INHALT
Vorwort 3
1. Einleitung 4
2. Propaganda 11
2.1. Begriffsbestimmung 11
2.2. Propagandaverständnis im Nationalsozialismus 13
2.3. Grundlagen der NS-Propaganda 14
2.4. Umsetzung der Propagandatheorie 16
2.4.1. Ansätze zur Wirkungserklärung nationalsozialistischer Propaganda 18
2.4.2. Feindbilder 20
2.4.3. Sprachregelung 21
2.5. Spielfilm als Propagandainstrument im Dritten Reich 28
2.6. Zusammenfassung 34
3. Antisemitismus im Dritten Reich 37
3.1. Ursprünge der NS-Rassenideologie und Stellenwert im nationalsozialistischen
Weltbild 37
3.2. Rassismus im nationalsozialistischen Weltbild 40
3.3. Antisemitische Propaganda im Dritten Reich 43
3.3.1. Das jüdische Feindbild und seine sprachliche Gestaltung 44
3.3.2. Antisemitische Filmpropaganda 50
3.4. Zusammenfassung 56
4. Der Robert-Koch Spielfilm 58
4.1. Entstehungszusammenhang des Filmes 58
4.1.2. Produktionsdaten 58
4.1.3. Produktionsbeteiligte 58
4.1.4. Distribution und Förderung des Filmes 65
4.2. Besprechung in Filmkritiken 67
4.3. Beurteilung des Filmes in der Nachkriegsliteratur - Forschungsstand 70
4.4. Zusätzliche Kontextinformationen 75
4.4.1. Medizin und Medizinerfilm im Dritten Reich 75
4.4.2. Darstellung historischer Personen 76
5. Produktanalyse 82
5.1. Gliederung bzw. Segmentierung des Spielfilmes 82
5.1.1. Akteinteilung 82
5.1.2. Einteilung in Sequenzen und Subsequenzen 84
Übersicht I: Sequenzen (Inhalt) 85
Übersicht II: Sequenzen/Subsequenzen (Zeit) 94
5.2. Beschreibung des Verlaufsprotokolls 98
5.3. Auswertung 99
5.3.1. Gestaltung des Filmes 99
5.3.2. Untersuchung von manifesten propagandistischen
Elementen des Filmes 101
5.4. Feinanalyse - Untersuchung des Feindbildes im Spielfilm 112
5.4.1. Auswahl und Protokollierung der Schlüsselszenen 113
Übersicht III: Einstellungsprotokolle (Kategorien) 114
5.4.2. Untersuchung des Filmes auf latente propagandistische Inhalte 116
6. Zusammenfassung der Ergebnisse 126
7. Literatur- u. Quellenverzeichnis 130
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VORWORT
Für die in dieser Arbeit vorgenommene Analyse des Spielfilms "Robert Koch - Der Bekämpfer des Todes" wurde eine Fassung des Filmes in Länge von 3098 m verwendet, die im Bundesarchiv in Koblenz vorliegt. Die Länge, die das Bundesarchiv selbst mit 3187 m angibt, kommt durch die dort gängige Zählweise zustande, die von der sonst üblichen differiert.
Diese Fassung ist die längste, die heutzutage existiert. Der Film hatte ursprünglich eine Länge von 3169 m, wobei die fehlenden 71 m durch Kopierschwund verloren gegangen sind.
An dieser Stelle möchte ich mich beim Deutschen Institut für Filmkunde in Frankfurt bzw. Wiesbaden, dem heutigen Rechtsinhaber des Filmes, und dem Bundesarchiv in Koblenz für die Erlaubnis bedanken, den Film zu benutzen, sowie beim Filmmuseum, München - besonders bei Frau Weniger - wo mir für die Filmsichtung die Räumlichkeiten zur Verfügung standen.
Mein Dank gilt ebenfalls Frau Professor Dr. Ursula E. Koch und Herrn Dr. Martin Loiperdinger, ohne dessen Unterstützung die Verwirklichung dieser Arbeit auf große Probleme gestoßen wäre.
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nicht nur das Werk, sondern auch die dargestellte Wirklichkeit zu erfassen", kann gewährleistet werden, daß auch latente Inhalte des Filmes, hinter den manifesten, wahrgenommen werden.
Zur Auswahl des "Robert Koch"-Filmes führten verschiedenen Punkte. Zum einen fiel auf, daß der scheinbar biographische Film eine Selektion vornimmt und nur den Ausschnitt aus Kochs Leben zeigt, in dem er den Tuberkelbazillus entdeckt. Seine sonstigen Entdeckungen, die ebenfalls von großer medizinischer Bedeutung waren sowie seine Anstrengungen, einen Impfstoff gegen die Tuberkulose zu entwickeln, werden im Film nicht be-handelt. Gleichzeitig kommt es im Film durch verschiedenen Gestaltungsmittel zu einer eindeutigen Polarisierung zwischen Gut und Böse, die zu der Vermutung Anlaß gab, daß der Film tendenziös ist und eine propagandistische Absicht verfolgt. Die sprachliche Gestaltung bestimmter Passagen weist außerdem darauf hin, daß im Film ein Feindbild aufgebaut wird, das nicht mit den Gegenspielern identisch ist. Der Konflikt Kochs mit den verschiedenen Personen hat nichts mit seinem eigentlichen Kampf gegen den Bazillus und die Krankheit, die dieser verursacht, zu tun. Diese Punkte gaben Anlaß, das Feindbild des Filmes genauer zu untersuchen, das durch seine sprachliche Gestaltung an das jüdische Feindbild des Nationalsozialismus, das häufig mit parasitologischen Metaphern umschrieben wurde, erinnert.
Der "Koch"-Spielfilm wird in der Fachliteratur allgemein als Propagandafilm betrachtet. Dabei wird er jedoch immer nur auf seine manifesten propagandistischen Inhalte untersucht, auf jene Aussagen, die werkimmanent zu erschließen sind. Keine der Arbeiten geht dabei auf das Feindbild im Film ein und untersucht dessen sprachliche Parallelen zur Feindbilderzeugung im propagandistischen Kontext der Entstehung und Aufführung des Filmes.
Die vorliegende Arbeit will deshalb nicht nur die manifeste Propaganda des Filmes analysieren, sondern ebenso latente Gehalte des Filmes finden. Dafür sollen jene Punkte des Filmes untersucht werden, die Ansätze für weite Interpretationsräume bieten, die nur durch und im Kontext der Situation des Dritten Reiches zu erschließen sind. Um dies zu erreichen, müssen in der Analyse des Filmes daher Aspekte berücksichtigt werden, die die konnotative Ebene beeinflussen, d.h. all jene Faktoren, die Begriffen bestimmte zusätzliche Bedeutungen geben. Im Endeffekt soll dadurch eine mögliche Wechselwirkung der Aussagen des Filmes mit anderen Aussagen des propagandistischen Systems des Dritten Reiches aufgezeigt werden.
Besonders im Nationalsozialismus, mit seinem System permanenter Ansprache, sollten einzelne Aussagen nicht losgelöst aus ihrem Kontext betrachtet werden. Erst in ihrer Er-
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gänzung und innerhalb des Systems können ihre Bedeutungen, und dabei ganz besonders die konnotativen, vollständig erschlossen werden.
Als zentrale Fragestellung der Untersuchung ergibt sich daher, ob das im Film aufgebaute Feindbild, eingebunden in die komplexen propagandistischen Aussagen eines Umfeldes, das sehr stark mit Metaphern arbeitet, durch konnotative Verschiebungen, d.h. durch zusätzliche Bedeutungen, die ursprünglich nicht mit den Begriffen verbunden sind, Ansätze bietet für eine antisemitische Interpretation. Mit anderen Worten, bestand die Möglichkeit, den Feind des Filmes, den Bazillus, mit dem in der Propaganda dargestellten Feindbild Jude zu assoziieren?
Dies würde bedeuten, daß der Film latente Inhalte aufweist, die so heute nicht mehr ohne weiteres verständlich sind.
Interessant ist dabei, daß der Film, obwohl er als Propagandafilm kategorisiert wird, nach dem Krieg nicht verboten wurde und von der FSK, allerdings mit Einschränkungen, zugelassen wurde. Ebenso ist der Film heute in einer gekürzten Fassung, als Video, frei zugänglich. Geht man jedoch davon aus, daß der Film sich von seinen propagandistischen Aussagen durch einige Schnitte 'bereinigen' läßt, bedeutet dies, daß diese Aussagen sich auf einige wenige Momente des Spielfilms beschränken müßten. Das genaue Gegenteil soll die nachfolgende Untersuchung beweisen: Der Film propagiert weit mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist.
An dieser Stelle soll jedoch explizit betont werden, daß diese Arbeit nicht beweisen will, daß es sich bei "Robert Koch" um einen antisemitischen Film handelt. Vielmehr soll dargestellt werden, daß der Film die Möglichkeit für Rückschlüsse auf antisemitische Vorstellungen bietet und damit schon vorhandene antisemitische Einstellungen des Rezipienten unterstützt bzw. diesen gegenüber antisemitischen Aktionen abstumpfen läßt. Hierbei muß berücksichtigt werden, daß der damalige Zuschauer permanent mit antisemitischen Aussagen konfrontiert war, auch schon lange vor 1933. Die Propaganda griff auf lange Wurzeln zurück. Durch die Nationalsozialisten fanden dann die parasitologischen Metaphern bezüglich der Juden immer mehr Verbreitung. Dabei stellt sich noch einmal die Frage, ob die Möglichkeit bestand, die Metaphorik des Filmes mit der antisemitischen Metaphorik gleichzusetzen, ob der Bazillus im Film unter Umständen als Allegorie verstanden wurde.
Was die Untersuchung nicht zeigen kann, ist, ob die beschriebenen propagandistischen Aussagen von der Produktionsseite her geplant waren. Hierfür fehlen die Produktionsunterlagen des Filmes. Auch in den Akten des Propagandaministeriums, die im Bundesarchiv
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Subsequenzen bezeichnet. Nach welchen Gesichtspunkten diese Untergliederung vorgenommen wurde, soll in Kapitel 5.1. noch ausführlich geschildert werden. Um den Film in seiner Gesamtgestaltung und auf seinen inhaltlichen Verlauf untersuchen zu können und um ihn zitierbar zu machen, wurde ein Verlaufsprotokoll auf der Basis der Sequenzen und Subsequenzen angefertigt. Ziel des Verlaufsprotokolls war es, den Film als Ganzes schriftlich zu fixieren, wobei der Hauptaugenmerk auf den Handlungsverlauf und die Dialoge gerichtet wurde. Gestalterische Mittel wurden an dieser Stelle weniger berücksichtigt, jedoch nicht ganz außer Acht gelassen. Sie befinden sich als Anmerkungen in dem Protokoll. Ziel dieses Analyseschrittes war es, die Struktur des Filmes und die Gestaltung der Einzelpersonen festzustellen und an ihnen manifeste propagandistische Aussagen ausfindig zu machen.
Die anschließende Feinanalyse untersucht ausgewählte Schlüsselszenen danach genauer auf das im Film aufgebaute Feindbild. Hierfür wurde ein quantifizierendes Verfahren angewendet, indem die einzelnen Einstellungen der verschiedenen Subsequenzen untersucht wurde. Dabei war es das Ziel, visuell-formale Gestaltungskriterien von den inhaltlich-auditiven zu trennen, um später deren qualitative Beziehung zueinander festzustellen und möglicherweise schon auf dieser Ebene tendenzgebende Gestaltungsmerkmale des Filmes - die rezeptionsleitenden Signale, nach Korte - ausfindig zu machen. Die Auswahlkriterien für die Schlüsselszenen sowie die genaue Kategorisierung der Einstellungsprotokolle wird in Kapitel 5.4.1. noch genauer dargestellt. Anschließend werden die Ergebnisse der quantitativen Analyse mit den inhaltlichen Aussagen des Filmes verglichen und zu dem im ersten Teil erarbeiteten Kontext in Beziehung gesetzt. Hierdurch soll gewährleistet werden, daß sowohl interpretativ als auch assoziativ, bezüglich der Möglichkeiten zusätzlicher Bedeutungsinhalte einzelner Elemente argumentiert wird, und auf mögliche Parallelen in der Gestaltung von Feindbildern geachtet wird.
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Interessant ist Hitlers Instrumentalisierung von Erziehung, die hier, im Gegensatz zur schon erwähnten Auffassung, nicht als positives Gegenstück zu Propaganda steht, sondern diese ergänzt. Erziehung soll von Beginn an gewährleisten, daß die Jugend von klein auf zur Systemkonformität angehalten wird. Im Mittelpunkt steht die "körperliche Ertüchtigung", deren Aufgabe das "Heranzüchten kerngesunder Körper" 22 ist, dies natürlich unter dem Aspekt der militärischen Verwertbarkeit.
Durch die Organisation jeder Altersstufe in verschiedenen Verbänden, wie Hitlerjugend, Arbeitsdienst, SA u.v.m., wird die Einflußmöglichkeit auf den Einzelnen gewährleistet. Teilnahme an propagandistischen Veranstaltungen sowie erzieherischen Maßnahmen wird Pflicht.
Zu Propaganda erklärt Hitler, daß diese "sich ewig nur an die Masse zu richten" 23 hat, womit er sie von wissenschaftlicher Belehrung abgrenzt, die sich an die Intelligenz des Staates richtet.
"Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Tatsachen, Vorgänge, Notwendigkeiten usw., deren Bedeutung dadurch erst in den Gesichtskreis der Masse gerückt werden soll." 24
Um zu erreichen, "daß eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigem usw. entsteht" 25 , muß Propaganda an das Gefühl gerichtet sein.
"Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll." 26
Dies bedeutet, daß sich Propaganda nach der emotionalen Vorstellungswelt der breiten Masse richten muß, um deren Aufmerksamkeit zu erregen und sie gefühlsmäßig zu aktivieren.
"Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch be-
22 AdolfHitler, 1974, S. 103,104.
23 Adolf Hitler ebd., S. 109.
24 Adolf Hitler, zit in: ebd., S. 110.
25 Adolf Hitler, zit in: ebd., S. 110.
26 Adolf Hitler, zit in: ebd., S. 110.
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Annahme Hitlers von der Allmacht der Propaganda so nicht haltbar ist. Keineswegs wurde der Zuhörerschaft willkürlich ein fremder Wille aufgezwungen, sondern war ganz im Gegenteil, "die propagandistische Formierung herrschaftskonformer Meinungen immer auf die Berücksichtigung der aktuellen Zustände des Massenbewußtseins angewiesen" 41 . Dadurch ergibt sich, daß Meinungs-Kontrolle wesentlicher Bestandteil des NS-Propagandasystems ist, und zwar nicht nur zur Verfolgung Andersdenkender als Teil des Terrors, sondern als "wesentliche Vorbedingung für das Funktionieren der auf Konsens angelegten Integrationsbemühungen des Systems" 42 .
Propagandistische Erfolge sind demnach laut Bohse zurückzuführen auf die genaue Kenntnis der Situation des Zuhörers auf Seiten des Propagandisten als auch auf die entsprechende Umsetzung und Inszenierung der propagandistischen Botschaft.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ulrich Nill, der davon ausgeht, "daß Propaganda ein Angebot darstellt, das ein ihm entsprechendes Bedürfnis voraussetzt, um angenommen zu werden" 43 . Mit anderen Worten fußt Propaganda beim Zuhörer nur dann, wenn er im Grunde genommen schon vorher von der propagandistischen Botschaft überzeugt, zumindest aber mit ihr sympathisiert hat.
"Der Propagandist äußert demnach nur das, wovon er weiß, daß es bei seinem Publikum ankommt" 44 .
Sowohl Bohse als auch Nill kommen deshalb zu dem Schluß, daß die nach dem zweiten Weltkrieg gängigen Thesen der "Rechtfertigungsliteratur", die alle gesellschaftlichen Entwicklungen im Dritten Reich "der Dämonologie eines Führers" 45 anlastet, so nicht haltbar seien. Durch die Pauschalisierung zum allmächtigen Führer und "einer entstellenden Propaganda, der viele aus Unwissenheit zum Opfer fielen" 46 , wurde es ermöglicht, die Gesamtschuld des Dritten Reiches auf eine kleine Gruppe von Verführern zu konzentrieren und die Deutschen als Volk freizusprechen. Spricht man dem Volk einen eigenen Willen ab, so kann es für seine Taten auch nicht die Verantwortung übernehmen. 47 Geht man jedoch wie Nill davon aus, daß "bestimmte Bedürfnisse durch das ideologische 'Angebot' des
1 4 Jörg Bohse, 1988, S. 7.
2 4 ebd. S. 7.
3 4 Ulrich Nill, 1991, S. 47.
4 4 ebd. S. 49.
5 4 Jörg Bohse, 1988, S. 4.
6 4 Eberhard Jäckel, 1981, S. 146.
7 4 Vgl. Ulrich Nill, 1991, S. 33-36.
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Faschismus befriedigt wurden" 48 , wird deutlich, daß der Nationalsozialismus gewollt war, und die Bevölkerung die von ihm angebotenen Lösungsmuster akzeptierte. Die Manipulationsmöglichkeit für den Propagandisten besteht nur insofern, daß dieser der Bedürfnislage der Zuhörer entsprechende Lösungsmuster anbietet bzw. die Informationslage kontrolliert und alternative Lösungen vorenthält, um so in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dem Zuhörer wird so die Annahme der gängigen Vorstellung und Vorurteile erleichtert und die Suche nach eigenen, abweichenden Ansätzen erschwert. Angewandtes Mittel, um dies zu erreichen, ist das von Hitler geprägte Prinzip der Vereinfachung. Ulrich Nill der dieses "äußerst wirkungsvolle Mittel von Propaganda" 49 in seiner Arbeit untersucht, bezeichnet damit die Hitlers Propagandavorstellung entsprechende Reduktion komplexer Probleme auf zentrale Punkte, eine simplifizierende Schwarz-Weiß-Malerei in 'Gut und Böse'.
Damit nennt Nill, neben den schon erwähnten Charakteristika Führerprinzip und Gemeinschaftsmythos, das Freund-Feind-Schema als ein weiteres zentrales Mittel für die Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus. 50
2.4.2. Feindbilder
Ziel der Internalisierung von Feindbildern ist die Schuldzuweisung von Mißständen auf eine bestimmte Gruppe. Als Voraussetzung hierfür nennt Nill das Vorhandensein bestimmter, meist wirtschaftlicher Mißstände und den Drang zur Flucht in eine Art Kollektivempfinden, der Identifikation mit der Masse 51 .
"Gut ist die eigene Gemeinschaft. Böse und feindlich ist demnach, was außerhalb dieser Gemeinschaft steht. Es wird ein Feindbild geschaffen, das nun seinerseits wieder zu einem Mythos wird und in das alles Schlechte dieser Welt hineinprojiziert werden kann." 52
Auch Johannes Zischka stellt in seiner Untersuchung zur NS-Rassenideologie die Herausbildung eines bipolaren, dichotomischen Deutungsschemas im nationalsozialistischen Weltbild fest, "das auf möglichst viele gesellschaftliche und politische Phänomene
48 ebd. S. 36.
49 ebd. S. 53.
50 Vgl. ebd. S. 64.
51 Vgl. ebd. S. 65.
52 ebd. S. 59.
20
sachliche Informationen zu vermitteln und möglichst präzise Aussagen zu formulieren, sondern durch die Aufnahme vieler nicht-kognitiver Bedeutungselemente Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen, emotionell gestützte Einstellungen zu stabilisieren oder ins Wanken zu bringen, Handlungserwartungen zu stärken oder zu verändern." 71
Christoph Sauer prägt hierzu das Konzept der "Sprachpolitik", das er folgendermaßen
definiert:
"Mit sprachlichen und anderen symbolischen Mitteln Politik machen oder betreiben und dabei auch politikferne Lebensbereiche sprachlich zu politisieren." 72
Aufgabe des Propagandaminmisteriums war dabei die "Lenkung sprachpolitischen Ein-
greifens in die Erfahrungsaneignung der Menschen" 73 und deshalb die direkte Beeinflus-
sung der Presse, um durch inhaltliche und stilistische Vorgaben die "Schlagkraft" 74 der
Veröffentlichungen zu erhöhen. Ziel war es, neben der allgemeinen Politisierung, eine ein-heitliche Selbstdarstellung des Regimes zu erreichen.
Um zu veranschaulichen, auf welche Art und Weise es erreicht werden sollte, auch den
Alltag zu politisieren, soll hier kurz auf die Arbeit von Utz Maas eingegangen werden.
Maas zeigt anhand verschiedener Texte, u.a. aus dem Haushaltsbereich, aus dem bäuerli-
chen Bereich, aber auch aus politischen Reden, daß es das Ziel des Nationalsozialismus
war, alle gesellschaftlichen Schichten und Gruppen zu erreichen und in die nationalsozia-
listische Politik einzubinden 75 . Maas geht davon aus, daß durch Sprache eine alltägliche
"gesellschaftliche Reproduktion" 76 stattfindet und somit sich durch die Sprache die gesell-
schaftlichen Vorgänge wiederholen. Dadurch wirkt sie systemstabilisierend.
"Sie (die Sprache, Anm. d. Verf.) markiert als symbolische Ordnung das Feld der Vergesellschaftung, das bei wachsender gesellschaftlicher Differenzierung die hinter dem Rücken der Subjekte prozessierenden Faktoren, die die gesellschaftliche Einheit stiften, zugänglich macht. Die Vergesellschaftung selbst ist ein materieller Prozeß, verankert in der materiellen (Re)Produktion - 1 7 Johannes Zischka, 1986, S. 121.
2 7 Christoph Sauer, 1990, S. 255.
3 7 ebd. S. 283.
4 7 ebd. S. 283.
5 7 Utz Maas, 1984, S. 21-192.
6 7 ebd. S. 195.
24
über diese Vergesellschaftung kann nur verfügen (oder doch an der Verfügung über sie partizipieren), wer sie sich symbolisch aneignet." 77
Mit anderen Worten wird der Nationalsozialismus immer wieder reproduziert, wenn man erreicht, ihn in der Sprache zu verankern. Dies geschieht dadurch, daß die Faktoren beherrscht werden, die Sprache produzieren, die Sprache in das Familienleben hineintragen. Als Beispiel sei hier Maas' Analyse eines Flugblattaufrufs zur Abfallverwertung genannt
78 . In der Reihe 'Kampf dem Verderb' wird dafür geworben, dem Staat die Rohstoffe zukommen zu lassen, die mit Hilfe der Hitlerjugend eingesammelt werden. Nach Maas' Meinung dient diese Aktion nur zur "gesellschaftlichen Erfassung des Alltags" 79 , wobei die
permanente Präsens des Staates zum Ausdruck kommen und die Bevölkerung in propa-gandistische Aktionen einbezogen werden soll. Durch die mehr oder weniger erzwungene Beteiligung muß gleichzeitig auch das entsprechende Vokabular übernommen werden. Die Hitler-Jugend dient dabei als Verbindungsglied zwischen Staat und Volk. Ihre Aufgabe ist die Kontrolle der Haushalte und die Denunziation bei Nichtbeteiligung. Letztendlich zeigt sich hierbei, daß "Sprache im Faschismus als Moment der Verstaatlichung des Alltags, der Eliminierung von autonomen Räumen, von Widerstandspotentialen" 80 dient. Der Versuch des Ausbruchs aus der Reproduktion führt dabei zum Konflikt mit dem Herrschaftssystem.
Bezüglich der Sprachstrategien der Nationalsozialisten existiert eine Reihe von Untersuchungen. An dieser Stelle soll auf jene Strategien eingegangen werden, die für die vorliegende Arbeit von Bedeutung sind.
Zischka nennt in diesem Zusammenhang die Metapher als Stilmittel:
"Wichtig für die Überzeugungskraft der politischen Sprache ist auch die Verwendung von bildhaften Ausdrücken, Umschreibungen oder Metaphern, wodurch der emotionale Gehalt der Bildebene auf die Sachebene übertragen wird." 81
Dies bedeutet, daß durch die Beschreibung mit bildhaften Ausdrücken dem Zuhörer bestimmte Vorgänge anschaulich verdeutlicht werden, er sie emotional nachvollziehen kann, da er sie mit Erlebnissen aus seinem eigenen Erfahrungsschatz verbinden kann. Ein großer
77 ebd. S. 196.
78 ebd. 35-38.
79 ebd. S. 36.
80 ebd. S. 38.
81 Johannes Zischka, 1986, S. 122.
25
Teil der angewandten Metaphern stammte aus dem organischen und biologischen Bereich, bzw. aus der Medizin 82 , und diente vornehmlich der antisemitischen Propaganda. 83
"Metamorphisierungen bewirken eine Interaktion zwischen Wissenssystemen, die aus ganz unterschiedlichen Quellen stammen; aber diese Interaktion transferiert Plausibilitäten von einem in den anderen Bereich. Zwar braucht man die Verschiebung nicht mitzumachen, aber sie ist im ersten Verständnis unerläßlich und äußert sich als Bilder-Sog. Viele Metamorphisierungen dienen dazu, die gegen bestimmte Gruppen und Völker einzusetzenden politisch-ter-roristischen Mittel durch 'einleuchtende' Bildlichkeit akzeptabel zu machen." 84
Christoph Sauer beschreibt zudem ein weiteres taktisches Mittel der NS-Sprache, die Anspielungen:
"Sie zielen auf komplexe Rekonstruktionen der Vergewisserung und gemeinden den Lesenden ein. Wenn man sich nicht an die Beschränkung durch Rhetorik und Stilistik gebunden achtet, die Anspielungen als 'Stilmittel' betrachten, dann handelt es sich um ein Verfahren, mit dem einem Leser auf indirekte Weise zu verstehen gegeben wird, daß er zum Verständnis des Ausdrucks auf gemeinsame Erfahrungen mit dem Autor zurückgreifen kann oder muß." 85
In eine ähnliche Richtung zielt dabei das Konzept der Konnotation. Konnotation soll hierbei, nach Maas, das Phänomen sein, "daß jeder sprachliche Ausdruck in unserer Sprachbiographie durch den Kontext indiziert ist, in dem wir ihn kennengelernt habenjenseits seiner in Wörterbüchern explizierten Bedeutung bedeutet / bezeichnet jeder Ausdruck eben immer auch reflexiv die Situation, deren Artikulation er ermöglicht (hat)" . 86
Dies bedeutet, daß Begriffe neben der aktuellen Bedeutung immer auch eine zusätzliche Bedeutung haben, eine Bedeutung, die auf Erfahrung beruht. Durch Nennung eines Begriffs wird somit immer seine Nebenbedeutung assoziiert bzw. wird dieser in einen größeren, schon bekannten Kontext eingeordnet 87 .
82 Vgl. Ulrich Nill, 1991, S. 127.
83 ebd. S. 126/127; Vgl. auch Kapitel 3.3.1.
84 Christoph Sauer, 1990, S. 273.
85 ebd. S. 274.
86 Utz Maas. Sprache im Nationalsozialismus - Analyse einer Rede eines Studentenfunktionärs. in: Konrad Ehlich, 1989, S. 168.
87 Vgl. Utz Maas, 1984, S. 202 u. 228-231.
26
"Es kommt nicht darauf an, daß man einen Film machen kann, - die innere
Größe der Gesinnung muß mit den äußeren Mitteln übereinstimmen.
31
Albrecht geht bei seiner Kategorisierung davon aus, daß Filme manifest politisch propa-gandistisch (P-Film) sind, wenn sie "nach ihrem Inhalt und/oder nach ihrer öffentlichen Behandlung durch das RMVP (Reichsministerium für Volksaufklärung und Propa-ganda, d. Verf.) in der Öffentlichkeit als politisch-propagandistisch angesehen werden mußten" 110 . Er betont hierbei, daß nicht die Absicht, die vom Propagandaministerium mit dem Film verfolgt wurde, ausschlaggebend für die Unterscheidung ist, sondern allein der Eindruck der Bevölkerung.
Bezüglich des Inhalts, konkretisiert Albrecht, mußte ein Film dann als propagandistisch angesehen werden, wenn er sich mit "Einstellungen, Handlungen und Zeichen, wenn er Personen, Gruppen und Organisationen umfaßte, die vom Nationalsozialismus öffentlich als nationalsozialistisch bezeichnet wurden" 111 . Dabei muß die Definition auf jene geschichtlichen Vorbilder erweitert werden, die der Nationalsozialismus für sich vereinnahmt hatte. Als Indizes für die öffentliche Behandlung eines Films durch das RMVP dienen Presseanweisungen, Prädikate und öffentliche Äußerungen des Propagandaministeriums und seiner Beauftragten bezüglich des betreffenden Films. Anhand seiner Definition kommt Albrecht auf eine Gesamtzahl von 153 P-Filmen, die zwischen 1933 und 1945 uraufgeführt wurden. Auf Albrechts weitere Unterscheidung der restlichen 941 Filme mit latenter propagandistischer Funktion soll hier nicht weiter eingegangen werden 112 .
Die hohe emotionale Wirkung des Mediums Film resultiert nicht zuletzt aus deren Rezeptionssituation. Der Rezipient sitzt für gewöhnlich in einem dunklen Raum und seine Aufmerksamkeit konzentriert sich voll und ganz auf das Geschehen auf der Leinwand. Diese Situation ermöglicht eine intensive Teilnahme an der Spielhandlung, und damit eine starke Identifikation mit den Akteuren. 113 In diesem Zusammenhang ist die Arbeit Christoph B. Melchers' zu sehen.
Im Unterschied zu Albrecht untersucht Melchers' in seiner Arbeit die psychologische Wirkung der Filme selbst. Dabei geht er davon aus, daß sich durch die Untersuchung des Filmerlebens des Zuschauers, durch die Erfassung der "aktuellen Aufeinanderfolge des Verhaltens und Erlebens", während der Filmbetrachtung eine Gemeinsamkeit in der Struk-
110 GerdAlbrecht, 1969, S. 105.
111 ebd. S. 105.
112 Vgl. ebd. S. 108, 109: gemeint ist die Abgrenzung in heitere (H-)Filme, ernste (E-)Filme und Aktions (A-)Filme.
113 Vgl. Werner Faulstich, 1980: Faulstich charakterisiert die Rezeptionssituation durch visuelle, auditive und sensitive Einschränkungen, die den Zuschauer von der Außenwelt abgrenzen und seine Konzentration auf den Film gewährleisten.
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setzt werden, sodaß deren Emotionen nicht verlaufen, sondern sich konzentrieren und aktiv bleiben sollten.
Ebenfalls für propagandistische Zwecke wurden bestimmte Sprachregelungen getroffen. Dabei wurde Sprache als taktisches Mittel genutzt, das den Nationalsozialismus bis in den Alltag hineintragen, das alltägliche Leben quasi nationalsozialistisch infiltrieren sollte. Ziel war es, durch die alltägliche Sprache die immer wiederkehrende Reproduktion der Ideologie zu gewährleisten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Einführung 'Hitler-Gruß', der zur Pflicht wurde. Dieser Gruß sicherte die Reproduktion bis in den zwischenmenschlichen Kontakt, wobei sogar dem System ablehnend gegenüberstehende Personen zu einer Reproduktion des Nationalsozialismus beitrugen.
Als strategische Mittel stehen hierfür u.a. die Bedeutungsverlagerung bestimmter Wörter und die Metapher zur Verfügung. Die Metapher dient hierbei der bildhaften, emotionalen Darstellung bestimmter Sachverhalte, die so auf bestimmte Erfahrungsbereiche des Menschen zurückgreift, seine Vorstellungskraft mithilfe ihm bekannter Bilder aktiviert. Die Bedeutungsverlagerung dagegen schafft es, Wörter mit neuem Sinn zu belegen. Da jedes Wort für den Zuhörer bestimmte konnotative Bedeutungselemente besitzt, verbindet er es mit positiven und negativen Nebenbedeutungen. Durch Anspielung gelingt den Propagandisten dabei das Schaffen von Verbindungen zwischen einzelnen Begriffen und Situationen, die somit ebenfalls mit diesen Nebenbedeutungen besetzt werden. Auf diese Weise wird erreicht, komplexe Bedeutungszusammenhänge, in eine bestimmte Richtung hin, herzustellen.
Die Nutzung der Massenmedien spielt für die Propaganda eine entscheidende Rolle. Besondere Aufmerksamkeit kommt hierbei dem Massenmedium Film zu, das im Dritten Reich voll und ganz genutzt wurde. Jeder Film stand im Dienst der Propaganda und wurde dementsprechend in allen Phasen der Produktion sowie der Distribution kontrolliert. Den unpolitischen Film gab es nicht. Vielmehr lassen sich nur Filme unterscheiden mit manifester und solche mit latenter propagandistischer Absicht, wobei jeweils die zentralen Punkte nationalsozialistischer Weltanschauung in unterschiedlicher Intensität zu Tage treten. Auch im Film spielt die Gestaltung von Feindbildern eine Rolle. Fritz Hippler äußerte sich diesbezüglich seinen "Betrachtungen zum Filmschaffen", die mit einem Vorwort von Prof. Carl Froelich und einem Geleitwort von Jannings 1942 erschienen, folgendermaßen:
"Mit dieser sogenannten Moral hängt auch das zusammen, was man mit dem Wort Schwarzweißzeichnung anzuerkennen oder zu diskriminieren sich geeinigt hat. Im Film mehr als im Theater muß der Zuschauer wissen: Wen soll ich lieben, wen soll ich hassen? Mache ich zum Beispiel einen antisemitischen Film, so ist es klar, daß ich die Juden nicht sympathisch darstellen darf. Stelle
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Lutz Schmökel, 1992, Der Spielfilm "Robert Koch – Der Bekämpfer des Todes" im Kontext antisemitischer Propaganda im Dritten Reich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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