Inhalt
1. Einführung 3
2. Die Liebesidee in Shakespeares Sonettzyklus S. 4 - 6
2.1 Das Vorbild Petrarca 4
2.2 Die Freundschaftssonette 1 - 126 5
2.3 Die „Dark Lady“- Sonette 127 - 154 6
3. Sonett 116: Idealbild der ewigen Liebe S. 7 - 12
3.1 Vollkommene Liebe in Sone tt 116 7
3.2 Eingeständnis des Scheiterns des Liebesideals 9
4. Sonett 129: Verwerfliche Leidenschaft S. 12 - 15
4.1 Emotionale Phasen erotischen Begehrens 13
4.2 Liebe und Leidenschaft als Gegensatz 15
5. Fazit 16
6. Anhang 17
7. Literaturverzeichnis 18
7.1 Primärliteratur 18
7.2 Sekundärliteratur S 18
3
1. Einführung
Liebe - was ist Liebe? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit langer Zeit und man wird sie nie endgültig beantworten können. Jede Epoche, jede Nation, jeder Mensch denkt und empfindet anders darüber. Und dennoch verbindet alle der Wunsch dieses Gefühl mit sämtlichen Höhen und Tiefen, seien es Trauer, Sehnsucht, Verzweiflung oder auch tiefes Glück und Freude, zu erleben. Eine stark damit einhergehende Emotion ist die Leidenschaft, die die Menschen oft zu willenlosen Wesen werden lässt. Wenn sie nicht ausgelebt werden kann, ruft sie psychische Schäden hervor oder verändert den Betroffenen.
Auch in der englischen R enaissance war die Liebe ein wichtiger Teil des Lebens, obgleich die damaligen Ansichten darüber sich doch stark von heute unterscheiden. Glück und Liebe bestand darin, dass die Frauen ihre Rolle in der ehelichen Partnerschaft erfüllten, während die Männer ihre Gefühle auch anders ausleben konnten. Doch trotz aller Einschränkungen war die damalige Zeit, verglichen mit später folgenden Epochen, erstaunlich offen.
Liebe wurde vor allem in der Dichtung ein zentrales Thema, das viele Dichter auf verschiedenste Weise verwendeten. Besonders bei William Shakespeare findet man in seinen Werken diese Thematik auf unterschiedlichste Weise verarbeitet, sei es in seinen Dramen, wie Romeo und Julia, oder besonders in seinen Liebessonetten. Es stellt sich nun die Frage, wie dachte er über Liebe und Leidenschaft? Welche Empfindungen verband er damit? Waren Liebe und erotisches Begehren für ihn eine feste Einheit oder trennte er diese beiden?
Da es schwierig ist, im Rahmen dieser Arbeit den gesamten Sonettzyklus auf diese Problematik hin zu untersuchen, sollen zwei Sonette als Beispiele herausgegriffen werden. Diese Sonette, 116 und 129, zählen zu den Bekanntesten und greifen die Motive der Liebe und Leidenschaft klar auf.
Um jedoch Shakespeares Sichtweise der Liebe besser zu verstehen, sollen im ersten Teil der Arbeit die Zusammenhänge mit Petrarca noch mal kurz aufgezeigt und anschließend ein kurzer Überblick über die Gesamtkonzeption seines Sonettzyklus gegeben werden. Im zweiten Teil der Arbeit wird sein Liebesideal am Beispiel des Sonetts 116 genauer analysiert, während im dritten Teil die Leidenschaft und ihre Verbindung mit der Liebe am Beispiel des Sonetts 129 dargestellt wird.
4
2. Die Liebesidee in Shakespeares Sonettzyklus
2.1 Das Vorbild Petrarca
In der Liebesdichtung der Renaissance sind verschiedene Ideologien zu finden. Einen sehr großen Einfluss hatte das Werk von Francesco Petrarca (1304 - 74) 1 , das zugleich als Ursprung der Sonettdichtung zu sehen ist. Sehr viele der damaligen Dichter, wie z.B. Wyatt oder Surrey, orientierten sich an Petrarcas Liebesideologie und entwickelten seine Sonettform weiter. So begehrt in seiner Liebesauffassung „der Sprecher, ein Mann, den Inbegriff des Vollkommenen, eine Frau, in prinzipiell unerfüllbarer Liebe, da die Frau, eben weil vollkommen, absolut keusch, verheiratet oder tot, ihm irdische, sinnliche Erfüllung nicht gewähren kann.“ 2
Die Liebe wird zur Schmerzliebe, denn der Mann weiß, dass sie niemals erfüllt werden kann. Dies ist die vordergründige Idee der Liebe. Genauer betrachtet wird die Frau bei den Petrarkisten „als Projektionsfläche für die eigenen Phantasmen“ 3 missbraucht, was bedeutet, dass sie nach den Vorstellungen des Mannes konstruiert wird und vollkommen ihre Eigenständigkeit verliert.
Es stehen demzufolge in der petrarkistischen Dichtungstradition zwei Grundeinstellungen im Mittelpunkt: Zum einen ein Lobpreis der Schönheit und vollkommenen Tugend der Geliebten, zum anderen die Klage des Liebenden über seine Abweisung und Vergeblichkeit seiner Liebe. Von dieser Grundidee ausgehend entwickeln sich in der Renaissance sowohl Verschiebungen dieser Ansicht als auch Strömungen, die versuchen, sich davon zu lösen.
Bei Shakespeares Sonetten geht die Forschungsmeinung oft weit auseinander, wie weit und ob er sich an Petrarca orientierte. Grundy fasst diese Ambivalenz der Meinungen in folgende Aussage: „This is, and is not, a Petrarchan sonnet-sequence.“ 4 Es zeigen sich bei ihm viele Elemente des Petrarkismus, die jedoch durch starke Tendenzen dagegen überlagert werden. So kann man Shakespeares Sonettzyklus in zwei Hauptgruppen aufteilen. Die erste umfasst die Sonette 1 -126 und kann als eher konstruktive Kritik am Petrarkismus gesehen werden. Die zweite Gruppe, die Sonette
1 Titel des Werks: Canzoniere
2 Schabert, Ina (2000), Das Shakespeare-Handbuch, 4. Auflage, Stuttgart: Kröner, S. 583
3 Ebd., S. 584
4 Puschmann-Nalenz, Barbara (1974), Loves of comfort and despair, Frankfurt am Main: Akademische
Verlagsgesellschaft, S. 91
5
127-154 5 , wird hingegen als eine anti-petrarkistische Satire auf die Gattung des Sonetts betrachtet.
2.2 Die Freundschaftssonette 1 - 126
Die Sonette 1 bis 126 werden als ein thematisch zusammengehöriger Komplex gesehen. 6 Sie sind alle an einen jungen, blonden Aristokraten adressiert, den der Sprecher der Sonette in Liebe und Freundschaft verehrt. In dieser Gruppe nehmen die sogenannten „Prokreationssonette“ 1 -17 eine Sonderstellung ein. In ihnen warnt der Sprecher den jungen Aristokraten davor, seine Schönheit und Vollkommenheit zu verschwenden und rät ihm diese durch die Zeugung von Nachkommen zu vervielfältigen. Die Frau wird in diesen Sonetten ausschließlich als Medium zur Weitergabe der männlichen Perfektion verwendet. Durch diese Herabsetzung ist klar ersichtlich, dass die Sonette in der ersten Gruppe alle an einen jungen Mann gerichtet sind.
Besonders auffällig ist das homoerotische Potential des ersten Teils. Der Sprecher gelangt ausgehend von einer tiefen Bewunderung des Geliebten über starke Selbstzweifel und einer Klage über den Verrat durch den Freund zu der Erkenntnis, „dass der Freund seine einzigartigen Gaben vergeudet und die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt.“ 7 Man kann also feststellen, dass Shakespeare „von dem Themenkreis „Freundschaft“ mit seinen „basic assumptions“ ausgeht und erst dann die petrarkistische Liebeskonzeption aufgreift.“ 8 Es ist jedoch falsch aus dieser homosexuellen Liebe Rückschlüsse auf Shakespeare zu ziehen. Vielmehr waren in der englischen Renaissance die Grenzen zwischen ‚homoerotischer’ Liebe und ‚homosozialer’ Männerfreundschaft 9 nicht so eng. Das bedeutet, dass damals engere Beziehungen zwischen Männern bei weitem nicht so kritisch gesehen wurden wie in späteren Epochen.
Shakespeare übernimmt in den Sonetten 1 -126 das idealtypische Dichterlob des Geliebten nicht vollkommen, sondern er erkennt und zeigt immer wieder deutlich die
5 Diese Gruppe wird bei einigen Forschern bereits nach dem Sonett 152 beendet, da den Sonetten 153 und
154 oft eine Sonderstellung zugeschrieben wird.
6 Diese Einteilung der Sonette ist jedoch nicht unumstritten. " vgl. Schabert, Ina (1978), Shakespeare-
Handbuch, 2. Auflage, Stuttgart: Kröner, S. 658ff
7 Schabert (1978), S. 662
8 Puschmann-Nalenz (1974), S. 92
9 vgl. Schabert, Ina (1997), Englische Literaturgeschichte, Stuttgart: Kröner, S. 144
Arbeit zitieren:
2004, Shakespeares Konzeption von Liebe und Leidenschaft am Beispiel der Sonette 116 und 129, München, GRIN Verlag GmbH
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