Inhalt
1. Einleitung 2
2. Skizzen: Elementare Anthropologie 4
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode
4
2.2. Das biologische Mängelwesen
5
2.3. Handlung und Lebensführung
7
2.4. Institutionalisierte Entlastung
9
3. Magie die kindlichste Technik 11
3.1. Der entleerte Ritus als Mittel
11
3.2. Der sympathetische Kosmos
12
3.3. Stabile Umwelten
14
3.4. Magie Technik Wissenschaft
15
4. Aspekte der Technik 18
4.1. Zweideutigkeiten
18
4.2. Organersatz Ersatz des Organischen
20
4.3. Qualitative Übergänge: Die Superstruktur
22
4.3.1 Entsinnlichung
4.3.2 Primitivisierung
25
4.4. Machbarkeit
26
5. Ausblicke 28
1
Manchesmal beängstigt und des öfteren fasziniert blicken wir auf jene Vielzahl technischer Konstrukte, die allein menschlicher Kreativität entstammen. Allzu be- kannt und dennoch fremd, bieten sie uns gerade in ihren postmodernen Ausprägun- gen Bilder des Schreckens, der heimlichen Verzückung oder sie werden als not- wendiges Übel stoisch hingenommen. Die Technik begleitet den Menschen seit je- her, hat Leben millionenfach zerstört und unzählige Male erhalten bzw. bereichert. Mögen die Abschätzungen ihrer Geltung variieren, eine Ambivalenz ihrer Vermögen bleibt bestehen.
Auf diese Zweideutigkeit weist auch der Anthropologe Arnold Gehlen hin 1 , des- sen Ausführungen dieser Arbeit ihr Gerüst verleihen werden. Sein überaus differen- zierter Zugang zur Technik, der von kulturkritischen Tönen bestimmt wird, eröffnet sich über ihre Aspekte als Institution, die Verhaltensentlastungen ermöglicht, indem sie Aufgaben übernimmt, erleichtert oder einspart. Thema sollen auch jene negati- ven Implikationen technischer Prozesse sein, die bei Gehlen in der Behauptung von Erfahrungsschwund, Primitivisierung und Entsinnlichung münden.
Als Superstruktur (siehe Kap. 4.3.) verstanden, zählt zur Technik auch die Wi s- senschaft bzw. ihr erkenntnistheoretisches fundamentum inconcussum, die neuzeit- liche Rationalität. Letztere kann als ihren prominenten Vorläufer die Magie reklamie- ren, die rationalere Züge trägt, als gemeinhin angenommen werden könnte. Nach ersten Hinweisen und Bemerkungen zur Methodologie Gehlens fungiert ei- ne Skizze seiner Auffassung des Menschen als eines Mängelwesens als Aus- gangspunkt und Überleitung zu den darauf folgenden Umrissen seiner Handlungs- theorie. Da der Mensch und dessen Leben je in Institutionen eingelassen ist und von ihnen begleitet bzw. gelenkt wird, enden die Voruntersuchungen mit knappen, ausgesuchten Exkursen zur Institutionentheorie des Deutschen und dem Versuch einer Sondierung der Bedeutung entlastenden Verhaltens für die menschliche Le- bensführung.
Anlass für die darauf folgenden Ausführungen über die Magie ist ein kurzer Ab- schnitt in „Die Seele im technischen Zeitalter“. Dort wird sie in ein nahes Verhältnis gesetzt zur Technik und auf den Spuren dieser Beziehung wird es uns zunächst um den historischen Aspekt der Magie gehen: Ihr `woher?` kann jedoch 1 Zu den bekanntesten Schriften des Anthropologen, Philosophen und Sozialpsychologen zählen „Der Mensch“ (1940), „Urmensch und Spätkultur“ (1956) und auch „Die Seele im technischen Zeitalter“
(1957).
2
nur ausgehend von einer bestimmten kosmologischen Ordnung, der sympatheti- schen, verständlich gemacht werden die ihrerseits, wie zu zeigen sein wird, allein stabil gehalten werden kann durch rituelle Praktiken, deren landläufig bekannteste Form der Regenzauber sein dürfte. Mit Hilfe dieser Vorüberlegungen wird versucht, Verknotungen bzw. Differenzen von Magie und Technik ausfindig zu machen. Dies geschieht zum einen, um die knappen gehlenschen Ausführungen bezüglich des Themas in einen historischen Kontext einzubetten und zu erweitern. Zum anderen ist es sinnvoll, im Hinblick auf die Entstehung technischer Modelle bzw. rationalen Denkens auf deren geschichtlichen Werdegang hinzuweisen, der zumindest bis an den Beginn der Moderne unverkennbar mit magischen Verrichtungen verknüpft ist. Hauptanliegen dieser Arbeit ist jedoch eine bündige Darstellung dessen, was `Technik´ in gehlenscher Diktion bedeutet: Es erfolgt nach einigen allgemeinen Un- terscheidungen der Versuch einer Darstellung ihrer Begründung aus der mangelhaf- ten Organausstattung des Menschen. Ihre heutige ubiquitäre Ausprägung, die bei Gehlen als Superstruktur vorgestellt wird, hat das Selbstverständnis und das Zu- sammenleben des Menschen entscheidend beeinflusst: Auf welche Weise, wird in den Abschnitten zur `Primitivisierung´ und `Entsinnlichung´ entworfen. Besonders prekär scheint Technik zu sein, wenn sie scheinbar autonome Züge trägt und sich die ´Machbarkeit´ als
das
Telos der Wissenschaft erweist.
Abschließend werden die Ansätze Gehlens zum Umgang mit dem Phänomen Technik vor aktuellem Hintergrund diskutiert.
Ziel dieser Ausführungen soll keineswegs eine Versammlung aller Momente der Technik sein, dies leisten zu wollen, wäre vermessen. Überlegungen zur Kybernetik z.B., die in Gehlens Beschreibung des Handlungskreises als personalem Vollzug eine Rolle spielen, müssen aus Gründen des Umfanges und der Komplexität außen vor bleiben.
3
2. Skizzen: „Elementare Anthropologie“ 2
2.1. Zur wissenschaftlichen Methode
Das Bemühen Arnold Gehlens, eine exakte Methode zur Bestimmung wesentli-
cher Merkmale des Menschen anzuwenden, manifestiert sich zunächst in einer Ab-
kehr, in einer „Enthaltung von der Metaphysik“ (DM, 11). Ihre Aussagen besäßen
nur „bedingte Überzeugungskraft“ (DM, 10). Die von ihm erstrebte objektive Katego-
rialanalyse dürfe sich nicht auf unzureichende, unscharfe kulturphilosophische Be-
grifflichkeiten stützen: alles „Platonische“ (US, 11) habe in seiner wissenschaftlichen
Philosophie keinen Platz. 3 Klingt zunächst noch eine Nähe zur Phänomenologie an,
deren Analysen ebenfalls „im Umkreis der Erfahrung“ (DM, 10) ansetzen und Erleb-
nisse untersuchen, die für „jedermann nachvollziehbar sind“ (ebd.), erweist sich
Gehlens methodischer Zugriff letztlich als ein naturwissenschaftlich-empirischer,
ohne jedoch gänzlich frei von normativen Bestimmungen zu sein. 4
Mittels einer „anthropo-biologische(n)“ (DM, 16) Untersuchung soll die eigentüm-
lich menschliche Existenzweise aufgeschlüsselt werden, ohne den prekären Ge-
gensatz Leib – Seele behandeln zu müssen. Wichtig für Gehlen sind allein jene Ka-
tegorien, die die „gesamte Schichtung“ (DM, 382) des Menschen durchlaufen und
den philosophiehistorisch überladenen Leib-Seele-Dualismus umgehen. Gesucht
wird das „durchlaufende Aufbaugesetz aller menschlichen Funktionen und Leistun-
gen“ (DM, 23), welches die ganze Bandbreite menschlichen Lebens theoretisch zu
fassen vermag. 5 Der Unterschied zum Tier sei nicht an einem
2 Gehlen, Arnold. 7
1962. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main,
Athenäum Verlag, S. 14.
(Textnachweise zu den Werken Arnold Gehlens werden fortan aufgrund ihrer Häufigkeit in einer Kurz-
form angeführt. Folgende Werke nebst den ihnen entsprechenden Abkürzungen wurden herangezo-
gen: Der Mensch (DM); Urmensch und Spätkultur (US); Philosophische Anthropologie und Handlungs-
lehre (PAH); Die Seele im technischen Zeitalter (StZ); Studien zur Anthropologie und Soziologie (SAZ).
Diese Kürzel finden sich zudem hinter den ausführlichen bibliografischen Nachweisen im Anhang.)
3 Vgl. Urmensch..., S. 8. Friedrich Jonas zufolge sei Gehlen trotz seiner antimetaphysisch geprägten Wissenschaftsvorstellung ein „Idealist, ohne jedoch die Voraussetzungen des Idealismus, den Glauben
an ein Absolutes zu teilen, zu dem sich der Mensch steigern könnte.“ (Jonas 1966, 97) Auf Gehlens
metaphysische Wurzeln, seine Auseinandersetzung mit Kants Vernunftkonzept und seine in den Früh-
schriften enthaltene Beschäftigung mit existenzphilosophischen Strömungen sei nur am Rande hinge-
wiesen.
4 Gehlen erwähnt die Einnahme einer Art epoché, einer Urteilsenthaltung im husserlschen Sinne, ver- mutlich, um seinen Untersuchungen wissenschaftliche Dignität zu verleihen: Von „sich anbietenden
geläufigen Vorstellungen“ (DM, 16) sei abzusehen, diese seien „einzuklammern.“ (Ebd.) Das Verhältnis
Gehlens zur phänomenologischen Tradition, insbesondere zu dem von ihm oft zitierten Max Scheler,
bedürfte einer eigenen Untersuchung.
5 Der Sonderstellung seines wissenschaftlichen Ansatzes ist sich Gehlen sehr bewusst, spricht er doch von „zähe(n) Grundannahmen“, die gegen in sprechen würden. Geschichtlich bedingte und erworbene
Deutungen des Menschen in Gestalt des kantischen Primats der Vernunft etwa dürften nicht einfach
als Bestand übernommen werden. Inwiefern ihm dieser Verzicht gelingt, muss zunächst offen bleiben.
Vgl. PAH, S.51.
4
fragwürdigen Stufenschema wie dem schelerschen festzumachen, welches bloß graduelle Divergenzen kennt 6 : Es muss „der `Stil`“ (DM, 23) sein, der den Men- schen auszeichnet, der homo sapiens unterliegt nach Gehlen einem grundsätzlich anderen „Strukturgesetz“. (Ebd.) Da die Naturwissenschaften jeweils für sich allein genommen den Menschen als Thema nur unzureichend bestimmen können, sei die eigentliche philosophische Aufgabe einer elementaren Anthropologie die „Gesamtanschauung“ 7 (DM, 14) menschlicher Vollzüge, jedoch unter Berücksichtigung und Verarbeitung der Resul- tate, die in den Einzelwissenschaften wie etwa Morphologie und Psychologie vorlie- gen. Was aber kennzeichnet die menschliche Existenz, welche Merkmale gelten als konstitutiv für den homo sapiens?
2.2. Das biologische Mängelwesen
In enger Anlehnung an den Aufklärer Herder und mit Bezug zu den Thesen des niederländischen Anatomen Bolk wird der Mensch als ein „Mängelwesen“ 8 b e- schrieben. Im Gegensatz zu Tieren ist für ihn eine biologische bzw. organische „Mit- tellosigkeit“ (M, 34; PAH 53) im Hinblick auf Instinkthandeln und diskretes Pas- sungsvermögen in ökologische Umwelten bezeichnend. Seine leibliche Verfassung beinhaltet keine genuinen „Angriffs- oder Schutz- oder Fluchtorgane“ (PAH, 53), er unterliegt einem konstitutiven Mangel an „echten Instinkten“ (M, 33) und seine um- fassende „physische Unspezialisiertheit“ (M, 35) lässt, wenigstens im Vergleich zu hoch differenzierten tierischen Organleistungen, seine morphologischen Aspekte größtenteils als „Primitivismen“ (ebd.) erscheinen. Gehlens Beschreibungen menschlicher Vermögen sind im wesentlichen „negativ“ (DM, 33). 9
6 Vgl. Der Mensch ... S. 20 - 31 für eine detaillierte Darlegung.
7 Der Gedanke an einen Monismus liegt hier nahe. Wie bisher gesehen, soll es ein fundamentum in- concussum geben, dass den Schlüssel zum Verständnis des Menschen darstellt. Bei Gehlen ist dies
die Handlung. Eine Skizze ihrer Vermögen und Leistungen wird weiter unten geliefert.
8 Vgl. etwa DM, 33; PAH 52 ff.
9 Wenn Gehlen auch versucht, Primitivismen als „positiv“ (DM, 86) zu beschreiben und betont, diese nicht als eine Abwertung aufzufassen (ebd.), ist der Vergleich der morphologischen Ausgangssituation
des Menschen mit den unzähligen Organvariationen seitens der Tierwelt methodisch unglücklich.
Immerhin aber bedeuten ihm tierische Organspezialisierungen immer zugleich Möglichkeitsverluste,
etwa bei den „´Flossen´ des Pinguins“. (DM, 87) Dieser Möglichkeitsgewinn beruht letztlich dennoch
auf menschlicher Defizienz. Vgl. zur Kritik etwa DM, 20.
5
Trotz seiner Instinktarmut und der fehlenden Sicherheit reflexhaften Verhaltens 10
aber hat sich der Mensch in unvergleichlicher Weise diese Welt zu eigen gemacht.
Die „physisch-morphologische Sonderstellung“ (ebd.) des Menschen macht ihn zu
einem unfertigen Wesen, das ein offenes Verhältnis zur Welt hat. Er ist nicht „fest-
gestellt“ (DM, 32 bzw. 36) wie das Tier, seine Schutzlosigkeit wie auch seine Be-
dürftigkeit werden kompensiert durch die prometheische Fähigkeit zur Umgestaltung
seines Lebensraumes. Welt haben bedeutet dem Menschen eine der Möglichkeit
nach vorhandene „Nichteingegrenztheit des Wahrnehmbaren“ 11 (DM, 35), er sieht
sich in einer Distanz zu den um ihn arrangierten Dingen und kann diese eigentätig
verändern, nach seinen Maßstäben umformen bzw. allererst neu hervorbringen.
„Weltoffenheit“ (DM, 39) bedeutet daher zunächst ein „wahrhaft unendliches Feld
wirklicher und möglicher Sachverhalte“ (DM, 40), welches das Fundament jeglicher
Eingriffe und Umgestaltungen bildet.
Diesem aber wird von Gehlen ein für die Lebenswelt konstituitiver Belastungs-
charakter beigeordnet, das Phänomen ist demzufolge zutiefst ambivalent charakte-
risiert: Der durch die leibliche Organisation erst möglichen Weltoffenheit korrespon-
diert eine unumgehbare Überfülle an Wahrnehmungseindrücken jeglicher Art, das
menschliche Dasein ist wesentlich ein zunächst belastetes. 12 Die sinnlichen Gege-
benheiten der Welt, die Tastwiderstände, Gerüche und Töne nötigen den Menschen
in Form einer chronischen „Reizüberflutung“ (DM, 41) zu einer Bewältigung dieses
Belastungszustandes. 13 Der möglichen Beschreibung der Existenz als einer originär
positiven Möglichkeit, das Leben gestalten zu können entgeht Gehlen mit dem Pos-
tulat eines vorgängigen „Überraschungsfeldes unvorhersehbarer Struktur“ (DM, 36)
und betont als eine Art ´Urzustand´ die vermeintlich bedrohliche, chaotische Fülle
unendlich variablen Verhaltens in eine zutiefst unsicheren Umgebung. 14
10 Das würde sogar den kindlichen Saugreflex betreffen, der als solcher „unsicher“ sei, aber einer tieri- schen Reflexreaktion am nächsten kommt. Vgl. PAH, S. 86.
11 Auch dies sei eine „negative Tatsache“. (DM, 35) 12 Im Hinblick auf diese Beschreibung befindet sich Gehlen in namhafter Gesellschaft: Sowohl Helmuth Plessner mit seiner Behauptung einer „unerträglichen Exzentrizität“ (Plessner, 1975: 311) des Men-
schen, der sich selbst als ein „ins Nichts gestellt(es)“ (ebd., 316) Wesen begreifen soll, als auch Martin
Heidegger, dessen phänomenologische Analyse des menschlichen Da-Seins diesem einen „Lastcha-
rakter“ (Heidegger, 1993: 134) attestiert, betonen gleichermaßen die unhintergehbare Schwere des
menschlichen Lebens, wenn sie auch unterschiedliche Schlüsse aus dieser Beobachtung ziehen.
13 Es drängt sich trotz des Hinweises von Gehlen, „daß es eine vorkulturell faßbare menschliche Natur nicht“ (Gehlen, 1956b: 23) geben könne, die Vermutung auf, ob er nicht dem Menschen einen nie
aktuell gewesenen Naturzustand allererst unterschieben muss, um aus seiner daraus entspringenden
´Defizienztheorie´ die übrigen Vermögen ableiten bzw. in ihrer Bedeutung begründen zu können.
14 Der Topos des bedrohlichen Charakters der Welt durchzieht die Schriften des Anthropologen wie kaum ein anderes Thema. Da ist unter anderem die Rede von einer „Eindrucksflut“ (M, 36), von einem
„Druck unmittelbarer Eindrucksfülle“ (ebd.) wie auch von einer „Überflutung mit Wahrnehmungseindrü-
cken“, (M, 39) um nur einige Beispiele anzuführen. Eine solch vage Beschreibung wäre wohl nur durch
gesicherte empirische Untersuchungen überhaupt greifbar. Lebensweltlich ist ohnehin fraglich, was als
Belastung gilt und was nicht: Dieses Phänomen scheint untrennbar von subjektiven Eindrücken ab-
hängig und nicht ohne weiteres generalisierbar zu sein.
Friedrich Jonas weist auf eine geradezu verdoppelte Belastung hin, die Gehlen selbst nicht themati-
siert: „Der realen Belastung des menschlichen Lebens wird noch die Belastung hinzugefügt, die die
6
Der qualitative Sprung von einer ursprünglichen Belastung hin zur weitgehend ent-
lasteten Lebensführung ist ohne die zusätzliche Annahme eines noch zu formenden
bzw. zu bewältigenden Antriebsüberschusses nicht denkbar. 15 (Vgl. DM, 57 ff.) Der
mit dieser Struktur ins Spiel gebrachte „Verarbeitungszwang“ (DM, 59) ermöglicht
allererst im Zusammenhang mit der auf biologischen ´Mängeln´ beruhenden Weltof-
fenheit 16 des Menschen die Inszenierung der Handlung als einer „ Allkategorie“
(Spinner, 1994: 22; kursiv i. O.), die als „dritte Theorie“ (PAH, 71) deshalb vor jeder
Unterscheidung von Leib und Seele fungiert, weil sie als „Vollzug, in ihrem realen
Verlauf eine erlebnismäßig völlig untrennbare, vorproblematische Einheit eigener
Art“ (ebd.) darstellen soll. 17
2.3. Handlung und Lebensführung
Als zentrales, alle personalen Vollzüge umgreifendes Kennzeichen der conditio
humana, das Leib und Seele nicht als zwei eigene Sphären denkbar werden lassen
soll, gilt bei Arnold Gehlen das Strukturmodell der Handlung. Sie ist somit als „Mitte
der menschlichen Konstitution“ (PAH, 210) ausgemacht 18 , das Vermögen zu han-
deln gründet sich vor allem auf die „Kooperation von Hand, Auge und Tastsinn“
(DM, 44). Aneignung und Transformation der Welt gelingen allein durch Handlungs-
vollzüge, denen zunächst der Charakter des instrumentalen Handelns anhaftet, da
die tätige Bewältigung der Wirklichkeit auf die „Lebensdienlichkeit“ (DM, 37) dersel-
ben, auf Weltbeherrschung hinausläuft. 19
Allerdings wäre es verfehlt, Gehlen verfrüht einen Primat der rein instrumentellen
Umstrukturierung der Lebensverhältnisse durch die Handlung attestieren zu wollen.
Einsicht darstellt, daß diese Belastung unaufhebbar mit der menschlichen Natur verbunden ist, und
daß sich in dem Fertigwerden mit ihr die wesentliche menschliche Leistung erschöpft.“ (Jonas 1966,
29) Womöglich ist das aus der Belastung abgeleitete Entlastungssyndrom von Gehlen selbst „anthro-
pologisch mißverstanden“ worden. (Spinner, 1994: 30; kursiv im Original; vgl. Kap. 2.4. dieser Arbeit)
Im übrigen tritt neben die Reizüberflutung noch die geburtliche Bewegungsunfähigkeit. (DM, 42)
15 Gehlen verfällt mit dieser Annahme in eine prekäre Argumentation. Zwar ist der Bezug zur freud- schen Triebtheorie unverkennbar, allerdings besteht die Gefahr, dass er die Triebfunktionen unterkom-
plex beschreibt. Rehberg nennt dies „eine polemische Vereinseitigung“, weil daduch „das Gefähr-
dungsmoment durch die nicht stillstehenden Triebe ... in den Vordergrund“ (PAH, 395) rückt.
16 Dieser Begriff ist Max Schelers Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ (1928) entlehnt. An anderer Stelle ist die Rede von einem „polyzentrischen Wesen“, eine Wendung, deren Bedeutung an
Plessners drittes anthropologisches Grundgesetz, das des „utopischen Standortes“ erinnert. (Vgl.
Plessner, Helmuth: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Kap. 7.)
17 Diese Kategorie belässt eine vage Differenz zwischen „wirklichem“ und „symbolischen“ Handeln, die Gehlen mitunter nicht dezidiert ausgeführt hat. Vgl. Spinner, 1994: 22.
18
Der subjektive Handlungsvollzug beinhaltet jedoch keineswegs die Fähigkeit zur Reflexion, diese sei
„ausgehängt“ (US, 30), ein gleichzeitiges nebeneinander beider Akte undenkbar. Dieser Schluss
scheint einen neuen Dualismus von Handlung und Reflexion zu begründen, wobei dessen „systemati-
sche Plausibilität“ (PAH, 394) fragwürdig sei, wie Rehberg in seinem Kommentar bemerkt.
19 An anderer Stelle ist in diesem Zusammenhang die Sprache von einer „Umschaffung und Bewälti- gung der Natur“ (DM, 38)
7
Bei näherer Betrachtung kommen Aspekte der Handlung ans Licht, deren Produkti- vität das Instrumentelle bei weitem übersteigen. Unzureichend wäre also die Aus- zeichnung der Handlung als „voraussehende, planende Veränderung der Wirklich- keit“ (PAH, 71). Die praktische Auseinandersetzung mit der Welt trägt symbolische Züge in Gestalt „höherer Erfahrungen“ (PAH, 16), die angezeigt sind in den „großen Symbolfelder(n) des Sehens, Sprechens, Vorstellens“ (DM, 62) Die rein „instrumen- telle Seite des Geistes“ 20 reicht als einzige Bestimmung subjektiver Vollzüge nicht aus. Der Bereich des menschlichen Bewusstseins sei mit der „Funktion des instru- mentellen Bewusstseins nicht ausgemessen“ (DM, 392), vielmehr tritt diesem ein „ideative(s) Bewußtsein“ (ebd.) gegenüber, aus dem heraus erst die schöpferischen Leistungen menschlicher Kulturen erklärbar werden: Immer hat der Mensch die Ah- nung einer Zukunft im Blick, er ist zumal „voraussehendes oder kulturschaffendes“ (PAH, 56) also zeitliches Wesen, wobei diese beiden Eigenschaften in eins mit der Handlung gedacht werden.
Die biologischen Sonderbedingungen des Menschen ermöglichen die Verlage- rung der unmittelbaren Beziehungen zur Welt hin in Richtung eines möglichen „vari- ablen Können(s)“ (DM, 62) und mit dieser symbolischen, „fortschreitenden Indi- rektheit des menschlichen Verhaltens“ (DM, 64) wird Lebensführung und die Schaf- fung eines passenden Lebensumfeldes erst möglich: Der handelnde Mensch „macht selbsttätig aus seinen elementaren Belastungen Chancen der Lebensfristung, i n- dem seine motorischen, sensorischen und intellektuellen Leistungen ... sich anein- ander höher treiben, bis umsichtige Handlungsführung möglich ist“. (DM, 63) Menschlichen Verrichtungen kommt ein Zeichencharakter zu, er hält sich in „hoch- gradig symbolisch geworden(en)“ (ebd.) Wahrnehmungsumgebungen auf und ist imstande, durch sein Verhalten einen „habitualisierten Unterbau höherer, entlasteter Leistung“ (ebd.) zu errichten: In der Entlastung von unvermittelten Bezügen zu den Leibwahrnehmungen ist die Leistung einer Distanznahme von der Welt mitgedacht, die das Sprechen über eine ´Welt` überhaupt erst erlaubt.
20 Dieser Gedankengang wird mitunter verständlicher, wenn man die gehlensche Beschreibung des Bewusstseins als „Phase der Handlung“ (DM, 62; kursiv i. O.) hinzuzieht. Im Rekurs auf C. S. Peirce
und W. James übernimmt Gehlen diesen Gedanken aus der Philosophie des Pragmatismus und
spricht sich für dessen Auffassung des Menschen als eines handelnden Wesens aus, em pfiehlt sogar,
diese Betrachtung „jeder anderen vorzuziehen“. (DM, 295) Zu bedenken bleibt, dass die Verkettung
von Handlung und Bewusstsein vor allem im Schlaf fraglich wird.
8
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Marcus Reiß, 2003, Zwischen Sympathetik und Technokratie. Aspekte von Magie und Technik im Denken Arnold Gehlens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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