Eidesstattliche Erklärung:
An Eides statt versichere ich, dass die Arbeit
Empowerment-Strategien:
Das Beispiel der Grameen-Bank von Bangladesch
von mir selbst und ohne jede unerlaubte Hilfe angefer- tigt wurde, dass sie noch keiner anderen Stelle zur Prü- fung vorgelegen hat, und dass sie weder ganz noch im Auszug veröffentlicht worden ist.
Die Stellen der Arbeit, - einschließlich Tabellen, Kar- ten, Abbildungen usw. – die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich in jedem einzelnen Fall als Entlehnung kenntlich gemacht.
1
Inhaltsverzeichnis
1. Thema und Abgrenzung 4
1.1. Ziel der Untersuchung 5
1.2. Aufbau und Inhalt der Untersuchung 6
2. Eine gender-sensible Betrachtung des Bedeutungsfeldes
Empowerment 8
2.1. Strukturelle Determinanten von Disempowerment 9
2.2. Zur Zentralität des Machtdiskurses im Empowerment-Ansatz 11
2.3. Das Idealmodell eines Empowerment-Prozesses 14
3. Untersuchung von Mikrokrediten der Grameen-Bank
als Instrument des Frauen-Empowerments 17
3.1. Zwischen Tradition und Neubeginn: Veränderungspotentiale
der gesellschaftlichen Position von Frauen in Bangladesch 17
3.1.1. Rahmenbedingungen: Lebensalltag bengalischer Frauen 18
3.1.2. Zur Relativität normativer Ansprüche 21
3.2. Projektverlauf und Hintergründe der Grameen-Bank 23
3.3. Evaluierungen zur Grameen-Bank 27
3.3.1. Herangehensweisen von Evaluierungen mit
Empowerment bejahendem Ergebnis 27
3.3.2. Herangehensweisen von Evaluierungen mit
Empowerment verneinendem Ergebnis 31
3.3.3. Ursachen für heterogene Ergebnisse
im Forschungsdiskurs 35
4. Die Empowerment-Wirkungskette dargestellt am
Beispiel von Mikrokrediten der Grameen-Bank 39
4.1. Die Visibilisierung des unsichtbaren Geschlechts
als Auslöser einer Wirkungskette 39
2
4.1.1. Die erste Hürde: Motive für das aktive Heraustreten
aus Marginalisierung und Fremdbestimmung 41
4.1.2. Mehr als bloße Kreditsicherheit: Die Erzeugung
eines Wir-Gefühls in den Frauenspargruppen 43
4.1.3. Die Bedeutung von Vorbildern und Innovatoren 46
4.2. Wandel der Wahrnehmung: Prozesse soziokultureller
Aufwertung 47
4.2.1. Partizipation als selbstwertdienlicher Mechanismus 48
4.2.2. Von der Hausfrau zur Familien-Ernährerin:
Auswirkungen auf das haushaltsinterne Machtgefüge 50
4.2.3. Anerkennung oder Duldung Zur Außenwahr-
nehmung und Akzeptanz von Kreditnehmerinnen
in der bengalischen Gesellschaft 55
4.3. Neue Horizonte: Allokation von Krediten als erstmalige
Chance einer eigenständigen Lebensgestaltung 58
4.3.1. Die Bedeutung eines Bewusstseins für monetäre
Mechanismen als Grundlage für individuelle Lebens-
Planung 59
4.3.2. Beseitigung formaler Barrieren: Die Erschließung
überindividueller Handlungsoptionen 63
4.3.3. Handlungsfelder zwischen Kapitalvermehrung
und konvertierung 65
4.4. Empowerment - Chance zur Überwindung des klassischen
Determinismus oder Schaffung von Frauen-Nischen 69
4.5. Schwierigkeiten und Barrieren im Empowerment-
Konzept der Grameen-Bank 71
4.6. Investitionen in die Zukunft: Zu Nachhaltigkeit und
Perspektiven gesellschaftlichen Wandels 74
5. Fazit und Ausblick: Multidimensionales Erklärungs-
modell zur Erklärung von Empowerment 81
6. Anhang 86
7. Literaturverzeichnis 91
7.1. Publikationen 91
7.2. Datenquellen 96
3 Liste enthaltener Abbildungen Alle enthaltenen Abbildungen wurden erzeugt mit Corel Presentations 8.
Abb. 1: Mögliche Indikatoren von Frauen-Empowerment . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Abb. 2: Modellverlauf eines Empowerment-Prozesses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Abb. 3: Vergleich von Empowerment-Indikatoren bei Grameen-Bank Kundinnen und Nicht-Kundinnen . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Abb. 4: Schematische Darstellung der multidimensionalen Wirkungs- weise eines kredit-initiierten Empowerment-Mechanismus . . . . . . . . . 38 Abb. 5: Vergleich des Drohpunktes bei Grameen-Bank Kundinnen und Nicht-Kundinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Abb. 6: Vergleich von Indikatoren zur Einstellung gegenüber geschlechtsspezifischer innerfamiliärer Ungleichbehandlungen bei Grameen-Bank Kundinnen und Nicht-Kundinnen . . . . . . . . . . . . . . 52 Abb. 7: Vergleich von Indikatoren zu geschlechtsspezifischen inner- familiären Ungleichbehandlungen bei Grameen- Bank Kundinnen und Nicht-Kundinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Abb. 8: Empowermentindikatoren und Entwicklungsindikatoren des
UNHDR (1996-2002) für Bangladesch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Abb. 9: Einfluss der Kreditaufnahme bei der Grameen-Bank auf den Bildungszugang der Kinder (geschlechtsspezifische Unterschiede) . . . 78 Abb. 10: Vergleich der Nutzungshäufigkeit von Verhütungsmitteln bei Grameen-Bank Kundinnen und Nicht-Kundinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Abb. 11: Modell zur Beschreibung von Empowerment-Mechanismen . . . . . . . . 81
Anhang Abb. I: Bangladesch und die Grameen-Bank:
Überblick über landesweite Verbreitung, Daten und Fakten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Anhang Abb. II: Hierarchie-Struktur bei der Entscheidung über Kredite . . . . . 88 Anhang Abb. III: The Sixteen Decisions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Anhang Abb. IV: Frauenarbeit/ Männerarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
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1. Thema und Abgrenzung
Für Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern 1 lassen sich wachsende ökono- mische Ungleichheiten und geringe Möglichkeiten der Partizipation am sozialen und politischen Leben diagnostizieren. Zahlreiche Publikationen und wissen- schaftliche Studien 2 weisen auf diese Sachlage hin. Der feministische Diskurs beschränkt sich jedoch heute nicht mehr auf deterministische Problemanalysen, die Beschreibung andauernder struktureller Suppression, bzw. das Anklagen von Ausbeutungsstrukturen. Vielmehr wird die aktuelle Debatte von der Erkenntnis bestimmt, dass es zur Überwindung von Ungleichheiten und Marginalisierung unerlässlich ist, die in vielen Untersuchungen vorherrschende Betrachtung der Frauen als unterdrückte und hilfebedürftige Wesen aufzubrechen (vgl. Lachen- mann 1989: III), und Entwicklung und Wandel nicht mehr länger ausschließlich als positiv für Männer und negativ für Frauen wahrzunehmen (vgl. Bliss u.a. 1994: 22ff.). Aus diesem Bewusstsein heraus entstanden in den vergangenen Jahr- zehnten verschiedenartige Konzepte 3 , welche allesamt das gemeinsame Ziel ver- folgen, weibliche Handlungsoptionen zu erweitern und sie denen der Männer an- zunähern. Eines der neueren Konzepte, der Empowerment 4 -Ansatz, erfährt seit geraumer Zeit besondere Beachtung in der feministischen Entwicklungsdebatte. Er unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt deutlich von ehemals propa- gierten staatlichen „Top-Down-Maßnahmen“ (Bliss u.a. 1994: 31), mit deren
1 Unzweifelhaft bestehen zwischen einzelnen Entwicklungsländern erhebliche länder- und gesell- schaftsspezifische Unterschiede. Doch bei aller Vielfalt haben Frauen sämtlicher Entwicklungs- länder eines gemeinsam: Im Bezug auf Zugang zu Gesundheit und Bildung, sowie auf Möglichkei- ten der Beteiligung am politischen und wirtschaftlichen Leben, sind sie gegenüber den Männern deutlich schlechter gestellt. Zur Vertiefung dieser Thematik sei die Lektüre von Klemp (1993) und Buviniü (1997) empfohlen.
2 Erstmalig diskutiert in Esther Boserup’s Abhandlung „Women’s role in Economic Development“ (New York 1970) durchzieht die Erkenntnis, daß Frauen in Entwicklungsprozssen systematisch benachteiligt werden, die Forschung der vergangenen Jahrzehnte. Interessante Aspekte hierzu finden sich z.B. bei Renate Rott (Hg.): „Entwicklungsprozesse und Geschlechterverhältnisse. Über die Arbeit und Lebensräume von Frauen in der Dritten Welt“ (Saarbrücken 1992).
3 Die unterschiedlichen Frauenförderungsansätze, von Women in Development (WID) zu Gender and Development (GAD) und Mainstreaming gender, reflektieren den Wandel der allgemeinen entwicklungspolitischen Herangehensweisen seit den 50er Jahren, und sind im Einzelnen bei Bliss u.a. (1994: 26 ff.) und Zdunnek (1997: 251ff.) anschaulich dargestellt.
4 Der Begriff Empowerment tauchte erstmals in einer Abhandlung von Barbara Solomon „Black Empowerment: Social work in oppressed communities“ (1976) auf. Die dortige Verwendungswei- se des Begriffs stand im Schnittfeld zwischen den Traditionslinien schwarzer Bürgerrechtsbewe- gung und radikal-politischer Gemeinwesensarbeit. Im entwicklungspolitisch-feministischen Dis- kurs trug das Frauennetzwerk DAWN (Development Alternatives with Women for a New Era) entscheidend zur Prägung des Begriffes bei. Dieser steht heute in Abgrenzung zum Effizienzargu- ment der Weltbank, welches Frauen in erster Linie als im Entwicklungsprozess ungenutzte Res- source verstand (vgl. Schultz 2002: 62).
5 Hilfe die praktischen und strategischen gender-Bedürfnisse 5 von Frauen ‘behoben’ werden sollten. Ziel von Empowerment-Konzepten ist vielmehr ein „Bottom-Up- Prozeß“ (Bliss u.a. 1994: 34): Behandelten frühere Entwicklungsmaßnahmen arme Menschen (insbesondere Frauen) als unmündig und unfähig, eigene Interes- sen zu formulieren (vgl. Kabeer 1994: 230) und konzentrierten sich in erster Linie auf männliche Bedürfnisse, so legen Empowerment-Strategien den Fokus auf die Fähigkeit (hier: der Frauen), selbst Initiative zu ergreifen und die Verbesserung ihrer persönlichen Lebenssituation in die eigene Hand zu nehmen. Sie propagieren die Abkehr vom Defizit-Blick auf Menschen in schwierigen Lebenssituationen hin zu einem „Blick auf die Menschenstärken“ (Herriger 2002: 3), indem sie Ver- trauen in die Fähigkeit der Einzelnen zu Selbstbestimmung und Autonomie setzen. So wird die defizitäre Wahrnehmung weiblicher Positionen 6 in den Hinter- grund gerückt, um Strategien Platz zu machen, welche den Frauen die „Stärkung und Erweiterung der Selbstverfügungskräfte [...] zur (Wieder-)herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens“ (Herriger 1992: 231) ermöglichen. Vertreter von Empowerment-Konzepten sehen in dieser Stärkung eine elementare Grundvoraussetzungen dafür, dass es auch den Frauen der Ent- wicklungs- bzw. Schwellenländer zukünftig möglich sein wird, als zentrale Ak- teurinnen an der Gestaltung von sozialem und politischen Wandel mitzuwirken.
1.1. Ziel der Untersuchung
Als eine der prominentesten Institutionen, die das Empowerment von Frauen als explizites Projektziel formuliert, gilt die Grameen-Bank (wörtl. übersetzt: Dorf- Bank) von Bangladesch. Das Konzept dieser Bank beruht auf der Erkenntnis, dass Kapitalmangel und die damit einhergehende Ressourcenknappheit zu den Haupt- problemen armer Menschen gehören, deren einziges Kapital ihre Arbeitskraft dar- stellt (vgl. Bittner 1995: 1). Mit der Bereitstellung dieses fehlenden Kapitals in Form eines ausgeklügelten Systems der Mikrokredit-Vergabe an Frauen unterhalb der Armutsgrenze will die Bank die Grundlage für eine aktive Selbsthilfe schaf-
5 Auf Grund ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen Position entsprechen die Bedürfnisse von Männern und Frauen einander nicht. Bliss u.a. (vgl. 1994: 29) differenzieren zwischen praktischen gender needs (unmittelbare wichtige praktische Bedürfnisse in spezifischem Kontext) und strategi- schen gender needs (langfristige Bedürfnisse, die zu größerer Gleichberechtigung der Geschlechter führen).
6 In Forschung und Entwicklungspolitik werden die Frauen der Entwicklungsländer, wenn über- haupt, vielfach als subalterne Wesen „vermeintlich ohne Kenntnisse, Fertigkeiten, ohne Energie, Unternehmungsgeist und Kreativität“ (Müller-Glodde 1994: 1) wahrgenommen.
6 fen, auf welcher sich Empowerment, sowohl auf individueller, als auch auf struk- tureller Ebene, herausbildet.
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist, darzustellen, wie mit einer relativ kleinen, sehr begrenzten Maßnahme, nämlich der Mikrokredit-Vergabe an Frauen, im Ent- wicklungsland Bangladesch 7 ein Empowerment-Mechanismus in Gang gesetzt wird. Die Darstellung des prozesshaften Charakters von Empowerment steht dabei im Mittelpunkt des Interesses, d.h. Frauen-Empowerment wird als das Ergebnis einer komplexen, von vielen Faktoren abhängigen Wirkungskette betrachtet. Aus wechselnden Blickwinkeln wird analysiert, unter welchen sozio-kulturellen Prä- missen und auf welchen einander zum Teil reziprok bedingenden Ebenen gesell- schaftlichen Zusammenlebens dieser Prozess abläuft. Es ist ein Anliegen dieser Untersuchung, den Blick zu schärfen für die mit der Kreditallokation zusammen- hängenden Mechanismen des Wandels, und herauszufinden, wie die Grameen- Mitgliedschaft die Situation der Frauen direkt oder indirekt beeinflusst.
Zudem wird untersucht, ob aus dem Kreditprogramm der Grameen-Bank gesamt- gesellschaftliche Effekte entstehen, und ob solche Effekte das Potential für eine langsame Umstrukturierung bestehender Herrschaftsverhältnisse in Bangladesch beinhalten. Eine Kernfrage lautet also: Inwieweit gehen von der Mikrokreditver- gabe Impulse aus, die den Kreditnehmerinnen eine schrittweise Überwindung von struktureller Unterdrückung und Fremdbestimmung ermöglichen?
1.2. Aufbau und Inhalt der Untersuchung
Die Operationalisierung des Empowerment- Begriffes unter gender-sensiblem Vorzeichen und damit zusammenhängenden Aspekten (z.B. unterschiedlichen Machtkonzeptionen) nimmt den ersten, konzeptionellen Teil dieser Arbeit ein. Hier wird der Diskussionsrahmen für weiterführende Überlegungen abgesteckt. Einer Einführung in soziale, kulturelle und politische Lebensbedingungen benga- lischer Frauen und in die Arbeitsweisen der Grameen-Bank folgt schließlich die Untersuchung von Mikrokrediten der Grameen-Bank als Instrument des Frauen-
7 Bangladesch, der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt, zählt zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern. Ca. 36% der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Ein geringes Ausbildungsniveau, die schlecht entwickelte Infrastruktur und eine zähe öffentliche Verwaltung gehören zu den Kernproblemen des Landes (vgl. Human Development Report 2002). Periodische Wirbelstürme und Flutkatastrophen verheerenden Ausmaßes werfen das Land immer wieder in seiner Entwicklung zurück und verschärfen die Situation der Bevölkerung zusätzlich. Zu den Auswirkungen klimatischer Katastrophen auf die Situation der Frauen Bangladeschs sei die Lektüre von Cannon (2002) empfohlen.
7
Empowerments. Zu diesem Zweck werden zunächst unterschiedliche beispielhafte Evaluierungsberichte, die sich der zu untersuchenden Thematik auf verschiedenste Weise nähern, einander gegenübergestellt und verglichen 8 . Dort, wo die Ergebnis- se eklatant voneinander abweichen wird hinterfragt, ob dies empirische, konzeptu- elle oder methodologische Ursachen hat und welche Konzeptualisierung von Macht hinter den jeweiligen Ansätzen auszumachen ist. Zweck dieser Gegenüber- stellung heterogener Evaluierungen ist es, Stärken und Schwächen der einzelnen Ansätze aufzuzeigen und eindimensionale, gender-Aspekte verkennende Heran- gehensweisen zu demaskieren.
All diese Überlegungen bilden das Argumentationsfundament, auf dessen Grund- lage am Beispiel des Grameen-Konzeptes ein zur Erklärung von Empowerment- Prozessen geeigneteres Analysemodell entwickelt wird, in welchem die Mecha- nismen von Empowerment als Wirkungskette betrachtet werden. Die Ausarbei- tung dieses Modells steht im Zentrum der vorliegenden Untersuchung. Dabei wird sowohl auf kulturelle und gender-relevante Bedingungen, als auch auf immanente Schwächen des Empowerment-Ansatzes der Grameen-Bank eingegangen.
Um die bei einer derartigen Analyse implizite Gefahr eigene Ziele und Normen in den Vordergrund zu stellen, zu minimieren, wird besonderer Wert darauf gelegt, stets die Interessen der Akteurinnen, also der Kreditnehmerinnen im Blickfeld zu behalten, bzw. die gesellschaftliche Einbettung ihrer Entscheidungen und ihr sinn- haftes Handeln zu thematisieren. In die Überlegungen fließen die Resultate von verschiedenen unabhängigen 9 Evaluierungen, sowie von solchen, die unter der Schirmherrschaft der Grameen-Bank, bzw. intern erhobenen wurden 10 ebenso mit ein, wie allgemeines Datenmaterial zur Lebenssituation bengalischer Frauen 11 . Zur theoretischen Untermauerung werden außerdem verschiedene soziologische Erklärungsansätze hinzugezogen. Abschließend erfolgt, in Form eines Fazits, die schematische Darstellung des in der Analyse entwickelten Modells zur Betrach- tung von Empowerment-Mechanismen als Wirkungskette.
8 Das grundsätzliche Problem der Sekundäranalyse, nämlich der geringe konzeptionelle Einfluss, der Kooperationszwänge zur Folge hat, wird durch die vergleichende Analyse verschiedenartiger Ansätze etwas gemildert.
9 z.B. Goetz/ Sen Gupta (1996); Rahman (1999), Osmani (1998a, 1998b) 10 z.B. Grameen Bank Annual Report (2001); Todd (1996); Mizan (1994) 11 Im Bezug auf allgemeine Daten zur Entwicklung und Lebenssituation in der bengalischen Ge- sellschaft stellen der UN General Human Development Report (2002), der Bangladesh Human Development Report (2000) sowie das CIA World Factbook (2002) die sachdienlichsten und er- giebigsten Quellen dar. Die UN-Erhebungen erweisen sich als besonders geeignet, das sie Indi- katoren sowohl zum Thema Entwicklung als auch zu gender-Aspekten enthalten.
8
2. Eine gender-sensible Betrachtung des Bedeutungsfeldes
‘Empowerment’
Um ein klares Bild des in dieser Arbeit zu untersuchenden Konzeptes des Frauen- Empowerments zu zeichnen, ist es sinnvoll, zunächst die Bedeutung des Begriffes Empowerment näher zu beleuchten. Es handelt es sich um einen normativen, ein- en Zielzustand beschreibenden Begriff (vgl. Herriger 1997: 11). Der Zustand Empowerment zeigt sich in einer gestärkten menschlichen Fähigkeit zu Selbstbe- stimmtheit und Handlungsvermögen und auf allen Ebenen gesellschaftlichen Zu- sammenlebens. Chauhan/ Bansal (2002: 10) beschreiben dies folgendermaßen: Empowerment means giving moral and legal power to an individual in all spheres of life – social, economic, political, psychological, religious and spiritual – which are essential for the survival and overall development of the mankind.
Die Frage, auf welchen Indikatoren ein zu diesem Zustand führender Empower- ment-Prozess beruht, ist jedoch nicht eindeutig zu beantworten. Die Durchführung einer eingrenzende Begriffsoperationalisierung erweist sich als äußerst schwieri- ges Unterfangen. Diese Schwierigkeiten lassen sich am Beispiel des Frauen- Empowerments veranschaulichen:
Ebenso, wie sich die Lebensumstände von Frauen je nach Kulturkreis, Nationali- tät, Klassenzugehörigkeit, ethnischem oder religiösem Hintergrund erheblich von- einander unterscheiden, sind auch die individuellen Fähigkeiten und Empfindung- en einzelner Frauen von unterschiedlicher Natur 12 . Die Anerkennung dieser sozio- kulturellen und individuellen Heterogenität ist für die Herausbildung von Empo- werment-Strategien von zentraler Bedeutung. Sie müssen sich dem jeweiligen Kontext, bzw. den spezifischen Bedürfnissen von Frauen anpassen, um Aussich- ten auf Erfolg zu haben. Darum können schlichtweg keine allgemeingültigen Indi- katoren zur Erreichung des oben beschriebenen Zielzustandes festgelegt werden. Zur Analyse von Frauen-Empowerment wird sich die vorliegende Untersuchung jedoch immer wieder auf verschiedenste Indikatoren stützen müssen. Um das im- manente Risiko, dabei wichtige Aspekte, Wirkungsweisen oder Wechselwirkung- en außen vor zu lassen, zu minimieren, ist es besonders wichtig, bei der Analyse stets ein möglichst flexibles, multidimensionales und in keinster Weise vorgefer- tigtes Verständnis von Empowerment-Prozessen zu Grunde zu legen.
12 Eine analytische Unterscheidung zwischen den Frauen als sozial übergeordnete Gruppe und der Frau als Mitglied einer hochgradig heterogenen Gruppe von Individuen muss zwingend vorge- nommen werden.
9 Die in der nachfolgenden Grafik dargestellten möglichen Indikatoren von Frauen- Empowerment sollen darum lediglich einen Eindruck vermitteln, welche Einfluss- faktoren in Empowerment-Prozessen von Frauen eine Rolle spielen können.
Abbildung 1: Mögliche Indikatoren von Frauen-Empowerment
Eigene grafische Ausarbeitung
In der Darstellung dieser Indikatorenauswahl wird deutlich, dass eine Vielzahl der unterschiedlichsten Aspekte bei der Analyse von Empowerment-Mechanismen zu beachten sind. Dabei könnte die Liste der Indikatoren um viele zusätzliche Aspek- te erweitert werden. Während einige davon relativ mühelos erhoben werden kön- nen (z.B. finanzielle, bzw. politische Teilhabe), sind andere wiederum nur in sehr begrenztem Maße messbar (z.B. Veränderungen in der Eigen- und Fremdwahr- nehmung). Solche Aspekte müssen jedoch auch mit in die Analyse einfließen. Die Heterogenität der zu untersuchenden Gruppe und die vielförmige Beschaffen- heit von Empowerment-Mechanismen erschweren die Analyse und halten zu vor- sichtigen Interpretationen von Zusammenhängen bzw. kritischer Hinterfragung eindeutiger Ergebnisse an. Für eine solche Herangehensweise ist auch die Frage nach Ursachen vorhandenen Disempowerments zentral.
2.1. Strukturelle Determinanten von Disempowerment
In Bangladesch, wie auch in vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern, erscheint die alles beherrschende Geißel der Armut und die Tatsache, dass Frauen darunter in besonderem Maße zu leiden haben, auf den ersten Blick als die ‘Wur- zel allen Übels’, die es zu bekämpfen gilt. Bei einer genaueren Betrachtung der Gesellschaftsstrukturen erschließt sich jedoch ein unmittelbarer Zusammenhang
10
zwischen dieser Armut und einem strukturellen ‘Disempowerment’ 13 : Mittellose Frauen unterliegen in Bangladesch einem eklatanten Mangel an Handlungsoptio- nen, d.h. in strategisch wichtigen Bereichen der Lebensplanung verfügen sie nicht über Ressourcen, die ihnen Entscheidungsfreiheit ermöglichen bzw. Handlungsal- ternativen offen legen (vgl. Kabeer 1999: 437). Ursächlich hierfür ist zum einen natürlich das Fehlen monetärer Ressourcen, da es dazu führt, dass die Frauen sich den Weg, den sie beschreiten, zumeist nicht aussuchen können. Lebensplanung und Überlebenskampf schließen einander zumeist aus. Agieren unter der Prämisse der Armut ist eher ein stetiges Reagieren auf äußere Umstände, Zwänge und Rückschläge.
Doch nicht allein ökonomische Aspekte bedingen den Mangel an Handlungsop- tionen. Unter drückender Armut leiden auch die Männer Bangladeschs. Ihr Hand- lungsspielraum ist jedoch bei weitem nicht derartig eingeschränkt wie jener der Frauen. Im Unterschied zum weiblichen Bevölkerungsteil verfügen sie über eine Ressource, welche als ‘Zugang zu sozialer Macht’ bezeichnet werden kann. Diese Ressource stellt eine zentrale Einflussgröße dar, denn sie befähigt den Innehaben- den zur Mitwirkung bei der Festlegung von Parametern, die gesellschaftliches Handeln beeinflussen (z.B. Normen, Werte) und dazu, über den eigenen Lebens- verlauf mit zu bestimmen.
Frauen hingegen bleibt der Zugang zu sozialer Macht vielfach verwährt. Sie sind nicht nur systematisch von politischen, rechtlichen, und institutionellen Prozessen ausgeschlossen, sondern erleben auch eine Seklusion auf gesellschaftlicher und sozio-kultureller Ebene. Der soziale Ausschluss der Frauen ist untrennbar mit ar- mutsbildenden Faktoren verbunden: Ein Fehlen sozialer Macht verstärkt die völli- ge Mittellosigkeit zusätzlich (vgl. Friedmann 1992: 66).
Diesen Teufelskreis aus Armut und Disempowerment zu durchbrechen ist ein ebenso dringliches wie komplexes Erfordernis. Doch wo müssen Empowerment- Konzepte ansetzen, um eine Aufwertung bzw. Stärkung der sozialen Macht von Frauen einzuleiten? Zur Beantwortung dieser Frage ist es unumgänglich, den Em- powerment-Strategien impliziten Machtdiskurs, bzw. verschiedene theoretische Machtkonzepte näher zu beleuchten und gender-sensibel zu hinterfragen.
13 Das (Dis-)Empowerment Modell zur Erklärung und Überwindung von Armut ist eine politische
Variante des Grundbedürfnis-Ansatzes der 70er Jahre, in welchem davon ausgegangen wird, dass
arme Menschen die eigenen Bedürfnisse selber befriedigen können, wenn ihnen die grundlegenden
Ressourcen zur Verfügung stehen (vgl. Friedmann 1992: 59 ff.).
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2.2. Zur Zentralität des Machtdiskurses im Empowerment-Ansatz
Schon bei der Betrachtung des Begriffes Empowerment fällt das Wort ‘power’ als zentrales Begriffselement direkt ins Auge. Ins Deutsche übertragen erweist sich der Begriff als mit den unterschiedlichsten Konnotationen behaftet. Diese reichen von Stärke, bzw. Kraft über Einfluss bis hin zu Macht. Die begriffliche Unschär- fe 14 führt vielfach zu fast schon willkürlichen Gebrauchsweisen des Terminus Empowerment. So wird der Begriff immer wieder mit Partizipation oder Integra- tion gleichgesetzt (vgl. Kabeer 1994: 224). Derartige Einordnungen verbleiben jedoch zu stark an der Oberfläche und versäumen es, tieferliegende Implikationen von Empowerment (z.B. die Bedeutung geschlechtsspezifischer Machtstrukturen) zu hinterfragen, wodurch sie die Vielschichtigkeit sozialer Macht verkennen.
Laut Friedmann (vgl. 1992: 67ff.) entscheidet eine Vielzahl von Faktoren 15 über die Existenz von sozialer Macht, von Wohlstand oder Armut und über die Heraus- bildung von Empowerment. In einer „Spirale der Macht“ (Friedmann 1992: 69) können diese sich gegenseitig verstärken, bzw. einander schwächen. Diese Viel- schichtigkeit spiegelt sich im Forschungsdiskurs zum Thema wieder: Zum Wesen sozialer Macht existieren unterschiedliche Auffassungen und Herangehensweisen. Konzeptionen, die soziale Macht als eine ‘Macht über andere’ definieren, stehen solchen gegenüber, welche sie als „gestaltende Fähigkeit menschlichen Handelns“ (Giddens 1984: 134) verstehen. Antrobus (1989: 189ff.) differenziert zwischen „role power“, einer gesellschaftlich legitimierten Autorität, die den Innehabenden ‘ermächtigt’, und ihn somit in eine Position versetzt, in welcher er Macht über andere ausüben kann und „personal power“, einer weniger formalen, individuellen Form der Macht, die der Einzelne aus persönlicher Reife, Selbstbewusstsein, der Abwesenheit von Suppressionen und dem Bewusstsein bzw. dem Glauben an eigene Ziele und Motive heraus entwickelt 16 .
14 Aufgrund dieser Unschärfe wird in der vorliegenden Arbeit bewusst darauf verzichtet, den Be- griff des Empowerments ins Deutsche zu übertragen. Mögliche Übersetzungen, wie z.B. Ermächti- gung, geben den tatsächlichen Sinngehalt des Terminus nur sehr unzureichend wieder.
15 Explizit nennt er folgende voneinander abhängige Machtressourcen: (1) räumlicher und sozialer Wohn- und Lebensraum; (2) überschüssige Zeit, die verbleibt, nachdem ein Existenzminimum ge- sichert ist; (3) Wissen und Fähigkeiten; (4) relevante Informationen; (5) informelle und formelle soziale Organisation; (6) soziale Netzwerke; (7) Instrumente, die Arbeit ermöglichen (von körper- licher Kraft über Zugang zu Wasser, Ackerboden etc., bis hin zu Werkzeug, Nähmaschinen, Fahr- räder etc.); (8) finanzielle Ressourcen (vgl. Friedmann 1992: 67ff.).
16 Arendt (1970: 45) verwendet hierfür den Terminus „Stärke“, worunter sie eine individuelle Eigenschaft versteht, die keiner formalen Ermächtigung von Außen bedarf, sondern nur selbst- generiert entstehen kann.
12
Das in der vorliegenden Untersuchung im Mittelpunkt stehende Konzept des Frauen-Empowerments versteht Macht eher im Sinne einer Ressource (vgl. Goet- ze 2002: 188). Es stützt sich auf ein positives Verständnis von Macht, aus dem sich kein Herrschaftsanspruch über andere Menschen herleitet.
Die Motive für die Bevorzugung von derartigen Herangehensweisen gegenüber solchen, die Macht als Fähigkeit begreifen, die eigenen Interessen gegen die In- teressen anderer durchzusetzen 17 , sind schnell umrissen: In relationalen Betrach- tungsweisen manifestiert sich Machtpotential zumeist nur in der Durchsetzungs- fähigkeit bei formalen Entscheidungsprozessen. Soziale Macht wird also stets in Verbindung mit (latenten 18 ) Konflikten wahrgenommen. Mechanismen struktu- reller Machtgefüge bilden sich jedoch nicht ausschließlich durch offene oder latente Auseinandersetzung heraus (vgl. Giddens 1984: 49f.), sondern entstehen in erster Linie dort, wo sich die geschlechtsspezifische Aufteilung von Verantwort- lichkeiten und Pflichten als fest-gefügt und nicht diskussionsfähig erweist. Die Geschlechterrollen sind in zahlreichen, traditionell patriarchalisch strukturierten Ländern einfach nicht zur gesellschaftlichen Debatte freigegeben: Das männlich dominierte Gesellschaftssystem verfolgt nicht nur eigene individuelle und ge- schlechtsspezifische Interessen, sondern legt zugleich die gesellschaftlichen ‘Spielregeln’ so fest, dass die dahinterstehenden Machtgefüge verborgen bleiben 19 und der Anschein von gesellschaftlichem Konsens aufrechterhalten wird (vgl. Kabeer 1994: 229).
Da derartige Rollenschemata aber fraglos als Manifestationen institutionalisierter Macht zu identifizieren sind, müssen geschlechtsspezifische Empowerment-Stra- tegien von einem umfassenderen Machtbegriff ausgehen. Sie dürfen Machtstruk- turen nicht nur dort verorten, wo Gewalt, Zwang oder Konflikt sie herausbilden, sondern müssen sie auch dort vermuten, wo sie weniger offensichtlich oder sogar gar nicht nachweisbar sind (vgl. Giddens 1984: 135). Zu diesem Zweck ist es wichtig, die Bedeutung von sozialen Normen und Geschlechteridentitäten bei der
17 Derartige Herangehensweisen finden sich bei Weber (1980: 28), bei Dahl (vgl. Lukes 1974:12), aber auch im spieltheoretischen Begriff der Verhandlungsmacht.
18 Nach Lukes (vgl. 1974: 24f.) dreidimensionalem Machtbegriff wird Macht nicht ausschließlich mit Hilfe von Zwang und offenen Konflikten durchgesetzt, sondern manifestiert sich auch in sog. latenten Konflikten durch Einigung und Mittäterschaft.
19 Oftmals werden diese Machtstrukturen (z.B. auf Grund kultureller Sozialisation) von den sozia- len Akteuren gar nicht als solche wahrgenommen.
13
Generierung von Machtstrukturen zu beleuchten, Asymmetrien in der Machtver- teilung bestehender Herrschaftsverhältnisse aufzuzeigen und somit Geschlechter- verhältnisse als Machtverhältnisse zu thematisieren (vgl. Schultz 2002: 62). Es geht nicht darum, den Kern der Macht zu analysieren, sondern die multiplen, in sozialen Netzwerken verankerten Instrumente und Mechanismen der Machtaus- übung zu begreifen (vgl. Foucault 1980: 72). Erst wenn diese Strukturen offen- gelegt sind, können sie wirksam bekämpft und neue weibliche Handlungsspiel- räume auf individueller und kollektiver Ebene erschlossen werden (vgl. Rowlands 1998: 14; vgl. McPhee u.a. 2002: 91).
Die Betonung der kollektiven Dimension von Empowerment-Mechanismen be- ruht auf der Erkenntnis, dass ‘personal power’ (bzw. Stärke) allein der Macht Vieler niemals dauerhaft standhalten kann 20 (vgl. Arendt 1970: 45). In der Organi- sierung eigener Interessen (vgl. Rodenberg/ Wichterich 1999: 26) liegt der Schlüssel zu umfassender sozialer Macht. Gleichzeitig ist dort, wo eine Abwesen- heit von ‘personal power’ vorherrscht, ein Zusammenschluss zur Machterzeu- gung schlichtweg undurchführbar. Die Voraussetzung zur Erlangung sozialer Macht von Vielen ist der Zusammenschluss der Stärke Einzelner. Die Stärkung und Erweiterung sowohl kollektiver als auch individueller weiblicher Gestaltungs- macht muss folglich ein zentrales Element von umfassenden Empowerment- Strategien darstellen.
Damit dieser normative Zielzustand von völliger Selbstbestimmung und sozialer Macht jedoch erreicht werden kann, muss ein vielschichtiger Prozess in Gang ge- setzt werden, dessen Idealverlauf im Folgenden näher erläutert wird.
20 Hier erschließt sich die relationale Komponente dieser Herangehensweise: Macht kann nur
innerhalb einer Gruppe entstehen, da sie auf der Erkenntnis beruht, dass die Fähigkeit Ereignisse
zu erzielen, immer vom Handeln Anderer abhängig ist.
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2.3. Das Idealmodell eines Empowerment-Prozesses
Herriger (vgl. 1992: 232ff.) stellt präzise die verschiedenen Etappen dar, welche auf dem Weg hin zu Empowerment zurückzulegen sind. In seinen schematisierten Erläuterungen beschreibt er drei Hauptphasen, die in jedem Empowerment- Prozess durchlaufen werden müssen. Einen Überblick über diese Phasen bietet die nachfolgende Grafik:
Abbildung 2: Modellverlauf eines Empowerment-Prozesses
Quelle: Herriger (1992: 232ff.), modifiziert. Eigene grafische Ausarbeitung.
Die Erfordernis, einen Empowerment-Mechanismus eines Individuums einzulei- ten, resultiert zumeist aus dessen defizitärer Wahrnehmung der eigenen Fähigkei- ten und Potentiale. Entstanden durch das wiederholte, alltägliche Erleben von Fremdbestimmung und Machtunterworfenheit verfestigt sich bei einem Individu- um ein Gefühl der Ohnmacht. Zur Herauslösung aus dieser Position bedarf es eines „Initiationsmoments“ (Herriger 1992: 232) 21 , der die Notwendigkeit von Veränderung offensichtlich macht. Zudem muss das Individuum selbst den Mut aufbringen, Kontakt zu anderen Menschen herzustellen, die sich in einer ähnlich- en Situation befinden. Über die Erfahrung gemeinsamer Betroffenheit entsteht nicht nur ein Erleben von Solidarisierung, es fällt dem Einzelnen auch leichter, die Hemmfaktoren und Barrieren zu identifizieren, welche die eigene Ohnmachts- situation bedingen und aufrechterhalten. So bildet sich allmählich eine kritische Wahrnehmung externer Faktoren heraus, durch welche es dem Individuum ermöglicht wird, sich über die defizitäre Wahrnehmung des eigenen Selbst zu
21 Oftmals stellt dieser Auslöser eine tiefgreifende Erschütterung der sozialen Identität dar (vgl.
Herriger 1992: 232).
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erheben und ein Gegenüber mit kritischen Einwänden und Forderungen zu kon- frontieren.
Aufbauend auf dieser Mobilisierungsphase stellt die Organisierung und Formie- rung der sich neu gegründeten Gruppe in ähnlicher Weise betroffener Personen den nächsten großen Abschnitt des Empowerment-Prozesses dar. In dieser Phase ist es enorm wichtig, dass innerhalb der Gruppe Handlungsstrategien entwickelt werden und sich intensiv mit Widerständen und Interessensdivergenzen auseinan- dergesetzt wird. Dabei kann es hilfreich sein, Kontakt zu Netzwerken bzw. sol- chen Personen aufzunehmen, die der Gruppe Unterstützung, organisatorische Hilfe und Ermutigung bieten können. Durch die Bildung derartiger Allianzen gewinnt die Gruppe an Beachtung von außerhalb und zugleich an Verhandlungs- macht. So entdeckt jedes einzelne Gruppenmitglied neue Ressourcen der Stärke und lernt, Wege der Partizipation und Einflussnahme zu beschreiten.
In der dritten und letzte Phase auf dem Weg zum Empowerment wird schließlich die zu Beginn diagnostizierte Ohnmachtposition überwunden und durch eine ge- stärkte Organisationsfähigkeit und Konfliktfähigkeit ersetzt. Die Gruppe ent- wickelt die Fähigkeit, eigenständig ihre Interessen zu artikulieren, auf deren Durchsetzung hinzuwirken, sich die zu diesem Zweck relevanten Informationen zu beschaffen und fehlende Konsensbereitschaft öffentlich zu problematisieren. Diesen abschließenden Abschnitt eines Empowerment-Prozesses bezeichnet Herriger (1992: 232) als die „Phase entwickelter Politikfähigkeit“. Idealerweise gelingt es dem Einzelnen in dieser Phase, Abhängigkeit, Resignation und erlernte Hilflosigkeit zu überwinden, um für sich selbst Autonomie und Lebenssouveräni- tät und in der Gruppe Widerstandsmacht zu entwickeln, um zukünftig mit einem gefestigten Selbstverständnis die Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse selbst in die Hand zu nehmen.
Es bleibt anzumerken, dass die Betrachtung dieses Idealprozesses lediglich zur Verdeutlichung der grundlegenden Funktionsweisen und Struktur von Empower- ment dient, und nicht etwa als vorgefertigtes Problemlösungsmuster herangezogen werden kann. Empowerment-Mechanismen beruhen im Wesentlichen auf der Eigeninitiative des/der Einzelnen, auf seiner/ihrer eigenen Gestaltungskraft und dem persönlichen Einsatz im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen. Die vielfach gebrauchte Wendung ‘jemand wird empowert’, bzw. ‘to empower some-
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one’ geht von der falschen Vorstellung aus, bei Empowerment handle es sich um eine passive Maßnahme, welche Außenstehende durchzuführen in der Lage seien. Es liegt jedoch im Wesen des Empowerments, dass es nur von dem Betroffenen selbst aktiv eingeleitet und vollzogen werden kann. Ein standardisiertes Verfahren für das Empowerment von Frauen und Mädchen kann es deshalb ebenso wenig geben, wie eines, welches in der Lage ist, alle weiblichen Zielpersonen zu errei- chen. Es wird immer Frauen geben, welchen die Nutzung der angebotenen Ressourcen aus eigener Kraft nicht möglich ist (vgl. Sabharwal 2000: 26).
Empowerment-Strategien müssen folglich bemüht sein, in einem Umfeld zu agie- ren und ein soziales Klima zu generieren, welches es einer möglichst großen An- zahl von Frauen ermöglicht, sich der angebotenen Ressource zu bedienen und sich selbst zu ‘empowern’.
Eine Organisation, welcher nachgesagt wird, ein solches Klima schaffen zu kön- nen, ist die Grameen-Bank von Bangladesch. Sie setzt mit ihrem Kreditprogramm auf die Selbstverfügungskräfte der scheinbar schwächsten und handlungsunfähig- sten gesellschaftlichen Gruppe: auf die der mittellosen Frauen. Das Konzept der Bank beruht nicht auf dem Aufoktroyieren von Problemlösungsmustern, sondern der Unterstützung bei der Erschließung und dem Ausbau vorhandener Energien. Medien und Forschung feierten es immer wieder als durchschlagenden Erfolg und beispielhaftes Modellprojekt. Darum ist es sinnvoll, die Vorgehensweisen, die Projektwirkungen und Empowerment-Strategien der Kreditnehmerinnen, unter Rückbezug auf die vorgenommenen Vorüberlegungen, genauer zu beleuchten.
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3. Untersuchung von Mikrokrediten der Grameen-Bank als
Instrument des Frauen-Empowerments
Bei der Analyse des Potentials der Grameen-Mikrokredite, ein Frauen-Empower- ment einzuleiten, ist ein gender-sensibler Vergleich der gesellschaftlichen Positio- nen und Handlungsspielräume, bzw. die Identifizierung geschlechtsspezifischer Hemmfaktoren, unerlässlich – und zwar sowohl im Familienkontext, also im Be- zug auf Ehe und Familie, als auch auf lokaler und gesamtgesellschaftlicher Ebene (vgl. Johnson 2003: 1). Zudem müssen demographische und sozio-ökonomische Aspekte ebenso beachtet werden wie kulturelle, politische und soziale.
Da diese einzelnen Dimensionen und Handlungsebenen im Lebensalltag jedoch keine tatsächlichen Demarkationslinien darstellen, sondern einander überschnei- den, können sie nicht getrennt voneinander betrachtet werden (vgl. Sabharwal 2000: 26). Ebenso verhält es sich mit den im Folgenden dargestellten Empower- ment-Prozessen. Die Grenzen zwischen individuellem, relationalem und kollekti- vem Empowerment sind fließend und von reziproker Beschaffenheit.
Weiterhin muss in eine Analyse stets die Bedeutung zwischengeschlechtlicher Interdependenzen und sozial konstruierter Geschlechterverhältnisse (also: gender) innerhalb der bengalischen Gesellschaft mit einbezogen werden.
3.1. Zwischen Tradition und Neubeginn: Veränderungspotentiale der
gesellschaftlichen Position von Frauen in Bangladesch
Um die Veränderungspotentiale für Frauen innerhalb der bengalischen Gesell- schaft auszuloten, bedarf es zunächst einer Analyse der strukturellen Rahmenbe- dingungen, des Lebensalltags und der Einbindung in normative Erwartungen bzw. internalisierte Verhaltensweisen. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, dass ge- schlechtsspezifische Strukturen nicht als statische Konstrukte dargestellt werden, sondern Bruchstellen und Ansätze des Wandels auch dann wahrgenommen wer- den, wenn sie kaum sichtbar oder von scheinbar bedeutungsvolleren Aspekten überschattet werden. An solchen Bruchstellen offenbart sich die Relationalität der normativen Schranken, und Veränderungspotentiale werden sichtbar.
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3.1.1. Rahmenbedingungen: Der Lebensalltag bengalischer Frauen
Der Lebensalltag einer überwiegenden Mehrheit bengalischer Frauen wird von zwei alles beherrschenden Determinanten bestimmt und erschwert: Zum einen sehen sie sich mit einer, häufig aus Landlosigkeit resultierenden Armut konfron- tiert, die so dominierend ist, dass nicht einmal die tägliche Ernährung der Familie gesichert ist. Zum anderen erwachsen ihnen aus Religionskultur und Traditionen viele Benachteiligungen und Beschneidungen ihres Lebensraumes. Unter diesen Prämissen tragen die Frauen Bangladeschs eine überproportionale Last der Armut. Besonders in ländlichen Gebieten erzeugt eine unverhältnismäßig hohe Abhängig- keit von normativ geregelten Ansprüchen geschlechterspezifische Unterschiede im Verarmungsprozess. Die Ungleichbehandlungen beginnen schon bei der inner- familiären Ressourcenverteilung in Bezug auf Nahrung 22 und Gesundheit (vgl. Cannon 2002: 48). Diese entspricht traditionellerweise nicht dem tatsächlichen Bedürfnis der Haushaltsmitglieder, sondern wird bestimmt durch die individuelle Stellung in der Familienhierarchie, die wiederum von Alter, Geschlecht und Verwandtschaftsgrad abhängt. Weibliche Familienmitglieder stehen zumeist auf der untersten Stufe der Rangabfolge 23 . Die Asymmetrie in der Befriedigung von Grundbedürfnissen unter Bedingungen absoluter Armut zeigt sich in einer höherer Krankheitsbelastung und Sterblichkeit bei Frauen und Mädchen 24 .
Bildung für Mädchen wird in vielen ruralen Gebieten als Zeit- und Geldver- schwendung angesehen 25 (vgl. Datta 1994: 186f.; vgl. Rahman 1997: 52f.). Heirat und Mutterschaft, insbesondere das Gebären von Söhnen (vgl. Palriwala 2000: 35) gelten als der Sinn weiblicher Existenz, weshalb die Mädchen häufig sehr jung an Männer verheiratet 26 werden, die sehr viel älter sind als sie. Der hohe Altersunter- schied verleiht den Männern eine zusätzliche Autorität über ihre Frauen (vgl.
22 Im „Bangladesh Human Development Report 2000“ ist die Rede von einem ‘gender gap in nutrition’: Ca. 50% aller weiblichen Kinder unter 5 Jahren leiden unter gesundheitsgefährdendem Untergewicht. Bei den Jungen beträgt die Zahl ca. 46%.
23 In der Familie des Ehemannes ist die Ehefrau zunächst allen anderen Haushaltsmitgliedern, auch den weiblichen, untergeordnet. Diese Rangabfolge ändert sich zumeist erst mit Geburt der ersten Kindes (vgl. Chauhan/Bansal 2002: 10).
24 Bangladesch gehört darum zu den wenigen Ländern der Welt, in denen die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer über der der Frauen liegt, und der männliche Bevölkerungsanteil größer ist als der weibliche (vgl. Asian Development Bank: Country Assistance Plan 2001-03). 25 Nur 30% der Frauen - im Vergleich zu 52% der Männer - (Quelle: Human Development Report 2002) können lesen und schreiben. Vor allem in ländlichen Gebieten werden Mädchen häufig gar nicht erst eingeschult, da die Meinung, Bildung verderbe den Charakter der Mädchen und hindere sie daran, ihren traditionellen Pflichten nachzukommen, stark verbreitet ist.
Quote paper:
Birgit Michels, 2003, Empowerment-Strategien - Das Beispiel der Grameen-Bank von Bangladesch, Munich, GRIN Publishing GmbH
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