Die Schreiber des Codex Manesse
1. Einleitung 1
2. Beschreibung 3
2.1. Datierung des Codex Manesse 3
2.2. Lokalisierung des Codex Manesse 4
2.3. Auftraggeber und ihre Sammelintension 5
2.4. Die sukzessive Anlage 7
3. Präsentation der einzelnen „Hände“ 9
4. Tätigkeit der Schreiber 15
5. Schlussbemerkung 19
6. Literaturverzeichnis 20
1. Einleitung
Die zwischen 1300 und 1330/40 entstandene Sammlung des Codex Manesse ist eine der wichtigsten Quellen für den mittelhochdeutschen Minnesang von den Anfängen um 1150 bis ins erste Drittel des 14. Jahrhunderts. Aus den anderen mittelalterlichen Handschriften ragt der Codex Manesse durch seinen Umfang, die Zahl der Dichter und durch die kostbare Ausstattung mit Bildern, Lombarden und kunstvollen Initialen hervor. Der Aufbau des Codex Manesse folgt einem streng hierarchischen Prinzip: die Sammlung ist nach dem Autorprinzip geordnet und beginnt mit Kaiser Heinrich, es folgen die Könige, Herzöge, Markgrafen, Grafen und Freiherrn, der Dienstadel und die gelehrten Meister schließen an. Das Werk eines jeden Dichters wird mit einer ganzseitigen Miniatur eröffnet, die dem Autorportrait entspricht, wobei die Portraits und auch das korrespondierende Wappen mitunter fiktiv sind. Diese Autorportraits zeigen repräsentative Dichterbilder, in denen der Minnesang im Mittelpunkt der Darstellung steht, sowie Themen aus Krieg, Turnier oder Jagd. 1 Eine Ausnahme von der ganzseitigen Miniatur in hochrechteckigem Format ist die des Hadlaub, die aus der Hand des Grundstockmalers stammt. Sie zeigt ein Doppelbild und besitzt außerdem die größte und schönste Initiale. Dieses gewaltige Werk, das 140 Autorcorpora auf 425 Pergamentblättern in Großfolioformat umfasst 2 und als „repräsentative und auf Vollstä ndigkeit bedachte Sammlung der mittelhochdeutschen Liedkunst bis etwa 1330“ 3 gilt, ist nicht in einem Arbeitsgang entstanden, „sondern das Ergebnis eines letztlich sehr langen Prozesses“ 4 . Neben einem Hauptschreiber waren weitere zehn Schreiberhände, sowie Maler, Illuminatoren und Rubrikatoren am Werke und haben über einen großen Zeitraum gearbeitet. Dieses work in progress hat jedoch kein Ende gefunden, von Abschluss oder Vollendung
1 Vgl. Walther, Ingo F. (Hg.) unter Mitarbeit von Gisela Siebert: Codex Manesse. Die Miniatu-
6 ren der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2001 .
S. XVIII.
2 Vgl. Werner, Wilfried: Die Handschrift und ihre Geschichte. In: Codex Manesse. Die Große
Heidelberger Liederhandschrift. Kommentar zum Faksimile des Codex Palatinus Germani-
cus 848 der Universitätsbibliothek Heidelberg. Hrsg. v. Walter Koschorreck und Wilfried
Werner. Kassel: Graphische Anstalt für Kunst und Wissenschaft GmbH Ganymed 1981.
Seiten 15 - 39. S. 15.
3 Voetz, Lothar: Überlieferungsformen mittelhochdeutscher Lyrik. In: Codex Manesse. Kata-
log zur Ausstellung. Hrsg. v. Mittler, Elmar u. Werner, Wilfried. Kassel 1981. Seiten 224 -
274. S. 232.
4 Vgl. ebd., S. 224.
1
kann nicht gesprochen werden. 5 Die stoffliche Untersuchung des Codex Manesse zeigt eine unterschiedliche Güte und Qualität des Pergamentmaterials. Dies lässt vermuten, dass das Schreibmaterial nicht auf einmal gekauft wurde, sondern nach und nach, dass man demnach von einem allmählichen Anwachsen der Handschrift ausgehen kann und dass die Handschrift nicht von Beginn an als diejenige, die sie heute ist, geplant war. 6 Der Gedanke des work in progress, dass also die Handschrift „nicht in einem Zuge erstellt worden ist“ 7 , soll in der vorliegenden Hausarbeit näher untersucht werden, und es soll versucht werden, mehrere diese Theorie des allmählichen Anwachsens des Codex Manesse unterstützende Momente zu finden.
5 Vgl. ebd., S. 227.
6 Vgl. Jammers, Ewald: Das königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einfüh-
rung in die sogenannte Manessische Handschrift. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider
1965. S. 17.
7 Vgl. Voetz, S. 227.
2
2. Beschreibung
2.1. Datierung des Codex Manesse
Der Entstehungszeit ist vor allem dank kunsthistorischer und paläographischer Analysen recht genau ermittelt. Sicher ist, dass der aufwendige Herstellungsprozess sich über einen längeren Zeitraum erstreckt hat. Übereinstimmend legt die Forschung diesen auf die Zeit zwischen kurz nach 1300 und 1330/40 fest. 8 Diese Datierung wird unter anderem durch den von Schreiber ausgeführten Vergleich der Schrift des Codex Manesse mit der Hand des Hauptschreibers der St. Gallener Weltchronik, Konrad von St. Ga llen, bestätigt. Schreiber erkennt an Einzelheiten, beispielsweise an den Verzierungen 9 und Buchstabenformen 10 , nützliche Datierungshinweise der Schrift A S ´.
Diese Ergebnisse stimmen mit den kunsthistorischen Untersuchungen von Vetter überein, welcher Vergleichsmaterial wie die Weingartner Lieder-handschrift, die Berliner und die St. Galler Weltchronik hinzuzog und eine Datierung des Grundstocks auf die Zeit um 1300 festlegte. 11 Für die Nachtragsmaler nennt er einen Zeitraum von jeweils zehn Jahren später. 12 Die Ergebnisse von Schneider sowie die von Vetter entsprechen somit der bereits oben erwähnten Tatsache eines „sukzessive(n) Aufbauprozeß(es) der Handschrift [...], der sich von ca. 1300 bis etwa 1330/35 erstreckt“ 13 .
8 Vgl. Holznagel, Franz-Josef: Wege in die Schriftlichkeit. Untersuchungen und Materialien
zur Überlieferung der mittelhochdeutschen Lyrik. Basel, Tübingen: Francke Verlag 1995.
S. 144.
9 „Es lassen sich nur Verzierungen feststellen, die schon im 3.Viertel des 13. Jahrhunderts
bezeugt sind [...], die sich nicht Ende des 13. Jahrhunderts belegen lassen.“ Schneider: Co-
docologischer und paläographischer Aspekt des Ms Vad. 302, S. 32ff. Zitiert nach Holzna-
gel, S. 150.
10 Die Buchstaben zeigen einzelne Züge, die ebenfalls gut mit der Jahrhundertwende in Ver-
bindung zu bringen sind. Schneider: Gotische Schriften, S. 204f. Zitiert nach Holznagel,
S. 150.
11 Vetter, Ewald M: Die Bilder. In: Codex Manesse. Die Große Heidelberger Liederhand-
schrift. Kommentar zum Faksimile des Codex Palatinus Germanicus 848 der Universitätsbib-
liothek Heidelberg. Hrsg. v. Walter Koschorreck und Wilfried Werner. Seiten 43 - 102.
S. 82f.
12 Vgl. ebd., S. 85.
13 Holznagel, S. 152.
3
2.2. Lokalisierung des Codex Manesse
Die Wissenschaft hat ebenfalls den Entstehungsraum ausführlich diskutiert 14 . Neben dem mittlerweile als Entstehungsort betrachteten Zürich wurde auch Konstanz diskutiert und vor allem von Jammers vertreten. 15 Dialektgeographische Ergebnisse beweisen, dass „das gesamte Zeichenfeld der Manessischen Handschrift [...] mit dem Normaltyp der Züricher Handschrift in allen Hauptzügen übereinstimmt.“ 16 Bei Unterschieden und Abweichungen der Schrift des Codex Manesse vom Normaltyp der Züricher Handschrift ist zu beachten, dass den Schreibern Texte vorlagen, die sicherlich nicht in einem einzigen einheitlichen Dialekt waren. Zu Arbeit und Leistung der Schreiber zählt neben dem Abschreiben der Vorlagen auch deren Umformung gemäß den Sprach- und Schreibgewohnheiten ihres Schreibeortes. 17 Dennoch gibt es zahlreiche Fälle von unterschiedlichen Schreibweisen aufgrund noch nicht geregelter Orthographie oder direkter Übernahme der Vorlage. 18 Zur Abgrenzung und Abhebung vom Konstanzer Schreibgebrauch führt Boesch unter anderem die Verwendung von dc statt daz, ei statt ai und e-Schreibung für den Umlaut von langem a an. 19 Für Zürich als Entstehungsort spricht weiterhin, dass im Hadlaub-Corpus neben der Familie der Manesse weitere Personen aus Zürich und Umgebung genannt werden. Dass Hadlaub am Herstellungsprozess beteiligt war, lässt sich nicht nachweisen, aber seine Sonderstellung in Kombination mit paläographischen und sprachlichen Befunden lässt eine Lokalisierung im Raum Zürich zu. 20 Eine genauere Lokalisierung liegt im Dunkeln, mehrere Skriptorien von Klöstern aus dem Umland Zürichs werden in Erwägung gezogen. Jammers nennt, zumindest für die Nachträge, ein „Atelier der Dominikaner“ 21 für wahrscheinlich, Schiendorfer vermutet, dass in der Schreibstube des Züricher
14 Jammers, S. 170ff; Holznagel, S. 144ff; u.a.
15 Jammers, S. 182ff.
16 Werner, S. 23.
17 Vgl. ebd., S. 23.
18 Ebd., S. 23.
19 Boesch: Urkundensprache, S. 57. Zitiert nach: Werner, S. 23.
20 Vgl. Holznagel, S. 148.
21 Jammers, S. 192.
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Julika Zimmermann, 2002, Die Schreiber des Codex Manesse, München, GRIN Verlag GmbH
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