieproduktion kam zum Stillstand, 1947 wurde er sogar rückläufig. Ein Grund dafür waren die Reparationen, die Deutsch-land zu zahlen hatte. Die Sowjets forderten insgesamt 20 Milliarden Dollar, von denen die Hälfte Rußland zugute kommen sollte. Die USA warnten davor, zu hohe Forderungen an Deutschland zu stellen, die nur durch amerikanische Anleihen gesichert werden könnten. 6 Aus den schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und der inkonsequenten Verwirklichung der Potsdamer Beschlüsse entwickelte sich Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die Potsdamer Konferenz zwischen den USA, Eng-land und der Sowjetunion hatte im Juli und August 1945 u. a. die Aus-handlung einer Nachkriegsordnung Deutschlands zum Inhalt, einschließlich seiner Behandlung als wirtschaftliche Einheit.
"Wir waren fest davon überzeugt, daß die erzielten Beschlüsse eine Grundlage für die baldige Wiederherstellung dauerhafter Verhältnisse in Europa bildeten. Tatsächlich haben die Beschlüsse die Konferenz zu einem Erfolg gemacht, aber die Verletzung dieser Beschlüsse verwandelte den Erfolg zu einem Fehlschlag." 7
Frankreich war nicht zur Potsdamer Konferenz hinzu gezogen worden. Als Konsequenz daraus akzeptierte die französische Regierung unter dem Vorsitz von Charles de Gaulle das Abkommen nur zum Teil. Auf-grund von Vorbehalten gegenüber der geplanten Zentralverwaltung sperrte Frankreich seine Zone für Flüchtlinge und Vertriebene und strebte eine Abtrennung des Saargebietes und eine Internationalisierung der Ruhr an. Im Wesentlichen sollte die Einrichtung einer deutschen Zentralgewalt am französischen Widerstand scheitern. 8
Bald folgten politische Auseinandersetzungen, Arbeitskämpfe und Demonstrationen. Höhepunkt war ein Streik von 300.000 Bergarbeitern im
6 Lilge, H. (1967), S. 8-9.
7 Rede in Stuttgart von James F. Byrnes, amerikanischer Außenminister zit. n. Lilge, H. (1967), S. 10.
8 Lilge, H. (1967), S. 10.
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Ruhrgebiet 1947. Die Forderungen waren eine Besetzung der Ernährungs- und Wirtschaftsämter mit demokratischen Kräften, eine gerechte Erfassung und Verteilung der Lebensmittel, Bestrafung der Schwarzarbeiter und Schieber, sowie Sozialisierungsmaßnahmen. 9
In den Parteiprogrammen der Nachkriegsjahre widerspiegelt sich eine gegenüber dem kapitalistischen Wirtschaftssystem kritische Haltung, die den nach dem Krieg verbreiteten Wunsch nach einer politischen Neuordnung reflektierte. Die SPD griff nach dem Krieg bis zum Ende der 50er Jahre auf ihr noch in der Weimarer Republik 1925 verabschiedetes Heidelberger Programm zurück, das als klassisch reformistischsozialistisches Programm galt. 10 Damit war gemeint: Auf der einen Seite enthielt es eine Klassenanalyse der kapitalistischen Gesellschaft, die den Sozialismus als Zielstadium definierte, auf der anderen Seite, strikt davon getrennt, enthielt es Sofortforderungen, die innerhalb des kapitalistischen Systems verwirklichbar waren. Erst 1959 wurde das Godesberger Programm beschlossen, mit dem die SPD sich auf die Grundlage der sozialen Marktwirtschaft bewegte. Während im Heidelberger Programm gefordert wurde: "Das Ziel der Arbeiterklasse kann nur erreicht werden durch die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum", erklärte das Godesberger Programm: "Das private Eigentum an Produktionsmitteln hat Anspruch auf Schutz und Förderung, soweit es nicht den Aufbau einer gerechten Sozialordnung hindert". Das Programm "bejaht [...] den freien Markt". 11
Auch in der CDU waren in den Jahren nach dem Krieg kapitalismuskritische Diskussionen programmbestimmend. Im Ahlener Wirtschaftsprogramm vom 3. Februar 1947 wurde festgehalten, dass Gewinn- und
9 Siepmann, E. (1986), S. 38.
10 Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Beschlossen auf dem Parteitag Heidelberg 1926 (1976) in: Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1931, S. 316ff.
11 Vorstand der SPD, Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Beschlossen vom außerordentlichen Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Bad Godesberg vom 13.-15. November 1959.
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Machtstreben im kapitalistischen Wirtschaftssystem dem deutschen Volk nicht gerecht werde, sondern eine soziale und wirtschaftliche Neu-ordnung dem Volk dienen soll. 12 Auch die CDU forderte die Vergesellschaftung zumindest des Bergbaus und der eisenschaffenden Industrie.
Auch auf der Ebene der ersten Länderverfassungen kam diese kapitalismuskritische Haltung der Parteien zum Ausdruck, insbesondere in der hessischen, die hier exemplarisch Erwähnung finden soll. Sie fordert mit der Volksabstimmung in 1946 auch die soziale Einbindung des Wirtschaftslebens und einen weitreichenden Schutz des Faktors Arbeit ein. Sie erkennt ausdrücklich das Streikrecht an, verbietet dagegen aber die Aussperrung. 13 Für alle Angestellten, Arbeiter und Beamten sollte ein einheitliches Arbeitsrecht geschaffen werden. Betriebsvertretungen sollten gegenüber Unternehmern in sozialen, personellen und wirtschaftlichen Fragen gleichberechtigte Mitbestimmungsrechte zustehen. Weite Teile der Schlüsselindustrien (Bergbau und Energie, Eisen und Stahl) sowie das schienen- bzw. leitungsgebundene Verkehrswesen wurden mit dem Inkrafttreten der Verfassung als in Gemeineigentum überführt erklärt. Die hier verkündete Sofortsozialisierung sollte wenig später aufgrund alliierter Einflussnahme und folgender Reprivatisierung realpolitisch gegenstandslos werden, andere soziale und wirtschaftliche Gestaltungsansprüche wurden durch neugeschaffenes Bundesrecht begrenzt. Dennoch kennzeichnen diese Formulierungen in Parteiprogrammen und Verfassungen die in diesen Jahren noch weit verbreitete Suche nach einer alternativen politischen und wirtschaftlichen Ordnung.
Die USA entwickelte 1947 den sogenannten Marshall-Plan, der auf "...die Wiederbelebung einer funktionierenden Wirtschaft [zielte], damit die Entstehung politischer und sozialer Bedingungen ermöglicht wird, unter denen freie Institutionen existieren können..." 14
12 Siepmann, E. (1986), S. 38.
13 Andersen, U./W. Woyke Hg. (2000), S. 41.
14 ebd., S. 39.
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Die Bundesrepublik arbeitete energisch am ökonomischen Wiederaufbau. Vorherrschend war dabei die Anlehnung an die Westmächte, insbesondere die USA, um ökonomische Benachteiligungen zu beseitigen. Es gab materielle und ideelle Aufbauhilfen für die westliche Industrie.
Die USA verfolgten das Interesse, Westdeutschlands außenpolitische Situation zu verbessern und diesen Staat in das westeuropäische Bündnissystem einzugliedern. Das bedeutete die Aufnahme der BRD in den Europarat, sowie das Abkommen mit den USA über die "Marshall-Plan-Hilfe". Die BRD durfte nun wieder Konsular- und Handelsbeziehungen betreiben. 15
Nach Kriegsende war das deutsche Geldvolumen auf 300 Milliarden Reichsmark (RM) angewachsen. Zusätzlich hatten die Besatzungsmächte eigenes Geld gedruckt. Es mußte eine Entscheidung getroffen werden, um Wirtschaft und Gesellschaft auf eine langfristig gültige Grundlage zu stellen. Dem unkontrollierbaren Umfang an Geld stand kein Warenangebot gegenüber. Der Schwarzmarkt florierte und nebenher entstand die sogenannte Zigaretten-Währung (1 Zigarette = 7 RM). Beginnende Gespräche der Besatzungsmächte über die Zukunft der Währung sollten eine Regelung für das Geldwesen finden. Die Sowjets waren anfangs beteiligt, sollten sich aber im weiteren Verlauf absplitten. Am 18. Juni 1948 wurde durch das Währungsgesetz die "Deutsche Mark" in Westdeutschland eingeführt. Im Oktober schließlich regelte das Festkontengesetz die endgültige Höhe alter Bankguthaben in neuer Währung. 16 Es gab jedoch auch Nachteile, die eine Enteignung für Bargeldbesitzer darstellten. Deren Guthaben wurde im Verhältnis von 1:6,5 umgetauscht, was viele für ungerecht hielten, denn Sachwerte und Aktien wurden im Verhältnis 1:1 umgetauscht. Trotz allem entwickelte sich ein Vertrauen in die neue Währung, denn es entstand ein Gleichgewicht zwischen der monetären Nachfrage und dem Warenangebot. Über
15 ders., S. 88.
16 Lilge, H. (1967), S. 45.
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Nacht füllten sich die Schaufenster, und die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum war geschaffen.
Auf oberster Ebene begann die Weichenstellung für die doppelte Staatsgründung. Stalin verfolgte eine Strategie in zwei Richtungen. Einerseits machte er sich für die deutsche Einheit stark, um sich eine politische Mitsprache und wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, andererseits setzte er in der eigenen Zone tief greifende gesellschaftliche Veränderungen durch, die eine Auseinanderentwicklung der Besatzungszonen verstärkten.
Der neu gegründete parlamentarische Rat verabschiedete Anfang Mai 1949 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Nach Zustimmung der Besatzungsmächte wurde von allen Länderparlamenten die bindende Kraft des Grundgesetzes anerkannt. Die Bundesrepublik Deutschland galt offiziell am 24. Mai 1949 als gegründet, wenn auch noch unter westalliierter Aufsicht. Die ersten Wahlen zum Bundestag fanden am 14. August 1949 statt. Aus der Wahl vom 14. August 1949 ging die CDU mit dem Vorsitzenden Konrad Adenauer als Sieger her-vor. Am 15. September 1949 wurde Konrad Adenauer zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt. 17
In der sowjetischen Zone erhielten die SED-Führer Ende 1948 die Zustimmung Stalins für die Staatsgründung. Das Ziel, ohne freie Wahlen, auf der Basis einer manipulierten Einheitsliste, die Macht zu erreichen, gelang schließlich mit Hilfe Stalins, der die Wahlen so lang verschob, bis die SED die bürgerlichen Parteien unter Kontrolle hatte. Am 7. Oktober 1949 entstand die Deutsche Demokratische Republik unter der Leitung der Provisorischen Volkskammer. 18 Mit der BRD und der DDR waren auf diese Weise zwei separate deutsche Staaten entstanden.
17 Neebe, R. (1990), S. 4.
18 Weber, J. (2002), S. 42ff.
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Eines der beherrschenden politischen Themen in der unmittelbaren Nachkriegszeit und nach der Gründung der BRD war die Remilitarisierung. Das am 22. November 1949 beschlossene Petersberger Abkommen enthielt zunächst die Aufrechterhaltung der Entmilitarisierung der Bundesrepublik. Zu schwer wogen die Erfahrungen des Faschismus und des Krieges, so dass es unmöglich erschien, Deutschland wieder aufzurüsten. Weite Teile der Bevölkerung lehnten zudem eine Wiederbewaffnung ab. Dies belegt u. a. eine Meinungsumfrage der Konstanzer Wochenzeitung im Oktober 1950. Über 16.000 Leser antworteten auf folgende Fragen:
(Tabelle 1, Quelle: Siepmann, E., 1986, S. 94)
Im Jahr 1950 brach der Korea-Krieg aus. Das kommunistische Nordkorea fiel in Südkorea ein und verschärfte somit auch die Sorge in Deutschland über die innere Sicherheit. Der Ost-West-Konflikt bekam eine verstärkte Brisanz. Das beschleunigte den westeuropäischamerikanischen Entscheidungsprozess zugunsten eines militärischen Bündnisses gegen die Sowjetunion. In der westdeutschen Bevölkerung entstand die Furcht vor einem Überfall Ostdeutschlands. Die übrigen westeuropäischen Länder stellten nun ihre Bedenken gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zurück. Adenauer konnte seine Forderungen für eine Remilitarisierung im Bundestag durchsetzen. 1952 erklärten die Westmächte im sogenannten Deutschland-Vertrag ihr Einverständnis, das Besatzungsregime zu beenden. Die Realisierung dieses Vertrages und die Aufnahme der BRD in die NATO zog sich aufgrund Frankreichs Widerstand bis 1955 hin. Schließlich einigte
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man sich auf eine Streitkraft von höchstens 500.000 Mann und den Verzicht auf die Produktion und die Nutzung von ABC-Waffen. 19
Folgende Ziele dienten als Begründung für die Wiederbewaffnung der BRD:
Die Erlangung der Souveränität als Folge der Wiederaufrüstung N
Sicherheit gegenüber der Aufrüstung der Sowjetzone durch N Sowjetrußland
Herbeiführung einer europäischen Föderation. 20
N
Die Reaktion der Bevölkerung spiegelte sich in einer "Ohne-uns-Bewegung" und dem Entstehen von Widerstandsgruppen, die sich in zahlreichen Demonstrationen gegen eine Wiederaufrüstung Deutsch-lands auflehnten. 21 Das Bundesinnenministerium zählte 175 Vereinigungen, die gegen die Wiederaufrüstung kämpften. Unter ihnen befanden sich Gruppen wie der "Darmstädter Aktionskreis gegen Militarisierung" oder der "Nauheimer Kreis", für den sich besonders der Ge-schichtsprofessor Ulrich Noack einsetzte.
1951 wurde in Essen ein Friedenskongress der Wiederaufrüstungsgegner durchgeführt. Schwerpunkt war die Entscheidung über eine Volksabstimmung. Trotz eines Verbots der Regierung wurden unter diesen erschwerten Bedingungen Befragungen zur Wiederaufrüstung durchgeführt. Zwar war der Widerstand in der Bevölkerung durchaus relevant, größere Auswirkungen hatte er jedoch nicht. Fehlende Vereinheitlichung der Gruppen nahmen jeglichen politischen Einfluss. 22
Schritt für Schritt wurde von der Regierung auf die Remilitarisierung hingearbeitet und wurden restriktive Maßnahmen gegen Gegner und Widerstandsgruppen vorgenommen. Mitgliedern der KPD, der FDJ, des
19 Weber, J. (2002), S.60f.
20 Siepmann, E. (1986), S. 90.
21 ders., S. 96.
18
demokratischen Frauenbundes und aus anderen Widerstandsorganisationen wurde 1950 der Eintritt in den öffentlichen Dienst untersagt.
Die drei westlichen Außenminister genehmigten für die BRD mobile Polizeikräfte und bald darauf entstand eine kasernierte Bereitschaftspolizei mit einer Stärke von 10.000 Mann. 1951 wurde das Gesetz über den Bundesgrenzschutz verabschiedet. 23 Es folgte das Verbot der FDJ. Das sogenannte Blitzgesetz (innerhalb von 3 Tagen verabschiedet) ermöglichte durch weit gefasste Formulierungen den Gerichten, jede Kritik an der Regierung unter Strafe zu stellen. 24
Diese Entwicklung vollzog sich zeitlich parallel zu jenem gesellschaftlichen Prozess in den USA, der später "McCarthyismus" genannt wurde. Senator McCarthy hatte dort 1950 in einer Rede behauptet, er kenne 205 Kommunisten im höheren Staatsdienst der USA, die Schuld an Amerikas Misserfolgen trügen. Damit leitete er eine Verfolgungswelle gegen liberale und demokratische Kräfte in den USA ein.
Auch in Westdeutschland entwickelte sich ein langsames Verdrängen fortschrittlicher und demokratischer Kräfte. Im Dezember 1954 wurde in der Neun-Mächte-Konferenz in Paris die Aufrüstung der deutschen Bundeswehr beschlossen.
22 Steininger, R. (2002), S. 152ff.
23 Siepmann, E. (1986), S. 102
24 ders., S. 103.
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2.2 Wirtschaftliche Entwicklung
Die wirtschaftliche Entwicklung nahm in den 50er Jahren durch Unterstützung der USA eine stetige Aufwärtsentwicklung und brachte somit eine erhebliche Verbesserung des alltäglichen Lebens in westdeutschen Familien. Die Verlauf des sogenannten Wirtschaftswunders soll im folgenden Abschnitt beschrieben werden.
Die USA und Deutschland einigten sich im Dezember 1949 über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die in den folgenden Jahren finanzielle und materielle Unterstützung der USA für Deutschland sicherte. Die Vereinbarungen über den sogenannten "Marshall-Plan" sollten bessere wirtschaftliche Verhältnisse und stabile internationale Beziehungen ermöglichen. Bis 1952 erhielt die BRD 6,5 Milliarden DM als Wirtschaftshilfe in Form von Waren. 25 Jürgen Weber erkennt in der Durchsetzung des Marshall-Plans auch einen "psychologischen" Aspekt: die Förderung der Hinwendung der Deutschen zu den westlichen Demokratien. 26
Die folgende Tabelle zeigt die genaue Größenordnung der Mittel:
Tab. 2, Quelle: Neebe, R. ,1990, S. 16; Angaben in 1.000$
Die höchsten Werte an Warentransferleistungen wurden in den Jahren 1948-51 erbracht, bei Industriegütern mit kontinuierlich steigender Ten-
25 ders.,S. 107.
26 Weber, J. (2002), S. 37.
20
denz. Ab 1951/52 reduzierte sich die auf diesem Weg erfolgte Wirtschaftshilfe signifikant.
Das Ziel eines gemeinsamen europäischen Marktes wurde durch einen Plan des französischen Außenministers Schuman vorangetrieben. Dieses Ziel bezog sich vorerst auf die Montanindustrie. Alle beteiligten Länder sollten gleichmäßig an der Produktion von Kohle, Eisenerz, Stahl und Schrott beteiligt sein. Die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EKGS) war ein weiterer Schritt zur politischen Gleichberechtigung der Bundesrepublik. 27 Die SPD forderte als Grundbedingung für eine EKGS die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum und die Mitbestimmung von Arbeitern und Angestellten, um eine mögliche Kartellbildung zu verhindern. Adenauer, der das EKGS-Projekt verwirklichen, aber die angekündigten Streiks der vom DGB mobilisierten Mitglieder verhindern wollte, stimmte nach Verhandlungen einer paritätischen Mitbestimmung zu. Der EKGS-Vertrag wurde im Januar 1952 im Bundestag angenommen. 28 Bald zeigten sich erste Auswirkungen der EKGS. Die Stahlproduktion steigerte sich im Zeitraum 1950-1955 von 11,8 Millionen auf 21,3 Millionen Tonnen. Die vorstehend beschriebenen Ankurbelungsimpulse bewirkten insgesamt ein erhebliches Wirtschaftswachstum.
Verstärkt wurde diese Entwicklung durch wirtschaftliche Folgen des Korea-Krieges, der im Juni 1950 begann. Dieser sogenannte "Korea-Boom" beschleunigte die Internationalisierung des Kapitaltransfers in erheblichem Maße 29 . Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Bundesrepublik waren gravierend und kamen unerwartet. Warum kam der Korea-Boom gerade Westdeutschland zugute? Ursache war, dass durch den Kriegsausbruch der Bedarf an Rohstoffen auf den Weltmärkten erheblich angestiegen war. Dadurch stiegen auch die Preise (in den ersten fünf Kriegs-Monaten allein um 13 Prozent). Auch für industrielle
27 Siepmann, E. (1986), S. 107.
28 ders., S. 108.
29 Kaelble, H., Hg. (1992), S. 66, zit. nach Kiesewetter, H.
21
Erzeugnisse stiegen die Preise (um 22 Prozent). In vielen außerdeutschen Ländern arbeitete die Industrie in erhöhtem Maße für die Rüstung, so dass die deutsche Industrie mit ihren zivilen Erzeugnissen auf den Weltmärkten vordringen konnte. Die westdeutsche Produktion stieg in den Monaten nach Beginn des Koreakrieges jeweils um sieben Prozent, die Zahl der Arbeitslosen reduzierte sich erheblich. Mehr oder weniger unbeabsichtigt wurde die Bundesrepublik zum wirtschaftlichen Nutznießer der Weltkrise.
Das Jahr 1950 kann man als das erste Boom-Jahr bezeichnen, mit einem Wirtschaftswachstum von 16,4 Prozent. Dann schwächt die Konjunktur etwas ab, bleibt aber weiterhin auf einem hohem Niveau. 1955 erlebt Deutschland den zweiten Boom mit einer Wachstumsrate von 11,8 Prozent. In den weiteren fünf Jahren bleibt das Wachstum relativ stabil und erreicht 1960 mit einer Rate von 8,8 Prozent einen weiteren Spitzenwert. Insgesamt geht das Wachstum im Verlauf der fünfziger Jahre zurück, hatte aber in diesem ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik ein Niveau, das in späteren Jahren nie wieder erreicht wurde. Dies erklärt sich im wesentlichen durch den wirtschaftlichen Nachholbedarf. Erst 1967 erfolgte eine erste Rezession mit einem "Minuswachstum". 30
Betrachtet man die Umsatzentwicklung ausgewählter Industriezweige im Zeitraum der 50er Jahre, so wiesen die Ernährungsindustrie, der Maschinenbau, die chemische Industrie, die Elektroindustrie und der Fahrzeugbau die größten Steigerungsraten auf. 31 Der Index der Industrieproduktion stieg allein in den Jahren 1950 bis 1955 von 100 auf den Wert 178. 32
Erheblichen Einfluss hatte die rasche Entfaltung der Wirtschaft auf die Zahl der Erwerbstätigen. Von 1950 bis 1955 sank der Anteil der Arbeitslosen von 10,3 Prozent auf 5,1Prozent. 33 Ab Mitte der 50er Jahre sank
30 Neebe, R. (1990), S. 59.
31 ders., S. 60.
32 Siepmann, E. (1986), S. 117.
33 ebd., S. 117.
22
Quote paper:
Carolin Engel, 2003, Auffällige Stile der Jugend als Ergebnis gesellschaftlichen Wandels am Beispiel der Halbstarken in den 50er Jahren, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
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