Die Auswirkung von Hörschädigungen
auf den SpracherwerbMeike Schröder
Inhaltsverzeichnis
1. Die frühkindliche Sprachentwicklung
2. Die Spracherwerbstheorien
3. Frühkindliche Hörschäden
3.1 Pränatale Hörschäden
3.2 Postnatale Ertaubung
4. Auswirkung der Hörschädigung auf den Spracherwerb
Quellenverzeichnis
1. Die frühkindliche Sprachentwicklung
Die frühkindliche Sprachentwicklung lässt sich in aufeinander folgende Phasen einteilen, verläuft allerdings individuell. Die Phasen können also auch zeitlich verschoben einsetzen, sich überschneiden oder gegenseitig beeinflussen.
Im folgenden werde ich zunächst die Sprachentwicklung bei gesunden und später den Verlauf der Sprachentwicklung bei hörgeschädigten Kindern beschreiben.
Nach der Geburt setzt als erster Laut des Kindes das Schreien ein. Dieser erste Laut wird als Reflexlaut bezeichnet und signalisiert Atmungs- und Stimmfunktion. Diese ersten Töne bestehen aus vokalischen Schreilauten, die zunächst auf einer unbewussten Ebene produziert werden und als Signale für Unbehagen oder Lust zu interpretieren sind. Das Schreien oder Schreiweinen ist in den ersten 6 Wochen das Kommunikationsmittel des Kindes. Die Eltern können je nach Schrei das Wohlbefinden des Kindes erkennen: ein harter Stimmeinsatz signalisiert Hunger oder Schmerzen, ein weicher Stimmeinsatz dagegen Lustempfinden.
Die erste Lallphase beginnt ab dem 7. Lebenswoche und dauert bis etwa zum 6. Lebensmonat. Das Kind entdeckt seine Artikulationsorgane und verwendet diese scheinbar ungezielt. Es bildet erste verschiedene Laute und Lautkombinationen.
Ab dem 2./3. Monat entstehen durch Reduplikationen erste Lallsilben (da-da-da; ma-ma-ma;...). Durch diese Eigenstimulation baut sich der sog. ,,primäre Sprachkreis" auf. Diese ersten Lallsilben haben allerdings noch nichts mit Hören oder Kommunikation zu tun.
Die zweite Lallphase beginnt mit dem 6. Monat und dauert bis zum 9. Lebensmonat. Nun beginnt die Rückkopplung über den sekundären Sprachkreis zu wirken. Das Kind nimmt seine selbstproduzierten Laute wahr und fängt an, sie zu beeinflussen. Die Selbstnachahmung wird zunehmend bewusster und das Kind bringt Lallproduktionen gezielter hervor. Langsam entwickeln sich Rückkopplungsprozesse des tertiären Sprachkreises, d.h. dass das Kind Anregungen seiner Umwelt annimmt und fremde Laute imitiert, wobei es sich nach seiner Muttersprache richtet. Die vom Kind produzierten Laute werden den realen Sprachlauten immer ähnlicher. Ab dem 8. Monat kann das Kind Äußerungen auf Situationen beziehen und beginnt, sich kommunikativ zu äußern.
Ab dem 13. Monat tritt das Kind in die linguale Periode mit Symbolbewusstsein ein. Das Kind entwickelt eine Babysprache und beginnt Laut- und Wortgebilde bestimmten Gegenständen und Personen zuzuordnen.
Es baut seinen Wortschatz immer weiter aus, bis im 4. Lebensjahr ein Wortschatz von ca. 1500 Wörtern erreicht ist. Die Sätze werden grammatikalisch richtiger; der Sprachschatz ist schon sehr stark strukturiert und ineinander verknüpft.
Etwa ab dem 6. Lebensjahr ist die frühkindliche Sprachentwicklung abgeschlossen. Der Wortschatz beträgt jetzt etwa 2500 Wörter.1
Bis zum 8. Lebensmonat verläuft die Sprachentwicklung von hörenden und gehörlosen Kindern gleich. Der Unterschied macht sich erst dann bemerkbar, wenn das gesunde Kind beginnt, seine eigenen Laute rückzukoppeln. Diese Fähigkeit bleibt dem gehörlosen Kind vorenthalten. Das gehörlose Kind kann also nicht in den sekundären Sprachkreis eintreten, da ihm die Stimulierung über den akustischen Kanal fehlt.
,,Das Potential für die nächste Stufe steht zwar zur Verfügung kann aber nicht angewendet werden, da die akustische Rückmeldung wegfällt."2
Der Kreislauf ist unterbrochen und das Kind ist nicht in der Lage in die Phase der Nachahmung überzugehen.
Das Kind beginnt zu verstummen, es sei denn, es wird rechtzeitig mit technischen Hilfen (Hörgeräte, Cochlear Implant)3 versorgt und bekommt pädagogische Unterstützung.
[...]
1 vgl. Braun, S. 206 ff
2 Lubé, S. 31
3 vgl. hierzu Kapitel 7
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Meike Schröder, 2001, Die Auswirkung von Hörschädigungen auf den Spracherwerb, Munich, GRIN Publishing GmbH
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