-3-
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1. Die Modernisierungstheorien nehmen ihren Anfang. 6
1.1 Merkmale der traditionalen Gesellschaft. 8
1.2 Merkmale einer modernen Gesellschaft. 11
1.3 Modernisierungstheorie aus der Doppelperspektive von System- und Handlungstheorie 14
1.4 Die Rolle der Eliten im Modernisierungsprozess 16
2. Der Transformationsprozeß in Osteuropa und soziologische Theorie 18
2.1 Die Gründe des Zusammenbruchs aus Sicht der Transformationsforschung 20
2.2 Welche Ziele haben sich die Länder des Ostblocks. 24
im Prozeß der Transformation gesetzt ? 24
2.3 Entwicklungspfade der Transformation 26
Schlu ß 31
Literaturverzeichnis 33
-4- Einleitung
Nur wenige Wörter wecken so viele Assoziationen und bleiben doch so im Unbestimmten wie der Begriff der Moderne. Denken die einen vielleicht an die neuesten Errungenschaften in der Telekommunikation, verbinden die anderen mit der Moderne eine nie mehr endende Arbeitslosigkeit 1 . Um ein Verständnis von Moderne bzw. Modernisierung zu entwickeln, kann man sich nicht auf einen Zugang beschränken. Moderne umschließt z.B. die Entwicklung des Kapitalismus, die Monopolisierung der Gewalt, die Bürokratisierung und Demokratisierung, die Rationalisierung des Rechtes und die Herausbildung von Bürgerrechten 2 und eine Vielzahl von weiteren Aspekten.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Sozialwissenschaften intensiv mit der Moderne 3 beschäftigt und dabei selbst einen Entwicklungsprozess durchgemacht. Zunächst wurde in den sechziger Jahren der Versuch unternommen, den Modernisierungsprozess, seine Bedingungen und Triebkräfte sowie seine Entwicklungspfade allgemein zu beschreiben. Diese Forschung war geprägt durch die Frage: „Wie sind wir so geworden wie wir sind und was können andere tun, um es uns gleichzumachen ?” Diesem Ansatz wurde der Vorwurf gemacht, „modernization” gleich zu setzen mit „westernization” 4 . Mitte der siebziger Jahre wurde von diesem Standpunkt Abstand genommen. Nun beschäftigte man sich nicht mehr mit den anderen (Entwicklungstheorien), sondern mit sich selbst. Gegenstand wurden die Strukturen, die Haltbarkeit und die Zukunft der „modernen” westlichen Gesellschaften. Neben der Modernisierungseuphorie konnte sich nun auch eine Modernisierungsskepsis 5 etablieren.
1 Vgl., Forrester, Viviane: Der Terror der Ökonomie, Wien 1997, passim.
2 vgl., Münch, Richard: Die Struktur der Modene: Grundmuster und differentielle Gestaltung des institutionellen
Aufbaus der modernen Gesellschaften, Frankfurt a./Main 1984, S. 17.
3 Einen guten, wenn auch knappen Überblick über den Begriff der Modernisierung bietet der Historiker: Schulze
Winfried: Einführung in die Neuere Geschichte, 3., überarb. Aufl., Stuttgart 1996, S. 62-65.
4 Dieser prägnante Vergleich stammt von: Offe, Claus: Die Utopie der Null-Option. Modernität und
Modernisierung als politische Gütekriterien, S. 97, in: Berger, Johannes: Die Moderne - Kontinuitäten und
Zäsuren, Göttingen 1986.
5 Erinnert sei hier an die politischen und ökonomischen Krisen der siebziger Jahre. Der Bericht des Club of Rome
und die Ölkrise gaben z.B. einen Anstoß, um über den Zusammenhang von Modernisierung und
Umweltproblemen nachzudenken.
-5- Inder vorliegenden Arbeit wird die Entstehung der ersten Modernisierungstheorien skizziert und die vorgebrachten Kritiken beschrieben. Aufbauend auf die idealtypische Beschreibung der traditionalen und der modernen Gesellschaft, soll der Prozeß der Transformation in den ehemals „sozialistischen” Ländern 6 untersucht werden. Dabei soll weniger der konkrete Prozeß der Transformation in einem bestimmten Land des Ostblocks Gegenstand der Arbeit sein, als die Beschreibung der Entstehung einzelner Transformationstheorien. Von der genauen Unterscheidung von Transformation und Transition, sowie Systemwechsel und Systemwandel wird in folgenden Betrachtungen abgesehen und einheitlich von Transformation gesprochen 7 .
In der Arbeit soll gezeigt werden, wie die Sozialwissenschaften auf ihren 1989 stattgefundenen „Schwarzen Freitag” (Klaus von Beyme) reagierten und welche Griffigkeit die neuen Konzepte bei der Betrachtung des sich entwickelndes Ostblocks besitzen. An dieser Stelle lassen sich freilich konkrete Entwicklungsschritte der Länder des Ostblocks vorstellen, allein schon, um die vorgestellten Theorien zu untermauern oder zu kritisieren.
Die Arbeit wird dabei immer mit dem Problem der Soziologie behaftet sein, eigentlich alle Probleme der Gesamtgesellschaft berücksichtigen zu müssen 8 und dies schließlich aufgrund der Komplexität der gesellschaftlichen Prozesse doch nicht zu tun.
6 In den folgenden Betrachtungen werden die Länder Osteuropas, die in das System der Sowjetunion
eingebunden worden waren (Warschauer Pakt, RGW) als Länder des Ostblocks bezeichnet.
7 Zur genauen Definition dieser Begriffe, vgl., Schneider, Eberhard: Begriffe und theoretische Konzepte zur
politischen Transformation, in: Der Osten Europas im Prozeß der Differenzierung, Fortschritte und Mißerfolge der
Transformation, Hrsg. vom Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, München 1997,
S. 17-25, hier S. 17f.
8 Vgl., Müller, Klaus: Osteuropaforschung zwischen Neo-Totalitarismus und soziologischer Theorie, in: Eggeling,
Tatjana/Meurs, Wim van/Sundhaussen, Holm (Hrsg.): Umbruch zur „Moderne” ? Studien zur Politik und Kultur
in der osteuropäischen Transformation, Frankfurt a./Main / Berlin/ Bern 1997, S. 14.
-6- 1.Die Modernisierungstheorien nehmen ihren Anfang
In der Aufklärung wurde der Mensch sich seines autonomen Verstandes bewußt und begann am Alten zu rütteln. Er versuchte sich und seine Umwelt objektiv zu betrachten und Verbesserungen im gesellschaftlichen und materiellen Bereich herbeizuführen. In diesem Jahrhunderte währenden Prozeß wurden Hindernisse, wie Traditionen und religiöse Weltbilder verändert, oder sogar ganz über Bord geworfen. In Max Webers Worten begann mit der „ Entzauberung der Welt” der Prozeß der Rationalisierung oder anders formuliert, der Prozess der Modernisierung. Von nun an fand eine ständige Revision statt. Die Wissenschaften korrigierten unaufhörlich ihre Methoden und Resultate und auch die Gesellschaft unterlag einem ständigen Wandel. Obgleich sich Wissenschaftler wie Weber - mit seinem berühmten Begriffspaar „Tradition und Rationalisierung” - diesem Thema angenommen hatten, entstanden die Modernisierungstheorien und eine breite wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema mit dem Ende des 2. Weltkrieges 9 .
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wandelten sich in vielen Ländern die politischen Machtverhältnisse und es entstanden unter der Führung der Großmacht USA neue internationale Organisationen, die das Ziel verfolgten, Kriegslasten zu mildern, und künftige Reibungen zwischen den Staaten zu verhindern. Die Vereinigten Staaten wurden damals als die „realisierte Utopie” 10 einer gesellschaftlichen Entwicklung angesehen, sie hatten das industriekapitalistische, parlamentarisch-demokratische System des Westen zum Gipfel getrieben. Staaten, die der amerikanischen bzw. westeuropäischen Entwicklung fern waren, wurden mit der Kategorie „unterentwickelte Länder” beschrieben. Es ging nun darum, diese unterentwickelten Länder so schnell wie möglich zu entwickeln und in diesem Zusammenhang begann die Formulierung der Modernisierungstheorien. Sie stellten eine Reaktion der intellektuellen amerikanischen Eliten auf die Weltmachtrolle der USA dar 11 und gingen folglich stark vom amerikanischen Vorbild aus. Die USA
9 Nach Rucht gehören diese Theorien der zweiten Konjunktur der Modernisierungstheorien an. Zur ersten
Konjunktur zählt er die Arbeiten von Weber und Durkheim. Vgl., Rucht, Dieter: Modernisierung und neue soziale
Bewegungen: Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich, (Theorie und Gesellschaft, Bd. 32), Frankfurt
a./Main und New York 1994, S. 34f.
10 Vgl., Wehler, Hans-Ulrich: Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975, S. 18.
11 Vgl., Ebd., S. 11.
-7- wurdenverbunden mit einem sich selbst tragenden Wirtschaftswachstum und einem gleichzeitig in der Gesellschaft Ruhe haltenden stabilen demokratischen System. Dies waren die Bestandteile der „realisierten Utopie”.
In der Folgezeit versuchte die Wissenschaft sog. „evolutionäre Universalien” des Modernisierungsprozesses auszumachen. Talcott Parsons, der diesen Versuch unternommen hat, beeinflußte nahezu alle Arbeiten der fünfziger und sechziger Jahre 12 . Aus diesem Grund erscheint es angezeigt, seinen Ansatz und die eingewandte Kritik vorzustellen; kann man so doch einen groben Überblick bieten, ohne die Ideen aller relevanten Autoren darstellen zu müssen. Parson definierte „evolutionäre Universale” als eine Entwicklung oder „Erfindung”, die für die weitere Evolution so wichtig ist, daß sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Systemen bzw. Gesellschaften auftreten wird.
Die Idee entnahm er den organischen Evolutionstheorien und so nimmt es nicht Wunder, wenn seiner Theorie sozialdarwinistische Tendenzen vorgeworfen wurden. Er betont zwar, daß die „rückständigen Gesellschaften” nicht dem Untergang geweiht seien, aber sie seien entweder abhängig von den höher entwickelten oder stellten zumindest keine Gefahr für letztere dar 13 . Die Geschichte der Menschheit beginnt mit vier Universalien, die jeder Gesellschaft innewohnten von der wir heute noch Kenntnisse besitzen: Kommunikation durch Sprache, Religion, soziale Organisation durch Verwandtschaftsbeziehungen und Technologie. Um den Schritt Richtung Moderne zu vollziehen, müssen zwei weitere Universalen „erfunden” werden, nämlich die soziale Schichtung und die kulturelle Legitimation. Die Universalien, mit der schließlich eine Gesellschaft in die Moderne eintritt definiert Parson sehr abstrakt als: Rationales Rechtssystem, Bürokratie, geldwirtschaftliches Marktsystem
und demokratische Assoziation 14 . Diese Universalien unterstützen die Selbststeuerungs- und Anpassungskapazität einer Gesellschaft gegenüber endogenen und exogenen Faktoren und machen sie somit stabiler und moderner, als andere Gesellschaften. Kraft eines legitimierenden Konsens ermöglicht dieses Faktorenbündel auch die Mobilisierung von Menschen und Ressourcen, um
12 Vgl., Rucht: 1994, S. 35.
13 Vgl., Parsons, Talcott: Evolutionäre Universalien der Gesellschaft, in: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Theorien des
sozialen Wandels, Köln und Berlin 1969, S. 55f.
-8- Problemein der Gesellschaft zu lösen. Man kann diese Gesellschaften in den Worten von Cadwalladers auch als „ultrastabil” bezeichnen, denn sie sind in der Lage einen Wandel zu vollziehen, ohne einen Zusammenbruch der Gesellschaft befürchten zu müssen 15 . Parson stand in einer Reihe mit vielen anderen Evolutionstheoretikern, die versuchten die großen Entwicklungen der letzten 200 Jahre zu beschreiben und zu erklären. Sie alle bildeten dabei die Dichotomie von Tradition und Moderne und bestimmten letztere als Ziel des Evolutionsprozesses. Einige Theorien untersuchten nur eine Variable der Modernisierung, wie zum Beispiel die des Wirtschaftswachstums, der Großteil aber ging von einem ganzen Bündel von Dichotomien aus, d.h. sie lösten die eine große Dichotomie von Tradition und Moderne in viele kleine auf 16 . Wehler bemerkt dazu, daß die Moderne als das Vertraute definiert wurde, während die traditionalen Gegensätze erst gesucht und konstruiert wurden. So verwundert es nicht, daß sowohl die Füllung der Begriffe Tradition und Moderne, als auch die Vorstellung, es können nicht beide Stadien nebeneinander existieren, in den folgenden Jahrzehnten Anlaß zur Kritik gaben. Im folgenden sollen nun aus der Sicht der Modernisierungstheoretiker, die wichtigsten Merkmale einer traditionalen Gesellschaft geschildert und dann die vorgebrachten Einwände gegen die Modernisierungstheorien aufgezeigt werden.
1.1 Merkmale der traditionalen Gesellschaft
Den Modernisierungstheorien der frühen Phase wurde zum Vorwurf gemacht, das Bild einer traditionalen Gesellschaft 17 zu nivelliert geschildert zu haben. Sie blendeten die Vielfalt der Traditionen in den Gesellschaften und deren potentielle Wirkungen im Modernisierungsprozess aus und stellten alle auf die gleiche Ebene. Allgemein hatten die Theoretiker ein ungenaues Bild der traditionalen Gesellschaft:
14 Vgl., Zapf, Wolfgang: Modernisierung und Modernisierungstheorien, in: Die Modernisierung moderner
Gesellschaften. Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt am Main 1990, Hrsg. von der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie von Wolfgang Zapf, Frankfurt a./Main /New York 1990, S. 34.
15 Vgl., Cadwallader, Mervyn L.: Die kybernetische Analyse des Wandels, in Zapf: 1969, S. 141ff.
16 Ein Katalog von Dichotomien findet sich bei: Wehler: 1975, S. 14f.
17 Eine kurze Charakterisierung der Merkmale findet sich bei: Križan, Mojimir: Vernunft, Modernisierung und die
Gesellschaftsordnungen sowjetischen Typs. Eine kritische Interpretation der bolschewistischen Ideologie,
Frankfurt a./Main/ Bern/ New York 1991, S. 73.
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Jan Winkelmann, 1999, Modernisierungstheorie und der Transformationsprozeß in Osteuropa, München, GRIN Verlag GmbH
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