Erzählerinstanz vorgetragen. Die Narratologie teilt sich in der Theorie von Martinez/Scheffel in drei Unterpunkte, die sich auf die Darstellung der Erzählung beziehen. Sie lauten Zeit, Modus und Stimme.
Jeder dieser drei splittet sich wiederum in einzelne Unterpunkte, auf die im weiteren Verlauf der Hausarbeit noch genauer eingegangen wird. Die vorliegende Arbeit soll sich exemplarisch mit der Analyse dieser Haupt, - und ihrer Unterpunkte am Beispiel von Thomas Manns Tonio Kröger beschä ftigen. Die Analyse des Erzähltextes erfolgt weitgehend auf dem Werk von Martinez/Scheffel „Einführung in die Erzähltheorie“. Eine anschließende Schlussbetrachtung, welche auf Textanalyse und Sekundärliteratur beruht, ergänzt diese Arbeit.
2. Zeit
Bei der Analyse eines Erzähltextes unterscheidet man „zweierlei Zeit“, 1 zum einen die erzählte Zeit und zum anderen die Erzählzeit. Die erzählte Zeit gibt die Dauer der Erzählung, ihren Entwicklungsgang an. Sie beträgt in Thomas Manns Novelle mehrere Jahre und beginnt in der Schulzeit Tonio Krögers. Im zweiten Kapitel des Buches wird erstmals eine konkrete Altersangabe gemacht („[...] sie war’s die Tonio Kröger liebte, als er sechzehn Jahre alt war “ 2 ). Weitere definitive Jahres, - oder Altersangaben werden in der Novelle nicht vorgenommen, allerdings wird nochmals erwähnt, dass der Protagonist sich „ein wenig jenseits der Dreißig“ befindet. Im weiteren Verlauf berichtet der Erzähler über den Aufstieg Tonio Krögers zum respektierten Schriftsteller. Nach dreizehn Jahren kehrt er erstmalig in seine Heimatstadt zurück. („Ja ich berühre meinen Ausgangspunkt, Lisaweta, nach dreizehn Jahren, und das kann ziemlich komisch werden.“ 3 ) In den Kapiteln sechs bis neun wird über die Reise Tonio Krögers in seine Heimatstadt und nach Dänemark erzählt, sowie über den anschließenden Aufenthalt dort. Es handelt sich in diesen Kapiteln um eine Zeitspanne von mehreren Wochen. Weitere genaue Angaben können nicht gemacht werden, da im
1 Martinez, Matias und Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Aufl., München:
Beck 2002. S.31
2 Mann, Thomas: Tonio Kröger. Mario und der Zauberberg. Frankfurt a.M: Fischer 1996 [1922]
S. 17
3 Thomas Mann 1996. S.42
3
Verlauf der Erzählung nichts Entsprechendes erwähnt wird. Die Frage nach der Dauer der erzählten Zeit kann deshalb nur geschätzt werden. Von den Kindertagen über die Adoleszenz, die „Sturm und Drang Phase“ des Künstlers, bis hin zu der Reise am Ende des Buches ist jedoch von einer Zeitspanne von ca. 15-20 Jahren auszugehen.
Die Erzählzeit bezieht sich auf die Dauer, die benötigt wird eine Geschichte vorzutragen. Da hierzu im vorliegenden Erzähltext jedoch keine explizite Angabe gemacht wird, bemisst sich die Erzählzeit einfach nach dem Seitenumfang der Erzä hlung. Diese beträgt in Thomas Manns Tonio Kröger 66 Seiten. Die Unterscheidung zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit begründet sich darin, dass sich “Erzählungen als Ganzes oder auch in ihren Teilen durch ein jeweils spezifisches Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit und damit [durch] ein besonderes ‚Erzähltempo’ auszeichnen. 4
2.1. Ordnung
Sprachliche Darstellungen in Erzähltexten sind nicht an strikte Chronologien gebunden. Häufig findet man Umstellungen der Reihenfolge der Ereignisse. Man unterteilt diese Anachronien, die durch die Umstellung entstehen, primär in zwei Kategorien. Die eine nennt man ‚Prolepse’. In ihr wird ein in der Zukunft liegendes Ereignis vorwegnehmend erzählt. Die andere wird als ‚Analepse’ bezeichnet. Hier wird ein Ereignis dargestellt, welches zu einem früheren Zeitpunkt stattgefunden hat, als dem, den die Erzählung bereits erreicht hat. 5 Bei der Erzählung Tonio Kröger finden sich nur wenige Anachronien dieser Art, da sie nahezu durchgängig chronologisch erzählt wird. Ein exemplarisches Beispiel für eine Analepse findet sich im sechsten Kapitel des Buches. Tonio Kröger besucht sein Elternhaus, in dem sich nun eine Bibliothek befindet und sieht sich dort um. („[…] das war das Schlafzimmer gewesen […]. Tonio hatte am Fußende seines Sterbebettes gesessen […]“ 6 ). Diese Analepse führt in der Chronologie der Ereignisse um mehrere Jahre in die Vergangenheit des Protagonisten zurück. In ihr wird jedoch ein großer Teil erzählter Zeit umfasst. Sie erwähnt den Tod der Großmutter, den des Vaters, die neuerliche Heirat der
4 Matias Martinez und Michael Scheffel 2002. S. 31
5 Vgl. Martinez/Scheffel 2002. S.33ff
6 Thomas Mann 1996. S. 49
4
Mutter und gewährt einen Rückblick auf seine eigenen literarischen Gehversuche. Die Reichweite d.h. der zeitliche Abstand, auf den sich der Einschub bezieht, und dem gegenwärtigen Augenblick der Geschichte beträgt ca. 13-14 Jahre 7 . Ein weiteres Beispiel findet sich im achten Kapitel „Mehrere Tage war es trüb und regnicht gewesen; jetzt aber spannte sich der Himmel wie aus straffer, blaßblauer Seide schimmernd klar über See und Land“ 8 Auch hier wird wieder eine Begebenheit nachträglich dargestellt, die sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt ereignet hat. Die Analepse hier führt nunmehr nur ein paar Tage in der Chronologie der Geschichte zurück, in der der Umfang ebenso nur einige Tage beträgt. Für beide Beispiele gilt, dass sie an die Perspektive der Figur Tonio Krögers gebunden sind.
2.2. Dauer
Unter der Dauer versteht man die Variationen des Verhältnisses von Erzählzeit und erzählter Zeit. Hierbei werden fünf Grundformen unterschieden. Man nennt sie zeitdeckendes, zeitdehnendes und zeitraffendes Erzählen, sowie Zeitsprung (Ellipse) und Pause. 9
Zeitdeckendes Erzählen findet sich in Thomas Manns Toni Kröger beispielsweise im vierten Kapitel. Auf Seite 29 beginnt in Zeile 23 ein Dialog zwischen Tonio und seiner Freundin Lisaweta. Die Erzählzeit und die erzählte Zeit sind in diesem Abschnitt gleich. Sie decken sich. Man spricht auch vom szenischen Erzählen, da sich ein solcher Figurendialog z.B. in Drehbüchern wieder finden lässt, welche für eine Inszenierung geschrieben wurden. Der erwähnte Dialog setzt sich fort bis zum Ende des Kapitels und bleibt beständig zeitdeckend. Bei dieser Form der Darstellung zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit wird ein konstantes Erzähltempo beibehalten.
Auffällig sind die Ellipsen, welche zw ischen den verschiedenen Kapiteln vom Autor verwandt wurden. Die Zeitsprünge zwischen ihnen sind am Beginn der Novelle größer, verkleinern sich aber kontinuierlich zum Ende hin. Der Sprung zwischen zweitem und drittem Kapitel beträgt ein bis drei Jahre. Der Sprung zwischen vierten und fünften hingegen überbrückt nur einen Sommer. Bei der
7 Vgl. Martinez/Scheffel 2002. S. 35
8 Thomas Mann 1996. S. 61
9 Vgl. Martinez/Scheffel 2002. S. 41
5
Arbeit zitieren:
Benjamin Kirchler, 2003, Erzähltextanalyse der Novelle 'Tonio Kröger', München, GRIN Verlag GmbH
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