Einleitung 1
1. Altern in der Gesellschaft 4
1.1. Demographische Entwicklung 4
1.1.1. Dreifaches Altern 5
1.1.2. Von der Pyramide zum Pilz 7
1.2. Altersbilder 9
1.3. Alter, Krankheit und Pflegebedürftigkeit 11
1.4. Ökonomische Situation älterer Menschen 12
1.5. Soziale Netzwerke 13
1.6. Strukturwandel des Alters 17
1.6.1. Konzepte des Altersstrukturwandels 17
1.6.1.1. Verjüngung und Entberuflichung des Alters 17
1.6.1.2. Feminisierung des Alters 18
1.6.1.3. Singularisierung im Alter 18
1.6.1.4. Hochaltrigkeit 18
1.6.2. Soziale Ungleichheit 19
1.6.3. Einführung der Pflegeversicherung 20
1.6.4. Generationenvertrag 23
2. Elemente einer nachhaltigen Sozialpolitik
im Kontext der alternden Gesellschaft 25
2.1. Sozialstaat im Wandel 25
2.1.1. Krise des Sozialstaats 26
2.2. Leitlinien für eine nachhaltige Sozialpolitik mit und für ältere Menschen 29
2.2.1. Partizipatorische Entscheidungsdiskurse 30
2.2.2. Gerechter Austausch 31
2.2.3. Marktbegrenzung 32
2.2.4. Solidarität 32
2.2.5. Ethik des Alterns 33
2.3. Lebensbereiche älterer Menschen 35
2.3.1. Gesundheit 35
2.3.2. Bildung und Kultur 36
2.3.3. Wohnstrukturen 38
2.3.4. Soziale Netzwerke 42
3. Neue Ansätze Sozialer Arbeit mit älteren Menschen 44
3.1. Empowerment als professionelle Grundhaltung 45
3.1.1. Der Defizitblickwinkel in der Sozialen Arbeit 46
3.1.2. Die Philosophie der Menschenstärken 46
3.2. Systemische Soziale Arbeit 48
3.3. Gemeinwesenarbeit mit älteren Menschen 49
3.3.1. Sozialräumliche Orientierung 52
3.3.2. Methodenintegration 52
3.4. Koordination, Kooperation und Vernetzung
als professionelles Arbeitsprinzip 54
3.4.1. Begriffsklärung von Koordination, Kooperation und Vernetzung 55
3.4.2. Care- und Case Management 55
3.4.3. Leitstelle „Älter werden in Augsburg“ 56
3.4.4. „Netzwerk im Alter Berlin Pankow
Prenzlauer Berg - Weißensee 58
3.4.5. Die Düsseldorfer Netzwerkstatt 58
3.4.6. Prinzipien der Netzwerkarbeit 59
3.5. Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement 60
3.6. Lokale Ökonomie und Gemeinwesenökonomie 60
3.7. Neuverortung des Sozialen im intermediären Bereich 62
3.7.1. Intermediärer Sektor 63
3.7.1.1. Notwendigkeit eines eigenständigen
solidarökonomischen Sektors 65
4. Ansätze zur eigenständigen zivilgesellschaftlichen
Organisation sozialer Sicherung 70
4.1. Bürgerschaftliches Engagement 71
4.2. Genossenschaftliche Selbsthilfe als Organisationsform
der Gemeinwesenökonomie 73
4.3. Genossenschaftliche Selbsthilfe zur Organisation von Hilfe auf
Gegenseitigkeit im Gemeinwesen 75
4.3.1. Kriterien von gemeinwirtschaftlichen Genossenschaften 75
4.3.2. Organisationsstrukturen einer Genossenschaft
zur Förderung der Hilfe auf Gegenseitigkeit 76
4.3.2.1. Kommunikative Strukturen 77
4.3.2.2. Die Genossenschaft als lernende Organisation 77
4.3.3. Mögliche Leistungsbereiche einer Genossenschaft
zur Förderung der Hilfe auf Gegenseitigkeit 78
4.3.3.1. Ambulante Dienstleistung als Profitcenter der Genossenschaft 80
4.4. Exkurs: „Zeitdepot“ als Komplementärwährung
zur Förderung der Hilfe auf Gegenseitigkeit 82
4.4.1. Entstehung der „neuen“ Komplementärwährungen 84
4.4.2. Funktionsweise der Komplementärwährungssysteme 85
4.4.3. Beispielhafte Zeitdepotsysteme zur Förderung
von Hilfeleistungen im Gemeinwesen 87
4.4.3.1. Time Dollars 87
4.4.3.2. Seniorengenossenschaften 87
4.4.3.3. Fureai-Kippu System 88
4.4.4. Funktionen einer Komplementärwährung
in Form von Zeittausch und Zeitdepot 93
4.4.4.1. Förderung der Solidarität 93
4.4.4.2. Förderung von Reziprozität 93
4.4.4.3. Ansparfunktion 94
4.4.5. Probleme und Erfahrungen mit Zeitdepots 95
4.5. Organisation eines Zeitdepots durch die Genossenschaft 98
4.6. Vernetzung, Koordination und Öffentlichkeitsarbeit 99
4.7. Ziele einer Genossenschaft zur Förderung der Hilfe auf Gegenseitigkeit101
4.8. Genossenschaftliche Selbsthilfe und professionelle Soziale Arbeit 102
4.9. Einige Worte zu Förderung und Finanzierung 103
Zusammenfassung und Ausblick 107
Quellenangaben 109
Einleitung
Es ist ungewiss, wie die zunehmende Zahl älterer Menschen, bei gleichzeitig abnehmender Zahl jüngerer Menschen, gute Lebensbedingungen im Alter haben können. So wird zwar über eine nachhaltige Reform der sozialen Sicherung diskutiert (Rürup-Kommission), aber alleine die Maßnahmen am System der Gesundheits-, Pflege-, und Rentenversicherung werden nicht ausreichen um nachhaltige Lebensmodelle im Alter zu gewährleisten. In einem Artikel im Focus 32/2003 wird dies immerhin klar erörtert und auf die Notwendigkeit des Umdenkens hingewiesen. Es werden Beispiele für eigenständige zivilgesellschaftliche Formen der sozialen Sicherung, wie gemeinschaftliches Wohnen und die Seniorengenossenschaften aufgeführt (Focus Nr. 32/2003).
Die Problematik der wachsenden Altersgruppe und verschiedene Lösungsansätze sind mir auch in meiner persönlichen Biographie auf verschiedenen Ebenen begegnet. Durch meine Arbeit in einem ambulanten Dienst habe ich Möglichkeiten der ganzheitlichen Pflege durch das ressourcenorientierte Handlungskonzept der „Kinästhetik“ kennen gelernt. Ebenso hat sich hier die Wichtigkeit der eigenen Wohnung für ältere Menschen gezeigt. In der ambulanten Pflege steht es auch außer Frage, dass die Wohnung die Privatsphäre der älteren Menschen ist und dementsprechend geachtet werden muss. In der stationären Pflege setzt sich die Notwendigkeit der Achtung der Privatsphäre der BewohnerInnen nur langsam durch. Im Praktikum bei der Heimleitung eines Altenheims hatte ich die Gelegenheit, mich näher mit Personalentwicklung zu beschäftigen. Ich bin der Ansicht, dass diese daran ausgerichtet sein sollte, die Kinästhetik in den Pflegealltag zu integrieren. So kann die Qualität der Pflege durch eine bewohnerInnenorientiertere Kommunikation verbessert werden. Durch diese Erfahrungen wurde aber auch klar, dass organisationsinterne Verbesserungen nicht ausreichen und die ambulante und stationäre Pflege in das Gemeinwesen integriert werden müssen. Auch die Arbeit des ambulanten Dienstes im örtlichen Arbeitskreis für ältere Menschen, zur Verbesserung der Kooperation und Vernetzung kommt schnell an Grenzen. Im Vordergrund für die Träger der ambulanten und stationären Pflege steht hier die Öffentlichkeitsarbeit und der eigene Vorteil und nicht so sehr bedarfsorientiertes Arbeiten. Dies steht in direktem Zusammenhang mit der gängigen „Marktökonomie“, die auch zunehmend in der Sozialen Arbeit Einzug hält. Wichtig ist mir ein ganzheitlicher ökonomischer Lösungsansatz, einer Ökonomie, die in die Lebenswelt eingebettet ist und somit auch das Leben und die
1
Betreuung älterer Menschen mit einbezogen wird. Auf der Basis eines gemeinwe-senorientierten ökonomischen Verständnisses könnte die Zivilgesellschaft solidarische Lebensentwürfe als nachhaltige Lebensmodelle im Gemeinwesen entwickeln.
Zum Aufbau dieser Arbeit:
Im ersten Teil der Arbeit geht es um die Darstellung der Lebenssituation älterer Menschen und ihres Umfeldes. Anhand der Prognose der künftigen Bevölkerungsentwicklung zeigt sich, dass das zahlenmäßige Verhältnis der jüngeren zur älteren Generation drastisch zugunsten der Anzahl älterer Menschen ändern wird. Dieser demographische Wandel geht einher mit einem gesellschaftlichen und familiären Wandel. Die familiäre Unterstützung im Alter macht zwar nach wie vor einen Grossteil der Unterstützung aus, jedoch ist hier aufgrund des gesellschaftlichen und demographischen Wandels mit einer Abnahme zu rechnen. Hier stellt sich nun die Frage, wie trotz dieser Entwicklungen weiterhin ein selbstbestimmtes Leben im Alter möglich sein kann? Die Antwort hängt davon ab, inwieweit die Gesellschaft der ebenfalls vorhandenen Erosion von Solidarität entgegenwirkt. Im zweiten Kapitel sollen zunächst Ursachen für den Abbau des Sozialstaats aufgezeigt werden. Etwaige Rechtfertigungen der Notwendigkeit der Verlagerung sozialer Risiken ins Private mit der demographischen Entwicklung sollen hierdurch widerlegt werden. Der Sozialstaatsabbau führt zu einer Exklusion eines wachsenden Teils der erwerbsfähigen Bevölkerung aus dem Arbeitsmarkt, was die Gefahr der Entsolidarisierung der Gesellschaft mit sich bringt. Um gerechte Austauschstrukturen zwischen Staat, Wirtschaft und BürgerInnen zu ermöglichen, bedarf es einer Orientierung an Leitlinien zur Sozialpolitik, die ich aus verschiedenen theoretischen Ansätzen zusammengestellt habe. Diese Leitlinien können beispielhaft auf die Lebensbereich Gesundheit, Bildung und Kultur, Wohnstrukturen und soziale Netzwerke angewandt werden. Ziel ist eine stärkere Partizipation der Zivilgesellschaft an der Ausgestaltung und Entwicklung gesellschaftlicher Lebensbereiche auf der Basis einer erstarkenden Zivilgesellschaft.
Im dritten Teil der Arbeit wird die Rolle der Sozialen Arbeit 1 mit älteren Menschen in diesem gesellschaftlichen Entwicklungsprozess näher beleuchtet. Grundlage ist die
1 Aufgrund des metatheoretischen Hintergrunds ist die Trennung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit nicht mehr gegeben, weshalb ich in dieser Arbeit auch grundsätzlich den Terminus Soziale Arbeit verwende (Staub-Bernasconi; 2000; S. 737f; vgl. Punkt 3.2.).
2
professionelle Grundhaltung des Empowerments und die systemische Sichtweise. Darauf aufbauend soll mit dem Arbeitsprinzip der Gemeinwesenarbeit deutlich gemacht werden, dass Altern alle Generationen im Gemeinwesen betrifft. Diese ge-meinwesenorientierte Arbeit mit älteren Menschen ist im intermediären Bereich ver-ortet. Hier geht es auch um ein symmetrisches Zusammenspiel von Sozialer Arbeit mit bürgerschaftlichem Engagement. Dies soll zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Professionellen und bürgerschaftlich Engagierten führen, um gemeinsame Problemlösungen in einem eigenständigen intermediären Sektor zu entwickeln.
Im vierten Teil der Arbeit wird die Möglichkeit der genossenschaftlichen Selbsthilfe zur Entwicklung eigenständiger zivilgesellschaftlicher Formen sozialer Sicherung dargestellt. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit bürgerschaftlichem Engagement. Es geht darum, dass die BürgerInnen sich nach dem Prinzip der Hilfe auf Gegenseitigkeit selbst organisieren.
In einem Exkurs zu Komplementärwährungen in Form von Zeitdepots sollen die Erfahrungen mit verschiedenen Systemen vorgestellt werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf dem japanischen Fureai-Kippu System. Dieses wird in Japan zunehmend von einer breiten Bevölkerungsgruppe angenommen und ergänzt zusehends die Pflegeversicherung. Diese eigenständige Form zivilgesellschaftlicher sozialer Sicherung fördert das solidarische Wirtschaften in der Gemeinwesenökonomie. Da Komplementärwährungen soziales Kapital und Solidarität fördern können, folgt auf Grundlage dieser Informationen der Vorschlag, wie eine Genossenschaft auch ein solches Zeitdepot organisieren kann. Ein Vorbild gibt es in dem Modell der Seniorengenossenschaften in Baden-Württemberg. An dieser Stelle möchte ich auf die Möglichkeit der Verbindung der Hilfe auf Gegenseitigkeit mit der professionellen Hilfe hinweisen, indem die Genossenschaft als Profitcenter einen ambulanten Dienst betreibt. Hierdurch sind Synergien durch die direkte organisationsinterne Verzahnung der formellen mit der informellen Hilfe möglich. Die Zivilgesellschaft entwickelt eigenständige nachhaltige Lebensmodelle mit und für ältere Menschen im Gemeinwesen. Lebensmodelle deshalb, weil jedes Gemeinwesen die Lösungsansätze für seine örtlichen Notwendigkeiten entwickeln muss. Diese Modelle können für andere lediglich Vorbilder sein. Die Rolle der Sozialen Arbeit ist, diese eigenständigen zivilgesellschaftlichen Formen sozialer Sicherung aktiv und professionell unterstützend zu begleiten.
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1 Altern in der Gesellschaft
Altern ist kein einheitlicher Prozess, sondern es gibt eine große Vielfalt intraindividueller und interindividueller Unterschiede in den Altersprozessen. Diese werden in starkem Maße von den davor liegenden Lebensphasen und biographischen Ereignissen geprägt. Aufgrund der demographischen Entwicklung und der zunehmenden Verlagerung sozialer Sicherung ins Private, besteht die Gefahr, dass sich die Lebenslagen älterer Menschen verschlechtern. Eine zunehmende Zahl älterer Menschen könnte an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die Auslese könnte mittels einer Einteilung der älteren Menschen in „Produktive“ und „nicht Produktive“ stattfinden. Das heißt produktive Ältere, die entweder die nötigen finanziellen oder auch gesundheitlichen Ressourcen haben, sind in die Gesellschaft integriert und die Kranken und Hilfsbedürftigen mit mangelnden finanziellen Ressourcen werden ausgeschlossen. Die Problematik der Hilfeleistung wird zunehmend in die Familie verlagert und zum Großteil von den Frauen geleistet. Aufgrund der Zunahme hilfsbedürftiger älterer Menschen bei gleichzeitiger Abnahme jüngerer Menschen, dem strukturellen und sozialen Wandel, kommt es zu vielschichtigen Problemen in der Gesellschaft. Diese steht vor einer völlig neuen Aufgabe, was Konrad Hummel folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Kein ... Gemeinwesen musste bisher diese Bevölkerungszusammensetzung, diese Freisetzung vom Erwerbsleben, diese Fortdauer bei Pflegebedürftigkeit und diesen Einstellungswandel bewältigen“ (Hummel; 1991; S. 130).
1.1. Demographische Entwicklung
Die Lebenssituation zukünftiger Altengenerationen ist abhängig von der demographischen Entwicklung. Diese Vorausberechungen beruhen auf unterschiedlichen Annahmen: der Fertilität (Geburtenrate), der Mortalität (Sterberate) und der Migration (Zu- und Abwanderung). Die Bevölkerungsvorausberechnung variiert, in Folge der jeweiligen Annahmen dieser Prozesse (Kruse; 2001; S. 25ff; Tews; 1999; S. 144). Die folgenden Ausführungen beruhen auf der 10. Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes. Diese gehen von der Annahme einer Geburtenziffer von durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau aus (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 10). Bei den deutschen Staatsangehörigen ist je 1000 Einwohner die Zahl der Lebendgeborenen von 10 im Jahre 1991 auf 9 im Jahre 2000 zurückgegangen. Innerhalb diesen Zeitraumes hat sich ein Geburtendefizit von 1,7 Mio. ergeben
4
(Deutscher Bundestag; 2002; S. 18). Die derzeitige Geburtenziffer beträgt durchschnittlich 1,4 Kinder pro Frau in den alten Bundesländern und 1,2 Kinder pro Frau in den neuen Bundesländern. „Um die gegenwärtige Bevölkerungszahl zu erhalten, müssten im Durchschnitt pro Elternpaar etwas mehr als 2 Kinder geboren werden (zusammengefasste Geburtenziffer von 2,1 pro Frau)“ (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 10).
Zur Entwicklung der Lebenserwartung wurden drei unterschiedliche Annahmen der Lebenserwartung angenommen (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 19). Die durchschnittliche Lebenserwartung lag laut der Sterbetafel des Jahres 1998/2000 bei den Frauen bei 80,82 Jahren, bei den Männern bei 74,78 Jahren (GeroStat 2 ). Laut der Sterbetafel von 1901/1910 lag diese bei den Frauen noch bei 48,33 Jahren, bei den Männern bei 44,82 Jahren (GeroStat).
Bei der Migration ist „für die künftige Bevölkerungszahl und die Altersstruktur ... der Wanderungssaldo, d.h. die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, ausschlaggebend“ (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 20). Bei diesem wurden ebenfalls drei Varianten angenommen (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 22f). In den vergangenen fünfzig Jahren war der Wanderungssaldo vorwiegend positiv und betrug im Jahresdurchschnitt 200.000 (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 22). So wird auch bei der mittleren Variante mit einem Wanderungsgewinn von 200.000 Personen ausgegangen. Es wird mit einem Verjüngungseffekt gerechnet, da die zuziehenden Personen im Durchschnitt jünger als die Fortziehenden sind (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 22). Diese Zuwanderung kann die Abnahme der Bevölkerungszahl und die Alterung der Gesellschaft langfristig nicht aufhalten, sondern nur verlangsamen (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 34)
Die bei den Berechnungen angenommene Variante 5, ist die mittlere Variante mit mittlerer Wanderungsannahme und mittlerer Lebenserwartungsannahme (Statistisches Bundesamt; 20003; S. 31).
1.1.1. Dreifaches Altern
Anhand dieser Bevölkerungsvorausberechnung zeigt sich, dass unsere Gesellschaft in dreifacher Hinsicht altert, das heißt erstens absolut in der Gesamtzahl der älteren Menschen, zweitens relativ im Verhältnis der Generationen untereinander, drittens
2 GeroStat - Statistik online frei zugängliche gerontologisches Fachinformationssystem mit statistischen Daten und Informationen zum Thema „Alter(n)“ (http://www.gerostat.de).
5
strukturell durch ein höheres Durchschnittsalter und deutlich steigende Hochaltrigkeit (Tews; 1999; S. 138).
1. Die absolute Zahl älterer Menschen steigt stetig an. In Deutschland lebten 1900 7,8% über 60-Jährige (Tews; 1999; S. 138), 2001 waren es 24,1 % und laut der
10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung werden es laut Variante 5 im Jahre 2050 - 36,7 % sein (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 31).
2. Relativ im Verhältnis zu den Jüngeren wächst ebenfalls der Anteil der älteren Menschen. Das Verhältnis der über 60-Jährigen zu den im Erwerbsalter befindlichen wird als Altenquotient, das entsprechende Verhältnis der unter 20-Jährigen als Jugendquotient und die Summe aus beiden wird als Lastenquotient bezeichnet (Tews; 1999; S. 139). Wiederum laut Variante 5 des Statistischen Bundesamtes wird sich der Altenquotient von 44 im Jahre 2001 auf 71 im Jahre 2030 „ em-porschnellen und bis 2050 weiter bis auf 78 steigen“ (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 31). Das bedeutet auf 100 Personen im Erwerbsalter kommen 78 Personen im Rentenalter, welches derzeit durchschnittlich mit 60 Jahren beginnt (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 31). Ein durchschnittliches Renteneinzugsalter mit 65 Jahren ergibt für 2050 nach Variante 5 einen deutlich geringeren Altenquotienten von 55. „Eine weitere Erhöhung auf 67 Jahre 3 würde zu einer weiteren Absenkung des Altenquotienten auf 47 führen (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 33).
3. Die Zahl der Hochaltrigen nimmt zu, auch wenn dies eine willkürlich gesetzte Grenze ist. Früher wurden bereits die über 75-Jährigen als hochaltrig bezeichnet, heute wird im Allgemeinen erst bei über 80-Jährigen von Hochaltrigen gesprochen (Tews; 1999; S. 140f). Laut GeroStat gab es im Jahre 2000 von 19.412,174 über 60-Jährige: 84,1% im Alter zwischen 60 und 80 Jahren und 15,9% über 80 Jahre (GeroStat; eigene Berechnungen). Somit zählten bei den Älteren mehr als 3/4 zu den „jungen“ Alten und weniger als 1/4 gehörten zu den Hochaltrigen. Der steigende Anteil Hochaltriger zeigt sich ebenfalls an der Zunahme der 100-Jährigen. Im früheren Bundesgebiet stieg deren Zahl von 158 im Jahre 1996, auf 2501 im Jahre 1998. Im gesamten Bundesgebiet feierten im Jahre 1998 2.948 Personen ihren 100. Geburtstag, davon 2.583 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von 87,62% (BMFSFJ; 2002; S. 57).
3 Die „Rürup - Kommission“ macht in ihrem Abschlussbericht den Vorschlag einer stufenweisen Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre im Jahre 2035 (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherheit (BMGS); 2003; S. 82).
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1.1.2. Von der Pyramide zum Pilz
Die nun folgende Grafik verdeutlicht, dass man im Jahre 1910 noch von einer Bevölkerungspyramide reden konnte. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte diese Pyramide Kerben, so dass eher von einer „zersausten Wettertanne“ die Rede sein kann. In den folgenden Jahren wird sich dieser Tannenbaum zunehmend zu einem Pilz entwickeln. Das bedeutet die ideale Vorstellung von einer Bevölkerungspyramide, in der die Stärke der Jährgänge von unten nach oben abnimmt (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 28), wird sozusagen auf den Kopf gestellt, indem sich die stärksten Jahrgänge langsam nach oben entwickeln und nur noch schwächere Jahrgänge nachrücken.
7
Schaubild: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland
Quelle: Statistisches Bundesamt; 2003; S. 30
8
1.2. Altersbilder
Im generalisierten Altersbild dominieren Beschreibungen wie „Passivität“, „Unselbständigkeit“, „Starrsinn“, „Krankheit“ und „Gebrechlichkeit“. Nur im selbstbezogenen Altersbild wird das Altern eher mit positiven Aspekten wie „Ruhe“ und „Kontakte pflegen“ assoziiert (Niederfranke u.a.; 1999; S. 32). Dies zeigt, dass das öffentliche Altersbild eher negativ besetzt ist und es sogenannte Altersstereotype gibt, die alten Menschen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zuschreiben (Niederfranke u.a.; 1999; S. 27). Dies wird gefördert durch die Altersbilder, die in den Medien vermittelt werden. Hier wird eher von den Problemen des Alters gesprochen. Es geht um Altenlast, Rentenlast und Pflegelast. In den Medien werden selten Bilder von älteren Menschen gezeigt, die ein positives Bild von Altern vermitteln (vgl. Niederfranke u.a.; 1999; S. 35ff). Bei dem Anteil der Älteren in der Werbung geht es um die Akquirierung der Kaufkraft der „jungen“ Alten und nicht um ein positives Bild des Alterns (Tews; 1995; S. 81ff). Somit besteht die Gefahr, dass durch diesen einseitigen defizitären Blickwinkel eine Diskriminierung der älteren Generation stattfindet. Diese negative Polarisierung wird noch verstärkt durch das Bild der „alten Frau“. Der „alte Mann“ wird insgesamt positiver gesehen (Niederfranke u.a.; 1999; S. 43ff). Die ersten theoretischen gerontologischen Modelle des Alterns förderten dieses negative Bild. Durch diese Defizitmodelle wurde das Altern generell als ein mit Einbußen und Verlusten verbundener Prozess gesehen. Die in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts entwickelten Defizitmodelle wurden mit der Zeit durch differenziertere Modelle abgelöst (Kruse/Lehr; 1999; S. 210ff). Aus einer neueren Studie geht hervor, dass sich langsam auch eine differenzierte Sichtweise von dem Altern in der Gesellschaft durchzusetzen scheint (Kruse; 2001; S. 42ff, vgl. unten). Gleichzeitig gibt es nach wie vor eine Diskriminierung der älteren Menschen. Dies zeigt sich an dem Beispiel, dass trotz steigender Lebenserwartung, mit zunehmendem Alter schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt bestehen. Dies weist auf die noch immer bestehende Gefahr eines „Ageism“ hin. Dieser Begriff wurde 1969 von Robert Butler gebildet und bezeichnet die Diskriminierung älterer Menschen, because they are old, just as racism and sexism accomplish this for skin colour and gender“. (Butler 1969 zit. nach Davis; 2002).
Die Meinungen darüber, ob es ein negatives Altersbild in der Gesellschaft gibt, sind unterschiedlich. In der Presse wird das Bild der Älteren schwerpunktmäßig einseitig auf betreuungsbedürftige, kranke ältere Menschen bezogen. Diese generell negative Ansicht wird allerdings von Annette Niederfranke, Reinhard Schmitz-Scherzer und
9
Sigrun-Heide Filipp nicht geteilt (Niederfranke u.a.; 1999; S. 40ff). Auch wenn nicht von einem generellen Ageism ausgegangen werden kann, so ist die Gefahr trotzdem gegeben, auch wenn die „aktiven Alten“ vermehrt wahrgenommen werden (Niederfranke u.a.; 1999; S. 40). Es besteht die Gefahr, dass sich Ageism zunehmend auf die „nicht aktiven Älteren“ bezieht. Darüber hinaus wird Altersdiskriminierung in Deutschland nicht strafrechtlich verfolgt und es gibt keinen besonderen Schutz davor (vgl.: Büro gegen Altersdiskriminierung e.V.; Altersdiskriminierung und Justiz). Beim Beschwerdetag zur Altersdiskriminierung kamen die meisten Beschwerden zu den Bereichen Arbeit, Arbeitslosigkeit, Umschulung etc (vgl.: Büro gegen Altersdiskriminierung e.V.; Beschwerdetag). Im Rahmen der „Eurobarometer-Erhebung über die „Diskriminierung in Europa““ (Europäische Kommission; 2003; S. 3) wurde das Alter, noch vor der ethnischen Herkunft, als häufigster Diskriminierungsgrund genannt 4 (Europäische Kommission; 2003; S. 7).
Andreas Kruse berichtet von einer neueren Studie, bei der die Ergebnisse deutlich machen würden, dass bei den 45- bis 75-Jährigen, eine differenzierte Sicht des Alters gegenüber einer rein positiven oder negativen Sicht des Alters überwiegt. Allerdings haben an dieser Studie keine Altersgruppen unter 45 Jahren teilgenommen. Andreas Kruse leitet daraus eine sich in der Gesellschaft durchsetzende differenzierte Sicht des Alterns ab (Kruse; 2001; S. 42ff). Die gesellschaftlich generalisierten Altersbilder beeinflussen auch die individuellen Altersbilder (Niederfranke u.a.; 1999; S. 44ff). Laut einer Studie der Yale Universität hat eine positive Selbstwahrnehmung einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung (Levy u.a.; 2002; 261ff). Somit kann davon ausgegangen werden, dass ein positiver gesellschaftlicher Umgang mit dem Alter, auch einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung und die Lebensqualität älterer Menschen hat.
Weiterhin möchte ich auf die Tatsache hinweisen, dass in unserer Gesellschaft die Jugendlichkeit idealisiert wird, und eine Angst vor dem Älterwerden umgeht. Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung weist darauf hin, dass es laut den New York Times bei Magersucht eine neue Risikogruppe gäbe. Es würden immer mehr 40- bis 50-jährige Frauen erkranken. Ursache wäre, dass in einer jugendfixierten Welt die Angst vor dem Altern wachsen würde (SZ Nr. 62, 15./16. März 2003, Wochenende
4 Vergleiche auch den Jahresbericht über die Gleichbehandlung und Antidiskriminierung 2003 der Europäischen Kommission (Europäische Kommission; 2003a).
10
S. V). Verstärkt wird dies auch durch die Anti-Aging Bewegung, die glauben machen will, den natürlichen Alterungsprozess des Körpers aufhalten zu können.
1.3. Alter, Krankheit und Pflegebedürftigkeit
Laut der Berliner Altersstudie stehen 93% der über 70-Jährigen in der Berliner Bevölkerung in regelmäßiger hausärztlicher Versorgung und davon 60% zusätzlich in fachärztlicher Versorgung. Nahezu 80% der untersuchten 70 bis 104-Jährigen sind zu einer weitgehend selbständigen Lebensführung in der Lage. „8% sind in Anlehnung an die Kriterien der Pflegeversicherung pflegebedürftig“ (Linden u.a.; 1996; S.475ff). Von den über 65-Jährigen sind 12,5 Prozent hilfsbedürftig. Etwa 20 bis 30% im Krankenhaus sind Langzeitpatienten und „60 bis 70 Prozent der Patienten in Akutkrankenhäusern sind ältere Menschen“ (Görres; 1999; S.346). Die Pflegebedürftigkeit steigt bei den Hochaltrigen stark an. Gut ein Fünftel der 80- bis 85-Jährigen, ein Drittel der 85 bis 90-Jährigen und mehr als die Hälfte der über 90-Jährigen sind pflegebedürftig (BMFSFJ; 2001a; S. 83). Diese beispielhaften Zahlen zeigen, dass zum einen im Alter chronische Krankheiten, vorwiegend Schlaganfall, Erkrankungen der inneren Organe und der Bewegungsorgane, Schwerhörigkeit/Taubheit, geistiger Abbau, Multimorbidität (das gleichzeitige Auftreten mehrer Krankheiten - 52% haben vier oder mehr Krankheiten), sowie die Hilfs- und Pflegebedürftigkeit zunehmen (Görres; 1999; S. 341; BMFSFJ; 2001a;S. 86). „Demenzielle Erkrankungen nehmen mit zunehmendem Alter stark zu und erreichen bei den über 90-Jährigen Werte von über 30%“ (BMFSFJ; 2002; S. 163ff). Trotzdem können aber etwa 80% der älteren Menschen selbständig leben. Laut der Berliner Altersstudie nehmen 96% der 70jährig und älteren mindestens ein Medikament ein, „wobei 87 % mindestens ein chemisch definiertes Präparat auf ärztliche Verordnung hin anwenden“ (Steinhagen-Thiessen/Borchelt; 1996; S. 162). Bei der ärztlichen Behandlung der älteren Menschen hat diese Studie festgestellt, dass 28% der verordneten Medikamente nicht indiziert oder kontraindiziert sind. Weiterhin besteht bei 58% der 70-jährig und älteren in dieser Studie ein Verdacht auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen (Steinha-gen-Thiessen/Borchelt; 1996; S. 164f). Dies insbesondere im Fall von Multimorbidität, wenn gleichzeitig mehrere Grunderkrankungen isoliert, ohne genaue Kenntnis bzw. Berücksichtigung der Wechselwirkungen, behandelt werden (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 187). Laut der Berliner Altersstudie haben unerwünschte Arzneimittelwirkungen einen signifikanten Einfluss auf Funktionseinbußen im Alter (Steinhagen-Thiessen/Borchelt; 1996; S. 16175). In diesem Kontext ist auch zu be-
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rücksichtigen, dass die älteren PatientInnen „systematisch von klinischen Arzneimittelprüfungen ausgeschlossen werden (Steinhagen-Thiessen/Borchelt; 1996; S. 178). Kurt Langbein und Bert Ehgartner weisen darauf hin, dass Fehlmedikation die vierthäufigste Todesursache in den USA ist (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 189) 5 .
1.4. Ökonomische Situation älterer Menschen
Der überwiegende Teil der älteren Menschen ist hinsichtlich seines durchschnittlichen persönlichen Äquivalenzeinkommens mit jüngeren Altersgruppen vergleichbar. Hierbei sind die älteren Frauen deutlich schlechter gestellt als die Männer, was unter anderem auf die durch Kinder unterbrochene Erwerbsbiographie und bei Verwitwung auf die geringere Witwenrente zurückzuführen ist. Etwa 3% haben ein so geringes Einkommen, dass sie nicht am gesellschaftlichen Leben partizipieren können und gelten als arm. Hier sind die geschiedenen Frauen am stärksten betroffen. Diese Ergebnisse beziehen sich auf die Berliner Altersstudie. Die Untersuchung wurde mit über 70-jährigen Einwohnerinnen Westberlins in der Zeit von 1990 bis 1993 durchgeführt (Wagner u.a.; 1996; S.277ff). Laut dem Armutsbericht der Bundesregierung sind die gruppenspezifischen Armutsquoten der über 65-Jährigen in Westdeutschland seit 1973 zunächst bis 1993 gesunken, aber im Zeitraum bis 1998 wieder angestiegen. Laut diesen Zahlen ist die Kinderarmut ständig gestiegen, das heißt sie war zunächst geringer als die Altersarmut, ist aber mittlerweile größer (Deutscher Bundestag; 2001; S. 254f). Trotzdem kommt der dritte und vierte Altenbericht und
5 Kurt Langbein und Bert Ehgartner beschreiben in ihrem Buch „Das Medizinkartell“ die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie, die Verquickung der Medizin mit der pharmazeutischen Industrie. Diese Gesundheitsindustrie lebt überwiegend von Symptombehandlungen. Das heißt, es werden Symptome als Ursachen von Krankheiten gesehen und mittels Medikamenten behandelt. Als Beispiel sei hier die Senkung des Cholesterinspiegels bei herzinfarktgefährdeten Menschen genannt. In einer Studie wurde nachgewiesen, dass eine Änderung der Lebensgewohnheiten, wie z.B. anderes Essen, mehr Bewegung oder ein offener Umgang mit Gefühlen, den Cholesterinspiegel genauso gut senkt wie Medikamente, die Gefäßverengung sogar nur durch die Veränderung der Lebensgewohnheiten rückgängig gemacht werden konnte (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 232ff). Das Medizinkartell ist aber nicht an gesunden Menschen interessiert, da an kranken Menschen verdient wird (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 361). Die in Punkt 1.1.1. beschriebene höhere Lebenserwartung geht am wenigsten auf die Fortschritte in der Medizin zurück. Veränderungen des Lebensstils haben hierauf einen höheren Einfluss (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 185ff). Gleichzeitig wird der natürliche Sterbeprozess durch High-Tech-Medizin verlängert, weil die Ärzte dazu verpflichtet sind, auch in aussichtslosen Fällen, den Kampf gegen den Tod weiterzuführen (Langbein/Ehgartner; 2002; S. 186).
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Schmähl/Fachinger zu dem Ergebnis, dass die Altersarmut ein geringes Problem darstellt. Ebenso wird die verdeckte Armut nicht als Problem der Älteren gesehen. (Schmähl/Fachinger; 1999; S. 186ff; BMFSFJ; 2001a; S. 198ff; BMFSJ; 2002; S.83ff). Lediglich die Armutsquote der allein stehenden Frauen wird als überdurchschnittlich bewertet (BMFSFJ; 2001a; S. 200). Auch die Berliner Altersstudie geht von einem geringen Armutsrisiko aus (3%), kommt aber zu dem Fazit, dass dies ein zu hohes Armutsrisiko sei (Wagner u.a.; 1996; S. 294). Ein Armutsrisiko im Alter ist nach wie vor gegeben und als Folge der steigenden Arbeitslosenzahlen (vgl.: 2.1.) kann von einem zukünftig weiter steigenden Armutsrisiko ausgegangen werden, da die Erwerbsbiographien zunehmend Lücken aufweisen werden.
1.5. Soziale Netzwerke
Eine gute soziale Einbindung älterer Menschen kann einen positiven Einfluss auf deren Lebensqualität haben. Die familiäre Unterstützung im Alter hat in den sozialen Netzwerken eine vorrangige Bedeutung. Laut Forschungsergebnissen sind allerdings etwa ein Viertel der älteren Menschen unzureichend sozial eingebunden. Dies betrifft tendenziell eher kinderlose Ehepaare, in besonderem Maße aber allein wohnende Ledige, Verwitwete und Geschiedene (Fooken; 1999; 236). Für eine gute soziale Einbindung sind differenzierte soziale Netzwerke, bestehend aus familiären und verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungen 6 , notwendig (Fooken; 1999; 237). Laut der Berliner Altersstudie, haben ältere Menschen mindestens eine Person, der sie Hilfe leisten (86%) bzw. von der sie Hilfe empfangen (87%). Das Leisten von Hilfe nimmt mit zunehmenden Alter ab (Wagner u.a.; 1996; S. 29311ff). Bei Hilfs- und Pflegebedürftigkeit ist in den Privathaushalten zu 80% eine Frau Hauptpflegeperson, wie aus der nachfolgenden Tabelle entnommen werden kann.
6 Dies sind die primären oder mikrosoziale Netzwerke (Bullinger/Nowak; 1998; S. 70ff).
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Tabelle: Geschlecht, Alter, Wohnort und Verwandtschaftsbeziehung der privaten Hauptpflegepersonen zu den Pflegebedürftigen in Privathaushalten, 1998
Quelle: BMFSFJ; 2001a; S. 227
Diese Zahlen zeigen, dass die Familien und hier vorwiegend die Frauen 7 , einen Großteil der Hilfe leisten. Jedoch ist aufgrund der wachsenden Erwerbstätigkeit von Frauen und der sich verändernden Familien- und Haushaltsstruktur, mit einer Abnahme dieser informellen Hilfe zu rechnen (Heinze; 1986; S. 26). Studien weisen zwar darauf hin, dass trotz der zunehmenden Mobilität in der Gesellschaft etwa für die Hälfte der Familien „Kontakte und Austauschbeziehungen relativ leicht möglich“ sind (Dallinger/Walter; 1999; S. 55ff). Trotzdem werden die Generationenbeziehun-
7 HermannBullinger und Jürgen Nowak weisen darauf hin, dass Frauen eher Unterstützung leisten, als dass sie Unterstützung empfangen (Bullinger/Nowak; 1998; S. 113f).
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gen geringer, da es weniger Kinder gibt (Walter; 1999; S. 35ff). Untersuchungen zeigen, „dass die erlebte Reziprozität in sozialen Beziehungen der wichtigste Prädik-tor für Lebenszufriedenheit im Alter ist“ (Minnemann; 1994; S. 30). Hier wird davon ausgegangen, „dass ältere Menschen eine lebenslaufbezogene Norm von Reziprozität annehmen“ (Minnemann; 1994; S. 30). Das heißt bei langandauernden Beziehungen werden die früheren Austauschverhältnisse mit einbezogen (Minnemann; 1994; S. 30). Elisabeth Minnemann kann diese Aussage jedoch durch ihre eigene Untersuchung nicht bestätigen. Sie konstatiert vielmehr, dass Unterstützung und Hilfe als Zeichen von Wertschätzung und Zuneigung interpretiert werden und daher zu einer Vertiefung der Beziehung führen, „die jedoch nicht von dem Eindruck begleitet ist, dem anderen etwas schuldig zu sein, bzw. ein Guthaben bei ihm zu haben“ (Minnemann; 1994; S. 145).
Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass zwischen Kontakten mit Kindern „und dem emotionalen Wohlbefinden älterer Menschen kein signifikanter Zusammenhang besteht“ (Minnemann; 1994; S. 54). Dies wird darauf zurückgeführt, dass in familiären Beziehungen eine Erwartungshaltung zu Kontakten und Unterstützung besteht, die es in außerfamiliären Beziehungen nicht gibt. Deshalb wird der Kontakt mit Freunden positiver erlebt (Minnemann; 1994; S. 55).
Über die primären Netzwerke hinaus findet Unterstützung auch über die sekundären oder makrosozialen Netzwerke statt. Hierzu gehören die privaten und öffentlichen Netzwerke wie zum Beispiel Arbeitsplätze, Einzelhandel und die sozialen Dienste (Bullinger/Nowak; 1998; S. 82). Diese haben einen Bedeutungszuwachs erfahren, was aus der quantitativen Zunahme ersichtlich wird (Bullinger/Nowak; 1998; S. 83). Dies steht in direktem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Individualisierungsprozess (vgl. 1.6. und 2.1.), der „den Entfaltungsspielraum des Einzelnen vergrößert und zugleich die Notwendigkeit der Solidargemeinschaft aus der existentiellen Not heraus abgebaut hat“ (Keupp; 1987; S. 37).
Um die beschriebene Erosion der familiären Netzwerke auszugleichen, braucht es „einen neuen Typus von Solidarität“ (Keupp; 1996; S. 88), der in den primären Netzwerken durch den aktiven Aufbau von Freundschafts-, Bekanntschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen stattfindet (Keupp; 1996; S. 88) und in den tertiären oder mesosozialen Selbsthilfenetzwerken (Bullinger/Nowak; 1998; S. 85ff) zu finden ist. Diese stehen in einer unmittelbaren Wechselbeziehung zueinander. Es geht um die Verbindung von Eigensinn und Gemeinsinn zur Initiierung von „kleinräumigen Soli-
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darnetzen“ (Keupp; 1996; S. 86), die zur Bildung von sozialem Kapital 8 beitragen (Keupp; 1987; S. 38ff). Frank Nestmann weist darauf hin, dass „die Diversität der Hilfenetzwerke“ gewachsen sei 9 (Nestmann; 1987; S. 273) und verweist unter anderem auch auf die ergänzende informelle psychosoziale Hilfe von Berufsgruppen wie zum Beispiel LebensmittelverkäuferInnen, TaxifahrerInnen, Friseure und Friseurinnen (Nestmann; 1987; S. 273ff). Ein interessantes Beispiel aus London erwähnt Susanne Elsen. „Der Grocer an der Ecke geriet durch die Supermärkte unter Druck und sicherte sich die Loyalität seiner auf den Stadtteil angewiesenen Kundschaft durch ein außergewöhnliches Angebot: Er garantierte den Alten, Kranken und Behinderten des Stadtteils tägliche Kontaktaufnahme und die zuverlässige Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs und erforderliche Hilfen. In Kooperation mit einer Jugendgruppe nutzte er die täglich gelieferten und ausgetauschten Milchflaschen als Kommunikationsmedium. Bestellungen beim Grocer, in der Apotheke, Besuchs- und Hilfswünsche per Flaschenpost in den leeren Milchflaschen wurden zuverlässig erledigt und die tägliche Kontaktaufnahme garantiert“ (Elsen; 1998; S. 262). Diese neue Solidarität ist auch notwendig, um dem aus der Netzwerkforschung bekannten „Matthäus-Effekt“ 10 entgegenzuwirken, damit auch Menschen mit geringen ökonomischen Ressourcen (hier ist gerade auch die zunehmende Gefahr der Altersarmut zu beachten (vgl. 1.4.) ausreichende soziale Netzwerk Ressourcen entwickeln können (Keupp; 1998; S. 287).
8 Bei der Theorie des sozialen Kapitals wird davon ausgegangen, dass soziale Netzwerke Wirkungen hervorrufen und für die beteiligten Menschen einen Wert darstellen. Über diesen internen Effekt hinaus gibt es einen externen, öffentlichen Effekt, weil durch soziale Netzwerke Vertrauen entsteht, so dass zum Beispiel bei einer hohen Dichte sozialer Beziehungen die Kriminalitätsrate sinkt. Das heißt, auch Menschen, die nicht direkt an den sozialen Netzwerken beteiligt sind, profitieren davon. So wird Sozialkapital zu einem „öffentlichen Gut“ (Putnam; 2001; S. 20f). Zu einem einführenden Überblick zu diesem Begriff, siehe Putnam; 2001; S. 11-43; Wendt; 2002; S. 159-166).
9 Frank Nestmann bezieht sich hier auf Untersuchungen von 1960 und 1981, das heißt, innerhalb von gut 20 Jahren ist die Bereitschaft, Hilfe außerhalb des Familiekreises zu suchen, von 13% auf 26 % gestiegen (Nestmann; 1987; S. 272f). Die letztere Untersuchung ist demnach wiederum mehr als 20 Jahre alt und es kann davon ausgegangen werden, dass die Bereitschaft weiter gestiegen ist.
10 „Die empirische Netzwerkforschung bestätigt den berühmten „Matthäus-Effekt“, benannt nach dem Jesuszitat im Matthäus Evangelium: “Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat“ (Matthäus 13,12)“ (Keupp;
1998; S. 287).
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1.6. Strukturwandel des Alters
Der Strukturwandel in unserer Gesellschaft wie Modernisierung, Individualisierung, die „Pluralisierung der Lebensformen“ (Butterwegge; 1999; 56ff) und die demographische Entwicklung beeinflussen die sozialen Netzwerke und die Lebenslagen älterer Menschen. Der Begriff der Lebenslage steht für den Grad sozialer Sicherung genauso wie für Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, Aktivität und Interessendurchsetzung. Er umfasst materielle und immaterielle Werte und Bedürfnisse (vgl. Schulz-Nieswandt; 2002; S. 9ff). Die nachfolgend beschriebenen Konzepte des Al-tersstrukturwandels sind im Kontext des gesellschaftlichen Strukturwandels zu sehen (Naegele; 1991; S. 168). Um die Lebenslagen älterer Menschen zu erfassen sind weiterhin die sozialen Ungleichheiten zu erörtern, die auch durch die Einführung der Pflegeversicherung und die Reformen der Rentenversicherung beeinflusst werden.
1.6.1. Konzepte des Altersstrukturwandels
Hans Peter Tews beschreibt den Altersstrukturwandel im Lebenslauf mit den folgenden Konzepten, die er auf gesellschaftlich-strukturelle Veränderungen bezieht (Tews; 1993; S. 23ff).
1.6.1.1. Verjüngung und Entberuflichung des Alters
Auf der einen Seite fühlen sich die Älteren heute länger jung, gleichzeitig zählen bereits die 40 bis 45-Jährigen zu den älteren Arbeitnehmern (Tews; 1999; S. 147). Von den älteren Arbeitnehmern sind immer weniger erwerbstätig. So verlängert sich, gekoppelt mit der höheren Lebenserwartung, die Altersphase (Tews; 1999; S. 147f). Diese umfasst „mittlerweile die Gruppe der 45/50-100-Jährigen“ und umschließt „damit eine mit anderen Lebensphasen bei weitem nicht zu vergleichende Lebensspanne“ (Schweppe; 1996; S. 13). Cornelia Schweppe spricht hier von der „Konstituierung des Alters als eigenständige Lebensphase“ (Schweppe; 1996; S. 13). Gründe für diese Entberuflichung ist die Frühverentungspolitik. Zwar wurde bereits mit der Rentenreform von 1992 die vorgezogenen Altersgrenzen langfristig aufgehoben (Bäcker/Naegele; 1993; 136ff), aber insbesondere der Umstand, dass die oben erwähnten „älteren Arbeitnehmer“ weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben (Naegele; 2000; 29ff), führt weiterhin zu einem durchschnittlichen Renteneinzugsalter von 60 Jahren (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 31). Es steht in Frage, ob etwaige Gedanken zur Flexibilisierung der Regelaltersgrenze (Bäcker/Naegele; 1993; 149ff), oder die jetzt aktuell diskutierte „Heraufsetzung der Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jah-
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re“ (BMGS; 2003; S. 82ff), um Kosten zu sparen, greifen, da ältere Menschen auch in besonderem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen sind. So lag 2002 die Arbeitslosenquote der 55- bis 59-jährigen bei 12,8 % (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 62). Trotzdem gibt es auch Stimmen, die Stärken der Älteren als Chancen in altersgemischten Teams zu nutzen und lebenslanges Lernen in den Vordergrund zu stellen (vgl.: Siemann/Braun; 2002; Pilgram; 2002; Deckstein; 2002; Lepenies; 2003).
1.6.1.2. Feminisierung des Alters
Zwei Drittel der über 60-Jährigen sind Frauen und bei den über 75-Jährigen sind es drei Viertel. Dies ist auch noch bedingt durch die Kriegsfolgen, aber vor allem durch die höhere Lebenserwartung der Frauen. Mit zunehmendem Alter leben Frauen alleine und können beim Verlust ihrer Selbstständigkeit ihre Unabhängigkeit nur schwer bewahren. Wie unter Punkt 1.4. ausgeführt, sind Frauen auch eher von Armut betroffen (Tews; 1999; S. 148f).
1.6.1.3. Singularisierung im Alter
„Die familiären Strukturen haben sich gravierend verändert“ (Tews; 1995; S. 22). Laut Modellrechnungen wird in allen höheren Altersgruppen der Anteil an Ein-Personen Haushalten zunehmen. Dies steht unter anderem im Kontext der zunehmenden Scheidungsquoten, dem Lebensstil der Singularisierung und dem Verlust eines Partners (Tews; 1999; S. 149f). Im Jahre 2002 waren 17% der Bevölkerung Deutschlands allein lebend. Bei älteren Frauen steigt, im Gegensatz zu den Männern, die Quote Alleinlebender stärker an. Dies zeigt, dass mit zunehmendem Alter die Singularisierung durch die höhere Lebenserwartung der Frauen beeinflusst wird (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 29f).
1.6.1.4. Hochaltrigkeit
Die zunehmende Zahl Hochaltriger in unserer Gesellschaft kann, wie bereits erwähnt (vgl. 1.3.), zu steigender Multimorbidität und einer Häufung von Demenz Erkrankungen führen. Dies kann wiederum zu einer zunehmenden Hilfs-, Pflege- und Be-handlungsbedürftigkeit sowie zu zunehmender Vereinsamung führen (Tews; 1999; S. 150f). Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt in einer Untersuchung zu folgenden Ergebnissen 11 : „Die Zahl der Pflegebedürftigen [wird] bis zum
11 Die Zahl der ermittelten Pflegebedürftigen unterscheidet sich zu anderen Vorausberechnungen, je nach Annahmen. So kommt der medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen auf
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Jahr 2020 auf 2,94 Millionen zunehmen. Dies ist eine Steigerung um rund eine Million oder - bezogen auf die Pflegebedürftigen von 1999 - um gut 50 %. Die daraus resultierende jährliche Wachstumsrate beträgt im Zeitraum 1999 bis 2020 im Durchschnitt rund 2 %. Von 2020 bis 2050 wird die Zahl Pflegebedürftiger nochmals um 1,8 Millionen zunehmen. Dies entspricht in diesem Zeitraum einem jährlichen Wachstum von 1,6 %. Bis 2050 ist somit insgesamt mit einer Steigerung um 145 % zu rechnen“ (DIW; Wochenbericht 5/01). Bedingt durch die stärkere Zunahme der Schwerstpflegebedürftigen wird im stationären Bereich mit einer Zunahme von 73%, im ambulanten Bereich von 56% gerechnet (DIW; Wochenbericht 5/01). Ob es zu diesen Szenarien kommt, wird konträr diskutiert. Frank Schulz-Nieswandt möchte diesem demographischen Belastungsdiskurs nicht uneingeschränkt zustimmen, da bei den negativen Szenarien davon ausgegangen wird, dass sich die Gesundheit der Älteren im Vergleich zu heute nicht verbessert. Es wäre aber auch möglich, dass sich die Gesundheitssituation Älterer im Laufe der Jahre verbessert (Nieswandt; 1999; S. 19ff).
1.6.2. Soziale Ungleichheit
Dieses deskriptive Konzept des Altersstrukturwandels reicht nicht aus, um die Lebenslagen im Alter ausreichend zu beschreiben. Unter anderem hat die ökonomische Entwicklung (vgl. 1.4.) Einfluss auf die Lebenslagen im Alter (Backes; 1997; S. 98ff). Soziale Ungleichheit im Erwerbsleben setzt sich auch im Alter fort. Das heißt, wer während des Erwerbslebens häufig von Arbeitslosigkeit betroffen ist, hat auch im Alter ein erhöhtes Armutsrisiko. Die Frauen sind hiervon in besonderem Maße betroffen, unter anderem durch geringere Löhne und der Unterbrechung der Erwerbsbiographie infolge von Kindererziehungszeiten (vgl. Backes; 1993; S. 171ff ). In Folge der Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaft (vgl. 2.1.) sind Frauen durch Beruf und Haushalt in einer Doppelbelastung. Kindererziehung verlangt von den Frauen oft die Annahme Teilzeitarbeit 12 , da es zu wenig Betreuungsangebote gibt. Dies führt im Alter zu einer geringeren sozialen Sicherung. Wie unter Punkt 1.5. beschrieben, tragen sie auch die Hauptlast bei der Pflege von Angehöri-
folgendeErgebnisse: Ein Anstieg der Pflegebedürftigen bis 2020 auf 2,4 Millionen, bis 2040 auf 2,9 Millionen (DIW: rund 3,9 Millionen). Rothgang/Vogler kommen je nach Variante auf folgende Ergebnisse: Im Jahre 2020 liegt die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen 2 Millionen und 2,2 Millionen,
2040 zwischen 2,3 Millionen und 2,8 Millionen (DIW; Wochenbericht 5/01).
12 86 % der Teilzeitbeschäftigten waren im Jahre 2002 Frauen (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 55).
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gen. Aufgrund dieser unbezahlten Reproduktionsaufgaben sind sie überwiegend in Teilzeit beschäftigt. In der Konsequenz daraus haben sie ein höheres Armutsrisiko (Butterwegge; 1999; S. 56ff). Hans Peter Tews spricht hier von einer Kumulation von Nachteilen, denen zugleich eine Kumulation von Vorteilen gegenübersteht, wie z.B. bei den Doppelrenten-Anwartschaften berufstätiger Ehepaare ohne Kinder (Tews; 1993; S. 36ff).
1.6.3. Einführung der Pflegeversicherung
„Die Pflegeversicherung ist als Teilsicherungsbeitrag zu einem Teilbedarf bei Pflegebedürftigkeit ausgestaltet worden“ (Schmidt/Klie; 2002; S. 7). Deshalb steht diese in direktem Zusammenhang mit der zuvor beschriebenen sozialen Ungleichheit. Verschärft wird dies dadurch, dass sich der Sockelbetrag aufgrund des Mangels einer Dynamisierung nie an erhöhte Entgelte angepasst hat und so ein Stück Kaufkraft verloren geht (Schmidt/Klie; 2002; S. 8). Im ambulanten Bereich wird auf einen „Mix“ von informeller Hilfe, „substanziellen Teilleistungen durch die Pflegeversicherung und eigenen Zukäufen bzw. sozialhilfefinanzierten Ergänzungsleistungen“ gesetzt (Schmidt/Klie; 2002; S. 8). „Gut 70 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause“ (Klie/Blaumeister; 2002; S. 136)und vorwiegend von der Familie versorgt. Durch die Pflegeversicherung wird dies verstärkt (Depner/Trube; 2001; S. 221). Dies bedeutet zum einen, dass die Belastung, wie in Abschnitt 1.5. erläutert, den Frauen aufgebürdet wird, zum anderen wird dabei der strukturelle gesellschaftliche Wandel, insbesondere die Singularisierung nicht berücksichtigt. Die finanzielle Verantwortung wird durch die Deckelung der Leistungen und den Verzicht auf eine Bedarfsdeckung ebenfalls teilweise an die Privathaushalte abgegeben. Dies wird durch ein Urteil des Bundessozialgerichts vom 30. Oktober 2001, aufgrund dessen bestimmte Leistungen der Behandlungspflege nicht mehr von der gesetzlichen Krankenkasse gewährt, sondern durch die Pflegekasse übernommen werden müssen, verstärkt. Mittlerweile gibt es einen Gesetzesantrag des Landes Bayern zur Korrektur dieser Leistungsverschiebungen, an den sich der Bundesrat angeschlossen hat, der im Bundestag beraten werden soll 13 (Bundesrat; 2003; AOK-Bundesverband; Pflege-Korrekturgesetz). Christoph Butterwegge weist darauf hin, dass aufgrund der Streichung eines Feiertages, erstmals die Beitragsparität zwischen ArbeitgeberInnen und
13 Vergleiche auch den Artikel „Pflegediensten droht der Ruin“ von Sven Loerzer in der Süddeutschen Zeitung vom 22.08.2003.
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ArbeitnehmerInnen aufgehoben wurde. Diese Privatisierung des Risikos steigert die soziale Ungleichheit (Brömme; 1999; Depner/Trube; 2001; S. 221f; Butterwegge; 1999; S. 49). Auch die derzeitige in Diskussion stehende Ausgestaltung der Gesund-heitsreform geht zu Lasten der Patienten, insbesondere der Älteren, da diese in Folge ihres erhöhten Medikamentenverbrauchs (vgl. 1.3.) von den erhöhten Zuzahlungen besonders betroffen sind 14 (vgl. Graupner; 2003; S. 2). Laut dem Gesetzentwurf sollen auch SozialhilfeempfängerInnen Zuzahlungen bis zur Belastungsgrenze von 2 % des „Bruttoeinkommens“ leisten (Gesetzentwurf; 2003; S. 34), wodurch ebenfalls die soziale Ungleichheit verschärft wird.
Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. kommt nach einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass in den Pflegeheimen eine zu geringe Zahl an Pflegfachkräften beschäftigt ist, die einer großen Arbeitsbelastung und einer hohen Zahl von Überstunden ausgesetzt sind. Dieser Entwicklung könne nur mit einer Anpassung der Finanzierungsgrundlage im Rahmen der Pflegeversicherung und einem besseren Ausbildungssystem, entgegengewirkt werden (dip; Pflege - Thermometer 2003). Diese Personalsituation ist mit Ursache für den Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen und Psychopharmaka. So kommen Thomas Klie und Thomas Pfundstein bei einer Untersuchung in Münchner Heimen zu dem Ergebnis, dass 40% der Münchner HeimbewohnerInnen von mechanischen Maßnahmen mit freiheitsentziehender Wirkung betroffen sind. Mehr als die Hälfte der HeimbewohnerInnen erhalten Psychopharmaka, was dem bundesdeutschen Niveau entspricht. Als Gegenmaßnahmen werden unter anderem systematische Fortbildungen zu dem Verhältnis Sicherheit und Freiheit, sowie Sturzprophylaxen 15 angegeben (Klie/ Pfundstein; 2002; S. 8ff). Weitere Defizite in der Pflege sieht der Medizinische Dienst der Spritzenverbände der Krankenkassen (MDS) in der Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung (MDS; Grundsatzstellungnahme Ernährung und Flüssigkeitsversorgung älterer Menschen; 2003).
14 In der Rürup-Kommission wurden grundlegende Konzepte zur langfristigen Reform des Gesundheitssystems entwickelt: die Bürgerversicherung und das Modell pauschaler Gesundheitsprämien. Durch die Bürgerversicherung würden alle Gesellschaftsmitglieder in die Finanzierung einbezogen, um das Solidaritätsprinzip zu erhalten. Dies steht aber bei dem Modell pauschaler Gesundheitsprämien in Frage, da diese zunächst denen nützt, die viel verdienen. Ein Ausgleich soll hier steuerfinanziert geschaffen werden (SZ vom 31.07.2003; BMGS; 2003; S. 148ff).
15 Hierzu gibt es ein Ulmer Modellvorhaben zur „Verminderung von sturzbedingten Verletzungen bei Alten- und Pflegeheimbewohnern (Becker et al; 2001).
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Baldo Blinkert und Thomas Klie weisen in ihrer Zusammenfassung der Ergebnisse ihrer Studie zu den Auswirkungen der Pflegeversicherung unter anderem auf folgende Sachverhalte hin (Blinkert/Klie; 1999; S.187ff):
N In den familienbezogen-traditionalistischen informellen Unterstützungsnetzwerken wird Hilfe vorwiegend von Kindern und Frauen geleistet. Hingegen delegieren „männliche“ Pflegearrangements eher an berufliche Helfer. Diese Form von Unterstützungsnetzwerken gibt es vorwiegend und in denen sind die Pflegbedürftigen mit der Pflegeversicherung zufrieden.
N Individualisierte Pflegebedürftige haben in geringerem Maße ein informelles Hilfenetzwerk und sind in höherem Maße auf professionelle Hilfe angewiesen. Jene sind auch am ehesten mit der Pflegeversicherung unzufrieden. 42 Prozent ziehen ein Heim als Wohnform in Erwägung.
N Ebenfalls mit der Pflegeversicherung unzufrieden sind Angehörige von Pflegebedürftigen mit Demenz, die in der Pflegeversicherung unzureichend berücksichtigt wurden 16 .
N Eine Chance wird in der Zusammenarbeit von professioneller und informeller Hilfe gesehen, um die Pflegequalität zu erhöhen und die informellen Helfer zu entlasten. So werden auch Überforderungskonstellationen, die auch zu Gewalt in der Pflege führen können, vorgebeugt.
Thomas Klie und Heinz Blaumeister weisen auf eine Untersuchung zur pflegekulturellen Orientierung hin, in der die Heimpflege eine größere Zustimmungsrate bekommt als die Pflege zu Hause 17 . (Klie/Blaumeiser; 2002; S. 145ff). Eine Alternative zu diesen beiden Modellen sehen sie in einem „Pflegemix“ aus professioneller Hilfe, familiärer Hilfe und bürgerschaftlichen Engagement. Eine solche kollektive Vorsorge auf kommunaler Ebene wird auch in der Untersuchung von den Befragten als Vorsorgemöglichkeit gesehen (Klie/Blaumeiser; 2002; S. 148ff).
16 Vergleiche in diesem Kontext das Versorgungskonzept der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (Tschainer; 2002; S. 101ff), in dem auch Vorschläge zur Veränderung des Leistungskatalogs der Pflegeversicherung gemacht werden, um Demenzkranke besser zu berücksichtigen (Tschainer; 2002; S.
101ff). Die Rürup-Kommission hat sich in ihren Ausführungen zur Sozialen Pflegeversicherung für eine Leistungsausweitung für Demenzkranke ausgesprochen (BMGS; 2003; S. 197ff).
17 Das Statistische Bundesamt weist in der Pflegestatistik 2001 auf einen Trend zur professionellen Pflege hin. „So ist die Anzahl, der durch ambulante Dienste Betreuten, [im Vergleich zu 1999], um
4,7 % (19.000) und die in Heimen Versorgten um 5,4 % (31.000) gestiegen“. Der Anteil der zu Hause versorgten ist von 71,6 % auf 70,4 % gesunken (Statistisches Bundesamt; 2003; S. 3f).
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1.6.4. Generationenvertrag
Das derzeitige Rentensystem basiert nach wie vor auf dem Umlageverfahren. Das bedeutet, die jeweils Erwerbstätigen finanzieren die laufenden Renten. Die bereits angeführte demographische Entwicklung, die Entwicklung des Arbeitsmarktes und der gesellschaftliche Wandel (vgl. 2.1.) können die finanziellen Grundlagen des Generationenvertrages 18 gefährden (Rürup; 1999; S.294ff). Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung erhöht sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer (Sturm; 2003; S. 22). Aus diesem Grund wurde 1992 eine erste Reform durchgeführt, die laut Margret Dieck und Gerhard Naegele verschärfend auf die Entstehung von Armut wirkt. Zum anderen reagiert diese nicht auf die neuen Einkommensrisiken, wie die zunehmende Zahl von Scheidungen, die wachsende Zahl Alleinstehender oder die Veränderung der Erwerbsbiographien (Dieck/Naegele; 1993; S53f). Auch die neue Rentenreform ändert nichts daran, sondern geht noch einen Schritt weiter durch die obligatorische Zusatzversorgung. Das heißt die Absicherung für das Alter ist auch abhängig davon, ob sich die Menschen eine solche Privatversicherung leisten können. Die soziale Ungleichheit wird durch eine solche Reform, wie schon bei der Pflegeversicherung erwähnt, gefördert, da ein Teil des Risikos ins Private verlagert wird (BAGSO Nachrichten; 01/2001). Die Rürup - Kommission spricht sich dafür aus, diese kapitalgedeckte Säule zu stärken (BMGS; 2003; S. 128ff). Darüber hinaus schlägt sie eine „Ergänzung der Rentenanpassungsformel um einen Nachhaltigkeits-faktor vor“ (BMGS; 2003; S. 96). Dieser „soll neben der steigenden Lebenserwartung vor allem auch die rückläufige Entwicklung der Geburten und die Zuwanderung sowie die Veränderungen im Erwerbsverhalten berücksichtigen“ (BMGS; 2003; S. 96). Eine solche Anpassung ist zwar grundsätzlich notwendig, jedoch werden von
18 Seit der Rentenreform von 1957 ist dies faktisch ein „Zwei-Generationen Vertrag“, zwischen den „Erwerbstätigen“ und den „Nicht-Mehr-Erwerbstätigen“. Ende der fünfziger Jahre gab es einen Vorschlag, der die Ausdehnung auf die „Noch-Nicht-Erwerbstätigen“ beinhaltete, hin zu einem „Drei-Generationenvertrag“. Dieser konnte sich aber nicht durchsetzen, hätte aber durch die Zahlung einer Kindheits- und Jugendrente die notwendige Betreuungsarbeit honoriert und so auch „eine Kompensation von systemimmanenten Begünstigungseffekten Kinderloser“ bedeutet (Kondratowitz; 1997; S.
20ff). In der Rürup-Kommission war im Kontext der „Rentenstaffelung nach der Kinderzahl“ ein „Drei-Generationenvertrag“ in der Diskussion. Kindererziehung komme zwar der gesamten Gesellschaft zu Gute, aber gerade deshalb solle sich der Staat an den Kosten der Kindererziehung über das allgemeine Steuerrecht beteiligen und nicht über die Rentenversicherung (BMGS; 2003; S. 117).
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dieser Kürzung die unteren Einkommensgruppen nicht ausgenommen, somit sind
diese existentiell betroffen, was ebenfalls die soziale Ungleichheit begünstigt.
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2 Elemente einer nachhaltigen Sozialpolitik im Kon-text der alternden Gesellschaft
Eine nachhaltige Gesellschaft strukturiert sich so, dass ihre materiellen und sozialen Existenzgrundlagen auch für die folgenden Generationen weiter existieren (Meadows; 1993; S. 250). Nach diesem Verständnis wird bei dem Prozess nachhaltigen Wirtschaftens nicht nur die Produktion sondern auch die Reproduktion als Bestandteil einer vorsorgenden Wirtschaft betrachtet (Hofmeister; 1994; S. 55). Reproduktion hat eine ökologische Dimension zur Erhaltung des Naturhaushaltes und eine soziale Dimension zur Sicherung der sozialen Versorgung (Zahrnt; 1994; S. 41ff). „„Ökonomische“, „sozio-kulturelle“ und „ökologische“ Reproduktion bedingen sich als Determinanten im vernetzten System von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft wechselseitig“ (Busch-Lüty; 1994; S. 13).
2.1. Sozialstaat im Wandel
Aufgrund der beschriebenen demographischen Entwicklung gibt es die Befürchtung eines drohenden „Krieges der Generationen“ 19 . In dieser Debatte führt Peter Gitschmann aus, dass hier die Frage der Verteilung des gesamten Volkswohlstands in einem „neuen Gewande“ daher kommt. Die Diskussion um die zunehmende „Altenlast“, durch die z.B. die Gesundheitskosten erhöht würden, wird zu Lasten der Alten ausgetragen (Gitschmann; 1998; S. 150). So kommt Udo Perina zu dem Schluss, dass es in dieser Debatte unter dem Deckmantel des Generationenkrieges, um den Abbau sozialer Leistungen geht (Perina; 1996; S. 54ff). Auch Christoph Butterwegge kommt zu dem Ergebnis, dass im Rahmen der Diskussion um die Krise des Sozialstaates, die Angst vor der „Vergreisung“ der Gesellschaft genutzt wird, „um den Betroffenen Leistungskürzungen plausibel zu machen (Butterwegge; 1999; S. 47). Zum anderen wird durch diese Debatte, von dem Problem der steigenden Arbeitslosigkeit abgelenkt, welche maßgeblichen Einfluss auf das Rentensystem hat (Perina; 1996; S. 56). Hans-Joachim von Kondratowitz spricht in diesem Zusammenhang von einer möglichen tiefreichenden Solidaritätskrise unserer Gesellschaft und der Angst vor einer tiefgreifenden Legitimationskrise des Sozialstaates (Kondratowitz; 1997; S. 12ff).
19 Eine kritische Einführung in diese Debatte siehe die Artikel von Warnfried Dettling, Cora Stephan und Udo Perina, in Zeit Punkte; 1/1996; S. 46-56 und in Gitschmann; 1998; S. 150ff.
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Alexander Thomas, 2003, Entwicklung eines nachhaltigen Lebensmodells für ältere Menschen im Gemeinwesen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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