deutlich sein Verlangen nach diesem Mädchen und die subjektiven Empfindungen Fridolins, die unbewusst durch seine Triebe gelenkt werden. Aufgrund seiner Phantasie sieht er diese junge Frau nicht als ein ,,normales" junges Mädchen, sondern als Objekt seiner Begierde und interpretiert ihre Mimik und Gestik rein sexuell.
Ein weiteres Beispiel, das zeigt, dass es Fridolin nicht immer gelingt, seine Ängste und Unsicherheiten mit Ratio zu bewältigen, findet sich in Kapitel 3, als er, - nach dem Tod des Hofrats, die Strasse hinunterläuft und ihn Gedanken bezüglich seiner eigenen Vergänglichkeit quälen. Oder gar Blutvergiftung?- Und in acht Tagen so weit wie der Herr in der Schreyvogelgasse unter der Bettdecke aus braunem Flanell! Und sein Beruf! Gefahren von allen Seiten und in jedem Augenblick- man vergaß nur immer wieder dran. 4 Fridolin ist verunsichert, da er gerade mit dem Tod konfrontiert worden ist und ihm dadurch seine eigene Sterblichkeit vor Augen geführt wurde. Er hat die ärztliche Distanz des Betrachtens verloren und ist nun selbst emotional involviert. Die gespenstische Atmosphäre - links und rechts waren kleine schmutzig weiße Häufchen aufgeschichtet, die Gasflammen in den Laternen flackerten, von einer nahen Kirche schlug es elf 5 - entführt ihn in eine unheimliche Welt, in der er irrationalen Gedanken freien Lauf lassen kann und die ihn in eine depressive Stimmung versetzt. Er selbst erschien sich wie entronnen; nicht so sehr einem Erlebnis als vielmehr einem schwermütigen Zauber, der keine Macht über ihn gewinnen sollte. 6
Auf diesem Spaziergang begegnet er der Prostituierten Mizzi und es wird erneut deutlich, dass er von dionysischen Kräften überwältigt und gelenkt wird. Er versucht Mizzi zum Geschlechtsverkehr zu bewegen und gibt sich dabei seinen Trieben hin - ohne den Versuch diese mit Rationalität zu kontrollieren. Erst Mizzis Widerstand lässt ihn erkennen, dass er im Begriff war, unmoralisch zu handeln. Er zog sie an sich, er warb um sie, wie um ein Mädchen, wie um eine geliebte Frau. Sie widerstand, er schämte sich und liess endlich ab. 7 Das Schamgefühl, das Fridolin empfindet, zeigt, dass er sich seiner Handlungsweise bewusst wird und die in ihm verinnerlichten Normen wieder in sein Bewusstsein zurückgekehrt sind. Die prägna ntesten Beispiele für die dionysische, irrationale Seite in Fridolin ist der Maskenball der geheimen Gesellschaft in Kapitel 4, sowie seine Reaktion auf Albertines Traum in Kapitel 6.
Fridolin war wie trunken, nicht nur von ihr, ihrem duftendem Leib, ihrem rotglühenden Mund, nicht nur von der Atmosphäre dieses Raumes, den wollüstigen Geheimnissen, die ihn hier umgaben;- er war berauscht und durstig zugleich von all den Erlebnissen dieser Nacht,
deren keines einen Abschluss gehabt hatte; von sich selbst, von seiner Kühnheit, von der Wandlung, die er in sich spürte. 8 Anhand dieser Textstelle wird besonders gut deutlich, in
welchem Zustand sich Fridolin auf diesem Maskenball befindet, er sieht sich nicht mehr in der Rolle des verantwortungsbewussten Arztes und Vaters, sondern er lebt seine geheimen Wünsche und Sehnsüchte. Er ist wie verwandelt und erkennt sich selbst nicht wieder, er versucht auch nicht mehr, seine Triebe durch Rationalität zu kompensieren, er gibt sich ihnen ganz hin.
In Kapitel 6 findet man viele Belege dafür, dass Fridolin nicht nur von seiner Ratio gelenkt wird. Seine Reaktion auf den Traum seiner Frau, bei dem es ihm misslingt, Realität und die unwirkliche Welt des Traumes voneinander zu unterscheiden und in Bezug zu seinem realen ,,Vergehen" zu setzen. Dieses Vergehen ist von weit größerem Ausmaße, als das seiner Frau und es zeigt, seine von niederen Trieben wie beispielsweise Eifersucht, gelenkte Seite. Fridolin erwiderte ihren Blick ungnädig und wandte sich stirnrunzelnd ab. Eine wie die andere, dachte er mit Bitterkeit und Albertine ist wie sie alle- sie ist die Schlimmste von allen. Ich werde mich von ihr trennen. Es kann nie wieder gut werden. 9 Die Konsequenz, die er aus Albertines Traum ziehen möchte, nämlich dass er mit dem Gedanken spielt, sich von ihr zu trennen, ist übertrieben und unvernünftig, beinahe kindisch. Er lässt sich von seiner Eifersucht regieren, ohne sich seines Verstandes zu bedienen und sich darüber klar zu werden, dass seine Frau geträumt hat und nicht ein wirkliches Verbrechen in der realen Welt begangen hat. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass er hingegen mehrmals in der Versuchung war, Albertine zu betrügen und dies nicht in Gedanken oder im, durch das Unterbewusstsein gesteürten, Traum, sondern im wahren Leben.
Er sieht Albertine als Ehebrecherin und verurteilt sie. Fridolin differenziert nicht zwischen Realität und Traum und ist der Auffassung, dass seine Frau frevelhafter ist als beispielsweise die Prostituierte Mizzi, die sich offen zu ihrer Sexualität bekennt. Das letzte Beispiel, dass ich als Beleg für Fridolins dionysische Seite anführen möchte, ist sein ,,widernatürliches" Verhalten in der Totenkammer, das nekrophile Züge in ihm aufzeigt, da er sexuelle Erregung beim Anblick der nackten, weiblichen Leiche verspürt. Unwillkürlich, ja wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen und geführt, berührte Fridolin mit beiden Händen die Stirne, die Wangen, die Schultern, die Arme der toten Frau;
Arbeit zitieren:
Nicole Schirmann, 2001, Schnitzler, Arthur - Traumnovelle - Dionysisches versus Apollinisches, München, GRIN Verlag GmbH
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