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1. Die Anfänge der Herausbildung der italienischen Schriftsprache –
ein kurzer Überblick
Um die Bedeutung Petrarcas und Boccaccios für die Herausbildung der italienischen Schriftsprache näher zu beleuchten, halte ich es zunächst einmal für sinnvoll, einen kurzen Überblick über die Anfänge der Herausbildung der italienischen Schriftsprache im Allgemeinen zu geben. Die gesamte Entwicklung der Verschriftlichung des Italienischen vollzieht sich nach T. Krefeld dabei innerhalb der folgenden fünf Hauptphasen:
1. Vorausbauphase
(6. Jh.-Anfang 13.Jh.)
2. Ausbauphase I: Polyzentrismus
(Anfang 13. Jh.-Ende 14. Jh.)
3. Überdachungsphase I: Literatursprache
(Ende 14. Jh.-Anfang 16. Jh.)
4. Ausbauphase II: Zentrum und Peripherie
(Anfang 16. Jh.-Anfang 19. Jh.)
5. Überdachungsphase II: Mündlichkeit
(seit Anfang 19. Jh.) 1 , wobei ich mich jedoch ausschließlich mit der Vorausbauphase, da diese dem eigentlichen Sprachausbau unmittelbar vorangeht, sowie mit der Ausbauphase I, deren Höhepunkt die tre corone verkörpern und deren
Abschluß das Todesjahr Boccaccios (1375) darstellt 2 , befassen werde.
Vorausbauphase (6. Jh.-Anfang 13.Jh.)
Nach dem 6.Jh. findet man in den verschiedenen Regionen derartig gravierende sprachliche Unterschiede vor, “[...] daß es gerechtfertigt ist, jedes dieser kleineren durch sie abgegrenzten Systeme als neue Sprache
anzusehen.“ 3 Die darauf folgende Konsolidierung der Dialekte wird durch diverse grundlegende sozio-ökonomische Veränderungen gestützt, vor allem
aber der Verfall der antiken Stadtkultur befördert diese Entwicklung. 4
2 Krefeld, 1988, 752
3 E. Coseriu, “Das sogenannte “Vulgärlatein“ und die ersten Differenzierungen in der Romania“, in: R. Kontzi (Hg.), Zur Entstehung der romanischen Sprachen, Darmstadt,
1978, 257-291, 276
4 Krefeld, 1988, 749
3
Allerdings bleibt die Volkssprache weitestgehend an die Mündlichkeit
gebunden und erste schriftliche Verwendungen, zumeist religiöse, kommerzielle oder juristische Gebrauchstexte, erscheinen zu diesem
Zeitpunkt noch außergewöhnlich und eher zufällig. 5
Ausbauphase I: Polyzentrismus (Anfang 13. Jh.- Ende 14. Jh.)
Im Verlauf des 13. Jh. werden den Vernakularsprachen verschiedener regionaler Zentren zunehmend schriftlichkeitsgebundene Funktionen
zuerkannt, die bislang ausschließlich dem Latein als Vehikular- und
Dachsprache vorbehalten waren. 6 Es muß jedoch angemerkt werden, daß diese Entwicklung keinesfalls homogen verläuft, sondern beträchtliche
Unterschiede der Ausbauansätze, sowohl ihren Umfang als auch ihre gesellschaftliche Akzeptanz in den diversen Regionen betreffend, mit sich
bringt, was ich im weiteren Verlauf anhand einiger Beispiele aufzeigen werde. Charakteristisch für diese Epoche, die in zweifacher, einerseits in
regionaler und andererseits in funktionalstilistischer, Hinsicht als polyzentristisch bezeichnet werden kann, ist die Bindung des schriftsprachlichen Ausbaus einer bestimmten Varietät an eine spezifische
kommunikative Funktion, z.B. eine literarische Gattung. 7 Hierbei legt die scuola siciliana, die am Hof des staufischen Kaisers Friedrich II (1212-
1250) entsteht, zwar den Grundstein für die nichtlateinische Schreibtradition in Italien, bei der für die Lyrik verwendeten Sprache “[...] handelt es sich
jedoch nicht um die Verschriftlichung einer vitalen Mundart [...]“ 8 , sondern “[...] vielmehr um ein stilisiertes, mit Provenzalisme n und Latinismen
durchsetztes “siciliano sprovincializzato“.“ 9 In Oberitalien führt die Assimilation der altfranzösischen chansons de geste zu einer eigentümlichen, ausschließlich schriftlichen Varietät: das sogenannte Franko-Italienisch, ein Sprachgemisch aus französischen und
italienischen Komponenten, wird entwickelt, um die aus Frankreich übernommene, mit großem Prestige versehene Gattung mit Hilfe
5 Krefeld, 1988, 749
6 Krefeld, 1988, 750
7 Krefeld, 1988, 750
8 Krefeld, 1988, 750
9 Krefeld, 1988, 750
4
italienischer Elemente für das Publikum verständlicher und damit
zugänglicher zu machen. 10 Fast zeitgleich entsteht in Umbrien der Cantico di frate sole des Francesco
d´Assisi (1182-1226) und bemerkenswerterweise geschieht hier die Loslösung vom Latein “[...] weder im Sinn einer aristokratischen Gesellschaftskunst, noch gehorcht sie bürgerlich-praktischer
Nut zanwendung; sie steht für ein Ausdrucksbedürfnis wirklich
volkstümlicher Frömmigkeit.“ 11 Seit Mitte des 13. Jh. sind auch aus Rom literarische Texte überliefert, z.B. die aus dem Latein übersetzten Storie de Troja et de Roma (1252-1258) oder die Lebensbeschreibung des Cola di Rienzo (1313-1354).
Frei von engen standes- bzw. gattungsbezogenen Vorgaben, jedoch von juristischen und kommerziellen Interessen geprägt, vollzieht sich der
Sprachausbau in Venedig und Bologna, wobei die entstehenden Schriftsprache in Bologna umgehend sowohl in die Lebenswelt der sich
rapide entwickelnden bürgerlichen Stadtkultur als auch in die Laienbildung integriert wird: so verfügt man beispielsweise laut den Statuti Bolognesi (1246), daß ein Notar in der Lage sein müsse, Dokumente aus dem Latein in
die Vulgärsprache übersetzen. 12 Der eindrucksvollste und historisch nachhaltigste Ausbau der Volkssprache
erfolgt in der Toskana und hierbei insbesondere in Florenz. 13 Allgemein gestaltet sich die politisch-gesellschaftliche Ausgangssituation der toskanischen Zentren Pisa, Siena, Lucca und Florenz ähnlich der von
Bologna: Die Entwicklung der bürgerlichen Kultur zieht die Ausbildung
einer kommerziellen bzw. juristischen Gebrauchssprache nach sich. 14 In Florenz jedoch, dessen besonders eindrucksvolle wirtschaftliche Blüte der Stadt im 13. Jh. zu einer führenden Position innerhalb der Toskana
verhilft 15 , entsteht neben diversen in volgare verfaßten Gebrauchstexten,
deren Sprache “[...] per richezza e finezza espressiva.“ 16 denen anderer
10 Krefeld, 1988, 750
11 Krefeld, 1988, 750 12 Krefeld, 1988, 751 13 Krefeld, 1988, 751 14 B. Migliorin i, Storia della lingua italiana, Firenze, 1987, 185 15 M. Durante, Dal latino all´italiano moderno. Saggio di storia linguistica e culturale, Bologna, 1988, 106
16 Durante, 1988, 106
5
Zentren weit überlegen ist, zudem eine eigene ästhetisch- literarische
Ausdrucksform - der dolce stil novo 17 , der die Lyrik der scuola siciliana nicht nur qualitativ übertrifft, sondern das Genre aus dem höfischen Bereich
in die Stadt- bzw. Bürgerkultur überführt. 18 Florenz wird nach Bologna zum zweiten Zentrum volkssprachlicher Rhetorik, die zuerst im Rechtswesen
systematisch Verwendung findet. 19 Insofern scheint es kaum verwunderlich, daß die meisten Vertreter des dolce stil novo juristischen Tätigkeiten
nachgehen. 20 Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, markieren die tre corone Dante (*1265 †1321), Petrarca (*1304 †1374) und Boccaccio (*1313 †1375) den Abschluß der Ausbauphase I, wobei durch Dante sowie Boccaccio die Prosa
und durch Petrarca die Lyrik zu ihrem jeweils ersten Höhepunkt gelangen. 21
2. Petrarca und Boccaccio – Höhepunkt und Abschluß der
Ausbauphase I
2. 1. Francesco Petrarca (*1304 in Arezzo †1374 in Arquà bei Padua) -
Leben und wichtigste Werke im Überblick
Als Sohn eines aus Florenz verbannten Notars wächst Petrarca teils in
Italien, teils in Carpentras in der Umgebung des in Avignon befindlichen
Papsthofes auf. 22 Nachdem ihm durch Convenevole da Prato eine erste
grammatische und rhetorische Ausbildung zuteil wird 23 , beginnt Petrarca 1316 mit dem Jurastudium in Montpellier; allerdings übt die
Dichtung und insbesondere das Studium antiker Autoren wie Vergil, Cicero oder Livius bereits zu dieser Zeit eine beachtliche Faszination
auf ihn aus. 24 Die Bekanntschaft mit der äußerst einflußreichen Familie Colonna verhilft ihm zu einem ersten kirchlichen Amt, welches ihm in der Folge weitere Ämter und Pfründe beschert, die sein Einkommen
zeitlebens sichern, ihn jedoch zu keinerlei Dienstleistung verpflichten. 25
17 Krefeld, 1988, 752
18 Durante, 1988, 107
19 Krefeld, 1988, 752
20 Krefeld, 1988, 752
21 Krefeld, 1988, 752
22 W.T. Elwert, Die italienische Literatur des Mittelalters. Dante, Petrarca, Boccaccio, München, 1980, 162
23 F. Petrarca, Canzoniere. Eine Auswahl, Hg. u. Übers. W. Tillmann, Suttgart, 2000, 14
24 Elwert, 1980, 162
25 Petrarca, 2000, 17
Quote paper:
Nadin Meyer, 2003, Die Bedeutung Petrarcas und Boccaccios für die Herausbildung der italienischen Schriftsprache, Munich, GRIN Publishing GmbH
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