INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort 3
I Das Problem mit der Vielfalt der
mittelalterlichen Erzähldichtung 4 5
II Die allgemein gültigen Theorien 5 6
1. Die Ständeklausel 5
2. Die drei Gattungen 6
3. Die Definition 6
III Die Märendichtung 6 8
1. Das Problem 6
2. Die Märenforschung 7 8
IV Auf dem Weg zu neuen Theorien 8 12
1. Zum Entwurf einer neuen Theorie
der mittelalterlichen Kurzerzählung 8 10
2. Zur Bildung einer Theorie 11
V Über die gegenwärtigen Ansätze zu einer
Erneuerung der Mediävistik 12 14
VI Was bleibt 14 16
Anhang 17 26
Literaturverzeichnis 27
2
...Die neue Poétique médiévale zeigt sowohl die mittelalterliche wie die moderne Lyrik in neuem Licht: die erstere kann nunmehr in der "circularité du chant" als Spiel der Sprache mit sich selbst und über sich hinaus, gewürdigt, die letzte damit konfrontiert werden, dass der mittelalterliche Dichter sich unversehens als noch moderner erweist als es sich die Autoren träumen ließen.
Hans Robert Jauß, 23 [23]
3
I. DAS PROBLEM MIT DER VIELFALT DER MITTELALTERLICHEN
Wohin (...) mit dem nicht gesungenen Spruch, der Reimrede, mit der Fabel, mit all den Typen, die ohne Grenze Didaktik, Novellistik, Allegorie von Kleinstformen bis in Großformen hinüberspielen? Soll das geistliche Spiel als Tragödie, das Fasnachtspiel als Komödie fungieren? Können die Didaktik und die religiöse Literatur aller Formen eigene Gattungen bilden, da sie doch als "episch", "lyrisch" oder "dramatisch" nur Pseudotypen sind? Kuhn 796, 7: Jauß, 108 [328] Schließt die moderne Systematik der drei Grundarten oder "Naturformen der Dichtung" nicht allein die Mehrzahl mittelalterlicher Gattungen als unreine oder pseudopoetische Formen aus?
Anhand der im Literaturverzeichnis genannten Forschungsliteratur stelle ich hier die Problematik und die verschiedenen Standpunkte dar bzw. die Schwerpunkte, die mir wichtig erscheinen, um auf diese Weise die Zentralprobleme der Diskussion in der Mediävistik rund um die Kurzerzählung herauszukristallisieren und die Frage zu klären, ob das Maere als Gattung bezeichnet werden kann.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts tritt plötzlich und sogleich in größerer Anzahl eine neue Gattung auf, der Typus der kürzeren weltlichen Verserzählung, dessen Beliebtheit sich über drei Jahrhunderte erstreckt. Frey, 155
Die mittelalterlichen Theoretiker haben Dichtung vornehmlich nach Stilen, nicht nach Gattungsnormen beurteilt 1 .
Über das Maere, das hier behandelt wird, gibt es gemischte Ansichten: Die Heidelberger Pergamenthandschrift 341 (erstes Drittel des 14. Jhdts.) stellt die Maeren zwischen Marienmirakel, religiöse Lehrgedichte, Tierfabeln und weltliche Didaxe; Die Wiener Papierhandschrift 2885 (Ende des 14. Jhdts.) enthält neben den Maeren Minnereden, geistliche Gedichte und weltliche Lehrgedichte; Die Karlsruher Papierhandschrift 408 (um 1430) bringt unterschiedslos durcheinander Maeren, Bispel, Wundergeschichte, Streit- und Scherzreden sowie geistliche Erzählungen und Reden. Hieraus kann man zumindest erkennen, dass dem Mittelalter jedenfalls wenig gelegen ist an einer scharfen Trennung zwischen (...) den Formen des Maeres (erzählend) und der Rede (erörternd). Frey, 157
Daher muss bei einer heutigen Zuordnung von der mittelalterlichen Erzählung und deren Analyse 'von Null an' begonnen werden.
Bei den Forschungsanalysen - für oder gegen eine Gattungsbezeichnung des 'Maere' - stellen sich zunächst grundsätzliche Fragen:
Ist das Maere überhaupt eine Kurzerzählung, eine 'kleinere Erzählform', eine kleinepische Dichtung, ein 'Erzähl- Gedicht' oder eine 'lyrische Erzählung'? oder ganz einfach ein 'Maere'? Wo unterscheidet sich das 'Wie' des Erzählens von den anderen Formen? Mit anderen Worten: erfüllt das Maere alle Kriterien, die es von den anderen so abgrenzt, dass man von eigenständiger Gattung sprechen kann? Welche Theorie wird dafür benötigt, um eine These halten zu können?
Bei meinen Studien hat mich besonders die folgende Aussage von Croce - die Hanns Fischer, Mediävistikforscher in seinem Werk zitiert und die ich als Leitgedanke für die folgenden Ausführungen zugrunde lag - beeindruckt:
"Jedes wahre Kunstwe rk hat eine festgelegte Gattung verletzt und auf diese Weise die Ideen der Kritiker verwirrt, die dadurch gezwungen wurden, die Gattung zu erweitern..."
Croce, 766, 40: Jauß 109 [329] Demnach bedarf es zu beweisen, ob ein Verstoß gegen die bestehenden Gattungsnormen vorliegt, um einem Werk die Bezeichnung 'Gattung' zuzusprechen.
II. DIE ALLGEMEIN GÜLTIGEN THEORIEN
1. Die Ständeklausel
"Die Nachahmung ist das Wesen der Dichtung. Die Dichter ahmen handelnde Menschen nach. ... alle Menschen unterscheiden sich, ..., was ihren Charakter betrifft...
Die Unterschiede der nachzuahmenden Charaktere konstituieren dann auch die Unterschiede der literarischen Gattungen".
Diese Unterscheidung Aristoteles behielt als sogenannte "Ständeklausel" bis ins späte 18. Jahrhundert hinein Gültigkeit.
Die Heteronomie, ästhetische Grundhaltung, basierte darauf, dass die Kunst einem außerkünstlerischen Zweck diente, auf irgendeine Weise auf die Menschen Einfluss auszuüben in den Bereichen Religion, Philosophie, Pädagogik, politische Ethik, Psychologie.
5
2. Die drei Gattungen
Seit dem 18. JH herrscht eine neue hinzugekommene ästhetische Grundhaltung, die Autonomie: Hier ist die Kunst eine Welt für sich, in den Kategorien Schönheit, Nutzlosigkeit, Utopie und Unterhaltung.
Nach der Lehre von der Dichtkunst von Aristoteles - und darauf basieren die heutigen drei großen Gattungsnormen Lyrik, Epik und Dramatik - sind Epos, Tragödien, Komödien insgesamt Nachahmungen.
3. Die Definition
Gattung heißt eine Klasse von Gegenständen, zu der andere Klassen von Gegenständen gehören, die die Arten dieser Gattung sind. Die Klasse des Dreiecks ist z. B. eine Gattung, die in die Arten spitzwinklige, rechtwinklige und stumpfwinklige Dreiecke zerfällt. Der logische Begriff Gattung ist nichts starres, eine jeweilige Gruppe von Gegenständen einseitig Charakterisierendes. Er
bedeutet nur, dass ein Begriff seinem Umfang nach weiter ist als ein mit ihm verglichener anderer Begriff.
Die Gegenstände sind immer wieder von besonderer Bedeutung für die Bestimmung einer Gattung.
Wenn es nach den Abhandlungen von den früheren Theoretikern geht, dass
- verschiedene Dichtweisen oft einanderfließen,
- sich im Laufenden der Jahrhunderte zwei Theorien - die Autonomie und die Heteronomie - zusammengefunden haben, und
- die Gattung überhaupt nichts starres ist, ist es nicht notwendig eine starre Beurteilung anzustreben, was jede natürliche Entwicklung der Dichtung behindern würde.
III. DIE MÄRENDICHTUNG
1. Das Problem
Nach dem forschungsgeschichtlichen Abriss von Hanns Fischer steht die Märendichtung seit dem Beginn des 19. JH im Blickfeld der germanistischen Wissenschaft. Man hat sie stillschweigend als eine selbstständige von anderen Dichtungsarten sichtbar abgesetzte literarische Gattung angesehen, ohne jedoch diese in allen Richtungen zu analysieren. Fischer, 29
6
Warum wurde es als selbstständig angesehen? Was ist für Hanns Fischer das Besondere an dem Maere?
Hanns Fischer wird sich an Analysen - die ich unter Punkt V ausführe - wagen und damit eine neue Bewegung in die Mediävistik hineinbringen, nicht ohne Gegenstimmen: Hans-Joachim Ziegeler sagt in seiner "rettenden Kritik" des Fischerschen Verfahrens mit aller Entschiedenhei t, dass das Merkmalensemble des "Maere" nicht ausreiche, um es als Gattung zu
konstituieren.
(Dazu mehr unter Punkt IV).
2. Die Märenforschung
Erwähnungswürdig ist die folgende Auffassung:
Seit den grundlegenden Studien von Hanns Fischer (1968) hat sich als Gattungsbezeichnung endgültig der Terminus das Maere durchgesetzt - ein germanistisches Kunstwort; Denn das mhd. Neutrum daz maere = Kunde, Bericht, Erzählung wandelt sich im Spät-mhd. (...). Es ersetzt als neutraler Begriff die früher viel verwendete Bezeichnung Novelle, und dies aus gutem Grund: die
problematische erscheinen.
Den mittelalterlichen Texten und ihrer Überlieferung ist kein festes Gattungsbewusstsein zu entnehmen. Nicht nur wird der Begriff maere, wenn er denn überhaupt als Bezeichnung für in Versen Erzähltes auftaucht auch auf Großepen angewendet und kann im Austausch stehen mit anderen Begriffen, besonders dem der rede, der alle möglichen nichtgesungenen Gattungsformen kennzeichnet; Frey, 156 Gerade diese Eigenständigkeit nimmt Hanns Fischer zum Anlass die Gattung Maere zu bestimmen. Er definiert das Maere wie folgt:
Es ist eine in paarweise gereimten Viertaktern versifizierte selbständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (d.h. durch die Verszahlen 150 und 2000 ungefähr umgrenzten) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit
ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichem Personal vorgestellte Vorgänge sind.
Für Erzählungen von 'Romangröße' werden in der Regel mindestens 3000 bis 5000 Verse aufgewandt. Fischer, 58 Es ist Usus geworden, mit Hanns Fischer das Maere einzugrenzen auf die kürzere Verserzählung, die weder religiösen noch chronikalischen Inhalts noch Fabel ist; 'kürzer' wird hierbei interpretiert
7
Quote paper:
Martine Schreiber-Bleurvacq, 2002, Gattungstheorie: Ist das Maere eine Gattung?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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