Gliederung
1. Einleitung 2
2. Privatheit 2
2.1 Definition 2
2.2 Privatheitskonzept nach Altman (1975) - strukturelle Aspekte 3
2.2.1 Privatheit als Zugangskontrolle 3
2.2.2 Privatheit als Optimierungsprozess und Mechanismen der
Privatheitsregulation 4
2.2.3 Privatheit als dialektischer Prozess 5
2.3 Privatheitskonzept nach Westin (1967) - strukturelle Aspekte 5
2.4 Funktionen von Privatheit 6
2.4.1 Funktionen von Privatheit nach Altman (1975) - funktionale Aspekte 6
2.4.2 Funktionen von Privatheit nach Westin (1970) - funktionale Aspekte 7
3. Leben in Notunterkünften 8
3.1 Unterscheidung zwischen Wohnung und Notunterkunft 8
3.2 Wer lebt in Notunterkünften? 9
3.3 Die Wohnsituation in Notunterkünften 9
3.4 Wohnrecht in Notunterkünften? 11
4. Folgen des Lebens in Notunterkünften 12
4.1 Fehlende Privatheit und Engeerleben (Crowding) 12
4.2 Ausgrenzung durch Vertreibung 14
4.3 Soziale und räumliche Isolation 14
4.4 Fehlende Autonomie 16
4.5 Fehlendes Territorium 16
4.6 Bewältigungsstrategien 17
5. Zusammenfassung 18
6. Literaturverzeichnis 20
7. Erklärung 23
Yasmin Stiwitz 1
1. Einleitung
Die meisten Menschen haben eine Notunterkunft noch nie von innen gesehen. Als Verfasserin dieser Arbeit muss ich gestehen, auch ich war nur einmal, zu Zeiten des Jugoslawienkrieges, in einer Wohncontainersiedlung. Die bedrückende Atmosphäre dort habe ich nie vergessen.
Auf Grundlage dieser Erfahrung und in Zusammenhang mit der Bearbeitung der Studienbriefe 3230 „Räumliches Verhalten“ von Dr. Jürgen Schultz-Gambard (1985) und 3240 „Psychologische Aspekte des Wohnens“ von Dr. Antje Flade (1985) entstand die Idee zu dieser Arbeit.
Thematische Grundlage ist die Frage, ob es für Menschen, die in Notunterkünften leben, überhaupt so etwas wie Privatheit gibt.
Hierzu werden die Privatheitsmodelle von Altman (1975) und Westin (1970) als analytische Leitfäden zugrunde gelegt und in Kapitel 2 zunächst kurz vorgestellt. In Anlehnung an Altman wird der Begriff der Privatheit als eine Art konzeptioneller Überbau für die Konzepte Persönlicher Raum, Territorialität und Crowding dienen und als Thematik im Vordergrund stehen. Auf diese Weise wird sowohl ein Bezug zum Studienbrief 3230 als auch zum Studienbrief 3240 hergestellt. Die Kapitel 3 und 4 bilden den Hauptteil der Arbeit und befassen sich mit der Lebenssituation von Notunterkunftsbewohnern und ihren Folgen. Den Abschluss der Arbeit bildet eine kurze Zusammenfassung, innerhalb welcher die Ergebnisse aus Kapitel 3 und 4 in Hinsicht auf die Fragestellung der Arbeit mit den vorgestellten Privatheitsmodellen in Zusammenhang gebracht und kurz resümiert werden.
2. Privatheit
2.1 Definition
Die meisten Menschen assoziieren mit dem Wort „Privatheit“: Alleinsein, Ruhe haben, Türen hinter sich zumachen können, die eigene Wohnung oder das eigene Haus, Rückzugsmöglichkeiten, Erholung und Intimsphäre. Vergleichbar dazu schreibt Flade: „Der Wohnbereich ist inzwischen ganz und gar zum Synonym für Privatheit geworden“ (1985, Kurseinheit I, S. 74).
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Altman (1977) definiert Privatheit als „a boundary control process wherely people sometimes make themselves open an accessible to others and sometimes close themselves off from others“ (1977, S. 67, zitiert nach Flade 1985, Kurseinheit I, S. 31) und beschreibt damit das Dialektische, Dynamische und Prozesshafte des Begriffes Privatheit.
2.2 Privatheitskonzept nach Altman (1975) - strukturelle Aspekte
Kruse bezeichnet Altmans Monografie „The Environment and Social Behavior. Privacy - Personal Space - Territory - Crowding“ (1975) als „die äußerlich umfangreichste Schrift zum Thema Privatheit“ (Kruse, 1980, S. 129). Sie ist weiterhin der Auffassung, dass, obgleich Altman im Untertitel seines Buches vier Konzepte nennt, „es doch in der Hauptsache um Privatheit, um
Privatheitsmechanismen wie personaler Raum und Territorialität und um Mangel an Privatheit in Form von Enge und Beengtheit“ (Kruse, 1980, S. 129 - 130) geht. Privatheit umschließt bei Altman also als integratives Konzept die anderen Konzepte des räumlichen Verhaltens. Sein Modell wird im folgenden kurz dargestellt.
2.2.1 Privatheit als Zugangskontrolle
Privatheit wird bei Altman bipolar betrachtet. Es können die Pole „Input“ und „Output“ unterschieden werden. „Input“ steht für das, was durch andere, von außen an das Selbst herangetragen wird, „Output“ für das, was das Selbst nach außen über sich preisgibt. Der Zugang des Selbst zu anderen unterliegt dabei einer selektiven Kontrolle - Altman spricht von „interpersonal boundary-control process“ (1975, S. 10) - , die je nach Situation individuell variieren kann (vgl. Altman, 1975, S. 18). Von Zugangskontrolle kann aber nur dann die Rede sein, wenn dass Individuum tatsächlich selbst Einfluss darauf hat, zu entscheiden, ob es in einer beliebigen Situation Zugang zu sich selbst gewähren möchte oder nicht (vgl. Kruse, 1980, S. 141).
Hat es diese Freiheit nicht, liegt ein Kontrollverlust vor. Es geht nicht mehr um Privatheit, sondern um einen Übergriff auf das Selbst, dem es mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert ist.
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Altman selbst vergleicht den Mechanismus der Zugangskontrolle mit der Permeabilität einer Zellmembran (vgl. 1975, S. 10). So wie in einem Organismus die Zellmembran als Schnittstelle zwischen innen und außen fungiert, wobei jeweils nur bestimmte Stoffe die Zellmembran passieren können, so gilt es, bestimmte Regulationstechniken einzusetzen, um über das gewünschte Maß an Privatheit die Kontrolle zu behalten.
Der Wunsch nach „Input“ oder „Output“ tritt je nach Situation oder Zeitpunkt unterschiedlich stark hervor und kann im Idealfall als Intensitätsregler der Interaktion mit anderen betrachtet werden.
2.2.2 Privatheit als Optimierungsprozess und Mechanismen der Privatheitsregulation
Funktioniert die Zugangskontrolle optimal, stimmt zu einem bestimmten Zeitpunkt die gewünschte Interaktionsintensität mit der tatsächlichen überein (vgl. Altman, 1975, S. 10), und ein homöostatischer Zustand - Altman verwendet den Begriff „equilibrium“ (1975, S. 25) - tritt ein. Das soziale System befindet sich im Gleichgewicht.
Altman geht in seinem Modell also davon aus, dass es einen optimalen Privatheitszustand gibt. Um diesen zu erreichen bzw. aufrechtzuerhalten, werden verschiedene Kontrollmechanismen angewandt. Dazu zählen z.B. verbale und nonverbale Verha ltensweisen, Persönlicher Raum und Territorialverhalten und bestimmte kulturelle Normen (vgl. Altman, 1975, S. 32).
Deutlich wird hier nochmals der bereits erwähnte Zusammenhang der Einzelkonzepte für das übergreifende Konzept der Privatheit. Auch Altman hebt dies explizit hervor indem er betont : „And most important, these different behaviors operate as a unified system, amplifying, substituting, and complementing one another“ (Altman, 1975, S. 12).
Kommt es trotz Einsatz dieser Kontrollmechanismen nicht zum angestrebten Gleichgewicht, findet entweder ein Übermaß an unerwünschter Interaktion statt und es entsteht ein Gefühl von Beengtheit (Crowding), oder die Interaktion ist so gering, dass ein Gefühl der Isolation entsteht. (vgl. Altman, 1975, S. 25 - 26). In beiden Fällen wird das angestrebte Optimum an Privatheit nicht erreicht.
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2.2.3 Privatheit als dialektischer Prozess
In Hinsicht auf die Regulation des gewünschten Input oder Output ist Privatheit für Altman ein dialektischer Prozess. Privatheit bedeutet sowohl, für andere offen und zugänglich zu sein, aber auch sich zu verschließen und somit unzugänglich zu sein (vgl. Altman, 1975, S. 11).
Das Dialektische der Privatheit bezeichnet somit die prinzipielle Variabilität des Wunsches nach Kontakt mit anderen, wohingegen der Optimierungsprozess den eher qualitativen Aspekt der verfügbaren oder nicht verfügbaren Kontakte kennzeichnet und über die verschiedenen Kontrollmechanismen versucht wird, einen Idealzustand zu erreichen.
2.3 Privatheitskonzept nach Westin (1967) - strukturelle Aspekte
Eine der ersten Analysen zum Privatheitsphänomen in westlichen Ländern aus dem Jahr 1967 stammt von Alan Westin (vgl. Kruse, 1980, S. 105). Er unterscheidet dabei vier Grundtypen von Privatheit: 1. Alleinsein: Steht für den „vollkommensten Zustand von Privatheit“ (Westin, 1970, S. 31, zitiert nach Kruse, 1980, S. 107). Der Mensch ist alleine, ohne die Gegenwart anderer und ohne unter ihrer Beobachtung zu stehen. 2. Intimität: Bezeichnet das „enge, entspannte und offenherzige“ (Westin, 1970, S. 31, zitiert nach Kruse, 1980, S. 107) Miteinander in einer Dyade oder Kleingruppe, die sich von der Außenwelt abschottet.
3. Anonymität: Gewährleistet den Aufenthalt in der Öffentlichkeit ohne erkannt zu werden, man ist „lost in a crowd“ (Altman, 1975, S. 18) und dadurch für eine begrenzte Zeit frei von sozialen Normen (vgl. Kruse, 1980, S. 107). 4. Zurückhaltung oder Reserviertheit: Hier handelt es sich um die Errichtung einer „psychologischen Barriere“ (Westin, 1970, S. 32, zitiert nach Kruse, 1980, S. 107) gegen die Außenwelt, die allerdings nur dann funktioniert, wenn die Umwelt über genügend Diskretion verfügt, den Wunsch, nicht kommunizieren zu wollen, auch zu berücksichtigen (vgl. Kruse, 1980, S. 107).
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Arbeit zitieren:
Yasmin Stiwitz, 2002, Privatheit in Notunterkünften?, München, GRIN Verlag GmbH
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