Der „Neo-Institutionalismus“ beschreibt nicht eine einzige Theorie, sondern dient als Oberbegriff, der drei unterschiedliche Theoriestränge in sich vereint: den soziologischen, den historischen und den rationalistischen Institutionalismus, welcher auch als Rational-Choice-Ansatz bezeichnet wird. Betrachtet man letzteren Argumentationsstrang etwas näher, so stellt man einige Parallelen zum Intergouvernementalismus einerseits und zum Neofunktionalismus andererseits fest. Möchte man nun Aufschluss über die spezifischen Vor- bzw. Nachteile des rationalistischen Institutionalismus erhalten, ist es unabdingbar, sowohl die Gemeinsamkeiten mit, als auch die Unterschiede zu den beiden anderen Theorien genauer zu beleuchten. Im Folgenden soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob man den neoliberalen Institutionalismus (in seiner rationalistischen Ausprägung) als eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus auffassen kann.
Hierfür werden zunächst die Charakteristika (Akteure, Motive, Prozess und internationales Umfeld) des Neoinstitutionalismus anhand der anderen beiden Integrationstheorien hergeleitet, um eine kritische Betrachtung zu ermöglichen.
Richten wir unseren Blick zunächst auf diejenigen Akteure, welche in den einzelnen Theorien als die wichtigsten aufgefasst werden: Der Intergouvernementalismus betont die Bedeutung von Nationalstaaten - genauer gesagt, deren Regierungen. 1 Diese vertreten den jeweiligen nationalen politischen Willen, der sich in innerstaatlichen Willensbildungsprozessen herauskristallisiert hat. In zwischenstaatlichen Verhandlungen versuchen sie einerseits, die Siche rheit des jeweiligen Staates in einer anarchischen Staatenwelt zu gewährleisten und dessen Macht zu erhalten, sowie andererseits den gesellschaftlichen Wohlstand zu steigern. 2 Sind die einzelnen Staaten von politischen und/oder ökonomischen Problemen betroffen, die sich nicht durch unilaterales Handeln lösen lassen, so kann (in zwischenstaatlichen Verhandlungen) die Bildung von Institutionen beschlossen werden. Diese Institutionen erleichtern die zwischenstaatliche Kooperation insofern, da sie zum einen Transaktionskosten reduzieren und dadurch Kooperationsgewinne
1 Moravcsik (1991), S. 26 f.
2 Rosamond (2000), S. 136 ff.
versprechen, und zum anderen die staatlichen Handlungsmöglichkeiten bezüglich eines gemeinsamen Problems erhöhen. 3
Gleichwohl muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass der Intergouvernementalismus den Institutionen selbst keine große Bedeutung beimisst. Sie sind lediglich zu verstehen als „outcome“ von Regierungskonferenzen, quasi als festes Verhandlungsergebnis, welches ausschließlich durch eine erneute Regierungskonferenz eine Veränderung erfahren könnte. 4 Ebenso ist es aus intergouvernementaler Sicht möglich, dass die Institution selbst keine optimale Problemlösung darstellt, da sie von Staaten geschaffen wurde, die aufgrund unterschiedlicher Interessen und Ziele zu einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners neigen. 5
Im Gegensatz dazu stellen im Neofunktionalismus nicht die Nationalstaaten, sondern nationale und supranationale Eliten sowie supranationale Institutionen die wichtigsten Akteure dar. Ziele dieser Akteure sind zum einen die Überwindung nationalstaatlicher Macht und dadurch die Schaffung von Frieden (ergo Sicherheit), und zum anderen die Mehrung von Wohlstand. 6 Angetrieben werden die Akteure dabei von funktionalen Sachzwängen, die sich ebenso wie im Intergouvernementalismus aus dem Unvermögen unilateraler Problemlösung ergeben, aber im Gegensatz zum Intergouvernementalismus auf die Interdependenenz moderner Industriestaaten abstellen. 7
Obgleich der Neofunktionalismus der einzige integrationstheoretische Ansatz ist, der alle drei Ebenen (subnational, national & supranational) des politischen Geschehens beleuchtet, so weist er doch einige Defizite auf: Die wohl größte Schwachstelle ist dabei, dass Nationalstaaten zu Akteuren unter vielen degradiert werden und ihnen weniger Handlungsspielraum eingeräumt wird als den o.g. Eliten und Institutionen. 8 Auch ist es von Nachteil, dass sowohl die sub- als auch die supranationale Ebene auf die Betrachtung weniger Eliten beschränkt wird. Diese Eliten folgen ihren eigenen Interessen und versuchen, diese durchzusetzen, indem sie die Integration voranzutreiben suchen, sofern sie sich davon einen Gewinn versprechen. 9 Dies hat zur Folge, dass sowohl innerstaatliche Faktoren (politische Kultur, politisches System, Parteienlandschaft und Regierung, Verfassung, ...) als auch eine spezifische Betrachtung supranationaler Institutionen von der Analyse ausgeschlossen
3 Woyke (2000), S. 483
4 Moravcsik (1991), S. 26 f.
5 Moravcsik (1991), S. 26 & 49 sowie Rosamond (2000), S. 141
6 Karolewski (2000), S. 27 f.
7 Woyke (2000), S. 482
8 Carporaso (1995), S. 33 f. & 36
9 Karolewski (2000), S. 27 f.
werden. Der Neofunktionalismus ersetzt die verschiedenen Aufgaben und Handlungsspielräume der einzelnen Institutionen und damit deren unterschiedlichen Einfluss auf politische Prozesse schlichtweg durch die Logik des „spillover“-Automatismus, demzufolge eine erfolgreiche Kooperation im Bereich der „low-politics“ zwangsläufig auf den Bereich der „high-politics“ übergreifen wird. 10
Der Neoinstitutionalismus greift einige Elemente der vorangegangenen Theorien auf: Ebenso wie der Intergouvernementalismus betrachtet er die Staaten als wichtigste Akteure. Allerdings sieht er in ihnen nicht die einzigen Akteure. Aus dem Neofunktionalismus übernimmt er die Vorstellung, dass supranationale Institutionen (zwar nicht die wichtigste, aber eine) bedeutende Rolle spielen. 11 Auf den ersten Blick scheinen sich diese Annahmen zu gleichen. Betrachtet man aber das Selbstverständnis der Staaten und die Differenziertheit der einzelnen Institutionen sowie die gegenseitigen Interdependenzen, so ergibt sich ein völlig neues Bild:
Aus neoinstitutionalistischer Sicht spielt weniger der Gedanke der Sicherheit oder der Wunsch nach Frieden und Wohlstand eine Rolle, sondern vielmehr der egoistische Wunsch nach Nutzenmaximierung (vgl. interessengeleitete Eliten im Neofunktionalismus). 12 Die Staaten werden hierbei als strategisch-rationale Akteure verstanden. Unter der Prämisse der optimalen Information sind Staaten in der Lage, aufgrund von Kosten-Nutzen-Kalkülen sämtliche Handlungsoptionen ihrer selbst und diejenigen anderer Staaten gegeneina nder aufzuwiegen und jene Handlungsweise zu präferieren, von der sie sich den größten Nutzen und die geringsten Kosten versprechen. 13 In einer anarchischen und interdependenten Staatenwelt kommt es deshalb weniger aus Systemzwängen (Intergouvernementalismus) oder aus funktionalen Sachzwängen (Neofunktionalismus), sonder vielmehr aus strategischrationalen Eigeninteressen der einzelnen Staaten zu einer Kooperation und somit zur Institutionenbildung. 14 Die Institutionen werden also aufgefasst als optimale Lösung für ein Problem, von dem me hrere Staaten betroffen sind. Durch eine Institutionenbildung könnenim Gegensatz zum Intergouvernementalismus - suboptimale Ergebnisse verhindert und eine maximale Ausnutzung von ökonomischen Ressourcen bzw. eine bestmögliche Lösung
10 Schaffner (?), S. 33
11 Geoffrey e.a. (1996), S. 294
12 Woyke (2000), S. 484
13 Tsebelis e.a. (2001), S. 386 f.
14 Obgleich der Neoinstitutionalismus auch auf der Interdependenztheorie aufbaut, werden die damit verbundenen (funktionalen) Sachzwänge nicht explizit geäußert.
Arbeit zitieren:
Sebastian Wiesnet, 2004, Der Neoinstitutionalismus - Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?, München, GRIN Verlag GmbH
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