Vorbemerkung
Der folgende Text ist die Ausarbeitung des Referats, das ich gemeinsam mit Hannah Wegner im Rahmen des Seminars “Spracherwerb: Phonologie” gehalten habe. In dem Seminar ging es zunächst um die Sprachperzeption von Kleinkindern bevor dann zur frühen Sprachproduktion übergegangen wurde.
Nachdem zuvor die Perzeption und Diskrimination auf Phonem- und Wortebene besprochen worden war, stellte unser Referat den Abschluss des Themenblockes zur Sprachperzeption dar.
Ausgehend von dem Artikel von Kathy Hirsh-Pasek et al. haben wir die Ergebnisse von zwei Experimenten vorgestellt, die die Autoren zur Beantwortung der Frage, ob bereits Kleinkinder prosodische Markierungen syntaktischer Grenzen wahrnehmen können, durchgeführt haben.
Einleitung
Allgemeines über den Satz
Bevor Hirsh-Pasek et al. ihre Experimente durchgeführt haben, war bereits bekannt, dass der Satz eine zentrale Rolle im Spracherwerbsprozess spielt. Aus diesem Grund geht auch fast jede Theorie zum Spracherwerb davon aus, dass das die Sprache lernende Kind Satzeinheiten im Input erkennen muss, um die Grammatik der Muttersprache zu erlernen. So betonen Landau & Gleitman (1985) den Zusammenhang zwischen dem Erkennen der Satzstruktur und dem Erlernen der Verbbedeutung; Bates & MacWhinney (1987) erklären, dass der Lernende über eine Form-Funktion-Beziehung aufgrund der syntaktischen Struktur auch die grammatischen Kategorien eines Satzes erschließen kann.
Ein Kind lernt die Syntax seiner Muttersprache also in erster Linie deshalb, weil es sensibel für die Satzeinheiten im Input ist. Oder umgekehrt: Nur wer überhaupt Sprache in Satzeinheiten parsen kann, wird in der Lage sein, die Syntax einer Sprache zu erlernen.
Bisherige Forschungsergebnisse
Dass der Satz nicht bloß ein linguistisches Konstrukt ist, sondern durchaus auch psychologische Realität hat, spiegelt sich in der Sprachproduktion wider. Hier wurde nämlich beobachtet, dass Satzgrenzen die Anwendung bestimmter phonologischer Regeln blockieren (Garrett, 1975) und dass Versprecher vor allem innerhalb einer Satzeinheit auftreten (Shattuck -Hufnagel, 1979). Weiterhin werden Satzgrenzen durch sogenannte ‚akustische Marker’, d.h. durch Änderungen in der Prosodie, gekennzeichnet. So ziehen Sprecher die letzte Silbe einer Satzeinheit in die Länge (Klatt, 1975) und verändern dort
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die Grundfrequenz ihrer Stimme. Außerdem wird eine Satzgrenze durch eine Pause (Martin, 1970) und/ oder einen Akzent (Garnica, 1977) markiert. Zwar ist jeder einzelne akustische Marker noch kein sicheres Anzeichen für eine Satzgrenze, in ihrer Gesamtheit helfen sie aber, den kontinuierlichen Satzstrom in kleinere Einheiten zu zerlegen.
Broen (1972) und Bernstein-Ratner (1985) haben in ihren Studien herausgefunden, dass in Gesprächen mit kleinen Kindern die akustischen Marker verstärkt verwendet werden. Allerdings lagen kaum Ergebnisse vor, ob diese dem Hörer letztendlich wirklich bei der Sprachorganisation helfen. Studien mit Erwachsenen konnten nur zeigen, dass Erwachsene sensibel sind für die Silbenlängung und den Frequenzabfall an Satzgrenzen (Streeter, 1978) und sie die akustischen Marker auch in Einheiten, die kleiner sind als Sätze, erkennen (Klatt & Cooper, 1975). 1987 lagen noch keine Ergebnisse aus Studie mit Kindern vor. Deswegen haben sich die Autoren die Frage gestellt, ob, und wenn ja, wie, Kinder die akustischen Marker nutzen können.
Zur Wahrnehmungsfähigkeit für die akustischen Marker haben die Autoren zwei Hypothesen aufgestellt. Entweder werden die Marker nur im Zusammenhang mit dem weiteren Spracherwerb erkannt oder aber es handelt sich bei der Wahrnehmungsfähigkeit für akustische Marker um eine angeborene Eigenschaft. Für die zweite Hypothese spricht, dass auch andere wichtige Kapazitäten zur Sprachwahrnehmung angeboren sind (z.B. Phonemdiskrimination, Abstraktion von Spracherstimmen und Intonation; dazu Aslin, Pisoni & Jusczyk, 1983). Diese Eigenschaft muss sich aber nicht unbedingt auf die Wahrnehmungsfähigkeit von akustischen Markern übertragen lassen. Bei der Durchführung ihres Experiments orientierten sich die Autoren zum einen an der Tatsache, dass Erwachsene die Segmentierung eines Satzes natürlich finden, wenn diese an den Satzgrenzen stattfindet. Zum anderen gingen sie davon aus, dass Kinder die natürliche Segmentierung eines Satzes bevorzugen und diese Präferenz durch längere Aufmerksamkeit ausdrücken.
Experiment 1
Hirsh-Pasek et al. führten ihr Experiment mit zwanzig 7 -10 Monate alten Kindern (durchschnittliches Alter: 8,0 Monate) durch, die aus Philadelphia/ Pennsylvania stammten und alle Englisch als Muttersprache hatten. Die Ergebnisse von sechzehn Kindern konnten ausgewertet werden, vier Kinder waren zu unruhig, um das Experiment zu Ende zu bringen.
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Um sprachliche Stimuli zu gewinnen, nahmen die Autoren ein Gespräch zwischen einer Mutter und ihrer 19 Monate alten Tochter auf, das sowohl aus interaktiver Konversation als auch aus einseitigem Geschichtenerzählen der Mutter bestand. Die Mutter wusste dabei nicht, zu welchem Zweck die Aufnahmen verwendet werden sollten. Aus den Aufnahmen erstellten die Autoren insgesamt 16 Auszüge, die jeweils fünf bis sieben Phrasen und immer mehr als einen Satz umfassten. Aus diesen Auszügen wurden im Folgenden je zur Hälfte natürliche und unnatürliche Versionen erstellt. Die natürlichen Versionen begannen und endeten jeweils an einer Satzgrenze. An jeder Phrasengrenze innerhalb des Auszugs wurde eine Pause von 1 Sekunde Dauer eingesetzt. Im Gegensatz dazu begannen und endeten die unnatürlichen Versionen mitten im Satz. Hier wurden die Pausen von 1 Sekunde Dauer an willkürlichen Stellen mitten in einer Phrase eingefügt. 1
In beide Versionen war das gesprochene Material sowie die Anzahl und die Verteilung der eingefügten Pausen identisch. Die Auszüge dauerten zwischen 13,2 und 28, 7 Sekunden und waren im Durchschnitt 18,1 Sekunden lang.
Zur Durchführung des Experiments verwendeten die Autoren die headturn preference procedure. Hierbei wird davon augegegangen, dass Kinder länger in die Richtung des Stimulus gucken, den sie gegenüber einem anderen Stimulus bevorzugen. In diesem Fall sollten die natürlichen Versionen eine längere Orientierungszeit des Kindes bewirken.
Das Experiment wurde in einem kleinen Raum durchgeführt, der vorne, links und rechts durch eine Wand abgeschirmt war. Das Kind saß während des Experiments auf dem Schoß seiner Mutter, die, um das Kind nicht zu beeinflussen, Kopfhörer trug.
In der Mitte der vorderen Wand war auf Augenhöhe des Kindes ein blaues Licht angebracht, an den beiden Seitenwänden befand sich auf der gleichen Höhe jeweils ein rotes Licht sowie ein Lautsprecher.
An dem Experiment waren zwei Experimentatoren beteiligt, die beide nicht vom Kind gesehen wurden. Einer der beiden beobachtete das Kind und gab seinem Kollegen Zeichen, wenn dieser ein Aufnahmegerät und einen Mikrocomputer starten sollte, um die Dauer und
1 Beispiel für eine natürliche Version: Cinderella lived in a great big house,/ but it was sort of dark/ because she had this mean, mean, mean stepmother./ And, oh, she had two stepsisters/ that were so ugly./ They were mean, too.
Beispiel für eine unnatürliche Version: ... in a great big house, but it was/ sort of dark because she had/ this mean, mean, mean stepmother. And, oh, she/ had two stepsister that were so/ ugly. They were mean,/ too. They were...
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Arbeit zitieren:
Judith Heide, 2001, Das Erkennnen prosodischer Merkmale syntaktischer Grenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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