Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Mythos der Asexualität im Alter. 4
3. Theorien über die Altersgeschlechtslosigkeit 5
4. Forschungsergebnisse über Alter und Sexualität 7
5. Andere Einflüsse auf die Sexualität im Alter 10
6. Privatsphäre-Situationen in Pflegeeinrichtungen. 12
7. Elemente lebensweltorientierter, privatsphärefördernder Pflege 14
8. Abschluss 15
9. Literaturliste 17
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1. Einleitung
Alter und Sexualität befinden sich im dialektischen Verhältnis einer Groteske. „…der Alte ist dann alt, wenn er nicht mehr sexuell ist, und er ist dann nicht mehr sexuell, wenn er alt ist.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.216) In der Regel endet dieser „Kampf der Alten“, entweder sexuell oder alt zu sein mit der Kapitulation, dem Verbergen, der Einschränkung und letztendlich Aufgabe ihrer Sexualität und der „Übernahme der ihnen zugewiesenen Altersrolle, die zur neuen, selbstversichernden Sexualität wird.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.218) Da aber Sexualität in seiner Wesensbestimmung grundsätzlich offen ist und nur das widerspiegelt, was sich Menschen darunter vorstellen (vgl. Howe 1993, S.127), bestimmten gesellschaftliche Werte und Normen den Umgang mit Sexualität nicht unwesentlich.
2. Mythos der Asexualität im Alter
„In unserer Gesellschaft lässt sich ein konturenscharfes, generalisiertes Stereotyp zur Sexualität im Alter ausmachen.“ (Müller in Howe 1993, S.135) Sexualität wird als Vorrecht der Jugend angesehen. „Allein der Gedanke an sexuelle Betätigung alter Menschen, die Vorstellung geschlechtlich aktiver Greise - ganz zu schweigen von Greisinnen - verursacht Unbehagen, Widerwillen, gar Abscheu und Ekel und dies bei Jungen ebenso wie bei den Alten selbst.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.205) Sexualität alter Menschen hat es „gefälligst“ nicht zu geben und wenn doch, so folgt im gleichen Augenblick die Etikettierung als abnorm, krankhaft oder pervers, bestenfalls noch lächerlich. Diese Verteufelung der Sexualität im Alter unterliegt im europäischen Kulturraum seit jeher einer ungebrochenen Tradition. Sexualität im Alter war bisher ausnahmslos der Repression und Zensur unterworfen, ganz anders als die Sexualität in jungen Lebensjahren, die sich einem Wandel zur Freizügigkeit hingeben konnte (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.205). Von den Alten wird noch immer eine gewisse Erhabenheit und Weise gefordert, deren Nicht- Vorhandensein unweigerlich die Abstempelung zum „Narren“ oder „Perversen“ zur Folge hat (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.206). Geht man in der Geschichte zurück, so ist
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nach Platon der körperliche Verfall zwar bedeutungslos, denn die Wahrheit liegt in der unsterblichen Seele, die aber allerdings „…umso freier wird, je mehr die Gelüste und Kräfte des Körpers schwänden.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.207) Alter scheint also vorteilhaft von den „Gelüsten der Leidenschaft befreit“. So meint Seneca ebenfalls: „Die Seele freut sich, nicht mehr viel Gemeinschaft zu haben mit dem Körper.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.208) Angesichts dieser mürben Einsichten äußert Horaz auch Jammer über die körperlichen Veränderungen, denn das „traurige“ Alter „vertreibt die anmutige Liebe“. (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.208) In allen historischen Epochen beschreiben die Stereotype des Alters gleichsam den alten Menschen als „Sonderling“, bei dem sich die Leidenschaften beruhigen und den Menschen vom Wahn der geschlechtlichen Liebe befreien, sodass der Mensch seine Vernunft wieder finden kann (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209). Der Alte ist von Natur aus und vom Wesen her asexuell und wird somit geschlechts- und klassenübergreifend seiner Sexualität beschnitten, so dass im Alter alle „gleich werden“ (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209).
3. Theorien über die Altersgeschlechtslosigkeit
Auch die, sich im 20. Jahrhundert entwickelnde gerontologische Forschung, kann diesem Mythos der Asexualität nichts anhaben. Die biologische These, dass das Alter nicht das sexuelle Ende ist, steht nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Asexualität des Alters. „Ginge das Alter parallel zur Rückbildung bestimmter organischer Funktionen denn in der Tat mit einer natürlichen Rückbildung sexuellen Verlangens einher, hätte es dann in all der kulturellen Anstrengungen bedurft, solches Verhalten auf jede, nur erdenkliche Art zu zensieren und zu unterdrücken?“ (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.209)
„So wird zum Beispiel bei unverändert erhaltenen Tagträumen, sexuellen Fantasien und auch Träumen die Ausübung genitaler Sexualität durch Krankheiten, Medikamenteneinnahme, gestörte Beziehungen, soziale Normsetzungen wie auch fehlende Partner / Partnerin (Radebold 1992; v. Sydow 1993) eingeschränkt bzw. beendet.“ (Jansen u.a. 1999, S.313) Stärker manifestiert sich eine prägenitale Sexualität, einschließlich analer und oraler Befriedigungen, die aus
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psychoanalytischer Sicht als ein Regressionsprozess (partielles Wiederbeleben früherer sexueller Entwicklungsstufen) und Adaptionsprozess (als Folge verlernter Abwehr) erklärt wird (vgl. Jansen u.a. 1999, S.313f.). Eine andere These vertritt die Möglichkeit, dass Altersbeschwerden auf Grund äußerer Restriktionen gegen das Alter den Alten erst zum Alten machen, und somit im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung eine Zuschreibung von innen her den Alten sich selbst als alt erkennen lässt. (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.211). So wie der Eintritt ins Erwachsenenalter den Eintritt in die Sexualität bedeutet, so scheint mit dem Austritt aus dem Erwerbsalter die „Exitation aus der Geschlechtlichkeit“ beschlossen zu sein (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.211f.). Es ist unumstritten, dass die zwangsweise oder freiwillige Pensionierung immer eine Lebenskrise mit existentieller Tragweite für den älteren Menschen darstellt. Der Verlust kommunikativer Felder und Orientierungsmöglichkeiten bedeutet im Zusammenhang mit altersspezifischen Erkrankungen und Abbauerscheinungen auch immer den Wegfall von wesentlichen „Identitätskomponenten“, die mit psychologischen Komponenten, die aus dem Arbeits- und Kontaktverlust resultieren, einhergehen. Dem älteren Menschen wird nun bewusst, dass seine Leistungskraft schwindet und er macht die Erfahrung, plötzlich nicht mehr dazuzugehören. Dieses Selbstverständnis geht mit der historischen Sichtweise einher, dass mit allmählichem Alter auch der Geschlechtstrieb verkümmert (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.214). Nach Freuds triebtheoretischen Vorstellungen kann jedoch auch eine andere Sichtweise ins Blickfeld genommen werden. Demnach ist Sexualität nur scheinbar ein Instinkt, aber eine lebenslange Lebensenergie. Somit haben „auch im hohen Greisenalter (…) Menschen grundsätzlich die gleichen sexuellen Bedürfnisse wie junge Erwachsene - allerdings auch die gleichen Verzerrungen und Komplexe.“ (Goldner in Schmidthals 1990, S.215). Alter löst also diese Komplexe nicht. Auch bei pflegebedürftigen Menschen können Probleme wegen ihrer sexuellen Empfindungen und des daraus resultierenden Verhaltens auftreten (vgl. Willig u.a. 1996, S.163). Die zugeschriebene Altersgeschlechtslosigkeit stellt maximal ein Alibi dar, um sich mit den entstehenden Lebensproblemen nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, so dass die verordnete Keuschheit nur schneller übernommen wird (vgl. Goldner in Schmidthals 1990, S.215).
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Arbeit zitieren:
Anja Hartmann, 2004, Mythos Asexualität im Alter - Der Umgang mit Alterssexualität, Einflüsse und Problemlagen, München, GRIN Verlag GmbH
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