Rationalität und Psychologie
Seminararbeit Behavioral Finance
WS 2003/2004
Christian Schweizer
GLIEDERUNG
1. Einleitung
1.1. Allgemeines und Überblick
1.2. Von der Klassik zur Neoklassik
1.3. Der Homo Oeconomicus
2. Die Psychologische Wende in der Ökonomie
2.1. Beschränkte Rationalität
2.2. Eingeschränkte Willenskraft
2.3. Beschränkter Eigennutz
3. Was Menschen bei Entscheidungen beeinflusst
3.1. Verschiedenartige Anreize
3.2. Emotionen
3.3. Das soziale Umfeld
4. Resumeé
5. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Nach einem kurzen Überblick über die Problemstellung und den Aufbau der vorliegenden Arbeit soll im Folgenden ein Einblick in die bisher weit verbreitete neoklassische Wirtschaftstheorie gegeben werden.
1.1. Allgemeines und Überblick
Über die Bedeutung der Psychologie bei der Beschreibung ökonomischen Verhaltens war man lange Zeit uneins. Die Ansicht, dass die Psychologie menschliche Entscheidungen auch im wirtschaftswissenschaftlichen Umfeld geeignet zu beschreiben in der Lage ist, gilt mittlerweile jedoch als fundiert. Auch die immer weiter steigende Zahl von Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet verdeutlicht dies. So ging der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2002 für eine Arbeit über die Bedeutung der Psychologie in der ökonomischen Theorie an Daniel Kahnemann und Vernon L. Smith.
Die zugrundeliegende Fragestellung dieses Forschungsgebietes richtet sich auf die Vorraussetzungen unter welchen Menschen Entscheidungen treffen: bilden rationale und konsistente Beweggründe die Basis wirtschaftlichen Handelns, oder sind es vielmehr andere Kriterien, aus denen Entscheidungen abgeleitetet werden.
In der vorliegenden Arbeit soll nun gezeigt werden, dass Menschen nicht ausschließlich rational nach dem Effizienzkriterium handeln, sondern dass häufig eher die Psychologie in der Lage ist (wirtschaftliche) Entscheidungen zu beschreiben. Die „Psychologische Wende in der Ökonomie“, wie einige bekannte Wirtschaftswissenschaftler diese Abkehr vom neoklassischen Menschenbild nennen, wurde dabei insbesondere durch empirische Arbeiten wie die der beiden Nobelpreisträger von 2002 vorangetrieben.
In den folgenden beiden Abschnitten dieser Arbeit werden zunächst die Grundannahmen der neoklassischen Lehre beschrieben, welche im Wesentlichen davon ausgehen, dass psychologische Faktoren bei der Entscheidungsfindung keinen Einfluss haben, sondern dass sich wirtschaftliche Akteure durch: “…perfekte Rationalität, uneingeschränkte Willenskraft und unbeschränktes Streben nach Eigennutz“ (Fehr, 2001, S.29) auszeichnen.
Bei Fragestellungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Dimension wurden diese Annahmen immer wieder unterstellt, und es wurde davon ausgegangen, dass der Rationalität und Mensch, dem ökonomischen Prinzip gemäß, rational handelt und sich nach diesem Verhaltensmodell als „Homo Oeconomicus“ eigennutzmaximierend verhält. Nach dem Ricardianischen Modell der komparativen Kostenvorteile entscheidet sich der Mensch weiter für dasjenige Gut bzw. diejenige Aktivität, welche die niedrigsten Opportunitätskosten aufweist.
Im den anschließenden beiden Kapiteln werden diese Annahmen dann kritisch diskutiert und durch von den neoklassischen Annahmen abweichende Ergebnisse von Experimenten und Studien in Frage gestellt. Diese Erkenntnisse sind insbesondere deswegen von großem, allgemeinem Interesse, weil ihnen zugetraut wird, Aufschluss darüber zu geben, ob und wie neben den Annahmen der Ökonomischen Theorie andere Faktoren menschliches Verhalten beeinflussen, und welche Auswirkungen dies auf Gesellschaft, (Finanz)-Märkte und Politik hat.
1.2. Von der Klassik zur Neoklassik
Klassische Ökonomen erklärten sowohl das menschliche Verhalten auf Märkten, als auch wirtschaftliche Entscheidungsfindungen im Allgemeinen mit verschiedenen Präferenzen und Einstellungen der Menschen, und diesen zugrunde liegenden psychologischen Prozessen (vgl. Frey, 2001, S.6).
Im Gegensatz dazu steht die Neoklassik, welche in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel entstand, das marktwirtschaftliche Koordinationsproblem mit Hilfe eines individualistischen Forschungsprogramms zu lösen. Im Betrachtungszentrum stand dabei das Individuum. Die Mitbegründer der Neoklassik wie Walras, Gossen, Pareto und Jevons vertraten die Ansicht, dass sich die Ökonomie auf physisch beobachtbare und messbare Ressourcen konzentrieren und „vollständig unabhängig von psychologischen Annahmen und philosophischen Hypothesen“ (Slutzky in: Dopfer, 2001, S.29) sein sollte. Das Menschenbild vom Homo oeconomicus war schließlich geboren (vgl. Dopfer, 2001, S.29).
Grundannahme der jungen Neoklassik war zunächst, dass man den Nutzen aufgrund von subjektiven Erfahrungen kardinal messen kann. Ab 1930 vollzog sich eine bedeutende Veränderung hinsichtlich dieser Annahme: Robbins verneinte die Existenz von kardinal messbaren Nutzenfunktionen, und anstelle dieser fand ein ordinales Nutzenkonzept, das eine Reihenfolge verschiedener Alternativen anhand Indifferenzkurven genannter Abbildungen darstellte, Verwendung.
Grundgedanke dieses Konzepts war das Beobachten von Wahlentscheidungen, ohne die Berücksichtigung subjektiver Erfahrungen.
Dabei bilden die vollständige Information aller Individuen bezüglich der abzuwägenden Alternativen, realistische Erwartungen hinsichtlich der Folgen der jeweiligen Entscheidungen, sowie die logische und stetige Verfolgung der zugrunde liegenden Ziele die Voraussetzungen dieser neoklassischen Verhaltensannahme (vgl. Frey, 2001, S.6).
Bei sämtlichen Entscheidungen, die ein Mensch trifft, verhält er sich also gemäß der Ökonomischen Theorie rational und eigennützig. Weiche Variablen wie z.B. Präferenzen, Institutionen und Technologien werden bei dieser Betrachtungsweise als „ceteris-paribus- Annahmen“ aus der Theorie eliminiert (vgl. Dopfer, 2001, S.29).
1.3. Der Homo Oeconomicus
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Arbeit zitieren:
Christian Schweizer, Ole Tom Rolser, 2004, Rationalität und Psychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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