Die Wissenschaften dienen der Naturbeherrschung. Wenn man geschichtliche Dinge „wissenschaftlich“ darstellt und etwa über Caligulas und Hitlers Schandtaten ohne Empörung, „distanziert“ spricht, dann verfälscht man die Geschichte. Max Horkheimer 1
Aber das alles (der ganze „Positivismusstreit“) ist ja nur ein Eiertanz und von einer geradezu grotesken Unwichtigkeit.
Karl R. Popper 2
Inhaltsverzeichnis
1. Historisches zum Positivismus- und Werturteilsstreit............ 3 2. Das Wissenschaftsverständnis der Kritischen Theorie ........ 6 3. Das Wissenschaftsverständnis der Kritischen
Rationalismus............................................................................................... 7
4. Die Tübinger Referate ......................................................................... 9
4.1 Karl Popper ................................................................................................ 9 4.2 Theodor W. Adorno .................................................................................12 5. Habermas- Albert ................................................................................16 Literatur:........................................................................................................18
1 Horkheimer, zitiert nach Dahms 1994, S. 374
2 Popper 1987, S. 109
2
1. Historisches zum Positivismus- und Werturteilsstreit
Als Positivismusstreit wird die Auseinandersetzung um die Methoden der Soziologie zwischen der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus bezeichnet.
Auf dem Tübinger Soziologentag 1961, maßgeblich mitorganisiert von Ralf Dahrendorf 3 , wurde das Hauptreferat von Karl R. Popper (1902-1994), Begründer des Kritischen Rationalismus, gehalten, worauf Theodor Wiesengrund Adorno (1903- 1969), neben u.a. Max Horkheimer (1895-1973), Felix Weill (1898- 1975), Herbert Marcuse (1898- 1979), Friedrich Pollock (1894- 1970) Vertreter der Kritischen Theorie (wegen des Sitzes ihres Instituts für Sozialforschung in Frankfurt- ausgenommen die NS-Zeit, in der das Institut in die USA emigrierte- auch Frankfurter Schule genannt) mit seinem Koreferat antwortete. Thema der Referate war die Logik der Sozialwissenschaften. Obwohl von einigen Autoren bemerkt wird, die Gegensätze zwischen Adorno und Popper seien durch die Referate nicht klar genug dargestellt worden 4 , zeigten sie doch die Widersprüche zwischen den beiden Schulen auf und führten zu einer intensiven methodischen Diskussion innerhalb der Sozialwissenschaften, die entscheidend mitgeprägt wurde von der nachfolgenden Auseinandersetzung zwischen Jürgen Habermas, damals
wissenschaftlicher Mitarbeiter von Adorno, und Hans Albert, Vertreter des Kritischen Rationalismus.
Der Begriff Positivismusstreit entstammt dem Vorwurf der Kritischen Theorie gegenüber dem Kritischen Rationalismus, dessen Vertreter betrieben eine Form des Positivismus.
Als Positivismus wird die Lehre bezeichnet, die den Gegenstand der Wissenschaft auf empirisch Wahrnehmbares reduziert. Metaphysische oder gar theologische Interpretationen der Welt werden verworfen. Der Positivismus sieht seine Aufgabe in der Systematisierung des sinnlich Erfahrbaren und der Suche nach seinen Gesetzen. Als Begründer des Positivismus gilt Auguste Comte (1798- 1857), der den Übergang von der sozialen Physik zur Soziologie markiert und somit auch als Begründer der
3 Vgl. Dahms 1994, S. 323f.
4 Vgl. Dahrendorf in: Adorno u.a. 1969, S. 145 und Dahms 1994, S. 341
3
Soziologie gelten kann. Von besonderer Bedeutung ist sein Drei- Stadien-Gesetz, das die Entwicklung der Menschheit aufteilt in eine mythologischtheologisch- phantastische Anfangsphase, darauf folgend eine metaphysische und schließlich die positiv- wissenschaftliche Phase. Was mit dem Positivismusverdacht intendiert wurde, wird erkennbar, wenn man betrachtet, wie geringschätzig sich beispielsweise Horkheimer und Adorno über den Positivismus in der Philosophie äußern. 5 Popper und Albert allerdings distanzieren sich vom Ansatz einer reinen Reduzierung auf das sinnlich Erfahrbare. Popper sieht sich sogar als Überwinder dieser Schule, was er mit seiner Gegnerschaft zum Wiener Kreis, einer neopositivistischen Vereinigung, als deren bekannteste Vertreter Moritz Schlick (1882- 1936), Rudolf Carnap (1881- 1970) und Otto Neurath (1882- 1945) zu nennen sind, begründet. Die Position des logischen Positivismus des Wiener Kreises zum Werturteil sei anhand von Rudolf Carnap dargestellt: Carnap, der das begriffliche Gebäude der Wissenschaften auf Erfahrungsbegriffe reduzieren wollte, verortete Fragen der Weltanschauung neben, keinesfalls in der Wissenschaft. Er trat beispielsweise dafür ein, dass Wissenschaft unabhängig von der Politik arbeitet.
Die Themen des Positivismusstreits gehen zurück auf den sogenannten Werturteilsstreit, der um 1914 im Verein für Sozialpolitik (VfS) ausgetragen wurde, besonders bei der Werturteilsdiskussion des VfS am 5. Januar 1914. Auch in dieser Auseinandersetzung ging es um schon seit den Jahren 6 diskutierte Methoden 1880er der Wirtschafts-und
Sozialwissenschaften, insbesondere um die Frage der Werturteilsfreiheit. Während beispielsweise Max Weber (1864-1920) ein
Wertfreiheitspostulat, d.h. eine „strenge Scheidung von Erfahrungswissen
5 Adorno schreibt beispielsweise: „Der Krisis des humanistischen Bildungsbegriffs, über den ich
nicht viel Worte zu machen brauche, ist Philosophie als erste Disziplin im öffentlichen
Bewusstsein erlegen, nachdem sie ungefähr seit Kants Tod durch ihr Missverhältnis zu den
positiven Wissenschaften, zumal denen von der Natur, sich verdächtig gemacht hatte.“ (Adorno
1970, S.12)
6 In dieser Zeit forderte beispielweise der positivistische Soziologe Emile Durkheim (1858- 1917)
eine konsequente Trennung von Soziologie und Philosophie, von empirischer Forschung und
philosophischen Abstraktionen, also das Gegenteil der u.a. von Comte geforderten
Einheitswissenschaft. (vgl. Klügl in: Autorenkollektiv 1982, S. 223f.) Durkheim tritt allerdings
nicht für eine Wertfreiheit ein.
4
und Werturteilen“ 7 formulierte und forderte, dass Professoren, wenn sie überhaupt subjektive Urteile in ihre Vorlesungen einfließen lassen, diese auch deutlich kennzeichnen, 8 sah Gustav Schmoller, Vertreter der mit dem Werturteilsstreit in der Ökonomie aussterbenden 9 historisch- ethischen Schule, die Wissenschaft als ein Instrument praktischer sozialpolitischer Veränderungen und somit nicht von der Ethik, die er als empiristische gefordert hat, zu trennen.
Otto Neurath, Politiker und Soziologe, Vertreter des Wiener Neopositivismus und sozialistischer Staatskommissar in der Münchener Räterepublik von März 1919 äußerte sich in einem schriftlichen Beitrag zur Wertfreiheitsfrage, in dem er formulierte, lege man ökonomischer Forschung sittliche Urteile zugrunde, würde „der wissenschaftliche Charakter der Nationalökonomie (...) dadurch in keiner Weise beeinträchtigt“ 10 .
Diese Auseinandersetzungen führte aber zu keinem konkreten Ergebnis, die Diskussion vom 5. Januar, in der sich hauptsächlich Max Weber und Carl Grünberg 11 gegenüberstanden, wurde abgebrochen 12 und die Thematik erst im Positivismusstreit wieder auf breiterer Basis diskutiert.
Eine bedeutende Publikation aus der politischen Linken gegen den Positivismus, von Horkheimer 13 und Popper 14 geschätzt, ist Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“, in der er den positivistischen Machismus und durchaus auch die Person Ernst Mach angreift. Lenin wirft Mach und seinen Anhängern vor, Solipsisten 15 zu sein. 16 Der Machist Bogdanow beschuldigt Lenin daraufhin des Subjektivismus. Lenin
7 Nau 1996, S. 40
8 Weber kam es an auf „das Bewußtmachen des Unterschieds von Gesinnungsäußerung und
wissenschaftlicher Feststellung von Sachverhalten (...), die nicht vermengt werden dürfen.“
Heieck, Ludwig in Weber 1967, S. 30
9 vgl. ebenda S. 51
10 Neurath in: ebenda S. 94
11 Carl Grünberg (1861- 1940) war erster Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Er
wurde 1931 von Horkheimer abgelöst.
12 Max Weber verließ die Sitzung mit der Begründung, er werde missverstanden (vgl. Nau 1996,
S. 51).
13 Horkheimer lobt allerdings nur Teile aus Lenins Werk (vgl. Dahms 1994, S.27f.).
14 Popper bezeichnet Lenins Buch als „ganz ausgezeichnet“ (Popper 1987, S.100)
15 Der Solipsismus leugnet die Existenz der Dinge der Außenwelt außer im eigenen Bewusstsein.
16 Vgl. Lenin 1973, S. 112
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Arbeit zitieren:
2002, Der Positivismusstreit - Geschichte und Positionen, München, GRIN Verlag GmbH
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