3
Integration Westdeutschlands in den Bereich der Westmächte zu unterbinden bzw. hinauszuzögern? Nicht nur die damaligen Politiker, auch Historiker haben dazu verschiedene Ansichten.
Diese Hausarbeit versucht herauszustellen, welche Argumente für und welche gegen die Glaubwürdigkeit der Note stehen. Hierzu werden dem Standpunkt Konrad Adenauers die Thesen des Historikers Rolf Steininger gegenübergestellt.
Rolf Steininger gehört zu den Historikern, die die Abweisung der Stalin-Note als verpaßte Chance vertreten. Der Großteil seiner Kollegen vertritt allerdings eine andere Meinung. Sie befinden z.B.:
"Die bisher bekannten Quellen sprechen dafür, dass es sich um eine sowjetische Propaganda-Aktion gehandelt hat." 6 Ähnlich: "Die sowjetische Offerte war ganz offensichtlich ein Propagandamanöver, das die westeuropäische Integrationspolitik stören und gleichzeitig (...) die Aufwertung und Stabilisierung der DDR fördern sollte." 7
Die "Note" 8 vom 10. März 1952, die besagte "Stalin-Note", wurde von den Westmächten am 25. März desselben Jahres beantwortet. Daraufhin wiederum erfolgte eine zweite Note der Sowjetunion. Im Ganzen gab es in der Folge der ersten Stalin-Note zwei weitere Notenwechsel zwischen Ost und West. Da sich die Standpunkte aber schon nach dem ersten Wechsel erhärtet hatten und es zu keiner Veränderung der Positionen auf beiden Seiten mehr kam, will ich die Note vom 10. März in den Mittelpunkt stellen.
2) Außenpolitische Verhältnisse vor der Note vom 10. März 1952
Um einige der Argumente für und wider die Seriosität des Stalin- Angebotes besser zu verstehen, will ich zunächst die wichtigsten Fakten der außenpolitischen Lage kurz vor der Note darlegen.
6 Dirlmeier, Ulf: Deutsche Geschichte. Stuttgart 1999. S. 367.
7 Benz, Wolfgang (Hg.): Weltbild Weltgeschichte. Bd. 35. Europa nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1982.
Augsburg 1998. S.144 (Hermann Graml, ein Kontrahent Steiningers in Bezug auf die historische Auseinander-
setzung mit der Stalin-Note, ist Mitherausgeber des Buches).
8 Definition einer politischen "Note": "Jede förmliche schriftliche Mitteilung, die eine Regierung einer anderen
auf diplomatischem Wege macht." (Meyers großes Taschenlexikon. Mannheim 1998. Bd.16. S. 6)
4
Im April 1949 schlossen sich die britisch, amerikanisch und französisch besetzten Zonen in Deutschland zur sogenannten "Tri- Zone" zusammen. Der Westen Deutschlands war damit zusammengerückt und bildete ein Pendant zum sowjetischen und somit kommunistischen Ostteil des Landes. Adenauer versuchte, Westdeutschland so weit wie möglich an die westliche Welt zu binden. Dazu wurde 1951 der Montanunion-Vertrag unterzeichnet. Die Montanunion, bzw. die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl", war der Kern der späteren europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. 9 Zudem wurde über die Schaffung einer "Europäischen Verteidigungsgemeinschaft" (EVG) verhandelt, mit dem Ziel der Bildung einer euro-päischen Armee unter Beteiligung Deutschlands. Die Bundesrepublik sollte dazu ca. 400 000 Soldaten aufstellen. 10 An diesen EVG-Vertrag sollte dann der sog. "Deutschland-Vertrag" gekoppelt werden, der Deutschland die volle Souveränität brächte. Über beide Verträge wurde gerade verhandelt, als die Offerte Stalins eintraf. Im fernen Asien, in Korea, nahm die Konfrontation zwischen Ost und West in einem Krieg offene Formen an. 1950 begonnen, fand dieser Korea-Krieg erst 1953, also ein Jahr nach der Stalin-Note, ein Ende. Der Konflikt im Fernen Osten ist erwähnenswert, weil er die USA bewog, von Deutschland zu erwarten, daß die Bundesrepublik im Falle eines gleichzeitigen Krieges in Europa, ihren Beitrag zur Verteidigung des Westens leisten müßte. Zudem beschloß der NATO-Ministerrat im Frühling 1952, die Türkei und auch Griechenland in die NATO aufzunehmen. Die westlichen Allierten befanden sich also in diesen Jahren in einer Haltung des berechtigten Mißtrauens gegenüber der Sowjetunion.
3) Inhalt der Stalin-Note
Um die Übersichtlichkeit zu wahren und die Kernpunkte herauszugreifen, fasse ich die Stalin-Note vom 10. März 1952 und ihre Vorschläge nun stichwortartig zusammen: - Wunsch nach einem Friedensvertrag mit Deutschland
- Bildung einer gesamtdeutschen Regierung zur Beteiligung an den Verhandlungen Zum vorgeschlagenen Friedensvertrag:
9 Dirlmeier, Ulf: Deutsche Geschichte. S. 366.
5
a) Politische Leitsätze :
1) Wiederherstellung Deutschlands als einheitlicher Staat 2) Abzug der Besatzer aus Deutschland
3) Gewährleistung der demokratischen Rechte für das deutsche Volk 4) Freie Betätigung der demokratischen Parteien und Organisatione n 5) Verbot friedens- und demokratiefeindlicher Organisationen 6) Gleiche bürgerliche und politische Rechte für ehemalige Soldaten und Nazis 7) Kein Bündnis gegen einen Staat, der gegen Deutschland im 2. Weltkrieg kämpfte b) Zum Territorium:
- Deutschland in den Grenzen, die in der Potsdamer Konferenz festgelegt wurden c) Zur Wirtschaft:
- Keinerlei Beschränkung der friedlicher Wirtschaft - Keine Handelsbeschränkung d) Militär:
- Aufbau nationaler Streitkräfte zur Landesverteidigung - Erlaubnis der Waffenproduktion zur Deckung des Eigenbedarfs c) Zu Deutschland und den Vereinten Nationen: - Unterstützung der Aufnahme in die Vereinten Nationen "Das sowjetische Angebot vom 10. März war das weitestgehende Angebot, das die Sowjetunion jemals gemacht hatte; es sollte sich nicht wiederholen" 11 , kommentiert Rolf Steininger. Warum wurde es also nicht angenommen? Warum sträubte sich Adenauer dagegen, überhaupt in konkrete Verhandlungen mit der Sowjetunion einzutreten? Welche Probleme sah er in dem Angebot?
4) Adenauers Haltung zur Stalin-Note
In seiner Autobiografie schreibt Adenauer zu seiner ersten Beurteilung der Stalin-Note: "Grundziel der sowjetischen Außenpolitik war nach wie vor die Verhinderung der Einigung
Europas. Unter allen Umständen sollte durch die Ausklammerung D eutschlands die
10 Steininger, Rolf: Eine vertane Chance. S. 13.
11 Steininger, Rolf: Die Stalin-Note vom März 1952 - eine Chance zur Wiedervereinigung Deutschlands?
In: Foschepoth, Josef (Hg.) Kalter Krieg und Deutsche Frage. Deutschland im Widerstreit der Mächte 1945-
52. Göttingen 1985. S. 368.
Arbeit zitieren:
Matthias Köhnlein, 2003, Die Stalin-Note vom 10. März 1952 - eine vertane Chance?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Stalin-Note 1952: Ernsthaftes Angebot zur Wiedervereinigung oder ...
Politik - Politische Systeme - Historisches
Seminararbeit, 15 Seiten
Entwicklung eines Unterrichtsvorschlags zu Christa Wolfs Roman 'Ka...
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Konrad Adenauer - Die deutsche Politik von 1949 bis 1963 in Bezug auf ...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Referat / Aufsatz (Schule), 9 Seiten
The Double in Mary Shelley's "Frankenstein, or the Modern Pro...
Seminararbeit, 18 Seiten
"Dem Namen nach zu urteilen..." - Antisemitische Namenpolemi...
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Über die Entstehung der Sprache in ihrer Vielfalt
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 20 Seiten
Sprachursprungstheorien im 18. Jahrhundert: Rousseau und Herder
Romanistik - Französisch - Linguistik
Hausarbeit, 16 Seiten
Die Reichsgründung und die europäischen Großmächte
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Seminararbeit, 23 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Studienarbeit, 40 Seiten
Platons Sophistes - zur Überwindung der Sophistik und ihrer metaphysis...
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Georg Trakls "Verfall" - Eine Interpretation
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Konzeption und Durchführung eines Lernzirkels zum Thema „Wortarten“
Seminararbeit, 19 Seiten
Politische Gedichte in Ost und West - Gedichtvergleich von Bertold Bre...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Die Europäische Politische Zusammenarbeit (EPZ) - Entwicklung und Leis...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Seminararbeit, 17 Seiten
Matthias Köhnlein hat den Text Die Stalin-Note vom 10. März 1952 - eine vertane Chance? veröffentlicht
Matthias Köhnlein hat einen neuen Text hochgeladen
Studyguide for Learning and Behavior by Chance, ISBN 9780495032076
5th Edition Chance, Cram101 Textbook Reviews
Studyguide for Learning and Behavior by Chance, ISBN 9780534173944
3rd Edition Chance, Cram101 Textbook Reviews
0 Kommentare