Inhalt:
1. Einleitung
2.1 Zum Begriff NS Sprache
2.2 Allgemeine Charakteristika Emotionalisierung Politische Persuasion
2.3.1 Positiv konnotierte Schlüsselwörter Nationalistisch militaristischer
Sprachgebrauch
2.3.2 Superlativismus
2.3.3 Nominalstil Abbreviaturen Schlagwörter Phraseologien
2.3.4 Simplifizierung
2.3.5 Neologismen
2.3.6 Euphemistisches Tarnvokabular
2.3.7 Komposita und Derivationen
2.3.8 Semantische Veränderung bereits bestehender Begriffe
2.3.9 Begriffliche Redundanz Adjektiv Komposita Pleonasmen
2.3.10 Fremdwörter
2.4.1 Allgemeinere Stilmerkmale Metaphern
2.4.2 Die Anrede
2.4.3 Ganzheitsmythen
2.4.4 Apotheose
3.1 Analyse Hitler Rede
3.2 Analyse Himmler Rede
4. Bilanz
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1. Einleitung
Als wichtigste Grundlagen meiner Analyse möchte ich die Arbeiten von Polenz, Müller und Maas anführen. Es erschien mir ein sinnvoller Versuch, aus diesen drei Arbeiten eine Art Symbiose für die eigene Analyse zu extrahieren, auch wenn der Raum dafür recht begrenzt ist. Im nun folgenden, theoretischen Teil möchte typische Paradigmen des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs aufführen, die sich auch konkret für die Analyse politischer Rhetorik des Dritten Reiches verwerten lassen.
Doch möchte ich es nicht bei einer (rein) deskriptiven Analyse bewenden lassen. Maas geht es vorwiegend um eine intensionale Bestimmung der Texte, ein konkret anderer Ansatz als ihn Polenz oder Müller für sich definieren. Maas expliziert in seiner Diskursanalyse die sprachliche Inszenierung nationalsozialistischer Reden und Alltagstexte. Die Analyse sollte demnach „durchlässig sein für (die) gesellschaftliche(n) Widersprüche, die in der (Sprach)Praxis ausgetragen werden,...“ (Maas, S. 11). Dabei sollte als Stichwort die Polyphonie der Texte genannt werden.
Gemäß dem Umfang dieser Hausarbeit habe ich zwei kurze Redeausschnitte ausgewählt, die mir geeignet schienen, wesentliche Charakteristika der nationalsozialistischen Rhetorik darzustellen. Bei einer räumlich so begrenzten Analyse liegt es aber in der Natur der Sache, dass man einige „Wesensmerkmale“ der „LTI“ ausklammern muss bzw. nicht auffinden kann. Als ersten Text habe ich einen Ausschnitt der Proklamation Hitlers auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg des Jahres 1934 gewählt. Der zweite Text ist eine Rede Heinrich Himmlers vor SS – Führern in Posen aus dem Jahr 1943.
2.1 Zum Begriff „NS – Sprache“
Der heutige Forschungsstand lässt eine fixe, moralisierende Bewertung der NS – Sprache nicht mehr zu. In den mir bekannten Arbeiten über nationalsozialistischen Sprachgebrauch kam eines deutlich und kongruent zum Ausdruck: dass dem Begriff „NS – Deutsch“ auf wissenschaftlichem Sektor keine Berechtigung mehr zukommt, da sich keine sprachliche Essenz des Dritten Reiches filtrieren lässt, die mit einem derartigen Begriff klassifiziert
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werden könnte. Polenz unterscheidet zwischen „Sprache des Nationalsozialismus“, „Sprache im Nationalsozialismus“ und „Sprache zum Nationalsozialismus hin“ ( Polenz, S. 547). Der erste Begriff bezeichnet den eigenständigen Sprachgebrauch der NSDAP seit 1920. Der Begriff „Sprache im NS“ fasst die verschiedenen tradierten Varietäten politischer Sprache einschließlich der NSDAP – Sprache zusammen, die zwischen 1933 und 1945 wirksam waren. Mit dem letzten Terminus konstatiert Polenz eine Sprache, die zum Nationalsozialismus hingeführt und seine breite Akzeptanz in den unterschiedlichen Bevölkerungsschichten stabilisiert hat.
Alle drei Arten des Sprachgebrauchs bedürfen nach Polenz insbesondere einer sozialen bzw. politischen Fragestellung, die sicherlich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ansetzen müsste.
Der Begriff „NS – Sprache“ ist aus einem weiteren Grund unbrauchbar. Es kann eine solche nicht geben, da die Ideologie der Nationalsozialisten ein diffuses Konglomerat multiplexer geistiger Strömungen ist, die ihre Wurzeln bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts haben. Patrick Brantlinger gibt dazu in seinem Buch „Rule of Darkness“ einen wichtigen Hinweis:
„This sort of Lebensraum argument was not invented by German propagandists in the twentieth century; it echoes throughout the era of industrial and imperial expansion.“
Für eine solche Annahme spricht auch, dass Begriffe wie Blut, Leben und Instinkt schon zu Zeiten Bismarcks Verwendung fanden ( vgl. Müller, S. 42 ). Nach Lenk ist die Weltanschauung der Nazis ein Gemisch aus „ ,völkischen, imperialistisch – sozialdarwinistischen und antisemitischen Ideologien des 19. Jahrhunderts´ “ ( Nill, S. 60 ).
Von den nationalrevolutionären Bevölkerungsteilen übernehmen die Nazis die Verherrlichung des Kriegserlebnisses ( Ernst Jünger ), von den Philosophen die Anbetung der Macht und Stärke ( Friedrich Nietzsche ) und von Vertretern der Rassentheorien ( Joseph Arthur, Houston S. Chamberlain ) eine krude sozialdarwinistische Ideenlehre 1 .
Obwohl Nolte Hitlers Weltanschauung als „folgerichtiges und konsistentes Ideengebäude“ bezeichnet ( Nill, S. 61 ), drängt sich beim Gedanken an die Vielzahl von Einflüssen die Vermutung auf, dass die ideologische „Bekleidung“ der Nationalsozialisten nach rein opportunistischen Maßstäben zusammengeschnitten wurde.
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2.2 Allgemeine Charakteristika / Emotionalisierung / Politische Persuasion
Anhand der Analyse von Sprachwörterbüchern konstatiert Müller, dass sich der „nationalsozialistische Wortschatz“ im Grunde aus alltäglichen Begriffen der deutschen Sprache zusammensetzt. Erst im kontextuellen Zusammenhang und durch ihre hohe Benutzungsfrequenz können „Vokabeln des Nationalsozialismus“ identifiziert werden ( Müller, S. 38 ).
Die Schriftsprache wird mehr als nötig dem Stil der Rede angepasst. Der NS – Jargon breitet sich zunehmend auch auf den wissenschaftlichen Sektor aus. NS – Sprachwissenschaftler fordern die Herausbildung einer „arteigenen“ Wissenschaftssprache.
Nach Müller hat die politische Sprache im Nationalsozialismus weniger Darstellungsfunktion als Ausdrucks – und Appellfunktion. Idiomatisch sind die ständigen Repetitionen von Schlagwörtern und Redewendungen. Sprache ist das entscheidende machtpolitische Medium mittels dem Menschen im nationalsozialistischen Deutschland auf Gefühl, Leidenschaft und primitive Instinkte „zurückgeworfen“ werden sollen. Der Begriff Blut z.B. ist nach Schmidt „hochemotionalisiert“ und wird daher häufig zu kompositorischen Zwecken gebraucht ( Blutopfer, Blutfahne, Blutorden; vgl. Schmidt, S. 156; Müller, S. 43 ).
Für die persuasive Verwendung von Sprache macht Polenz nicht die Langue, sondern ihren Benutzer verantwortlich 2 ( vgl. Polenz, S. 547 ). Als Beispiel für Polenz` These könnte man den in der Himmler – Rede benutzten Begriff Menschentier(en) anführen (s.u.).
Die Komposition der an sich unschuldigen Begriffe Mensch und Tier erfährt durch Himmler eine rassistische Konnotation. Es sollte aber auch erwähnt sein, dass vielen Wörter, noch bevor sie von den Nationalsozialisten missbraucht wurden, positive bzw. negative Konnotationen immanent waren. Diese Konnotationen wurden als rhetorisches Mittel für propagandistische Zwecke verwertet.
Im Folgenden will ich die wichtigsten Ingredienzen der „NS – Sprache“ darstellen:
1 vgl. den Begriff Evolution in der Hitler – Rede
2 im Gegensatz zu Sternberger / Storz/ Süskind, die in ihrem „Wörterbuch des Unmenschen“ die Wörter selbst
mit Schuld und Blutgeruch attributieren.
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2.3.1 Positiv konnotierte Schlüsselwörter/ Nationalistisch - militaristischer Sprachgebrauch
Das Begriffsfeld der positiv konnotierten Schlüsselwörter wird von Polenz sehr weit gesteckt. Zu ihnen können Begriffe gezählt werden, die mit dem Basislexem Art komponiert wurden, des Weiteren Wörter wie Rasse, Raum, Reich, Bewegung, Schicksal, Kampf, Heil oder Zucht ( vgl. Polenz, S. 552 ).
Ein beträchtlicher Teil stammt aus dem Bereich des Nationalismus und des Militarismus, so z.B. Begriffe wie Dienst, Ehre und Gehorsam. Die auf Darwin zurückgehende, von der nationalsozialistischen Propaganda übernommene Doktrin vom Überlebenskampf der Arten äußerte sich in Begriffen wie Geburten - oder Ernährungsschlacht.
Auch der Neologismus Wehrsport ließe sich zum militaristischen Sprachgebrauch zählen.
2.3.2 Superlativismus
Nach Viktor Klemperer ist der Superlativ die meistverwendete Sprachform im nationalsozialistischen Führerstaat. Hitler benutzt mit Vorliebe Worte wie höchst – , größt – und gewaltigst. Müller sagt, dass die häufige Benutzung von Superlativen der Sprache eine „Pseudomonumentalität“ verleihe ( Müller, S. 49 ).
Der superlativische Stil muss sich dabei nicht auf einzelne Morpheme beschränken. Er kommt auch in gigantischen Zahlenangaben zum Ausdruck, die in den meisten Fällen nicht die Absicht einer neutralen Informationstransmission besitzen, sondern auf eine illusionistische ( im Falle Himmlers eher auf eine irrationelle ) Wirkung abzielen. Steigerungsformen finden sich demnach auch in Begriffshäufungen wie Ehre, Freiheit und Brot.
Auch tautologische Konstruktionen wie z. B. der von Goebbels geprägte Begriff wilder Fanatismus sind nach Müller Belege einer superlativischen Rhetorik.
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Arbeit zitieren:
Andre Käswurm, 2001, Sprache im Faschismus, München, GRIN Verlag GmbH
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