Der Begriff „Sicherheit“ und sein Antagonismus „Unsicherheit“ haben nicht erst
nach den Anschlägen des 11. September 2001 eine besondere Beachtung in den
gesellschaftlichen Resonanzkörpern Presse, Medien und Politik gefunden,
sondern waren schon vorher dazu geeignet, Ängste zu wecken, Befürchtungen
hervorzurufen und Besorgnis zu evozieren. Dass sich mit dem Schlagwort
„Unsicherheit“ besonders nachhaltig politische Stimmungen erzeugen lassen und
parteipolitisch ausgenützt werden, ist nicht nur der Wahlkampfpropaganda
geschuldet, sondern gründet vielmehr auf einer Grundtendenz der modernen
Gesellschaft. Das Gefühl in einer unsicheren Gesellschaft zu leben hat in den
letzten 30 - 40 Jahren stark zugenommen, wie man aus Meinungsumfragen des
Allensbach-Instituts von 1991 schließen kann.1 Auch im ausgehenden 19.
Jahrhundert wird immer wieder über die Zunahme von „Unsicherheit“ geklagt;
nur die auslösenden Momente für dieses Gefühl sind z. T. verschieden. Heute
wecken die drohende Arbeitslosigkeit, der übermäßige Zuzug von Ausländern und
die steigende Kriminalität Unsicherheit, im 19. Jahrhundert waren es die
Landflucht in die Städte, die Sittenlosigkeit in den expandierenden urbanen
Zentren und der Gegensatz zwischen besitzender und arbeitender Klasse. Obwohl
objektiv betrachtet immer mehr Risiken und Bedrohungsfaktoren im Lauf der
Jahrzehnte und Jahrhunderte beherrschbar gemacht wurden, beispielsweise durch
die Schaffung von Versicherungen (z. B. gegen Arbeitslosigkeit, gegen Brände
schon im 18. Jh.) und die Gründung von Polizeien und Gendarmerien (z. B. zur
Kriminalitätsbekämpfung), nimmt das Bedürfnis nach Sicherheit nicht ab, sondern
eher zu. [...]
1 Vgl. Ekkehard Lippert et al. (Hrsg.): Sicherheit in der unsicheren Gesellschaft, Opladen 1997, S.
7. – Im Datenreport 1999 konstatiert Heinz-Herbert Noll basierend auf Daten von 1998, dass „[i]m
Vergleich mit anderen Aspekten der Lebensverhältnisse […] die Zufriedenheit mit der öffentlichen
Sicherheit ausgesprochen niedrig“ ist, obwohl seit 1993 die Zufriedenheit in diesem Bereich
tendenziell steigt. Heinz-Herbert Noll: Öffentliche Sicherheit und Kriminalitätsbedrohung. In:
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik
Deutschland, [= Schriftenreihe der BpB; Bd. 365], Bonn 2000, S. 521 – 529, hier: S. 521.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Einführung
2. Zielsetzung
3. Vorgehensweise
II. Theoretische Grundlagen
1. Recherche, Quellen und wichtige Sekundärliteratur
1.1 Recherche
1.2 Quellen
1.3 Wichtige Sekundärliteratur
2. Historische Voraussetzungen für Fürths Aufstieg im 19. Jahrhundert
3. Demographie und kommunaler Haushalt
3.1 Demographische Entwicklung im 19. Jahrhundert
3.2 Wachstum des kommunalen Haushalts
4. Polizei- und Gendarmeriewesen in Bayern
4.1 Polizei
4.1.1 Zum Begriff „Polizei“
4.1.2 Forschungsthesen zur Polizei und ihren Aufgaben im 19. Jahrhundert
4.1.3 Institutionelle Polizei
4.2 Gendarmerie
5. Das System der städtischen Selbstverwaltung
III. Sicherheitsinstitutionen in Fürth
1. Kommunale Sicherheitsorgane
1.1 Bürger- und Sicherheitswehren
1.2 Feuerwehren
1.3 Flurer
1.4 Förster
1.5 Nachtwächter
1.6 Turmwächter
1.7 Distriktsvorsteher
1.8 Polizeisoldaten
1.9 Zusammenfassung
2. Staatliche Sicherheitsorgane
2.1 Polizeisenat
2.2 Gendarmerie
2.3 Landwehr
2.4 Linienmilitär
2.4.1 Fürths erste Bewerbung um eine Garnison 1866
2.4.2 Fürths zweite Bewerbung um eine Garnison 1871
2.4.3 Die Garnisonsstationierung in Fürth 1890
2.4.4 Einsätze des Militärs zu Zwecken der inneren Sicherheit
2.4.5 Militär als Sicherheitsrisiko
2.5 Zusammenfassung
IV. Beispiele für Tumulte, Exzesse und Krawalle
1. Der Silvestertumult 1843
2. Der Bierkrawall 1866
3. Der große Kirchweihexzess 1872
4. Der Ausstand der Holz- und Glasarbeiter 1896
V. Zusammenfassung der Ergebnisse
VI. Verzeichnisse, Glossar und Register
1. Ungedruckte Quellen
2. Gedruckte Quellen
2.1 Chroniken, Adressbücher und Physikatsberichte
2.2 Zeitungen
2.3 Quellensammlungen
3. Handbücher
4. Sekundärliteratur
5. Bilder, Stadtpläne und Fotografien
6. Abkürzungen
7. Glossar
8. Register
8.1 Orts- und Straßenregister
8.2 Personen- und Namensregister
8.3 Sachregister
VII. Anhang
1. Polizeipersonal in Fürth im 19. Jahrhundert
2. Wichtige Quellentexte
2.1 Ausschnitt aus dem Intelligenz-Blatt der Stadt Fürth von Montag, den 25. Dezember 1843, Nr. 103
2.2 Protokoll der Versammlung des Polizeisenats vom 30. Dezember 1843
2.3 Öffentliche Bekanntmachung des Stadtmagistrats vom 1. Januar 1844
2.4 Ausschnitt aus dem Intelligenz-Blatt der Stadt Fürth von Donnerstag, den 4. Januar 1844, Nr. 2
2.5 Ausschnitt aus dem Intelligenz-Blatt der Stadt Fürth von Montag, den 8. Januar 1844, Nr. 3
2.6 Bekanntmachung des Stadtmagistrats der Stadt Fürth vom 4. Mai 1866
2.7 Aufruf der Stadtverwaltung an die Bürgerschaft Fürths 1866
2.8 Ausschnitt aus dem Amts-Blatt für die Gerichts- und Verwaltungs-Bezirke Fürth und Heilsbronn von Montag, den 15. April 1867
2.9 Ausschnitt aus dem Fürther Tagblatt von Freitag, den 14. Juli 1871, Nr. 167
2.10 Artikel über den Kirchweihtumult 1872 in den Fürther Neusten Nachrichten von Mittwoch, den 2. Oktober 1872
2.11 Artikel aus den Fürther Neusten Nachrichten von Dienstag, den 26. November 1872, Nr. 283
2.12 Artikel aus der Fürther Neusten Nachrichten von Freitag, den 20. Dezember 1872, Nr. 304
2.13 Abschrift eines Briefs des Ministeriums des Inneren an die Kreisregierungen das polizeiliche Dienstpersonal betreffend (1840)
2.14 Brief der Kreisregierung Mittelfranken an den Stadtmagistrat Fürths (1840)
3. Lebenslauf
4. Erklärung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Professionalisierung der städtischen Sicherheitsorgane in Fürth während des 19. Jahrhunderts. Im Fokus steht die Frage, wie die schnell wachsende Industriestadt auf die Herausforderungen von Kriminalität, Tumulten und anderen Gefahren reagierte und welche Rolle staatliche Institutionen sowie das Militär dabei spielten.
- Professionalisierung der städtischen Polizei (Schutzmannschaft)
- Die Rolle der Feuerwehr im urbanen Sicherheitsgefüge
- Entwicklung des städtischen Haushaltes in Bezug auf Sicherheitsaufgaben
- Konfliktfeld zwischen Zivilgesellschaft und Militärpräsenz
- Umgang mit lokalen Unruhen und Krawallen (Beispielfälle)
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Fürths erste Bewerbung um eine Garnison 1866
Fürths erste Bewerbung um die Stationierung von Militär rührt aus dem Jahr 1866. Nachdem die örtlichen Bierbrauer den Bierpreis angehoben hatte, war es zu einem Teuerungskrawall gekommen, bei dem drei Braustätten (Grüner, Mailaender und Humbser) in erhebliche Mitleidenschaft gezogen wurden. Da die drei Brauer von der Gemeinde Schadensersatz forderten, war auch die Gemeinde mittelbar involviert. Sie war gezwungen – und gesetzlich verpflichtet – die Schadensersatzkosten auf die steuerzahlenden Gemeindemitglieder umzulegen. Im Magistrat und im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten wurde nun überlegt, wie für die Zukunft ein solcher Krawall zu vermeiden wäre, zumal den Gemeindevertretern der Silvestertumult von 1843 noch in schlechter Erinnerung war. Man glaubte, eine Garnison hätte eine abschreckende Wirkung auf die Tumultanten ausgeübt, doch auch München (1865) und Nürnberg (1866) wurden ja von Bierkrawallen geschüttelt, obwohl sie über reguläres Militär verfügten; z. T. waren die Soldaten sogar Auslöser der Katzenmusiken und Protestkrawalle wegen Preiserhöhungen. Aber der Wunsch nach einer systemerhaltenden Sicherheitsreserve in Verbindung mit den wirtschaftlichen Vorteilen, die man sich von einer Stationierung versprach, führten dazu, dass eine Kommission aus den beiden kommunalen Kammern eine Anfrage an des Kriegsministerium richtete, ob eine Stationierung in Fürth erfolgen könne.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema Sicherheit im 19. Jahrhundert ein, definiert den Forschungsrahmen am Beispiel der Stadt Fürth und legt die methodische Vorgehensweise dar.
II. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die Quellenlage, skizziert die historische Entwicklung Fürths im 19. Jahrhundert und beleuchtet die allgemeinen Strukturen des Polizei- und Gendarmeriewesens in Bayern.
III. Sicherheitsinstitutionen in Fürth: Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen kommunalen und staatlichen Sicherheitsorgane in Fürth, deren Aufgabenbereiche sowie deren Professionalisierungsprozesse im Zeitverlauf.
IV. Beispiele für Tumulte, Exzesse und Krawalle: Hier werden konkrete historische Fälle von Unruhen wie der Silvestertumult 1843, der Bierkrawall 1866, der Kirchweihexzess 1872 und ein Streik 1896 detailliert untersucht.
V. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit fasst die wesentlichen Entwicklungen der Sicherheitsarchitektur Fürths zusammen und bewertet den Trend zur Professionalisierung und staatlichen Lenkung.
VI. Verzeichnisse, Glossar und Register: Dieses Kapitel umfasst die Quellenverzeichnisse, eine Auflistung der Sekundärliteratur, ein Fachglossar sowie detaillierte Register zur Orientierung.
VII. Anhang: Der Anhang enthält tabellarische Auflistungen zum Polizeipersonal sowie wichtige Quellentexte in Form von Briefen und Bekanntmachungen.
Schlüsselwörter
Sicherheit, Fürth, 19. Jahrhundert, Polizeiwesen, Gendarmerie, Militär, Garnison, Industrialisierung, Urbanisierung, Schutzmannschaft, Krawalle, Brandbekämpfung, Stadtverwaltung, Sozialkontrolle, Professionalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung städtischer Sicherheitskonzepte und Institutionen in der Industriestadt Fürth während des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Umgestaltung der Polizeiorganisation (Polizeisoldaten zu Schutzmannschaften), das Feuerlöschwesen, die Rolle des Militärs als Sicherheitsreserve sowie der Umgang mit sozialen Unruhen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die städtische Sicherheit durch Professionalisierung von städtischen Einrichtungen hin zu staatlich legitimierten Vollzugsorganen wandelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenfundierten historischen Analyse von Archivmaterialien, Lokalchroniken, zeitgenössischen Zeitungsberichten und kommunalen Verwaltungsprotokollen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Betrachtung der verschiedenen städtischen Sicherheitsinstitutionen (von Nachtwächtern bis hin zum Militär) und analysiert beispielhaft konkrete Exzesse und soziale Konflikte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit den Begriffen Sicherheit, Industrialisierung, Polizeiwesen, Garnison, Urbanisierung und soziale Kontrolle in Fürth beschreiben.
Warum bemühte sich die Stadt Fürth so intensiv um eine eigene Garnison?
Neben wirtschaftlichen Prestigegründen war der Hauptgrund die Erwartung, durch eine dauerhafte militärische Präsenz eine abschreckende Wirkung gegen soziale Unruhen und Arbeiterunruhen zu erzielen.
Welche Rolle spielte der Silvestertumult von 1843 für die weitere Sicherheitsentwicklung?
Er fungierte als ein zentrales Ereignis, das dem Magistrat die Grenzen der eigenen polizeilichen Kräfte aufzeigte und die Diskussion um eine notwendige militärische Unterstützung verstärkte.
- Quote paper
- Markus Wawrzynek (Author), 2002, Eine der ruhigsten und dem Gesetze folgsamsten Städte[.] des Königreichs? Sicherheitsinstitutionen in Fürth im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21998