II
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. II
Tabellenverzeichnis. III
Abkürzungsverzeichnis IV
1. Einleitung 1
2. Die Mannheimer Lebensversicherung AG 3
2.1 Funktion im Konzern und Geschäftstätigkeit 3
2.2 Bedeutung im Markt 4
2.3 Geschäftsentwicklung und Krise. 6
2.3.1 Bestandsentwicklung 6
2.3.2 Kapitalanlagepolitik. 7
2.3.3 Bedeutung und Entwicklung der Bewertungsreserven. 10
2.3.4 Entwicklung und Finanzierung der Überschussbeteiligung 12
2.3.5 Ergebnisauswirkungen und Kapitalmaßnahmen 15
3. Die Aufsicht über die Mannheimer Lebensversicherung AG 18
3.1 Regulierungszweck, -gegenstand und -behörden. 18
3.2 Die Rolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. 20
3.2.1 Vorgehensweise bei der Mannheimer Lebensversicherung AG 20
3.2.2 Überwachung der Aktienquote der Mannheimer
Lebensversicherung AG. 23
3.3 Stresstests als Regulierungsinstrument 25
3.3.1 Zur Bedeutung der Solvabilität von Lebensversicherern 25
3.3.2 Konzeption und Bedeutung von Stresstests. 28
3.3.3 Solvabilität und Stresstest bei der Mannheimer
Lebensversicherung AG. 31
3.4 Beurteilung der Aufsicht über die Mannheimer Lebensversicherung AG. 35
4. Die Protektor Lebensversicherungs-AG. 37
4.1 Zweck und Konzeption der Protektor Lebensversicherungs-AG 37
4.2 Rolle im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG 39
4.3 Konsequenzen für die Lebensversicherungsbranche 42
4.4 Abschließende Beurteilung der Protektor Lebensversicherungs-AG 44
5. Zusammenfassung und Ausblick. 49
Anhang 51
Literaturverzeichnis 62
III
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Bedeutung der Mannheimer Leben im Markt zum 31.12.2002. 6
Tabelle 2: Versicherungsbestand der Mannheimer Leben nach Versicherungsarten
1999-2002. 7
Tabelle 3: Die Kapitalanlagearten der Mannheimer Leben und der Branche im
Vergleich. 8
Tabelle 4: Kapitalanlagen und Bewertungsreserven der Mannheimer Leben 1998-
2002. 10
Tabelle 5: Entwicklung von Kapitalanlagenrendite, Überschüssen und
Sicherheitsmitteln der MLV AG. 13
Tabelle 6: Ergebnisentwicklung der Mannheimer Leben 1998-2002. 16
Tabelle 7: Entwicklung der Eigenkapitalbestandteile der Mannheimer Leben 17
Tabelle 8: Kapitaladäquanz ausgewählter Lebensversicherer in den Jahren 2001
und 2002. 32
Tabelle 9: Stresstestergebnis bei der Mannheimer Leben zum 31.12.2002 (Basis:
31 12 2001) 34
Abkürzungsverzeichnis
AG Aktiengesellschaft AktG Aktiengesetz AnlV Verordnung über die Anlage des gebundenen Vermögens von Versicherungsunternehmen (Anlageverordnung-AnlV) BaFin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BAKred (ehemaliges) Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen BAV (ehemaliges) Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen BAW (ehemaliges) Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel BGB Bürgerliches Gesetzbuch CAR Capital Adequacy Ratio, Grad der Sicherheitsmittelausstattung c.p. ceteris paribus DAX Deutscher Aktienindex EM Eigenmittel EWR Europäischer Wirtschaftsraum GDV Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GuV Gewinn- und Verlustrechnung HGB Handelsgesetzbuch
IAS International Accounting Standards IWF Internationaler Währungsfonds k.A. keine Angabe KAG Kapitalanlagegesellschaft KWG Kreditwesengesetz LV Lebensversicherung
Mannheimer Leben Mannheimer Lebensversicherung AG math. mathematisch Mio. Millionen MLV AG Mannheimer Lebensversicherung AG Mrd. Milliarden MSCI Morgan Stanley Capital Index Protektor Leben Protektor Lebensversicherungs-AG RAP Rechnungsabgrenzungsposten
V
RechVersV Verordnung über die Rechnungslegung von Versicherungsunternehmen RfB Rückstellung für Beitragsrückerstattung SÜA Schlussüberschussanteil VAG Versicherungsaufsichtsgesetz VFA Versicherungsfachausschuss beim Institut für Wirtschaftsprüfer
1
1. Einleitung
Lebensversicherungen galten lange Zeit als sichere Alternative zur gesetzlichen Rente. Seit den 20er Jahren, in denen die Frankfurter Allgemeine Versicherung AG Insolvenz anmelden musste, hat die Aufsichtstätigkeit deutscher Regulierungsbehörden Schieflagen in der Lebensversicherungsbranche erfolgreich vermeiden bzw. beseitigen helfen können. Sowohl die Hinterbliebenensicherung als auch die private Altersvorsorge waren gewährleistet. Lebensversicherungen wurde, auch in Zeiten sich verschlechternder Kapitalmarktbedingungen, die Eigenschaft einer sicheren und rentablen Kapitalanlage zugesprochen. 1 Zudem schienen die Steuerreform des Jahres 2000, die es Versicherern in der Rechtsform der Kapitalgesellschaft untersagte, Kursverluste steuerlich geltend zu machen, sowie die verheerenden Kurseinbrüche der vergangenen Jahre an der Lebensversicherungsbranche ohne weitere Konsequenzen vorübergegangen zu sein. Im Jahr 2002 gründete die Branche eine Auffanggesellschaft für insolvente Lebensversicherer, die Protektor Lebensversicherungs-AG. Offenbar war voraus zu sehen, dass deutsche Lebensversicherer schwierigeren Zeiten entgegenblicken als gemeinhin angenommen. Im Juni 2003 war es dann soweit: Die Mannheimer
Lebensversicherung AG musste das Neugeschäft einstellen und ihren Vertragsbestand an die Protektor Lebensversicherungs-AG übertragen. Weitere Problemfälle in der Lebensversicherungsbranche werden vermutet. 2
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer
Lebensversicherung AG, der in diesem Zusammenhang stehenden Tätigkeit der
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie der Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG. Ziel der Arbeit ist es, dem Leser einen Eindruck davon zu vermitteln, wie es zu der Krise der Mannheimer Lebensversicherung AG kommen konnte, welches Instrumentarium der BaFin im Rahmen der Versicherungsaufsicht zur Verfügung steht und inwiefern ihr dieses bei der Schieflage der Mannheimer Lebensversicherung AG zu helfen vermochte. Zudem soll der Leser eine Vorstellung von der Konzeption und der Tätigkeit der Protektor Lebensversicherungs-AG im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG erhalten.
1 Vgl. v. Hammerstein et al. (2003), S. 27.
2 Vgl. Schäfer (2003), S. 22.
2
Die Arbeit ist wie folgt gegliedert:
Zunächst wird die Mannheimer Lebensversicherung AG vorgestellt; ihre Bedeutung im Konzern und ihre Tätigkeit werden erläutert. Daraufhin werden die Funktionen von Lebensversicherungen im Allgemeinen sowie die Stellung der Mannheimer Lebensversicherung AG im Markt beleuchtet. Es wird gezeigt, wie es zu der Krise der Mannheimer Lebensversicherung AG kommen konnte, welche Auswirkungen diese insbesondere für die Versicherungsnehmer hatte und welche Maßnahmen ergriffen wurden, um die negativen Auswirkungen abzufangen.
Im zweiten Teil wird die Tätigkeit der BaFin untersucht. Zu diesem Zweck werden ihre gesetzlich geregelten Befugnisse dargestellt und ihre Rolle im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG erläutert. Anschließend wird geprüft, ob die Mannheimer Lebensversicherung AG gegen die zu erläuternden Kapitalanlagevorschriften für Lebensversicherer verstoßen hat. Sodann werden Funktionsweise und Bedeutung des aufsichtsrechtlichen Stresstests erörtert, zu dessen Verständnis eine Beschreibung der Solvabilität von Lebensversicherern vorgenommen wird. Die Solvabilität der Mannheimer Lebensversicherung AG wird untersucht und ein Stresstest durchgeführt. Abschließend wird die Tätigkeit der BaFin im Fall der Mannheimer Lebensversicherung AG beurteilt.
Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Protektor Lebensversicherungs-AG. Ihre Konzeption wird dargelegt und ihre Rolle im vorliegenden Fall beschrieben. Eine Diskussion möglicher Konsequenzen ihrer Inanspruchnahme folgt. Abschließend wird die Konzeption der Protektor Lebensversicherungs-AG im internationalen Vergleich beurteilt.
Der letzte Teil fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen.
3
2. Die Mannheimer Lebensversicherung AG
2.1 Funktion im Konzern und Geschäftstätigkeit
Die Mannheimer Lebensversicherung AG (Mannheimer Leben) bildete bis Anfang Juli 2003 zusammen mit dem Online-Versicherer Mamax Lebensversicherung AG (Mamax Leben) die Lebensversicherungssparte des Mannheimer Versicherungskonzerns. Der börsennotierten Holding des Konzerns sind ferner die Schaden- und Unfallversicherungssparte (Mannheimer Versicherung AG Deutschland/Schweiz) sowie der Krankenversicherer Mannheimer Krankenversicherung AG untergeordnet. Das Management der Kapitalanlagen im Konzern betreibt die Mannheimer Asset Management KAG. Eine Übersicht über die Konzernstruktur zum 31.12.2002 enthält
Anhang 1.
Wesentliche Aktionäre der Holding sind mit Anteilen von 12,9% und 10% die Uniqa sowie die Münchener Rück Versicherung AG. Mit Anteilen von je knapp 5% folgen Swiss Re Germany, GE Frankona Rück, Nürnberger, Gerling Globale Rück, Wüstenrot & Württembergische sowie die uniVersa Versicherung AG. Die Aktionärsstruktur besteht zu knapp 75% aus inländischen institutionellen Investoren; weitere 14,8% entfallen auf ausländische institutionelle Investoren, gut 10% machen Privatanleger aus. 3 Mit allen Tochtergesellschaften wurden Gewinnabführungs- und Beherrschungsverträge (§ 291 AktG) abgeschlossen.
Die Lebensversicherungssparte war ihrer Größe wegen in den letzten Jahren ausschlaggebend für die Entwicklung des Mannheimer Konzerns. 4 Zum 30.06.2003 waren beispielsweise noch ca. 83% der Kapitalanlagen der Lebensversicherungssparte zuzuordnen. Ferner entfielen die Aufwendungen für Versicherungsleistungen (59,4% der Konzernaufwendungen für Versicherungsleistungen) und die versicherungstechnischen Rückstellungen (67,5% der versicherungstechnischen Konzernrückstellungen) im ersten Halbjahr des Jahres 2003 vorwiegend auf die Mannheimer und die Mamax Leben. 5 Dabei kommt der erst seit dem Jahr 2000 bestehenden Mamax Leben in der Lebensversicherungssparte nur eine untergeordnete Bedeutung zu. So machten zum 31.12.2002 die Kapitalanlagen der Mamax Leben nur 0,2% derjenigen der Mannheimer Leben aus; die Anzahl der Lebensversicherungsverträge der Mamax Leben belief sich auf unter 1% der Lebensversicherungsverträge der Mannheimer Leben, und auch die
3 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003b), S. 5.
4 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 82 ff. sowie Public und Investor Relations (2002b), S. 108 ff.
5 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 13.
4
Beitragseinnahmen stellten nur 0,5% derjenigen der Mannheimer Leben dar. 6 Nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit des Konzerns von der Mannheimer Leben befindet sich dieser derzeit in einer äußerst prekären Lage. 7 Den größten positiven Ergebnisbeitrag leistete in den letzten Jahren hingegen die Mannheimer Versicherung AG. 8 Einen Überblick über die Bedeutung der einzelnen Versicherungssparten im Konzern gibt Anhang 2 anhand ausgewählter Größen.
Als Lebensversicherer war die Mannheimer Leben Finanzintermediär im engeren Sinne. Im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit erbrachte sie Losgrößen-, Fristen- 9 und Risikotransformationsleistungen. 10 Letztere standen dabei im Mittelpunkt des Leistungsangebotes 11 : Wie andere Lebensversicherer gewährte die Mannheimer Leben Versicherungsschutz als Gegenleistung für die erhaltenen Prämien (Risikogeschäft) und investierte diese in (riskante) Aktiva (Kapitalanlagegeschäft). Diese beiden Geschäftsarten stellen für Lebensversicherer im Allgemeinen das Kerngeschäft dar. Ergänzend bieten sie sonstige Dienstleistungen an, die in „Beratungs- und Vermittlungsgeschäften, […] Geschäften über Management-, […] Datenverarbeitungs[…] sowie Risk Management-Dienstleistungen“ 12 bestehen. Die Mannheimer Leben erbrachte hingegen lediglich in geringem Umfang sonstige Dienstleistungen. 13 Ihre Geschäftsentwicklung war damit wesentlich vom Kapitalmarkt abhängig. Einen genaueren Einblick in die Geschäftstätigkeit der Mannheimer Leben vermittelt Kapitel 2.3. Zunächst wird jedoch die Stellung der Mannheimer Leben in der Lebensversicherungsbranche dargestellt.
2.2 Bedeutung im Markt
Der Lebensversicherungsmarkt hat in Deutschland große volkswirtschaftliche Bedeutung, die sich aus den Funktionen ergibt, die eine Lebensversicherung erfüllen soll. Diese sind insbesondere die Absicherung des Todesfallrisikos (Hinterbliebenensicherung) sowie die Gewährleistung der Altersvorsorge der Versicherungsnehmer
6 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1 sowie Public und Investor Relations (2003e), S. 1.
7 Vgl. Rathmann (2003b), S. 17.
8 Vgl. Public und Investor Relations (2003d), S. 2.
9 Im Bereich der Fristentransformation kann es bei Versicherungen sogar zu negativer Kapitalbindungstransformation kommen, vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 24.
10 Vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 21 ff.
11 Vgl. Süchting (1988), S. 37.
12 Wagner (2000), S. 178.
13 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 32.
5
selbst durch Versicherung des Erlebensfallrisikos. 14 Neben der Risikoübertragungsfunktion (Versicherungskomponente) kann die Lebensversicherung auch eine Kapitalbildungsfunktion (Sparkomponente) erfüllen. Sie ergänzt damit die Regel- und Zusatzsicherung 15 zwecks eigenverantwortlicher Deckung des Vorsorgebedarfs und kann als Kreditsicherheit oder der Kredittilgung dienen. 16 Schon im Jahr 2001 besaßen daher „mehr als 55% der deutschen Haushalte […] eine oder mehrere Lebens- und Rentenversicherungspolicen.“ 17 Zum 31.12.2002 bestanden rund 91,1 Mio. Lebensversicherungsverträge (Einzel- und Kollektivversicherungen) sowie ca. 38,7 Mio. Zusatzversicherungen. 18 Im Jahr 2002 wurden ca. 56,3 Mrd. € an Versicherungsleistungen ausgezahlt, die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer beliefen sich auf rund 65 Mrd. €. Mit Kapitalanlagen in Höhe von 582 Mrd. € stellte die Lebensversicherungsbranche bereits in 2002 einen bedeutenden Tragpfeiler der Kapitalmärkte dar. 19 Ende Juni 2003 beliefen sich die Kapitalanlagen der Lebensversicherungsbranche sogar auf 595,4 Mrd. € und damit auf knapp 60% der Kapitalanlagen aller Versicherungsunternehmen in Deutschland. 20 Doch nicht allein ihr Umfang macht diese Kapitalanlagen volkswirtschaftlich bedeutsam. Vielmehr ist entscheidend, dass sie wegen der in der Regel vorliegenden „Langfristigkeit der Verträge und eines vergleichsweise beständigen Mittelzuflusses auch langfristig und stetig zur Verfügung gestellt werden können.“ 21
Eine Gegenüberstellung der angeführten Daten im Branchendurchschnitt mit denen der Mannheimer Leben kann Tabelle 1 entnommen werden. Deutlich wird darin, dass die Mannheimer Leben Ende 2002 eine eher bescheidene Rolle in der aus 121 deutschen und 17 ausländischen Lebensversicherern bestehenden Branche spielte (die Ursache für die hohen Aufwendungen für Versicherungsleistungen wird in Abschnitt 2.3.1 erläutert). 22
14 Der Begriff „Erlebensfallrisiko“ wird in der versicherungswissenschaftlichen Literatur verwendet. Das Risiko im Erlebensfall kann dabei als der abnehmende - wenn auch vorhersehbare - Verdienst im Alter angesehen werden.
15 Die Bedeutung der Lebensversicherung als Alterssicherungskomponente ist jedoch eher gering, vgl. Deutscher Bundestag (2001), S. 92 ff.
16 Vgl. dazu Lührs (1997), S. 20 ff.
17 Fitch Ratings (2002), S. 2.
18 Durch Zusatzversicherungen lassen sich ergänzend zur Absicherung des Todes- und Erlebensfallrisikos weitere Risiken absichern, vgl. dazu etwa Theis (2001), S. 83.
19 Vgl. GDV (2003a), S. 24f.
20 Vgl. Deutsche Bundesbank (2003), S. 61.
21 Schwebler (1988), S. 418.
22 Die Anzahl der in Deutschland tätigen Lebensversicherer wurde der Homepage der BaFin, http://www.bafin.de, entnommen (Zugriff am 10.09.2003).
Tabelle 1: Bedeutung der Mannheimer Leben im Markt zum 31.12.2002 23 Die angegebenen Branchendurchschnittszahlen werden jedoch wesentlich von den Marktführern angehoben. So repräsentierten im Jahr 2002 nach einer Studie von McKinsey 50 führende Lebensversicherer einen Marktanteil von 93% 24 ; demnach hatten 88 Lebensversicherer zusammen lediglich einen Marktanteil von 7%. Der Anteil der führenden fünf Lebensversicherer (Allianz, Aachener und Münchener, Deutscher Herold, Volksfürsorge und Hamburg-Mannheimer) am Neugeschäft wurde auf 55% geschätzt. Für die Zukunft wird von 70-80% als Folge von Konsolidierungen ausgegangen. 25 Die Mannheimer Leben hatte mit 0,3% nur einen geringen am Neugeschäft 2002 bemessenen Marktanteil.
2.3 Geschäftsentwicklung und Krise
2.3.1 Bestandsentwicklung
In den vergangenen Jahren verzeichnete die Mannheimer Leben einen beständigen Neuzugang an Versicherungsverträgen. Während sich der durchschnittliche Versicherungsbestand der Gesellschaft in den Jahren 1995-1998 auf 314.425 Verträge belief, konnten in den Jahren 1999-2002 durchschnittlich aus 333.201 Verträgen Beiträge erzielt werden. 26 Die Tendenz war dabei, auch am durchschnittlichen Versicherungsvolumen gemessen, überwiegend positiv, obwohl die Stornoquote in den letzten drei Jahren zunahm und im Jahr 2002 wegen der „Stornierung mehrerer Großverträge“ 27 bei 8,9% lag (vgl. Tabelle 2). Dadurch fielen auch die ausgezahlten Leistungen an Versicherungsnehmer als Bestandteil der Aufwendungen für Versicherungsleistungen im Jahr 2002 hoch aus (vgl. Tabelle 1). Während Risiko-, Renten- und Kollektivversicherungen in den letzten Jahren einen relativ konstanten Anteil am Versicherungsbestand ausmachten, nahm die Bedeutung
23 Eigene Berechnung auf Basis von GDV (2003a) und Public und Investor Relations (2003c).
24 Vgl. McKinsey (2003), S. 8.
25 Vgl. McKinsey (2003), S. 23f.
26 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 1.
27 Public und Investor Relations (2003c), S. 5.
7
von Einzelversicherungen zugunsten von Berufsunfähigkeitsversicherungen, die im Jahr 2002 fast 50% des Bestandes ausmachten, immer weiter ab. 28
29,3% 33,8% 45,8% 53,1% Risikoversicherungen 4,8% 4,7% 5,4% 6,5% Rentenversicherungen 6,0% 6,5% 8,2% 8,9%
Berufsunfähigkeitsversicherungen 47,7% 40,5% 26,6% 20,8% Sonst. Lebensversicherungen 0,4% 0,4% 0,6% 0,5% Kollektivversicherungen 11,8% 14,1% 13,4% 10,2%
Stornoquote nach Versicherungssumme 8,9% 5,3% 2,8% 4,3%
Tabelle 2: Versicherungsbestand der Mannheimer Leben nach Versicherungsarten 1999-2002 29 An der Bestandsentwicklung war im Jahr 2002 eine Krise der Mannheimer Lebenabgesehen von der hohen Stornoquote, die im Branchendurchschnitt 2002 nur bei 4,91% 30 lag - nicht abzulesen. Nicht zuletzt wird dies darauf zurück zu führen sein, dass die Zukunftsaussichten seitens des Vorstands stets beschönigt wurden. So sei die Mannheimer Leben durch „Rückführung des kapitalbildenden Geschäfts […] zunehmend unabhängig vom Kapitalmarkt“ 31 , ferner sei das „Aktienmarktrisiko weitgehend abgesichert gewesen.“ 32 Aus dem Zwischenbericht des Mannheimer Konzerns zum 30.06.2003 geht dagegen deutlich hervor, dass das Neugeschäft der Mannheimer Leben „bei den laufenden Beiträgen einen Rückgang von 38,9%“ 33 im ersten Halbjahr 2003 aufwies. Ergänzend sei bereits an dieser Stelle angemerkt, dass das Neugeschäft nach Absprache mit der BaFin am 26.06.2003 eingestellt wurde.
2.3.2 Kapitalanlagepolitik
Die Lebensversicherungsbranche sah sich in den vergangenen Jahren einer „historisch [fast] einmalig schlechten Kapitalmarktsituation“ 34 ausgesetzt. Der MSCI World Total Return büßte ab März 2000 innerhalb von zweieinhalb Jahren 43% seines Wertes ein 35 , und auch der Deutsche Aktienindex (DAX) sank in den vergangenen Jahren drastisch:
28 Zur Systematisierung unterschiedlicher Lebensversicherungsformen und zur Charakterisierung von Renten- und Kapitallebensversicherungsformen vgl. Schierenbeck/Hölscher (1998), S. 700 ff. sowie Theis (2001), S. 81f.
29 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).
30 Vgl. GDV (2003a), S. 15.
31 Mannheimer AG Holding (2002c), S. 2.
32 Mannheimer AG Holding (2002b), S. 3.
33 Public und Investor Relations (2003a), S. 5.
34 McKinsey (2003), S. 4; Klammerzusatz vom Verfasser.
35 Vgl. http://www.msci.com/equity/index2.html, Zugriff am 04.10.2003.
8
Im Jahr 2001 verlor er 19,8% seines Wertes, in 2002 brach er sogar um 44% ein. 36 Die Umlaufrendite 10-jähriger Staatsanleihen hatte sich von knapp 8% 1992 auf ca. 4% zur Mitte des Jahres 2003 halbiert. 37
Dennoch setzte die Mannheimer Leben zu dieser Zeit in ihrer Kapitalanlagepolitik den Schwerpunkt auf Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere. Diese Position machte in den vergangenen drei Jahren jeweils mehr als 40% der gesamten Kapitalanlagen aus, während Grundstücke, grundstücksgleiche Rechte und Bauten durchschnittlich nur 1,6% darstellten. Auch Kapitalanlagen in verbundenen Unternehmen und Beteiligungen repräsentierten im Durchschnitt der letzten Jahre nur 0,7% der Kapitalanlagen. Einen bedeutenden, wenn auch im Zeitablauf abnehmenden Anteil an den Kapitalanlagen hatten die sonstigen Ausleihungen 38 , die im Jahr 2002 nur noch 21,6% darstellten, nachdem sie sich im Jahr 2000 noch auf 41,6% belaufen hatten. Inhaberschuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wertpapiere hingegen erreichten in den letzten Jahren einen zunehmenden Stellenwert. Von 6,85% im Jahr 2000 stieg der Anteil dieser Position in Prozent der gesamten Kapitalanlagen der Mannheimer Leben auf 19,43% im Jahr 2002, was insbesondere auf Neuzugänge (und weniger auf Zuschreibungen, nicht hingegen auf Währungskursveränderungen) zurückzuführen war. 39 Die Entwicklung der (relativen und absoluten) Buchwerte in den vergangenen drei Jahren kann Anhang 3 entnommen werden. Ein Vergleich mit der Bedeutung der Kapitalanlagearten in der Branche verdeutlicht die überdurchschnittlich riskante Anlagepolitik der Mannheimer Leben (vgl. Tabelle 3).
38,79% 41,66% 56,90% 56,80% 58,60% Andere Kapitalanlagen 3,26% 1,70% 1,45% 3,70% 3,90% 1,40% Summe 95,29% 96,84% 96,13% 100% 100% 100% Ges. Kapitalanlagen 100% 100% 100% 100% 100% 100%
An 100 fehlende % bei der Mannheimer Leben: keine Angabe.
Tabelle 3: Die Kapitalanlagearten der Mannheimer Leben und der Branche im Vergleich 40
36 Vgl. http://www.deutsche-boerse.com, Zugriff am 04.10.2003.
37 Vgl. Deutsche Bundesbank (2003), S. 39.
38 Die unter die Position „sonstige Ausleihungen“ fallenden Wertpapiere sind in § 10 RechVersV enumerativ aufgeführt.
39 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 29.
40 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001) und GDV (2003a). Die zu den (nicht) festverzinslichen Wertpapieren zählenden Wertpapiergattungen können den §§ 7 und 8 RechVersV
9
Während in den Jahren 2000-2002 im Branchendurchschnitt insgesamt ca. 26,3% auf Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere entfielen, waren ca. 64,1% in sonstige Ausleihungen und festverzinsliche Wertpapiere investiert. Im Jahr 2001 betrug die Aktienquote im Branchendurchschnitt 17%, im Jahr 2002 hingegen nur noch 10%. 41 Zur Jahresmitte 2003 gliederten sich die Kapitalanlagen in der Branche zu „81% in festverzinsliche Titel und sonstige Ausleihungen, zu rund 3% in Immobilien und zu rund 7% in Beteiligungen und sonstige Kapitalanlagen.“ 42 Die Aktienquote wurde auf durchschnittlich rund 7% gesenkt. 43 Die Branche reagierte offenbar auf die negative Kapitalmarktentwicklung der Jahre 2001 und 2002 durch Umschichtungen. 44
Auch wenn bei der Mannheimer Leben eine Erhöhung des Anteils festverzinslicher Wertpapiere festgestellt werden kann, wurde dies durch eine Verringerung sonstiger Ausleihungen wieder ausgeglichen. Dass die Gesellschaft einen deutlich über dem Branchendurchschnitt liegenden Anteil an nicht festverzinslichen Wertpapieren beibehielt, rechtfertigte der Vorstand damit, dass eine Erholung am Kapitalmarkt zu erwarten sei. 45 Daher betrug die Aktienquote der Mannheimer Leben zum Ende des Jahres 2002 noch 13%, nach 21,2% im Jahr 2001. 46 Im Jahr 2002 wurden der Position Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere noch 131,5 Mio. € an neuen Mitteln zugeführt. 47 Selbst zum 31.03.2003 wies der gesamte Konzern noch Aktien, Investmentanteile und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere in Höhe von 40,5% der gesamten Kapitalanlagen aus, zum 30.06.2003 waren es noch 39%. 48 Von einer ausreichenden Diversifikation kann angesichts dieser Zahlen sowie vor dem Hintergrund der Entwicklung der Kapitalmärkte nicht gesprochen werden. Auch der Vorstand räumte Ende August 2003 ein, dass zu stark in europäische Standardwerte,
entnommen werden. Andere Kapitalanlagen sind nach § 12 RechVersV Ausgleichsforderungen aus der Währungsreform von 1948.
41 Vgl. Erlenbach (2003c), S. 15.
42 Börsen-Zeitung (2003b), S. 13.
43 Vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 2.
44 Anzumerken ist allerdings, dass teilweise durch Abschreibungen in Höhe von 35 Mrd. € in 2002 eine vermeintliche Umschichtung herbeigeführt wurde, vgl. Fitch Ratings (2003b), S. 2.
45 Vgl. Public und Investor Relations (2002a), S. 7.
46 So Günter Himstedt, Vorstandsvorsitzender der Protektor Leben, in einem Vortrag zum Thema „Protektor Lebensversicherung AG: Erfahrungen im Fall Mannheimer“ am 07.11.2003 in Frankfurt am Main.
47 Vgl. Public und Investor Relations (2003c), S. 29. Soweit in den Investmentanteilen auch festverzinsliche Wertpapiere gehalten werden, geht deren Umfang nicht aus den Jahresabschlüssen hervor.
48 Vgl. Public und Investor Relations (2003a), S. 8.
10
insbesondere in Finanztitel, investiert worden sei. 49 Interessant ist es daher zu erfahren, welche Auswirkungen diese Strategie hatte und wie die Mannheimer Leben damit umging.
2.3.3 Bedeutung und Entwicklung der Bewertungsreserven
Der Buchwert der Kapitalanlagen der Mannheimer Leben nahm bis zum Jahr 2001 ständig zu, und auch im Jahr 2002 kann nur von einem relativ leichten, als „Folge rückläufiger Beitragseinnahmen, steigender Leistungsauszahlungen und hoher Abschreibungen“ 50 Rückgang gesprochen werden (vgl. Tabelle 4).
Tabelle 4: Kapitalanlagen und Bewertungsreserven der Mannheimer Leben 1998-2002 51 Die vermeintlich erfolgreiche Kapitalanlagepolitik und der relativ geringe Rückgang des Buchwertes der Kapitalanlagen im Jahr 2002 sind darauf zurückzuführen, dass ergebnismindernde Abschreibungen unter Verwendung des wohl als Folge des 11. Septembers 2001 52 verabschiedeten § 341b HGB unterlassen wurden. 53 § 341b HGB eröffnet den Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, vom strengen Niederstwertprinzip bei der Bewertung der Kapitalanlagen abzuweichen, indem Wertpapiere wie bei Kreditinstituten (subjektiv) dem Anlagebuch zugeordnet werden können, wenn sie dazu bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen. Dadurch entfällt die Pflicht zur Abschreibung bei voraussichtlich nur vorübergehenden Wertminderungen (Wahlrecht nach § 253 Abs. 2 S. 3 HGB). Zwar sind nach Maßgabe des Instituts der Wirtschaftsprüfer bei der Beurteilung der Dauer einer Wertminderung Wert erhellende Kenntnisse bis zum Zeitpunkt der Aufstellung der Bilanz zu berücksichtigen, und im Zweifel ist von einer dauerhaften Wertminderung auszugehen. 54 Dennoch ermöglicht die subjektive Zuordnung zum Anlagevermögen sowie die Einschätzung der Dauer der Wertminderung bilanzpolitischen Spielraum. So wurden im Jahr 2002 sogar
49 Vgl. Mannheimer AG Holding (2003d), S. 4. Zur Frage, ob statt in europäische Blue Chips in aktiendominierte Spezialfonds investiert wurde, vgl. Preuss (2003), S. 14.
50 Public und Investor Relations (2003c), S. 6.
51 Public und Investor Relations (2003c, 2002a, 2001).
52 Vgl. Rauscher et al. (2002), S. 53.
53 Dem Versicherungskapitalanlagen-Bewertungsgesetz (VersKapAG) zufolge fand die Neuregelung des
§ 341b HGB bereits für Geschäftsjahre, die am 30.09.2001 oder später endeten, Anwendung.
54 Zu Anhaltspunkten für die Frage, ob eine Wertminderung voraussichtlich nur vorübergehend ist, vgl. IDW (2002), Tz. 19 ff. sowie Kloos (2001), S. 51.
Arbeit zitieren:
Wolfgang Baums, 2003, Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie, München, GRIN Verlag GmbH
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BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
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Wolfgang Baums hat den Text Die Rolle der Protektor Lebensversicherungs-AG und der BaFin im Zusammenhang mit der Zahlungsunfähigkeit der Mannheimer Lebensversicherung AG - Eine Fallstudie veröffentlicht
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Insolvenzrecht: Anfechtbarkeit von Gehaltszahlungen in der Krise des U...
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