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Phänomen des Faschismus, die auch die befremdlichen und heute nicht mehr akzeptablen Elemente des Werkes verstehen helfen und Hinweise darauf geben, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit der Aufklärung für H/A hatte.
Rekonstruktion der Struktur des Arguments – die Dialektik der Aufklärung Am Anfang (der Argumentation, aber nicht des Buches) steht die Feststellung, daß nach der „Aufklärung des Geistes“ die eigentlich zu erwartende „reale Emanzipation der Menschen“ ausblieb, d.h. daß marxistisch gesprochen (und der Ansatz ist in diesem Punkt bei H/A marxistisch) die Entwicklung von aufgeklärter geistiger Haltung des ‚Überbaus‘ und realen gesellschaftlichen Verhältnissen auseinanderklafft. Die Postulate der Aufklärung (Emanzipation des Menschen aus der Unmündigkeit; Anleitung zum freien Gebrauch der Vernunft) sind nicht in gesellschaftliche Realität umgesetzt worden; weiter aufrecht erhalten, erstarren sie zur Ideologie und werden letztlich von Herrschaft zur Kontrolle der Individuen mißbraucht. 2
Um zu erklären, wie dieser Prozeß der Instrumentalisierung von Aufklärung möglich war, d.h. um die Kernfrage der Dialektik der Aufklärung zu beantworten, nämlich „Wie konnte etwas grundsätzlich Positives, das auf Emanzipation und Befreiung des Menschen abzielte, in sein eigenes Gegenteil umschlagen?“, analysieren H/A das Wesen der Aufklärung selbst. Welche Bestandteile der Aufklärung machen sie so beschaffen, daß sie zur Ideologie wird und von Herrschaft mißbraucht werden kann?
An diesem Punkt reichte der marxistische Ansatz zur Erklärung der beobachteten Prozesse nicht mehr aus; schon in den zwanziger Jahren standen marxistisch orientierte Theoretiker, so auch der Kreis um das Frankfurter Institut für Sozialforschung, vor dem Problem, daß Marx‘ Theorie angesichts der ausbleibenden Revolution, für die nach dessen Thesen die Zeit mehr als reif war, ergänzt werden mußte, um die Entwicklung noch weiter erklären zu können. Die theoretische Fehlstelle, die man bei Marx ausmachte, war die Psyche des Individuums in der Gesellschaft. Die hinzugezogene Freudsche Psychoanalyse sollte erklären, welche Auswirkungen des beobachteten Prozesses auf die individuelle Psyche die von Marx vorhergesehene Revolution verhinderten.
1 Zu den spezifischen Rezeptionsbedingungen vgl.: Albrecht, Clemens, u.a.: Die intellektuelle Gründung der
Bundesrepublik: eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule. Frankfurt/ M. 1999, zur
Publikationsgeschichte bes. Kap. 10.
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Die anthropologische Grundannahme, von der H/A ausgehen und die auf Freud basiert, ist die Triebbestimmtheit des Menschen. Das Vernunftprimat der Aufklärung wollte den Menschen zum Herrscher seiner selbst und der ihn umgebenden Natur machen, ihn aus den Zwängen seiner äußeren und inneren Natur befreien. Wie es die den Menschen umgebende Natur zu beherrschen strebte, so mußte es auch die Naturhaftigkeit des Menschen selbst unterdrücken. Dieser Wille zur Beherrschung der inneren und äußeren Natur wurde der Aufklärung zum Verhängnis: die völlige Triebunterdrückung kann nach Ansicht der Psychoanalyse niemals vollzogen werden, ohne die Psyche des Menschen zu deformieren, weil der Mensch damit einen integralen Bestandteil seines Wesens permanent verleugnet und doch nicht verleugnen kann. An diesem Punkt wendet sich Aufklärung gegen den Menschen selbst.
Genau diese Wesenszüge der Aufklärung waren es jedoch, die die Herrschaft für ihre Zwecke zu nutzen verstand: die Ideologie, in die sich das ursprünglich positiven Ziel der geistigen und bürgerlichen Emanzipation des Menschen verwandelte, wird zum Mittel der Unterdrückung eben dieser Emanzipation. Darin liegt die Dialektik des Prozesses, den Aufklärung selbst in Gang setzte: die Ratio, die zur Loslösung von den alten mythischen Naturmächten als neue Macht eingesetzt wurde, wird zur neuen, den Menschen unterdrückenden Machtinstanz. Wie und daß es möglich war, daß „Aufklärung in Mythos umschlägt“, erklären H/A
wiederum im Rückgriff auf die Psychoanalyse. Schon Freud war der Ansicht, daß die Gesellschaft notwendig den Sexual- und Aggressionstrieb des Menschen unterdrücken muß, um funktionieren zu können; andernfalls wären Anarchie, Chaos und Gewalt die Folge. Der Kapitalismus (in Interessensunion von Herrschaft und Wirtschaft) macht sich die Triebkontrolle weit über das Ziel bloßer Funktionsfähigkeit der Gesellschaft hinaus für seine eigenen Interessen zunutze: die perfekte Kontrolle der Individuen, ihrer Bedürfnisse und Wünsche ermöglicht einen reibungslosen Ablauf und nivelliert jedes widerstrebende Moment. Die Konsequenzen dieser Entwicklung reichen lt. H/A weit über Triebkontrolle hinaus: auf die unbefriedigten Bedürfnisse des Menschen reagiert das Wirtschaftssystem mit der Generierung künstlicher Sehnsüc hte, die immer nur eine scheinbare Erfüllung bieten und so der Herrschaft die Kontrolle über Triebe und Triebverdrängung verschaffen. Damit verlagert sich der Triebkonflikt, der zuvor innerhalb des Subjekts ausgetragen wurde und im Zusammenspiel von Ich, Es und Über-Ich im Form des individuellen Gewissens eine subjektive Kontrollinstanz geschaffen hatte, vom Subjekt in die Herrschaftsinstanzen hinein;
2 Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/ M.:
Fischer Taschenbuch 1988, Kap. Elemente des Antisemitismus, VI, S. 207.
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Triebkontrolle wird gesellschaftlich organisiert. Das Urteil über Recht und Unrecht, Gut und Böse wird dem Ind ividuum abgenommen, wie überhaupt alle autonomen Denk- und Entscheidungsprozesse durch Vorgaben des Systems ersetzt werden, die mithilfe von Konformitätsdruck, wirtschaftlichem Zwang und den omnipräsenten Manipulationsmitteln wie der Kulturindustrie als „Verblendungszusammenhang“ die Subjekte selbst nicht mehr merken lassen, daß ihnen ein neuer Mythos eingeimpft wird, dem sie hilflos ausgeliefert sind.
Dem zeitgenössischen Spätkapitalismus, dessen Funktionsweise zu erklären das Ziel des Werkes ist, gelingt es mithilfe seiner technisch weit entwickelten Möglichkeiten wie z.B. der „Kulturindustrie“, die Kontrolle seiner Subjekte so total werden zu lassen, daß quasi kein Individuum ihr mehr entgehen kann. Der „Verblendungszusammenhang“ ist „universal“ geworden; Aufklärung wird in letzter Konsequenz zum neuen Mythos des Faschismus. Der Antisemitismus fungiert darin als kontrollierte Abfuhr der aufgestauten Triebenergien; die Juden sind nur ein relativ willkürlich ausgewähltes Opfer, „eignen“ sich nach H/A jedoch aus unterschiedlichen Gründen als „Opfer“, weil sie beispielsweise in ihrer aus Diskriminierung resultierenden Konzentration auf Handels- und Geldberufe die Wut auf den Kapitalismus als dessen vermeintliche Repräsentanten auf sich ziehen, aber auch, weil sie nach H/A das unerreichbare Ideal von „Glück ohne Macht“ repräsentieren, also auch ohne politische Macht zu haben Ansehen und Wohlstand erreichen konnten.
Die unterdrückten Triebe und Aggressionen der Subjekte, die zu stillen das System der Herrschaft ihnen unmöglich macht, werden auf außenstehende Objekte – wie beispielsweise die Juden – übertragen. In einem Akt der „pathischen Projektion“ versuchen die „verblendeten und ihrer selbst entfremdeten“ Subjekte das, was sie an sich selbst verzweifelt zu verdrängen suchen, in der Gestalt des Anderen, der sie an ihre unerfüllten Sehnsüchte erinnert, gewaltsam auszurotten. Selbsthaß wird zum Fremdenhaß und bricht sich Bahn in antisemitischen Ausschreitungen, in Mord und Pogrom.
In einer Art historischer Ursprungsforschung suchen H/A nach den Wurzeln des
Vernunftprimats der Aufklärung und seiner destruktiven Folgen. In der antiken Mythologie finden sie bereits bei Odysseus die „List“ der Ratio, die sich die mythisch-bedrohliche äußere und die eigene innere Natur zu unterwerfen weiß, den Menschen damit aber selbst aus dem Naturzusammenhang emanzipiert und herauslöst. Der Wille zur Beherrschung der Natur, der gleic hzeitig eine Beherrschung der eigenen Natur des Menschen meint, ist in dem, was zeitgenössisch mit „Zivilisation“ (im Gegensatz zu sog. „primitiven“ Gesellschaften)
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Jutta Faehndrich, 2001, Die Dialektik der "Dialektik der Aufklärung" von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Munich, GRIN Publishing GmbH
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