Magischer Realismus - der Begriff allein scheint schon ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Magie und Realität scheinen uns heute inkompatibel, da sich seit dem Zeitalter der Aufklärung das Denken der Menschen, speziell ihr Verständnis von Wirklichkeit, grundlegend geändert hat. In den modernen, aufgeklärten Gesellschaft des westlichen Kulturkreises wird die Magie meist mit Zauberei, Aberglaube und „Humbug“ assoziiert. Vorgänge und Erscheinungen, die nicht mit Hilfe der Wissenschaften und ihrer Logik erklärbar sind, werden von den meisten Menschen als „irrationell“ und daher „unmöglich“ abgetan. Diese Haltung ist durchaus nachvollziehbar, können doch die Tricks bekannter Zauberer (oder besser: Illusionisten) leicht durch Sinnestäuschung oder das Präparieren der
verwendeten Gegenstände erklärt werden. Eine Folge davon ist, daß wir versuchen, nicht erklärbare, „übernatürliche“ Erfahrungen, die die
meisten von uns bestimmt schon wenigstens einmal in ihrem Leben gemacht haben, in ein rationelles Schema zu pressen, anstatt sie als Teil der Wirklichkeit zu akzeptieren. Auch in der Literatur sind wir gewohnt, Realität und Fiktion zu trennen. Die Glaubwürdigkeit eines
Romans, zum Beispiel, beurteilen wir aus einem Vergleich der dargestellten Charaktere und Inhalte mit unserer Lebenswirklichkeit.
Jeder, der sich dem Studium der Literatur der Gegenwart widmet, wird irgendwann einmal auf den Begriff „Magischer Realismus“ oder seinen Entsprechungen „magic(al) realism“ (in der englischen und
amerikanischen Literaturwissenschaft) beziehungsweise „realismo mágico“ (in der hispanoamerikanischen Literaturwissenschaft) stoßen.
Da dieser Begriff für die Werke unterschiedlichster Autoren mit verschiedenen ethnischen oder kulturellen Hintergründen verwendet wird, sowohl in der Kunst- und Literaturkritik als auch in der
Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft, werde ich im ersten Teil der vorliegenden Arbeit versuchen, den Ausdruck „Magischer Realismus“ genauer zu definieren, so daß er an Klarheit gewinnt und für eine wissenschaftliche Arbeit verwendet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Magischer Realismus
2.1 Problemstellung und Methodik
2.2 Begriffsgeschichte
2.2.1 F. Roh und M. Bontempelli: Die Väter des Begriffs
2.2.2 Die weitere Verwendung des Begriffs in Europa
2.2.3 „Realismo mágico“ in Südamerika
2.3 Zusammenfassung
3. Angela Carters „Nights at the Circus“
3.1 Strukturanalyse
3.2 Fevvers – Die „neue" Frau
3.3 Madame Schrecks Museum
3.4 Tiere – Die besseren Menschen?
3.5 Sibirien
4. Salman Rushdies „Moors Last Sigh“
4.1 Strukturanalyse
4.2 Moor
4.3 Die Fliesen von Cochin
4.4 Die Stewardess
5. Kontrastive Analyse, Ergebnisse und Diskussion der Sekundärliteratur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff des Magischen Realismus in der zeitgenössischen Literatur und wendet die gewonnenen Erkenntnisse auf Angela Carters „Nights at the Circus“ sowie Salman Rushdies „Moor's Last Sigh“ an. Ziel ist es, die Definition des Magischen Realismus zu präzisieren, die Intentionen der Autoren im kulturellen Kontext zu analysieren und die Verwendung magischer Elemente im Vergleich zu dekonstruieren.
- Historische Entwicklung und Definition des Magischen Realismus in Europa und Südamerika.
- Analyse der Rolle der Frau und der Dekonstruktion gesellschaftlicher Machtverhältnisse bei Angela Carter.
- Untersuchung der postkolonialen und philosophischen Dimensionen bei Salman Rushdie.
- Kontrastive Analyse der unterschiedlichen literarischen Verwendung magischer Elemente.
- Diskussion der Bedeutung von Symbolik zur Vermeidung direkter politischer Propaganda.
Auszug aus dem Buch
3.3 Madame Schrecks Museum
In ihrer Lebensgeschichte berichtet die Protagonistin von einem düsteren Ort, an dem sie sich ein halbes Jahr lang aufhielt, um Geld zu verdienen: Madame Schrecks Museum [N.C.,57-73], in dem absonderliche oder mißgestaltete Frauen leben beziehungsweise „arbeiten“.
Dazu gehören „Fanny mit den vier Augen“, die anstatt Brustwarzen ein zweites Paar Augen hat, „Dornröschen“, die jeden Tag nur für eine Mahlzeit aufwacht und sonst nur schläft, „Albert / Albertina“, der / die sein / ihr Geschlecht wechseln kann, das „Wunder von Wiltshire“, eine winzig kleine Frau, die aus einer Liaison ihrer Mutter mit einem Elfen entstand, sowie Toussaint, Diener der Madam Schreck, der ohne Mund geboren wurde.
Allen dieser Figuren ist gemeinsam, daß sie nur innerhalb des „Schreckenskabinetts“ existieren können, da sie Aufgrund ihrer Besonderheiten in der sie umgebenden Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Das „Museum“ der Madame Schreck ist ein Ort, an dem die Frauen, im Gegensatz zu Ma Nelsons Bordell, keine Möglichkeit haben, sich weiterzubilden. Sie werden zu Objekten reduziert, ihr einziger Sinn besteht darin, von Männern betrachtet oder, zum Teil, benutzt zu werden; sie müssen sich der Herrschaft des Mannes - und der mit ihm kollaborierenden Frau Schreck – unterwerfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die scheinbare Inkompatibilität von Magie und Realität in der westlichen Moderne und führt in die Absicht ein, den Begriff Magischer Realismus für die Analyse zweier Romane zu definieren.
2. Magischer Realismus: Dieses Kapitel erläutert die Begriffsgeschichte vom deutschen Expressionismus bis hin zum lateinamerikanischen „realismo mágico“ und definiert die Kriterien, die den Magischen Realismus als literarisches Stilmittel kennzeichnen.
3. Angela Carters „Nights at the Circus“: Der Hauptteil analysiert die strukturellen Besonderheiten, die Darstellung weiblicher Rollenbilder und den Einsatz symbolischer Figuren wie der gelehrten Affen und des Schweins Sybil in Carters Werk.
4. Salman Rushdies „Moors Last Sigh“: Dieses Kapitel untersucht die magischen Elemente in Rushdies Roman, die Bedeutung der Familiengeschichte sowie die symbolische Aufladung von Objekten wie den Fliesen von Cochin zur Reflexion philosophischer Themen.
5. Kontrastive Analyse, Ergebnisse und Diskussion der Sekundärliteratur: Das abschließende Kapitel vergleicht beide Romane hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede und kommt zu dem Schluss, dass der Magische Realismus kein eigenständiges Genre, sondern ein flexibles Stilmittel ist.
Schlüsselwörter
Magischer Realismus, Angela Carter, Salman Rushdie, Nights at the Circus, Moor's Last Sigh, Postmoderne Literatur, Dekonstruktion, Symbolik, Feminismus, Postkolonialismus, Erzähltheorie, Weltbild, Wirklichkeit, Identität, Literaturkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der „Magische Realismus“ als literarisches Stilmittel in zwei bedeutenden Romanen der Gegenwartsliteratur eingesetzt wird, um Realität und Magie zu verknüpfen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Themenfelder umfassen die Definition des Magischen Realismus, feministische Ansätze bei Angela Carter und die postkoloniale sowie philosophische Auseinandersetzung in Salman Rushdies Werk.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine präzise Begriffsdefinition sowie die Analyse, wie beide Autoren durch magische Elemente gesellschaftskritische oder philosophische Botschaften verfremdet vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Sekundärliteratur, um Struktur, Symbole und die Intentionen der Autoren in den gewählten Romanen kontrastiv herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei ausführliche Analysen der Romane „Nights at the Circus“ und „Moor's Last Sigh“, wobei die Darstellung von Charakteren und der Einsatz magischer Konzepte jeweils kapitelweise untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Magischer Realismus, Dekonstruktion, Symbolik, Feminismus und Postkolonialismus sowie die Namen der Autoren Angela Carter und Salman Rushdie charakterisiert.
Warum ist die Rolle der Frau bei Angela Carter so zentral für diese Arbeit?
Die Arbeit betont, dass Carter weibliche Rollenbilder durch die Kombination von „Heiliger und Hure“ hinterfragt und mit magischen Elementen die Unterdrückung der Frau durch patriarchale Strukturen symbolisiert.
Welche philosophische Aussage leitet der Autor aus den „Fliesen von Cochin“ bei Rushdie ab?
Der Autor interpretiert die Fliesen als Absage an religiöse oder metaphysische Weltbilder, da sie für eine Sicht auf die Welt stehen, in der das Schicksal der Menschen in ihrer eigenen Verantwortung liegt.
- Citar trabajo
- Andreas Hennings (Autor), 2003, Magischer Realismus in Angela Carters "Nights at the Circus" und Salman Rushdies "Moor's Last Sigh", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21712