Das "Rolandslied des Pfaffen Konrad als Medium welfischer Repräsentationskunst" ist eine Abhandlung, die das Machtbewusstsein einer der schillerndsten Gestalten des deutschen Hochmittelalters herausstellt: das Heinrichs des Löwen (1125-1195); des Welfenherzogs aus altem fränkischem Adelsgeschlecht. Als Spross einer der mächtigsten deutschen Dynastien betrachtete der Herzog von Sachsen und Bayern sich und seine Familie dem regierenden staufischen Herrscherhaus unter Kaiser Friedrich I. als ebenbürtig. Um die herausragende Stellung der Welfen in Norddeutschland zu manifestieren, gab er verschiedene Kunstwerke in Auftrag. Dabei bediente sich der Vetter Friedrich Barbarossas der genealogischen Anknüpfung an das karolingische Herrscherhaus; insbesondere an Karl den Großen. Das Widmungsgedicht des Helmarshausener Evangeliars sowie die Beauftragung des Mönchs Konrad mit der Übersetzung der um 1100 in Frankreich entstandenen "Chanson de Roland" sind Beispiele dieser Herrscherrepräsentation. Das Rolandslied; ein Werk der "Chanson de geste"; beschreibt die Schlacht von Roncesvalles, die Karl d.Gr. 778 in Spanien gegen die Mauren schlug. In der deutschen Übersetzung wird Heinrich mit Roland sowie mit Karl d. Gr. und dem biblischen König David in typologische Beziehung gesetzt. Idealistisch verklärt wird der Kreuzritter Heinrich darin als "tugendhafter Heidenbekehrer und Mehrer der Christenheit" bezeichnet; dessen Vasallen ihm so treu ergeben sind wie Roland seinem Kaiser Karl. Diese Art des Herrscherlobs entsprach jedoch längst nicht mehr den realen Verhältnissen des Lehnswesens zur Zeit des Welfenherzogs. Darum musste sich der Verfasser der deutschen Version der "Chanson d. R." altertümlicher Formen bedienen, verknüpft mit damals aktuellen ausländischen Motiven zum Zwecke der fürstlichen Repräsentation. Der Rekurs auf altertümliche Stilmittel diente auch der Legitimation welfischer Herrschaftsansprüche. Deshalb ließ Braunschweigs Gründer sein Löwendenkmal vor der Burg Dankwarderode errichten; darum stiftete er den Dom St. Blasius, das kostbare St.Oswald-Reliquiar und den Marienaltar des Braunschweiger Doms. Aus diesem Grund erscheinen Heinrichs kaiserliche Großeltern auf dem Krönungsbild des prächtigen Helmarshausener Evangeliars in herausragender Stellung. All dies sollte das herrscherliche Selbstverständnis eines Adelsgeschlechts zum Ausdruck bringen, "das sich auch ohne Krone königlich wusste" und das mit der Stauferdynastie um den Kaiserthron konkurrierte.
Inhaltsverzeichnis
I. Das Selbstverständnis des Welfengeschlechts
II. Die Begründung einer karolingischen Tradition durch Heinrich den Löwen
III. Herrscherrepräsentation durch Architektur, Kunst und Literatur
1. Das Löwendenkmal von Braunschweig
2. Der Braunschweiger Dom St. Blasius und die Burg Dankwarderode
3. Das Oswald - Reliquiar
IV. Die genealogische Repräsentation
1. Der Marienaltar des Braunschweiger Doms
2. Das Helmarshausener Evangeliar
V. Der Davidsvergleich
VI. Der Werkstil
1. Das heilige Reliquienschwert Durndart
2. Der feodale Gehalt welfischer Repräsentationskunst
3. Die Fürbittformel
VII. Die Intention Heinrichs des Löwen
1. Die Orientierung an altertümlichen Stilvorbildern
2. Genealogische Repräsentation zur Unterstützung welfischer Herrschaftsansprüche
3. Das feodale Gotteskriegertum des Rolandsliedes als Gegenbild zu den realen Verhältnissen des Lehnswesens zur Zeit des Welfenherzogs
VIII. Resumée
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Rolandslied des Pfaffen Konrad als zentrales Medium zur Repräsentation des welfischen Selbstverständnisses unter Heinrich dem Löwen. Dabei wird analysiert, wie durch die Anknüpfung an karolingische Traditionen, genealogische Inszenierungen und die Identifikation mit biblischen Herrschertypen der politische Anspruch des Welfenherzogs gegenüber dem staufischen Kaiserhaus manifestiert wurde.
- Herrscherliche Selbstdarstellung durch Kunst und Literatur
- Die genealogische Legitimation welfischer Herrschaftsansprüche
- Typologische Vergleiche des Herzogs mit Karl dem Großen und König David
- Der feodale Werkstil und die Funktion des Rolandsliedes im 12. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
V. Der Davidsvergleich
Als das Hauptstück herrscherlicher und auch genealogischer Repräsentation kann der Vergleich Heinrichs d. L. mit dem biblischen König David im RL angesehen werden. David galt im Mittelalter als der ideale Herrschertypus, von Gott begnadet und auserwählt und ausgestattet mit besonderem Königsheil. Vergleiche mit ihm und zeitgenössischen Fürsten und Monarchen waren ein in der mittelalterlichen Dichtung beliebtes Stilmittel.
In der Mittellaisse des Epilogs des RL ist über den Welfenherzog vermerkt: „Nune mügen wir in disem zîte / dem küninge Dâvîte / niemen sô wol gelîchen / sô den herzogen Hainrîchen. / got gap ime die craft, / daz er alle sîne vîande ervacht. / die cristen hât er wol gêret, / die haiden sint von im bekêret. / daz erbet in von rechte an. / ze flüchte gewant er nie sîn van. / got tet in ie sigehaft.“ (RL 9039 - 9049)
Durch das Lob des Herzogs als Heidenbekehrer tritt der Welfe außer zu dem biblischen König David auch zum Karl und zum Held Roland des RL in eine typologische Beziehung. Die folgenden Verse beziehen die Taten des Herzogs „auf den Typus des gerechten und gottesfürchtigen Haushalters.“ Der mittlere Teil des Davidsvergleich spielt auf den C. Psalm an, den Martin Luther einst als „Davids Regentenspiegel“ bezeichnet hatte. Konrad verknüpfte diesen Psalm mit dem Herzog Heinrich im Lobtopos; ähnlich dem Maler des Helmarshausener Evangeliars, der im Psalter des Welfenherzogs im Anschluß an jenen C. Psalm das Herzogspaar bildlich darstellte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Das Selbstverständnis des Welfengeschlechts: Das Kapitel erläutert, wie sich die Welfen durch die Konstruktion einer karolingischen Abstammung und genealogischer Traditionen als kaiserebenbürtig definierten.
II. Die Begründung einer karolingischen Tradition durch Heinrich den Löwen: Hier wird untersucht, wie Heinrich der Löwe durch das Widmungsgedicht seines Evangeliars und den Auftrag zur Rolandslied-Übersetzung sein Haus gezielt in die Nachfolge Karls des Großen stellte.
III. Herrscherrepräsentation durch Architektur, Kunst und Literatur: Das Kapitel analysiert die materielle Manifestation des welfischen Herrschaftsanspruchs anhand von Bauwerken wie dem Braunschweiger Dom und dem Löwendenkmal.
IV. Die genealogische Repräsentation: Dieser Abschnitt thematisiert die Nutzung des Donationsstils in Kunstwerken, um die königliche Ahnenreihe der Welfen visuell und schriftlich zu legitimieren.
V. Der Davidsvergleich: Die Arbeit zeigt hier die zentrale Funktion des biblischen David als Vorbild für die Darstellung des Herzogs als von Gott begnadeter Herrscher.
VI. Der Werkstil: Dieses Kapitel untersucht die Umdeutung der Chanson de Roland durch den Pfaffen Konrad sowie die Funktion von Reliquien im Schwertknauf als Ausdruck feudaler Idealisierung.
VII. Die Intention Heinrichs des Löwen: Es wird diskutiert, inwiefern der „archaische Stil“ der welfischen Repräsentationskunst eine bewusste Strategie zur Durchsetzung politischer Rechtsansprüche darstellte.
VIII. Resumée: Das abschließende Kapitel fasst zusammen, wie das Rolandslied als singuläres Medium diente, um den politischen Geltungsdrang Heinrichs des Löwen in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche zu manifestieren.
Schlüsselwörter
Heinrich der Löwe, Rolandslied, Welfen, Herrscherrepräsentation, Genealogie, Karl der Große, Pfaffe Konrad, Davidsvergleich, Feudalismus, Helmarshausener Evangeliar, Mittelalter, Politik, Kunstgeschichte, Literatur, Legitimation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die literarischen und künstlerischen Strategien, mit denen Heinrich der Löwe sein Selbstbild und seinen politischen Machtanspruch durch das Rolandslied und weitere Stiftungen inszenierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der welfischen Repräsentationskunst, der genealogischen Legitimationssuche im Hochmittelalter sowie der typologischen Verknüpfung des Herzogs mit historischen und biblischen Herrschergestalten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Heinrich der Löwe das Rolandslied als Medium nutzte, um sich selbst gegenüber dem amtierenden Kaiserhaus auf eine Stufe mit bedeutenden Vorfahren wie Karl dem Großen zu stellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich einer interdisziplinären Analyse, die kunsthistorische Zeugnisse wie das Löwendenkmal und das Evangeliar mit literaturwissenschaftlichen Untersuchungen des Rolandsliedes kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Architektur und Kunst, der Bedeutung genealogischer Stiftungen, des speziellen "Werkstils" des Rolandsliedes sowie des symbolträchtigen Vergleichs des Herzogs mit König David.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Heinrich der Löwe, welfisches Selbstverständnis, Herrscherrepräsentation, Genealogie, Rolandslied, Karl der Große und mittelalterlicher Feudalismus.
Warum ist der "Davidsvergleich" für die Arbeit so bedeutsam?
Der Davidsvergleich stellt das Kernstück der Repräsentation dar, da er dem Herzog Heinrich religiös fundierte Herrscherattribute zuschreibt und ihn somit über den Rang eines gewöhnlichen Fürsten erhebt.
Welche Rolle spielt die Fürbittformel im Epilog des Rolandsliedes?
Die Fürbittformel dient als Musterbeispiel genealogischer Typologie, indem sie den Herzog in die Tradition früherer Kaiser stellt und so seinen Anspruch auf eine ähnliche Machtposition manifestiert.
- Quote paper
- Stefanie Metzger (Author), 1996, Ritter zwischen Gott und Welt: Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22715