INHALT
EINLEITUNG
Die Beschaffenheit eines Grundsatzes 3
HAUPTTEIL
I. Der absolut-erste Grundsatz und die Methoden
seiner Auffindung 4
1. Reflexion und Abstraktion 4
1.1 Reflektierende Abstraktion vom Satz der Identität 5
1.1.1 Reflexion über die formal-gehaltliche Verfaßtheit
des Identitätssatzes 5
1.1.2 Abstraktion vom Gehalt der Identität 6
1.1.3 Reflexion über die Form der Identität 6
1.1.4 Abstraktion von der formal variabeln Identität des
A A bei gleichzeitiger Reflexion über die gehaltlich
konstante Identität des 'Ich bin Ich' 7
II. Tathandlung - Tatsache 7
1. Das 'Ich bin' als schlechthin gesetzte Tatsache 8
2. Das 'Ich bin' als schlechthin setzende Tathandlung 9
III. Das Ich als absolutes Subjekt 10
1. Das absolute Selbstbewußtsein des Ich 12
2. Das Sein des Ich als Für-sich-Sein 13
3. Die kategoriale Beschaffenheit des sich setzenden Ich 14
3.1 Das 'Ich bin' als logische Aussageweise 15
3.2 Das 'Ich bin' als kategoriale Seinsweise 16
4. Das 'Ich denke' als 'Ich bin' 18
AUSBLICK
Ich versus Substanz ..................20
EINLEITUNG
Die Beschaffenheit eines Grundsatzes
Der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre kann wohl mit einiger Berechtigung als Fokus desjenigen Denkens gelten, das die programmatische Bezeichnung einer 'Grundsatzphilosophie' trägt. Ist es doch der
Grundsatzcharakter selbst, der hier zum Grundsatz erhoben wird. Wie aber muß ein systembegründender Grundsatz beschaffen sein?
Fichtes Begriffsschrift nimmt ihren Ausgang bei dem Postulat, es müßte in einer Wissenschaft "wenigstens Ein Satz gewiss seyn, der etwa den übrigen seine Gewissheit mittheilte". 1 Gewissheit also scheint das schlechthin notwendige Attribut eines Grundsatzes zu sein. Doch wird diese erste Bedingung noch erweitert: Der aufzustellende Grundsatz "kann seine Gewißheit nicht erst durch die Verbindung mit den übrigen erhalten, sondern muss sie vor derselben vorher haben" 2 . Erst "ein solcher vor der Verbindung vorher und unabhängig von ihr gewisser Satz heisst ein Grundsatz". 3
Sofern ein Grundsatz der absolut-erste eines Denksystems sein soll, muß er demnach nicht nur Gewißheit, sondern unbedingte, ja, schlechthin unbedingte Gewißheit
vermitteln. Dieses letztgültig zu leisten, stellt sich
1 Fichte, Johann Gottlieb: Über den Begriff der Wissenschaftslehre. In: Ders.: Werke. Hrsg. von Immanuel Hermann Fichte. Band I. Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie. Berlin: de Gruyter, 1971, S. 40.
2 Ebd., S. 41.
3 Ebd.
der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschafslehre zur Aufgabe:
"Wir haben den absolut-ersten, schlechthin unbedingten Grundsatz alles menschlichen Wissens aufzusuchen.
Beweisen oder bestimmen läßt er sich nicht, wenn er absolut-erster Grundsatz sein soll". 4
Es liegt notwendig im Begriff der Unbedingtheit, unmittelbar gewiß, nicht deduzierbar, lediglich
auffindbar zu sein, denn ein Grundsatz, der sich begründen ließe, wäre nicht mehr Grund-, sondern bereits Folgesatz und somit bedingt. Nun soll der gesuchte Grundsatz eine " Tathandlung" ausdrücken, und zwar eine solche, "die unter den empirischen Bestimmungen unseres Bewußtseins nicht
vorkommt"(ebd.). Auch dies ist eine zwingende Konsequenz des Unbedingtheitsattributs - wie nämlich könnte ein auf ding-lich-objektiver Erfahrung beruhendes Wissensprinzip jemals un-bedingt sein? Andererseits aber muß dieses Wissensprinzip ein
wissbares, d. h. bewußtseinsfähiges sein, soll es doch Gewißheit systematisierbar, und nicht etwa Intuitionen erahnbar machen. Also darf Fichtes erster Grundsatz zwar nicht empirisch sein, er muß aber doch "allem Bewußtsein zum Grunde" liegen, es allererst ermöglichen (ebd.). Der § 1 der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre muß, um zu pointieren, die unbedingte Bedingung der Möglichkeit alles Wissens formulieren. Das hierdurch erzeugte Spannungsfeld wird am Ende vorliegender
Interpretation skizzenhaft umrissen werden.
4 Ders.: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Zuhörer (1794). Hamburg: Meiner, 1988, S. 11. Nach dieser Ausgabe wird im fortlaufenden Text mit einfachen Seitenangaben in Klammern zitiert.
HAUPTTEIL
I. Der absolut-erste Grundsatz und die Methoden
seiner Auffindung
1. Reflexion und Abstraktion
Hervorgehen soll der "Grundsatz allen menschlichen
Wissens" aus einer Art Filtrationsprozess, bei dem r e f l e k t i e r t wird über das, "was man zunächst dafür [für einen solchen Grundsatz] halten könnte", um sonach A b s t r a k t i o n von allen "empirischen Bestimmungen unseres Bewußtseins" -den Boden-satz, das
eigentliche Substrat zu gewinnen, wie man es "notwendig denken müsse" (edb.).
Nun kann diese Suche nach dem Grund alles Denkens nicht von den Gesetzen des Denkens selbst losgelöst werden. "Dies ist ein Zirkel; aber es ist ein unvermeidlicher Zirkel"(12), weil Reflexion und Abstraktion auf eben den Gesetzen beruhen, deren Gültigkeit durch den absolutersten Grundsatz erst erwiesen werden soll: den Gesetzen der Logik.
Um dasjenige, was "allem Bewußtsein zum Grunde" liegt, sedimentieren zu können, ist also zunächst auf ein durchaus empiriegesättigtes, dafür aber unmittelbar
"logisches" Wissenskonzentrat zurückzugreifen:
"Irgendeine Tatsache des empirischen Bewußtseins wird aufgestellt; und es wird eine empirische Bestimmung nach der andern von ihr abgesondert, so lange, bis dasjenige, was sich schlechthin selbst nicht wegdenken und wovon sich nicht absondern läßt, rein zurückbleibt" (12).
1.1 Reflektierende Abstraktion vom Satz der Identität
Als eine "Tatsache des empirischen Bewußtseins" (ebd.), die jeder zugibt, bringt Fichte den Satz der Identität A = A zur Darstellung: "Man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht" (ebd.).
1.1.1 Reflexion über die formal-gehaltliche Verfaßtheit
des Identitätssatzes
"Dasjenige, was der Grundsatz selbst haben, und allen übrigen Sätzen [.] mitteilen soll, nenne ich den inneren Gehalt des Grundsatzes und der Wissenschaft überhaupt; die Art, wie er dasselbe den anderen Sätzen mitteilen soll, nenne ich die Form der Wissenschaft". 5
Unter der methodischen Prämisse, daß anstelle des
Grundsatzes vorderhand ein empirischer Satz zu denken ist, wäre diese Definition der Begriffsschrift auch auf den logischen Satz A ist A zu übertragen. Nun soll an dieser Stelle weder das Verhältnis rivalisierender
logischer Sätze noch das synthetische Potential der drei Grundsätze betrachtet werden, vielmehr ist
herauszustellen, wie sich aus der formal-gehaltlichen Verfaßtheit logischer Identität die Struktur des ersten Grundsatzes herauszukristallisieren vermag.
1.1.2 Abstraktion vom Gehalt der Identität
Gemäß dem Verfahren reflektierender Abstraktion wäre hierbei zunächst vom Gehalt des Satzes A = A zu abstrahieren: "davon, ob überhaupt A sei": dem " Sein, ohne Prädikat gesetzt"(13). Inwiefern diese Abstraktion den Blick auf formale Beschaffenheiten eröffnet,
veranschaulicht Fichte an einer geometrischen Überlegung:
"Man nehme an, A bedeute einen in zwei geraden Linien eingeschloßnen Raum, so bleibt jener erstere Satz [A ist A] immer richtig; obgleich der Satz: A ist offenbar falsch wäre" (ebd.).
Falsch wäre dieser Satz deswegen, weil einem durch zwei Linien bestimmten Raum ein "Sein, ohne Prädikat gesetzt"
5 Fichte, Johann Gottlieb: Über den
Begriff der Wissenschaftslehre, a.a.O. S. 43.
Arbeit zitieren:
Sandra Kluwe, 1996, Der erste Grundsatz von Fichtes 'Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre' (1794), München, GRIN Verlag GmbH
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