„Die Würfel rollen auf allen Tischen“: mit dieser griffigen Formulierung fasst Borst die Spielleidenschaft der Menschen im Mittelalter zusammen. „Das Glücksspiel war schon im Mittelalter eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von Juden und Christen gleichermaßen“: dieses Fazit zieht Mentgen aus seiner Untersuchung, die sich mit der Frage beschäftigt, ob die Juden ebenso leidenschaftlich spielten wie die christliche Bevölkerungsmehrheit. Glücksspiel bedeutete für die Juden in erster Linie Würfelspiele. Da Glücksspiele eine der populärsten Freizeitaktivitäten des Mittelalters darstellten, kommt ihrer Geschichte eine herausragende Rolle in der mittelalterlichen Alltagsgeschichte zu.
Die bislang einzige Publikation, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigt, ist die bereits angesprochene Arbeit von Mentgen, der hierin feststellt, dass die 1903 von Moritz Steinschneider getätigte Feststellung, die Geschichte des Gewinnspiels bei den Juden sei noch zu schreiben, nach wie vor gültig sei. Doch Mentgen hat den ersten Schritt hin zu dieser Geschichte getätigt, und seine Sichtung und Aufarbeitung der Quellen stellen eine bedeutende Grundlage für die vorliegende Arbeit dar. Ansonsten wird die Themenstellung des jüdischen Glücksspiels in den jüdischen Lexika und Enzyklopädien behandelt, wobei sich diese Beiträge zum großen Teil auf die Darstellung der rabbinischen Literatur beschränken und kaum auf das alltägliche Glücksspiel eingehen.
Der Schwerpunkt der Betrachtung des jüdischen Glücksspiels soll in der vorliegenden Arbeit auf dem gemeinsamen Glücksspiel von Juden und Christen liegen. Da sowohl die eine als auch die andere Bevölkerungsgruppe, wie bereits erwähnt wurde, intensiv gespielt hat, ist es denkbar, dass das Glücksspiel eine bedeutende Gelegenheit zum Kontakt zwischen Juden und Christen dargestellt hat. Das zweite Kapitel wird diese Thematik verlassen und anhand von überlieferten jüdischen Glücksspielverboten und Selbstverpflichtungen zum Spielverzicht sowie der mittelalterlichen rabbinischen Literatur die allgemeinere Frage nach dem Ausmaß des Glücksspiels innerhalb der jüdischen Bevölkerung aufgreifen. Das dritte und abschließende Kapitel wird sich mit einem möglicherweise im Mittelalter bei den Christen existierenden Vorurteil des Falschspiels der Juden befassen. Im Rahmen dessen wird weiterhin versucht werden, dieses Vorurteil in das Spektrum der mittelalterlichen antisemitischen Anschuldigungen einzugliedern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Glücksspiel als Medium des Kontaktes zwischen Christen und Juden
3. Jüdische Versuche zur Eindämmung des Glücksspiels
4. Das stereotype Bild des jüdischen Falschspielers und der Würfelzoll
5. Resümee
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert des Glücksspiels als Medium des gesellschaftlichen Kontakts zwischen Juden und Christen im Mittelalter. Dabei analysiert sie, inwieweit das gemeinsame Spielen trotz bestehender antisemitischer Vorurteile und reglementierender Maßnahmen den Alltag prägte und welche Rolle religiöse sowie rechtliche Verbote dabei spielten.
- Die Rolle des Glücksspiels als Kontaktpunkt zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit.
- Die Haltung jüdischer Gelehrter und Rabbiner gegenüber dem Glücksspiel und die Differenzierung zwischen Spielarten.
- Antisemitische Stereotype und die Verbindung von Falschspielvorwürfen mit religiösen Anschuldigungen.
- Das Phänomen des Würfelzolls als diskriminierende Praxis und Mittel der Unterwerfung.
- Der soziale Wandel der jüdischen Minderheit und dessen Einfluss auf Glücksspielaktivitäten im Spätmittelalter.
Auszug aus dem Buch
2. Das Glücksspiel als Medium des Kontaktes zwischen Christen und Juden
Über das Zusammenleben der christlichen Bevölkerungsmehrheit und der jüdischen Minderheit im Verlauf des Mittelalters sind eine Vielzahl von Theorien aufgestellt worden, die in einem Spektrum rangieren, dessen Pole auf der einen Seite das Konzept der „gegenseitigen Exklusivität“ von Jakob Katz und, auf der anderen Seite, mehrere Konzepte bilden, die von einer weitgehend Symbiose der beiden Religionsgruppen ausgehen. Michael Toch geht hierbei einen anderen Weg, indem er das jüdisch-christliche Miteinander Veränderungen unterworfen sieht und es als einen allmählichen Übergang vom Zustand der „tagtäglichen Koexistenz“ während des Früh- und Hochmittelalters beschreibt, der zunehmend gewalttätiger wurde, bis seit etwa 1300 „der Konflikt zur Norm wurde.“ Doch gerade in den massiven Pogromen während der Pestjahre des 14. Jahrhunderts sieht Toch die Ursache für eine Zunahme der Kontakte zwischen Christen und Juden. Laut seiner Darstellung „vermitteln die hebräischen Quellen [bis ins Hochmittelalter] das Bild einer hohen Selbstgenügsamkeit“, die mit der großen Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden erklärbar sei. Doch infolge der immensen Tötungen im Zuge der Pogrome „wurden die Juden an den meisten Orten zur oft verschwindend kleinen Minderheit“, die im Alltag „auf eine viel engere Verflechtung mit der christlichen Mehrheit angewiesen war.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Beliebtheit des Glücksspiels im Mittelalter und identifiziert eine Forschungslücke bezüglich des jüdischen Glücksspiels, die diese Arbeit zu schließen versucht.
2. Das Glücksspiel als Medium des Kontaktes zwischen Christen und Juden: Dieses Kapitel untersucht die sozialen Beziehungen und Kontakte zwischen Juden und Christen anhand von überlieferten Spielpartien und städtischen Regulierungen.
3. Jüdische Versuche zur Eindämmung des Glücksspiels: Hier werden die moralischen und religiösen Positionen jüdischer Gelehrter gegenüber dem Glücksspiel sowie die Wirksamkeit interner Verbote diskutiert.
4. Das stereotype Bild des jüdischen Falschspielers und der Würfelzoll: Das Kapitel analysiert die Verknüpfung von Glücksspiel mit antisemitischen Vorurteilen, den Falschspielervorwurf und das Phänomen des Würfelzolls.
5. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet das Glücksspiel als Medium der Begegnung in die allgemeine mittelalterliche Geschichte ein.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Glücksspiel, Mittelalter, Juden, Christen, Antisemitismus, Würfelspiel, Rabbiner, Sozialgeschichte, Kontaktgeschichte, Spielverbot, Würfelzoll, Falschspiel, Alltagsgeschichte, Pestpogrome, Responsen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Praxis des Glücksspiels unter Juden sowie im gemeinsamen Kontext mit Christen im mittelalterlichen Alltag.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Kontaktgeschichte zwischen den Religionsgruppen, den religiösen Verboten innerhalb der jüdischen Gemeinde und der antisemitischen Instrumentalisierung des Glücksspiels.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Stellenwert des Glücksspiels in der jüdischen mittelalterlichen Gesellschaft zu beleuchten und die Dynamik der jüdisch-christlichen Begegnungen in diesem Freizeitbereich zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die primär auf der Auswertung von Quellen wie Gerichtsprotokollen, rabbinischen Responsen, städtischen Verordnungen und literarischen Zeugnissen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kontakte zwischen Christen und Juden beim Spiel, die ethische Haltung der jüdischen Gelehrten dazu und die Verbindung von Spielbetrugsvorwürfen mit mittelalterlichem Antisemitismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Glücksspiel, Antisemitismus, jüdisch-christliche Kontakte, rabbinische Responsen und Sozialgeschichte.
Wie bewerten jüdische Gelehrte das Glücksspiel?
Die meisten Gelehrten betrachteten das Glücksspiel kritisch als Zeitverschwendung oder moralisch verwerflich, wobei jedoch teilweise zwischen privatem Spiel und karitativem, gemeinnützigem Glücksspiel unterschieden wurde.
Was genau ist der sogenannte „Würfelzoll“?
Der Würfelzoll war eine diskriminierende Praxis, bei der Juden von Obrigkeiten oder auch durch rohe Gewalt seitens Christen gezwungen wurden, Würfel als Abgabe zu leisten.
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- Michael Treichler (Author), 2003, Die Juden und das Glücksspiel im Mittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22467