Gliederung
1. Einleitung 3
2. Entstehung neurotischer Störungen 4
2.1 Phasen der kindlichen Entwicklung und ihre Bedeutung 8
2.1.1 Die orale Phase 8
2.1.2 Entstehung der intentionalen Störung 5
2.1.3 Phase der handelnden Weltbewältigung 9
2.1.4 Phase der theoretischen Weltbewältigung 8
3. Die psychogene Lernhe mmung 13
3.1 Zwei Beispiele 13
3.2 Erscheinungsbild des lerngehemmten Kindes 14
3.3 Psychodynamik der Lernhemmung 16
3.4 Die Eltern als Hauptverursacher der Neurose 17
3.5 Schule - Brutstätte gestörten Verhaltens 19
4. Therapie 20
4.1 Spieltherapie 21
4.2 Beratung der Eltern 22
5. Literaturverzeichnis 23
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1. Einleitung Ein siebenjähriges Mädchen fällt seiner Lehrerin auf, weil es sich nicht konzentrieren kann. Die Eltern bemerken, daß das Kind blaß ist und morgens über Bauchschmerzen klagt. Es schläft sehr schwer ein und rechnet laut im Schlaf. Es onaniert häufig, zeitweise täglich. Das Mädchen ist kontaktunfähig, weint leicht und verhält sich Erwachsenen gegenüber sehr gefügig. Zu dieser Symptomatik kommt eine extreme Ängstlichkeit, die es dem Kind unmöglich macht, z.B. bei geschlossener Zimmertür einzuschlafen. 1 Was führt zu einer derartigen Störung ? Welche Faktoren treffen bei diesem Kind aufeinander, um es so reagieren zu lassen ? Wie kann ihm geholfen werden ?
Diese Arbeit befaßt sich mit einem Phänomen, das überzufällig häufig an den Schulen auftritt: Schüler können bei mittlerer bis guter Intelligenz nicht lernen, obwohl ihr Entwicklungsstand und der Intelligenzquotient es vermuten ließen, daß sie das Klassenziel erreichen könnten. Wir haben es hier mit einer psychogenen Lernstörung zu tun, die durch Gehemmtheiten in bestimmten An- triebsbereichen den Menschen daran hindert, seine Fähigkeiten voll auszuleben. Als Grundlage haben mir zu dieser Arbeit A. Dührssens „Psychogene Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen“ sowie die Aufsätze „Psychisch bedingte Lernstörungen im Kindes- und Jugendalter“ von K. Singer und „Neurotische Kinder und ihre Familien“ von E.v.Strachwitz gedient. Für das Verständnis der Psychodynamik der Neurose im Allgemeinen und der Lern- hemmung im Besonderen zog ich S. Mentzos, „Neurotische Konfliktverarbeitung“ und G. Wun- derlichs Werk „Neurosen“ heran. Diese Literatur ist die Grundlage des zweiten Kapitels, das sich einleitend mit den Voraussetzungen für die Entstehung solcher Störungen vor dem Hinter- grund der frühkindlichen Entwicklung befaßt.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Lernhemmung an sich. Das Beispiel des Mädchens Anne entspringt dem Buch „Lernhemmung, Psychoanalyse und Schulpädagogik“ von K. Singer, Marco ist ein mir bekannter Junge. Sein Vater bat mich, seine persönlichen Daten zu verfremden, um das Risiko auszuschließen, daß der Junge sich durch Zufall in dieser Arbeit wie- dererkennt. Aus diesem Grund habe ich weder das Sonderpädagogische Gutachten noch den Abschlußbericht des Kindergartens, die mir der Vater überlassen hat, näher benannt. In den Kapiteln 3.1 bis 3.4 beschränke ich mich aus Platzgründen fast ausschließlich auf die beiden genannten Beispiele. Die Untersuchung Lieberz’, dargestellt in „Familienumwelt und Neurose“ bildet die Grundlage für die Ausführungen in Hinsicht auf die Eltern. In Bezug auf Lehrerverhal- 1 Vgl. Singer 1970, S..254f
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ten leistete mir das Kapitel „Zum Problem der Lehrerausbildung und Lehrerpersönlichkeit“ aus dem letztgenannten Werk von Singer gute Die nste.
Die Ausführungen über Therapien entspringen wegen der Beschränkung auf die Fallbei- spiele ebenfalls hauptsächlich diesem Werk.
Da ich gerade in diesem Bereich der Pädagogik einen erhöhten Handlungsbedarf erkenne, habe ich mich mit diesem Thema befaßt.
Abschließend möchte ich noch bemerken, daß diese Arbeit nur ein sehr knapper Anriß sein kann. Ich habe mich bemüht, alles herauszulassen, was nicht im engeren Sinne mit der Lernstörung zu tun hat. Eine ausführlichere Darstellung war aufgrund mangelnden Platzes nicht möglich.
2. Entstehung neurotischer Störungen
Die Entstehung einer Neurose im Allgemeinen
Ich möchte mich in diesem einleitenden Kapitel mit den Vorgängen befassen, die zur Entstehung einer Neurose führen. Diese allgemeine Betrachtung wird das Verständnis für das Zustandekommen einer speziellen Neurose, wie es die Lernhemmung ist, erleichtern. Jedes Kleinkind wächst mit Konflikten auf, mit denen es etwa im Alter von fünf Jahren, in der ödipalen Phase, umzugehen lernt. Davor ist es völlig auf die Antworten seiner Umwelt angewiesen und seinen eigenen Erfahrungen, Assoziationen und Gefühlen hilflos ausgeliefert 2 . Die größte Gefahr, daß der Grundstein zu einer späteren neurotischen Störung gelegt wird, be- steht also in den ersten Lebensjahren; bis zu dem Zeitpunkt, an dem die gefühlsmäßige und af- fektbetonte Periode zugunsten der prüfenden und reflektierenden Phase nachläßt. Das Risiko nimmt ab, da nun mit dem Verstand zunehmend Erfahrungen beurteilt und verarbeitet werden können. Der Übergang ist jedoch fließend.
Wie entsteht nun eine Neurose? Für Freud war die frühkindliche Erfahrung der Dreh- und Angelpunkt der späteren Entwicklung, da er die Auffassung vertrat, daß sich in den ersten Lebensjahren nicht nur die „Frühblüte der Sexualität“ ereignet, sondern daß auch die „Eindrü- cke dieser Zeit auf ein ... schwaches Ich treffen, [das sich] ... der Affektstürme, die sie hervor- rufen, nicht anders als durch Verdrängung erwehren [kann].“ 3 So entstehen, nach Freud, 2 Vgl. Dührssen, S. 52f.
3 Freud, zitiert a.a.O., S. 293
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Traumen, mit denen schon „im Kindesalter alle Dispositionen zu späteren Erkrankungen und Funktionsstörungen“ erworben werden.
Ich möchte mit einem Beispiel beginnen: Ein Kind gerät in Konflikt mit seiner Bezugs- person, vermutlich mit seiner Mutter. Angenommen, der Konflikt besteht darin, daß das Kind gerne etwas Süßes haben möchte, die Mutter sich jedoch weigert, ihm den Wunsch zu erfüllen. So weit, so gut. Diese Art von Konflikten kommt überall vor - nun ist aber wichtig, wie die Mut- ter darauf reagiert. In einer warmen, Geborgenheit und Liebe spendenden Umgebung wird sie das Kind beiseite nehmen, es trösten und ihre Entscheidung begründen, etwa: „Du hast eben erst ein Bonbon gehabt“, oder „es ist nichts Süßes da“, und dem Kind so zeigen, daß es angenommen und verstanden ist. Ist das familiäre Umfeld jedoch von Mangelerlebnissen, Lieblosigkeit und fehlender Ruhe geprägt, wird die Mutter dem Kind vermitteln, daß sein Wunsch schlecht und nicht gerechtfertigt ist, vielleicht mit den Worten: „Sei nicht so gefräßig, warte bis zum Essen“. Das Kind entwickelt ein Verhalten, das das Verbotene unterdrückt, um sich die Zuneigung der Bezugsperson zu erhalten. Die Erinnerung an die entstandene Aggression und das Objekt, das zum Liebesentzug geführt hatte, wird verdrängt, obwohl der Impuls latent und ziellos weiterbe- steht. Es kommt zu einer Habituierung 4 , um die Versuchung zu vermindern, erneut in diese ver- letzende Situation zu geraten. Bewährt sich dieses Verhalten, bilden sich entsprechende Charak- terzüge aus.
Selbstverständlich reicht ein einzelnes solches Erlebnis nicht aus, um eine spätere neuro- tische Erkrankung zur Folge zu haben. Vielmehr besteht eine ständige Mikrotraumatisierung 5 durch das immer wiederkehrende Erlebnis, aufgrund eines Impulses oder Wunsches abgelehnt, verängstigt oder mit Schuldgefühlen belastet zu werden. Durch die Verdrängung schafft das Kind sich die Möglichkeit, überhaupt nicht mehr in Situationen zu geraten, in denen es wieder den Liebesentzug der Mutter erleiden müßte, indem es bestimmte Dinge, die aus seinem eigenen Antrieb erwachen, nicht mehr tut, sondern unterdrückt. So sind die Wünsche, Impulse, etc. la- tent geworden, doch sie bestimmen auch weiterhin das Verhalten des Menschen. Dieses Rest- gefühl, dieser Gefühlsstumpf, ist, da der verdrängte Impuls selbst unbrauchbar geworden ist, die Kraft, die später die neurotischen Symptome einleitet und die Abwehr stabilisiert. Der ursprüng- liche Wunsch läuft dann nicht mehr zielgerichtet ab 6 . Das schmerzhafte Erlebnis des Ungeliebt- seins und das dazugehörige Objekt wird verdrängt und „verschwindet“ so im Unbewußten. Dar- 4 a.a.O., S. 15 5 vgl. Dührssen, S. 67. Schultz-Hencke und Horney konzipierten die Idee der „ständigen Mikrotraumatisierung als Ursache der Neurose“, wobei sie zwischen „indirekter Traumatisierung“, beispielsweise durch mangelnde Identifikations- möglichkeiten mit den Eltern oder unbewußte Übernahme von Ängsten; und „direkter Triebunterdrückung“ unterschieden. 6 Vgl. Wunderlich, S. 16
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aus entsteht eine Gehemmtheit, die, in unserem Beispiel, ein überbescheidenes, passives und angepaßtes Verhalten hervorruft.
Ohne dieses Verhalten geriete das Kind in einen Teufelskreis 7 : Die durch seine häusli- che Mangelsituation hervorgerufene Unzufriedenheit wird z.B. durch Quengeln zum Ausdruck gebracht; die Umwelt reagiert auf so ein „nerviges Kind“ mit Ablehnung, was die Mangelerle b- nisse des Kindes wieder verstärkt. Das Kind unterdrückt seinen Mangel und bricht so aus die- sem Kreis aus. Es gerät jedoch in einen neuen Teufelskreis, in dem weniger und weniger die Möglichkeit besteht, sich frei zu entfalten.
Zitat Wunderlich: „Abwehrstabilisierende Verhaltensweisen, die zu charakterlichen Reaktionsbildungen werden und schließlich den eigenen Lebensaufbau bis hin zur schwer erträglichen Einengung mitkonstellieren, schützen den Patienten „prophylaktisch“ vor erschreckenden, weil für ihn unlösbaren Situationen, etwa einen übergefügigen, devoten, übermitleidigen Zwangsneurotischen vor Auseinandersetzungen.“ 8 Die Verdrängung wird durch verschiedene Verhaltensweisen stabilisiert, z.B. durch Ü- berkompensation oder Passivität, denn da forderndes Verhalten zu Ablehnung führte und das Nichtfordern durch Verwöhnung und Anerkennung belohnt wird, entsteht die Weltsicht: „Alles kommt zu mir“. Die Welt hat für das Kind ihren Aufforderungscharakter 9 verloren. Gemieden wird, was dieser Sicht nicht entspricht, doch der Wunsch nach Aktivität bleibt vorhanden. Neu- rotiker neigen daher zu Bequemlichkeit und Riesenerwartungen und verfallen in Tagträumereie n und Phantasien, um unbewußt wenigstens einen kleinen Teil ihres Wunsches zu befriedigen. Häufig leidet durch diese Bequemlichkeit und Selbstisolation die Fähigkeit, sozial in der Gemein- schaft zu leben.
Verschiedene Abwehrverhalten dienen der Aufrechterhaltung der Verdrängung. An sich ein gesundes Mittel der Psyche, um Konflikte mit der Umwelt zu vermindern, erweist sich die Abwehr eines Neurotikers als nicht zielgerichtet 10 . Das Über-Ich, z.B. die von den Eltern eingepflanzten Schuldgefühle gegenüber jeder Art von Aggressivität, bewirkt, daß der Neuroti- ker in einer aggressiv geladenen Situation nichts Angebrachtes tut. Er hat hier offenbar eine Lücke in seinen Möglichkeiten, die Situation zu beurteilen und darauf zu reagieren 11 . 7 Circulus vitiosus, vgl. Dührssen, S. 56f.
8 Wunderlich, S. 19 9 Vgl. Dührssen, S. 64, 130 10 Vgl. Wunderlich. S.18 11 a.a.O. S 19
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Arbeit zitieren:
Katje Binder, 1996, Neurotische Schulstörungen, München, GRIN Verlag GmbH
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