DAS MEDIENSYSTEM DER USA, WiSem 2002 Journalism After September 11
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die Networks in den Vereinigten Staaten - Ein kurzer Überblick 4
3. Die Zeit vor den Terroranschlägen
3.1. Die Nachrichten der Networks 5
3.2. Akzeptanz der Medien in der Öffentlichkeit 6
3.3. Die Pressefreiheit: Verhältnis zwischen Journalismus und Staat 7
4. Die Zeit nach den Terroranschlägen
4.1. Die Nachrichten der Networks 9
4.2. Der Stimmungswandel in der Bevölkerung 10
4.3. Einschränkung der Pressefreiheit als Folge staatlicher Maßnahmen 12
5. Die Reaktion der Journalisten
5.1. Selbstzensur und Patriotismus 18
5.2. Kampf um die Pressefreiheit 22
6. Fazit / Ausblick 24
7. Literatur 26
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DAS MEDIENSYSTEM DER USA, WiSem 2002 Journalism After September 11
1. Einleitung
Als am 11.September 2001 entführte Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon rasten, stand nicht nur Amerika unter Schock. Auf der ganzen Welt verfolgten Mensche n Direkt-Übertragungen der Katastrophen-Bilder. Selten war ein Ereignis derart medial 1 präsent . Nach der ersten Explosion strömten hunderte Fotografen und Kameraleute zum Ort 2 des Geschehens , Journalisten kauften Touristen auf der Straße ihre Videokameras ab. Die zweite Explosion nur 18 Minuten später wurde bereits aus zahlreichen Blickwinkeln 3 abgelichtet. CNN zahlte für die besten Bilder des zweiten Einschlags 50.000 US-Dollar .
Kabelsender und Radiostationen, die keine eigene Nachrichtenredaktion hatten, übernahmen die Aufnahmen von CNN oder CBS. Da die großen Fernsehsender und Nachrichtenmagazine in New York ihre Zentralen haben, mussten Notpläne entwickelt werden. So wurden zum Beispiel die Mitarbeiter des Wall Street Journal aus ihrem Gebäude gegenüber dem World Trade Center evakuiert.
Drei Wochen nach den Anschlägen erklärte die US-Regierung den „Krieg gegen den Terrorismus“. Auch in den Medien entwickelte sich eine patriotische Haltung. In vielen Nachrichtenstudios hing die amerikanische Flagge im Hintergrund, manche Moderatoren steckten sich stars-and-stripes-Buttons ans Revers. Mehrere Verordnungen der Regierung zum Schutz der nationalen Sicherheit tangierten auch die Medien in ihrer freien Berichterstattung. So durften nur ausgewählte Journalisten über den Krieg gegen das Taliban- 4 Regime in Afghanistan berichten . Jeder Beitrag wurde zudem vor der Ausstrahlung vom Verteidigungsministerium überprüft.
In dieser Arbeit möchte ich darstellen, wie sich die Berichterstattung in den US-Medien nach dem 11.September 2001 verändert hat. Dabei werde ich sowohl auf Restriktionen seitens der Regierung, als auch auf die Selbstzensur der Medien und den Interessenwandel in der Gesellschaft eingehen. Zur Verdeutlichung programmatischer Veränderungen beim USamerikanischen Fernsehen stelle ich eine Studie des Project for Excellence in Journalism vor, in der die Morgen- und Abendnachrichten der Sender NBC, CBN und ABC untersucht werden. In Kapitel 5 werden Reaktionen und Veränderungen im Journalismus im Allgemeinen dargestellt und an konkreten Beispielen festgemacht.
1 vergl. Alexandre Levy / Francoir Bugingo 2001, Internettext
2 vergl. James W.Carey 2002, Internettext
vergl. Steffan Heuer 2001, Internettext 3
4 vergl. Christoph Lumme 2002, Internettext
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DAS MEDIENSYSTEM DER USA, WiSem 2002 Journalism After September 11
2. Die Networks in den Vereinigten Staaten - Ein kurzer Überblick
Das Fernsehen gibt es in den USA seit dem Zweiten Weltkrieg und entwickelte sich seitdem zum populärsten Medium. Fast jeder amerikanische Haushalt (1999 waren es 98%) besitzt mindestens ein Fernsehgerät. Über 70 Prozent aller US-Bürger beziehen ihre 5 Nachrichteninformationen aus dem Fernsehen . Abgesehen von einem kleinen Netz
öffentlicher, nicht kommerzieller Anbieter befinden sich alle Fernseh-Stationen in privatwirtschaftlichen Händen. Diese Sender finanzieren sich ausschließlich über den Verkauf von Werbung. Die drei größten privaten Sendeanstalten, NBC, CBS und ABC, hatten seit den 50er Jahren einen Marktanteil von rund 90 Prozent am frei empfangbaren Fernsehen. Diese Vormachtstellung wurde in den 80er Jahren durch die Verbreitung des Bezahl-Fernsehens gebrochen. 1999 hatten fast drei Viertel der Haushalte einen Vertrag mit einem Kabelanbieter. Der Begriff Network stammt aus den 20er Jahren, als sich lokale Radiosender in den USA zusammenschlossen, um ihr Programm landesweit ausstrahlen und damit mehr Werbekunden 6 anlocken zu können. Auf diese Weise wurde 1926 NBC ( National Broadcasting
Corporation) gegründet. Das erste Programm auf NBC am 15.November dauerte vier Stunden 7 und konnte in 21 Städten gehört werden. Einige Monate später entstand mit dem Columbia
Phonographic Broadcasting System (CPBS), dem heutigen Columbia Broadcasting System (CBS), ein zweites Network. Beide Unternehmen bekamen 1941 die Lizenzen für die ersten Fernsehstationen mit Sitz in New York. Zwei Jahre später wurde NBC vom Obersten Gerichtshof dazu verpflichtet, sich von einem seiner beiden Radio-Networks, Blue Network, zu trennen, aus der später das Unternehmen ABC ( American Broadcasting Companies) hervorging. Angesichts der rasch wachsenden Zahl von Rundfunkstationen war bereits 1934 die Federal Communication Commission (FCC) gegründet worden, die US-Behörde für Rundfunkregulierung. Die Anzahl der Sender, die von einem Eigentümer besessen werden dürfen, wurde auf jeweils sieben AM,- FM- und Fernsehstationen begrenzt. 1984 erhöhte die FCC diese Zahl auf zwölf. Der Zuschaueranteil durfte allerdings nicht über 25 Prozent liegen. 1996 wurde die zahlenmäßige Begrenzung der Sender ganz aufgehoben und der zulässige Zuschauermarktanteil auf 35 Prozent erhöht.
5 vergl. Missouri School of Journalism: “Television and Radio News Research”
6 vergl. Hiley H.Ward 1997, S.371
7 vergl. Hiley H.Ward 1997, S.373
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3. Die Zeit vor den Terroranschlägen
3.1. Die Nachrichten der Networks
8 „Unsere Aufgabe ist es nicht, Nachrichten zu liefern, sondern ein gutes Programm.“
Vor den Terror-Anschlägen wurden die Nachrichten bei NBC, CBS und ABC sehr stark von Lifestyle und Sensations-Berichterstattung bestimmt. Nachrichten über das Ausland hatten 9 einen Anteil von gerade einmal 10 Prozent . Die Online-Medien-Zeitschrift „telepolis“
beschreibt diese Art von infotainment als „Berichterstattung, die sich mit Vorliebe Themen wie ‚In welcher Stadt sind die Menschen am dicksten’ und ‚Hai-Attacke vor Floridas Küste’ widmete“ und zitiert den amerikanischen Medienkritiker Larry Gelbart, der das US-Fernsehen 10 als weapon of mass distraction ("Massenzerstreuungswaffe") bezeichnet. 11 Das Project for Excellence in Journalism analysierte die Nachrichtenshows von ABC, CBS
und NBC in der Studie „before and after“ auf die Auswirkungen des 11.September. Die Abend-Programme und Morgen-Shows der drei Sender wurden vor und nach den Anschlägen jeweils für zehn Tage beobachtet. In diesem Abschnitt fasse ich vorerst die Ergebnisse des ersten Untersuchungszeitraums zusammen. Im Juni machten Lifestyle-Features 20% der abendlichen Nachrichten-Sendungen aus. Der Anteil von „Promi-News“ lag bei fünf Prozent, fast jeder achte Beitrag handelte von Kriminalität und Prozessen, etwas mehr noch wurde über Wirtschaft berichtet (14%) Innenpolitik, Regierung, Militär und internationale 12 Beziehungen (hard news ) füllten insgesamt weniger als die Hälfte der Abend-Nachrichten 13 14 (46%). Dabei lag CBS mit einem 53-prozentigen Anteil ganz oben, gefolgt von ABC mit 15 44 Prozent und NBC mit 39 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Networks in den
anderen Themen-Bereichen waren nicht derart signifikant. Die thematische Priorisierung war keineswegs eine modische Erscheinung, sondern folgte einer jahrzehntelangen Entwicklung. So ging der Anteil an hard news von 1977 bis 1997 um rund ein Drittel auf 41 Prozent zurück. Lifestyle-Nachrichten verdoppelten sich fast auf rund 25 Prozent. Über Prominente
8 ABC-Produzent Victor Neufeld, zitiert in Leo Müllern 2002 , Internettext
9 vergleiche Craig Morris 2002, Internettext
10 vergleiche Craig Morris 2002, Internettext
11 Der erste Untersuchungs-Zeitraum lag zwischen dem 18. und 29. Juni, der zweite zwischen dem 15.und
26.Oktober 2001. Die untersuchten Programme waren “ABC World News Tonight”, “CBS Evening News”,
“NBC Nightly News”, “ABC's Good Morning America”, “The CBS Early Show” und “NBC's Today Show”.
12 Der Begriff soll für den folgenden Text so übernommen werden
13 “CBS Evening News” mit Dan Rather
14 ABC “World News Tonight” mit Peter Jennings
15 NBC „Nightly News“ mit Tom Brokaw
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und deren Leben berichteten die Networks Ende der Neunziger Jahre fast vier mal soviel wie zu Beginn der Messung.
Die Entwicklung in den Morgen-Nachrichten ist vergleichbar. Im Juni 2001 waren die Frühprogramme eine Art Verkaufs-Plattform für allerlei Produkte wie Bücher, Filme, 16 Fernseh-Shows, Kochbücher und ähnliches . Ein Drittel der Sende- Zeit wurde für Verkauf
verwendet. Für die „tatsächlichen“ Nachrichten-Sendungen wurden zudem sehr „weiche“ Themen gewählt. 72 Prozent dieser Sendungen handelten von Lifestyle-Themen wie Mode, Gesundheit, Sport, Kochen und Reisen sowie dem Neuesten aus der Welt der Prominenten. Nur in sieben Prozent der Nachrichten-Beiträge wurde über Regierung, Militär, Innen- und Außenpolitik informiert. Auch in den Morgen-Shows unterschieden sich die drei untersuchten 17 Sender hinsichtlich der Themenwahl. So legte NBC , als Marktführer am Morgen, mit einem 18 Anteil von 30 Prozent mehr Wert auf „Promi-News“ als die beiden anderen Networks. ABC 19 und CBS behandelten mit über 50-prozentigen Anteilen mehr Lifestyle. Zu den Produktverkäufen während der Morgensendungen kam Werbung hinzu, die von einer rund 2stündigen Show etwa 35 Minuten einnahm. So blieb weniger als die Hälfte der Sendezeit für nicht-kommerzielle Nachrichten, Wetter und andere Beiträge. Von den drei Networks nutzte die NBC Today Show die meiste Zeit für den Verkauf. Innerhalb der zehn untersuchten Tage im Juni wurden 49 Produkte angeboten, 18 mal wurde das Logo oder der Name eines Sponsors genannt. Insgesamt 306 mal wurde Eigenwerbung gemacht, unter anderem in Form von Themen-Hinweisen oder Verweisen auf die Homepage des Senders. Aufgrund der hohen Werbungs-Rate bekamen die Morgens hows von der Projektgruppe des Project for Excellence in Journalism den Namen „sophisticated infomercials“.
3.2 Akzeptanz der Medien in der Öffentlichkeit
Ende der 90er Jahre machten die amerikanischen Medien eine Glaubwürdigkeitskrise durch. Im Februar 1999 bezeichneten 63 Prozent der US-Amerikaner die Berichterstattung in den Medien als nicht zuverlässig und ungenau. Dies war das Ergebnis eine Studie, die der US-Medienforscher und Direktor des Pew Research Center Andrew Kohut im Auftrag der Times
16 Before and after-Studie, Kapitel „Morning News“, www.journalism.org/resources/research/reports/agenda/
morning.asp
17 „The Today Show“, Montag-Freitag 07:00-10:00 Uhr
18 „Good Morning America“, Montags-Feitag 07:00-09:00 Uhr
19 „The CBS Early Show”, Montag-Freitag 07:00-09:00
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20 Mirror Company durchführte . Die Medien wurden als zu sensationslüstern bezeichnet, als zu aufdringlich, zu grob und zu unsensibel gegenüber den Menschen, über die berichtet wurde. Drei Viertel der Befragten waren sogar der Meinung, Journalisten würden nicht nur objektiv über Fakten berichten, sondern durch kontroverse Vorgehensweisen ihre eigenen Geschichten schaffen. Über Skandale und andere „große Geschichten“ werde das Grund-Bedürfnis der Konsumenten nach allseitiger Information vergessen. Die Medien-Kritiker Bill 21 22 Kovach und Tom Rosenstiel bezeichnen dieses Bedürfnis in ihrer Studie The Elements of 23 Journalism als „Bewusstseinsinstinkt“: »Die Menschen wollen wissen, was jenseits des nächsten Hügels passiert, um die Ereignisse außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Erfahrungen zu verstehen. Die Kenntnis des Unbekannten gibt ihnen Sicherheit, erlaubt ihnen, ihr Leben zu planen und zu bewältigen. Der Austausch dieser Informationen ist die Grundlage der Bildung von Lebensgemeinschaften und des Aufbaus menschlicher 24 Beziehungen“ . Das Marktforschungsinstitut Gallup führte im Juli 2000 eine Umfrage durch, 25 wie viel Vertrauen die Bürger in die Massen-Medien haben. Die Ergebnisse bestätigten die
Entwicklung seit Beginn der Messungen Anfang der 70er Jahre: Gab 1972 noch die Hälfte aller Befragten an, den Massenmedien im Großen und Ganzen zu vertrauen, waren es im Jahre 2000 nur noch 39 Prozent. Der Anteil derjenigen, die den medialen Nachrichten keinerlei Vertrauen entgegen brachten, verdoppelte sich von sechs auf zwölf Prozent. 1998 war die Mehrheit der Amerikaner überzeugt, dass Reporter keine echten Berichterstatter sind, 26 sondern Schauspieler, die nur so tun, als seien sie Reporter.
3.3. Die Pressefreiheit: Verhältnis zwischen Journalismus und Staat
Das Recht einer freien und autonomen Presse (Free Speech) ist im Verfassungsartikel First 27 Amendment verankert. Auch die Transparenz der Regierungsvorgänge hat eine lange
20 vergl. Andrew Kohut 2001, Internettext
21 Mitarbeiter bei The New York Times und Atlanta Journal-Constitution, später Direktor eines
Ausbildungsprogramms für Journalisten an der Harvard Universität, heute Vorsitzender des Committee of
Concerned Journalists
22 Mitarbeiter bei The Los Angeles Times, heute Direktor des Project for Excellence in Journalism und Vize
Vorsitzender des Committee of Concerned Journalists
23 Bill Kovach, Tom Rosenstiel: „The Elements of Journalism: What Newspeople Should Know and the Public
Should Expect”, New York, 2001
24 Übersetzung siehe Leo Müller 2002, Internettext
25 vergl. Gallup-Umfrage 2000
26 vergl. Fox News / Opinion Dynamics Umfrage 1998
27 First Amendment of the Bill of Rights to the United States Constitution, 1791: “Congress shall make no law
respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of
speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the government for a
redress of grievances.”
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Arbeit zitieren:
Petra Sander, 2003, Der US-Journalismus nach dem 11. September 2001 am Beispiel des amerikanischen Fernsehens, München, GRIN Verlag GmbH
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