1.1. Buch und Bibliotheken 4 1.2. Bibliophilie 8 1.3. Bibliomanie 10
2. Analyse von Vergleichsbeispielen 14
2.1. Der Bücherbrand: Miguel de Cervantes’ Don Quijote 14
2.2. Eskapistische Lektüre : Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser 17
2.3. Die universale Bibliothek: Jorge Luis Borges’ Die Bibliothek von Babel 19
2.4. Anthropomorphisierung: Ray Bradburys Fahrenheit 451 21
3. Elias Canettis Roman Die Blendung 23 3.1. Kopf in Bücher 25
3.1.1. Bücher als universale Erklärung der Welt 25
3.1.2. Leser und Nicht -Leser 29
3.1.3. Nicht -rettende Bücher als entfesselte Macht 32
3.2. Bücher im Kopf 33 3.2.1. Pathographie 33
3.2.2. Bibliothek, Kopfbibliothek, Universalbibliothek und Bibliotheksbrand 40
3.2.3. Bücher und Melancholie 46
3.3. Bücher und Welt 48 3.3.1. Bücher als Religion 48
3.3.2. Der Bibliomane und die Künste 52 3.3.3. Bücher und Blendung 54
Einleitung
Bei diesem Zitat stellt sich die Frage: Warum verbrennt er die Bücher? Geht eine Gefahr von i hnen aus? Unfraglich ist, dass Bücher mächtig sind. Einerseits wurde schon seit Beginn der Schrift das Geschriebene als Mittel der Erlangung und Bewahrung von Macht benutzt, so dass Macht und Wissen, das durch die Schrift, später durch Bücher erworben und bestätigt wird, eine enge Verbindung eingehen. Schon im alten Ägypten hatte das Buch sakralen Charakter, und die Ägypter verehrten den Schriftgott Thot 2 . Später, im Christentum, wurde das Buch in vielen Büchern als etwas Heiliges dargestellt. Andererseits aber können die Bücher auch aufgrund der ihnen innewo hnenden Macht zu einer Gefahr für das Individuum werden.
Mit diesem letzten Aspekt beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Sie setzt sich mit dem Phänomen der innerliterarischen Bibliomanie auseinander. Die lesenden Helden gebrauchen das Buch als Schutz vor der Wirklichkeit, die nicht die gewünschte Gestalt hat und kompensieren durch das Buch eine in der realen Welt erlebte Mangelerfahrung. Das Buch wird als Medium, als zentrale Instanz, zwischen den Rezipienten und die Welt gestellt. Die Wahrnehmung der Welt erfolgt ausschließlich über das Buch, so dass das Buch letztendlich die Welt selbst ist und die Wirklichkeit im Gegenzug ignoriert wird. Die neu entstandenen Welten im Kopf sind demnach gelesene, fiktive Welten, die vom Protagonisten als reale empfunden werden.
Ein allen analysierten Beispielen immanenter Aspekt ist die Maßlosigkeit der kons umierten Büchermenge, die erst für den bibliomanen Wahn ausschlaggebend ist. So können die ausgewählten Beispiele Fälle darstellen, in denen sich der Leser gegenüber dem Buch nicht angemessen oder maßvoll verhält. Auch können sie die Konsequenzen einer direkten Referentialisierung der Literatur auf die alltägliche Welt aufzeigen. Nichtsdestotrotz soll die Arbeit keine Warnung vor dem Buch sein. Vielmehr handelt es sich um eine Thematisierung der innerliterarischen Bibliomanie und ein Aufzeigen der möglichen Reaktionen auf eine pathologische Literarisierung der Wirklichkeit.
Zu Beginn der Erörterung bibliomaner Buchnutzung in der Literatur steht ein einführendes Kapitel, das sich mit den Formen der Buchnutzung in der Literatur beschäftigt. Hier
1 Canetti 1973, S. 122.
2 Toth ist gleichzeitig auch Gott des Todes, so dass von Anfang an die Verbindung von Büchern und Tod der Bibliothek als erbliche Belastung, als untilgbare Schuld, gegeben ist. Vgl. Rieger 2002, S. 166.
1
wird der Dreischritt Buch und Bibliotheken - Bibliophilie - Bibliomanie und deren schrittweise Steigerung thematisiert. Dafür werden literarische Beispiele herangezogen. Auch wird kurz auf das Verhältnis des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes zur Gesellschaft und zur Mediengeschichte, also auf die kulturelle Dimension, hingewiesen. Die Einführung in das Phänomen der bibliomane n Buchnutzung erfolgt mit Hilfe literarischer Werke, denen exemplarisch einige, für die Rolle der Bibliomanie wichtige Aspekte entnommen werden. Der Bücherbrand in Miguel de Cervantes’ Don Qu ijote (1605/1615) wird gezündet, um die Heilung und Rettung des vom vielen Lesen wahnsinnig gewordenen Bibliomanen avant la lettre herbeizuführen. Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser (1784/85) wird als Beispiel für die eskapistische Lektüre, ein Verhalten pathologischer Verzerrung der Lektüre, angeführt. Jorge Luis Borges’ Erzählung Die Bibliothek von Babel (1941) steht für die universale Bibliothek, deren Bücher nicht mehr länger Zugänge oder Ausschnitte der Welt repräsentieren, sondern die Welt selbst sind und im gleichen Moment den Menschen ein Leben in ihnen verweigern. Fahrenheit 451 von Ray Bradbury aus dem Jahr 1953 thematisiert nicht so sehr die bibliomane Buchnutzung als viel mehr die prägnant präsentierten Motive der Anthropomorphisierung von Büchern und des Bücherbrandes.
Die Auswahl der analysierten Werke erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, konzentriert sich jedoch auf ausgewählte Beispiele der Sekundärliteratur sowie auf Werke mit thematischen Anschlüssen und inhaltlichen Parallelen. Die Methode ist vor allem gege nständlich und deskriptiv. Aus Beobachtungen, die im Zuge der Lektüre gemacht werden, und Aspekten, die an der Lektüre nachweisbar sind, soll auf Gehalt und Bedeutung der innerliterarischen Bibliomanie geschlossen werden. Den Hauptgegenstand der vorliegenden Untersuchung stellt Die Blendung dar, die Elias Canetti zwischen Herbst 1930 und August 1931 schreibt und die 1935 veröffentlicht wird. Erzählt wird die Geschichte des weltfremden, egozentrischen Professors Peter Kien, der, aus dem Schutz seiner Bibliothek verdrängt, dem Wahnsinn verfällt und sich eine neue Bibliothek in seinem Kopf ansammelt, ehe er sich in seiner wirklichen Bibliothek selbst verbrennt. Kien duldet keine Welt außer der seiner Bibliothek, seine Bücher sind ihm menschliche Wesen, die Gestalten in seinen Büchern sind ihm Diskussionspartner. Schon immer ein weltfremder Büchermensch, treibt ihn die Konfrontation mit der Wirklichkeit, welche er bis zur Ehe mit seiner Haushälterin Therese komplett ausklammern konnte, zur Perfektionierung seiner Welt im Kopf und alsbald in den Untergang. Die Welt ist bei ihm mit seinen Büchern gleichzusetzen. Gerade an diesen Punkt knüpfen sich interessante Perspektiven einer Ausweitung der Fragestellung an, die sich für die Vehemenz und die Konsequenz dieser Verschiebung interessiert, und welche Die Blen-
2
dung und ihren Protagonisten Peter Kien zu einem prägnanten Beispiel für die Untersu-chung innerliterarischer Bibliomanie machen. 3
Die durchgängigen Komponenten aller Vergleichsbeispiele sind auch entscheidend für die Gliederung des Analyseteils der Blendung. Diese sind die Bibliophilie respektive Bibliomanie und die Verlebendigung der Bücher in Kopf in Bücher, die Melancholie in Bücher im Kopf sowie die kulturelle Dimension in Bücher und Welt. In dem Kapitel Kopf in Bücher soll in einem Dreischritt das Wechselverhältnis von Kien und Büchern in ihrer Bedeutung untersucht werden. Zuerst soll in Bücher als universale Erklärung der Welt die Relevanz der Bücher für Kiens Leben dargestellt werden, nach der Zwischenstufe Leser und Nicht-Leser folgt die Reaktion der Bücher auf ihre Anthropomorphisierung durch Kien: Nicht-rettende Bücher als entfesselte Macht. Das zweite Kapitel Bücher im Kopf zeichnet zuerst die Pathographie Kiens nach. Anschließend erfolgt eine Beschreibung der Bibliothek Kiens und ebenfalls seiner Kopfbibliothek, die beide Eigenschaften einer universalen Bibliothek besitzen, um dann alles in einem Bibliotheksbrand, der sich lange angekündigt hat, untergehen zu lassen. Diese beiden Grundgedanken des Krankheitsverlaufs und der Bibliothek in all ihren Ersche i-nungsformen werden in einem dritten Unterkapitel, Bücher und Melancholie, zusammengeführt. Kien verbrennt sich mit seinen Büchern, da er als Melancholiker nur in der Vereinigung mit der Ursache seiner Melancholie im Tod seine letztendliche Rettung erfahren kann.
Die Beobachtungen, die im Kapitel Bücher als universale Erklärung der Welt gemacht werden, ergeben, dass die Bücher an die Stelle der Welt treten. So sollen zwei weitere Aspekte, die sich auf dieses Moment zurückführen lassen, in Bücher und Welt genauer erläutert werden: Bücher als Religion und das Verhältnis des Bibliomanen zu den Künsten. Durch die Untersuchung zu Religion und Kunst im Zeichen der Bibliomanie soll aufgezeigt werden, dass diese beiden Aspekte als Mittel der bewusst herbeigeführten Blendung gebraucht werden. Diese wiederum ist eng verbunden mit der Pathographie, denn die aktive Selbstblendung und die Abblendung der Wirklichkeit mit Hilfe der Bücher machen Kiens ganzes Wesen aus.
3 Im Rahmen dieser Arbeit sollen die zwei zumeist analysierten Phänomene von Masse und Macht sowie die der Psychoanalyse weitgehend ausgeklammert werden.
3
1. Formen der Buchnutzung in der Literatur
1.1. Buch und Bibliotheken
Das Buch im Buch, das Lesen in der Literatur, ist fast so alt wie die Literatur selbst. 4 Hierfür lassen sich einige Grundkonstanten bestimmen. Inhaltlich wird die Thematisierung des Lesens in der Literatur vor allem zur Charakterisierung und psychologischen Darstellung der lesenden Helden, zur Motivierung bestimmter Verhaltensweisen, Urteile und Entscheidungen sowie zum Vorantreiben der Handlung benutzt. Das Buch im Buch ist somit gleichsam eine mitbestimmende und mithandelnde Figur. 5 Die inhaltliche Seite kann nie ganz von der Rezeption getrennt werden, da Literatur nicht ohne ihre Auswirkungen auf die Wirklichkeit beobachtet werden kann: auch Lesen in der Literatur wirkt sich auf die narrative Wirklichkeit aus. Im Gegenzug stellt sich die Frage, inwiefern das Buch im Buch als Reaktion auf das Buch in der Wirklichkeit thematisiert wird. Als erstes zentrales Beispiel gilt die Göttliche Komödie (ca. 1307-1321) von Dante Alighieri, denn schon hier tauchen lesende Helden auf. Francesca erzählt im Fünften Höllengesang, dass es zum Ehebruch kam, indem die Literatur gelebt wurde: Wir lasen eines Tages, uns zur Lust, Von Lanzelot, wie Liebe ihn durchdrungen; Wir waren einsam, keines Args bewusst. Obwohl das Lesen öfters uns verschlungen Die Augen und entfärbt uns das Gesicht, war eine Stelle nur, die uns bezwungen: Wo vom ersehnten Lächeln der Bericht, Daß der Geliebte es geküßt, gibt Kunde, Hat er, auf den ich leiste nie Verzicht. Den Mund geküsst mir bebend mit dem Munde; Galeotto war das Buch, und der’s geschrieben: Wir lasen weiter nicht in jener Stunde. (GK 29)
Für beide ist es nicht die erste Lektüre. Aber in diesem Falle ist es die Narration einer bestimmten Handlung, hier Lanzelots Kuss, welche den beiden Lesenden ihre Gefühle für einander entdecken lässt. Das Buch im Buch öffnet die Augen, lässt sie sich ihrer Situation bewusst werden. Es kann mit einem Funken, der die nicht bewusste Leidenschaft in Brand setzt oder mit einer Art Zaubertrank verglichen werden. 6 Die gemeinsame Lektüre der beiden wird hier nicht durch den Gedanken an Ehebruch motiviert, sondern allein aus der Lust am Lesen. Doch bedingt der Inhalt hier eine Verführung. „Das
Gelesene wird sozusagen wiederholt und ve rdoppelt.“ 7
4 Vgl. Wuthenow 1980, S. 9
5 Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd., S. 24.
7 Ebd.
4
Ebenfalls auf der Ebene der Narration findet die Reaktion auf die Lektüre in den Leiden des jungen Werther (1774) von Johann Wolfgang von Goethe statt. Denn auch die Vereinigung der Tränen und der anschließende Kuss von Lotte und Werther erfolgen nach gemeinsamer Lektüre. Werther liest Lotte aus dem Ossian vor und
die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen. […] Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte seine Hände, drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Welt verging ihnen. (L 115) Hier zeigt sich von Anfang an eine Analogiebildung von Buch und Passion, sei sie positiv oder negativ besetzt.
Die Lektüre der Leiden des jungen Werther ist wiederum eine der unzähligen des Anton Reiser von Karl Philipp Moritz. Es ist als zeitgenössische s Phänomen zu werten, die Buchnutzung und Rezeption außerhalb der Narration zu thematisieren. Dies findet demnach in einem weiteren Schritt Eingang in die Literatur, beispielsweise in der Geschichte des Anton Reiser. Denn vor allem Die Leiden des jungen Werther sind es, die, so G. A. E. Bogeng, „das Buch als Krankheitsstoff geistiger Epidemien“ darstellen lassen: „Das Wertherfieber und seine nationalen Erscheinungsfo rmen werden gerne als Ursache einer
Selbstmordepidemie bezeichnet.“ 8 Die große Wirkung des Buches außerhalb des Buches wird hier thematisiert und in einem zweiten Schritt in die Literatur übertragen. Es findet die Integration des Diskurses in die Literatur statt.
Das so genannte Wertherfieber ist neben anderen Faktoren bedingt durch die im achtzehnten Jahrhundert stark gestiegene Anzahl der Lesekundigen, die insbesondere Lust an der „Romanleserey“ finden, eine Tatsache, die unter anderem Johann Georg Heinzmann zu der Publikation Appell an meine Nation. Über die Pest der deutschen Literatur animiert, die 1795 erscheint. Heinzmann schreibt: „So lange die Welt stehet, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen als in Deutschland die Romanleserey.“ 9 Er partizipiert damit an „einer Kontroverse um Vielschreiberei, L eseseuche und Buchfabrikanten“ 10 , die bereits in den 1770er Jahren beginnt. Voraussetzung hierfür ist insbesondere der expandierende Buchmarkt, der auf einer Veränderung des Buchdruckes basiert und der das Buch zu einem massenhaft verbreiteten Kommunikationsmedium macht. Im La ufe des achtzehnten Jahrhunderts werden Bildung und damit auch Lektüre zum wichtigs-
ten Prestigeträger und Sozialisationsfaktor des Bürgertums. 11 Denn die Lektüre ist nicht mehr einer privilegierten Minderheit vorbehalten, sondern wandelt sich zu einem extensiven L esen, dem Konsum möglichst zahl- und abwechslungsreicher Bücher und löst
8 Bogeng 1915, S. 159.
9 Heinzmann 1977, S. 139.
10 Wittmann 1977, S. 15.
11 Vgl. ebd., S. 33.
5
damit eine auf intensive Wiederholung gerichtete Lektüre ab. 12 Der neue Leserkreis ist sozial heterogen, einen großen Teil stellen die Frauen. So ist deutlich geworden, dass die Form der Buchnutzung auf das Stärkste mit der Mediengeschichte verbunden ist und auf „bestimmte mediale Voraussetzungen der gedruckten Kommunikation“ 13 reagiert. Denn erst die Entwicklungen auf dem Buchmarkt lassen die im Folgenden zu besprechenden Arten der Buchnutzung zu und werden in einem weiteren Schritt selbst wieder in der Literatur thematisiert. Cervantes beispielsweise verwendet diese Idee bereits im zweiten Teil des Don Quijote, als er den Protagonisten in Barcelona die Druckerei besuchen lässt, in welcher ein zweiter, apokrypher Teil seiner Abenteuer gedruckt wird.
Eine quantitative Steigerung und qualitative Verschiebung erfährt das Motiv des Buches im Buch durch die Thematisierung von Bibliotheken in der Literatur. Mit ihrer Aufgabe, Schriften zu sammeln, aufzubewahren, zu ordnen und weiterhin deren Nutzung zu ermöglichen, ist die Bibliothek ebenfalls Brennpunkt literarischer Reflexionen. Die Bibliothek als Ort für und von Literatur ist daher schon immer auch Gegenstand und Sammelpunkt von Imaginationen und Fiktionen. Die Vorstellung der Bibliothek als Archiv ist stets verbunden mit der Gefahr der Orientierungslosigkeit. Denn das Ideal einer geordneten Sammlung ist aufgrund des Momentes der Maßlosigkeit stets gefährdet, ins Chaos zu kippen.
Die Legende um eine der ältesten Bibliotheken, die berühmte Bibliothek von Ale-xandria, die zur Zeit ihres Brandes im Jahre 47 vor Christus 700 000 Schriftrollen besessen haben soll, zieht sich durch die Literaturgeschichte und weitere Formen des Diskurses. An dieser Bibliothek sind die beiden mythischen Elemente festzumachen, die in der Literatur immer wieder thematisiert werden: die Vollständigkeit und der Brand der Bibliothek, deren Bibliothekar Eratosthenes in hohem Alter zu erblinden beginnt und sich daraufhin zu Tode hungert.
Die im achtzehnten Jahrhundert anwachsende Menge an Büchern, die oben bereits erwähnt wurde, lässt die Bibliothek zu einem selbstreferentiellen System werden: „Immer mehr Bücher verweisen auf andere Bücher und nicht mehr auf die Welt außerhalb. […] Den Höhepunkt dieses Denkens bildet das Konzept der Aufklärung in der Enzyklo-pädie.“ 14 Dies zeugt von der Idee, dass die ganze Welt in den Büchern fassbar sei, dass
12 Vgl. Engelsing 1974.
13 Cahn 1994, S. 67.
14 Stocker 1997, S. 12.
6
sich die ganze Welt in den Büchern präsentieren lasse. Die Bibliothek wird somit zur
„Vollform des Buches“ 15 .
Die Motivgeschichte der fiktiven Bibliotheken in der Literatur ist nicht exakt gleichzusetzen mit der Bibliothekshistoriographie. Während die Realgeschichte der Bibliothek als relativ kontinuierliche Ent wicklungsgeschichte des kulturellen Gedächtnisses Sequenz für Sequenz erzählbar ist, gilt dies nicht in gleicher Weise für imaginierte Bibliotheken. Denn diese weisen einen hohen Differenzierungsgrad auf, entstehen spontan und integrieren auf unterschiedlichste Weise und insbesondere in einer von ihren Vorgängern unabhängigen Form wiederkehrende Motive wie beispielsweise den Bibliotheksbrand oder
die Thematisierung der Selbstreferentialität. 16
Das Motiv der Bibliothek 17 taucht in verstärkter Form in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Romane wie Umberto Ecos Der Name der Rose (1980) und die beiden noch zu besprechenden Texte von Jorge Luis Borges und Elias Canetti weisen auf eine Krise der Bibliothek hin. 18 Denn die in diesen Texten beschriebenen Bibliotheken sind unbenutzbar, menschenfeindlich, weit entfernt von ihrer ursprünglichen Idee, Wissen bereitzustellen, zwei von ihnen verbrennen am Ende gar. Auch in Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Schatten des Windes (2003) findet sich der Protagonist in der Bibliothek, dem Friedhof der Vergessenen Bücher, nur durch das Anbringen von Kerben an den Bücherregalen zurecht.
Der Aspekt der Maßlosigkeit der Buchnutzung sowie das bereits mit der Bibliothek ver-bundene Moment einer größeren Anzahl von Büchern erfahren eine konsequente Steigerung im Bereich der Bibliophilie und, mit gegenteiliger Ausrichtung, in der Bibliomanie.
15 Wegmann 2000, S. 2.
16 Vgl. Rieger 2002, S. 15f.
17 Vgl. zu diesem Thema der Bibliothek in der Literatur die ausführlichen Texte vor allem von Stocker 1997, Chaintreau/Lemaître 1993, Rieger 2002 und Hö lter 1993.
18 Stocker nennt gesellschaftliche und kulturpolitische Faktoren als Gründe für die beiden thematischen Schwerpunkte des Bibliothekmotivs in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts: der erste Schwerpunkt liegt in den dreißiger Jahren und gründet sich auf die Verbreitung des Radios und des Tonfilms; der zweite Schwerpunkt in den achtziger und neunziger Jahren ist zurückzuführen auf den Medienwechsel, der von Digitalisierung, Telekommunikation und Multiplikation der Bilder bestimmt ist: „Immer dann, wenn im zwanzigsten Jahrhundert die Schriftkultur von Codes und Medien in ihrer Dominanz in Frage gestellt wird, reagiert die Literatur mit einer Beschwörung der Bibliothek als deren zentraler Einrichtung.“ Stocker 1997, S. 284f.
7
1.2. Bibliophilie
Das Lexikon der Buchkunst und Bibliophilie definiert Bibliophilie folgendermaßen: „Im allgemeinen die Liebe zum Buch, im engeren Sinne die Neigung des Bibliophilen (des Bücherfreundes, - liebhabers, -kenners und -sammlers) zu dem von ihm bevorzugten Ob-
jekt.“ 19 Gegenstand der Bibliophilie sind generell Werke, die sich durch eine besondere Ausstattung, also Illustrationen, Typographie, Einband, Druckqualität, Papier, Alter, Seltenheit und guten Erhaltungszustand, auszeichnen. 20 Bibliophile begehren in höherem Maße die Einzigartigkeit und Seltenheit des Buches als dessen Inhalt, sie schätzen am Höchsten Äußerlichkeiten. So erregen beina he ausschließlich exklusive Bände ihr Interesse, die sich beispielsweise durch eine bestimmte Form, wie Folio- oder Duodez-Ausgaben, auszeichnen, Unikate sind oder auch kleine Fehler aufweisen, die sie singulär
machen, wie beispielsweise nicht aufgeschnittene Seiten 21 . Bibliophilie erfährt keine quantitative Beschränkung. So kann sie sowohl in Bibliotheken als auch in Form einer geringen Anzahl von Büchern, die dafür umso kostbarer sind oder einem Spezialgebiet zugehören, ihre Ausprägung finden. Denn gerade „der systematisch sammelnde, kenntnisreiche Bibliophile prägt die Bibliophilie der Gege nwart, da nur die Spezialisierung, das sich Beschränken auf ein überschaubares Sammelgebiet, Erfolg verspricht“ 22 .
Die Bibliophilie blickt auf eine lange Geschichte zur ück. Kurz vor seinem Tod veröffentlicht Richard de Bury (1287-1345), der erste bekannte Bibliophile, den Traktat Philobiblon, in dessen zwanzig Kapiteln er über die Liebe zu den Büchern und deren Pflege schreibt. Er widmet einen großen Teil seines Vermögens bis hin zur tiefen Verschuldung
der Sammlung, Erhaltung und Vermehrung von wertvollen Büchern. 23 Richard de Bury selbst bezeichnet seine Sammelwut als eine „brennende Liebe […], die alle Wasser der Welt nicht hätten löschen können“ 24 .
Die Geschichte der Bibliophilie ist vor allem auch eine Geschichte der Privatbibliotheken und der großen Sammler, von Auktionen und Antiquariaten. 25 Insbesondere seit dem Humanismus und durch den damit freigesetzten Wissensdrang hat das Buch und mit
19 Marwinski 1987, S. 46.
20 Vgl. ebd., S. 47.
21 Eine Beschaffenheit, die zwangsläufig eine Benutzung des Buches, insbesondere die der Lektüre, ausschließt.
22 Ebd., S. 47.
23 Vgl. Lehnert 1989, S. 7.
24 Bury 1989, S. 58.
25 Vgl. Marwinski 1987, S. 46.
8
ihm die Privatbibliothek einen ungeheuren Bedeutungswandel erfahren. Als die Blütezeit der Bibliophilie können das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert bezeichnet werden. Während dieser Zeit entstehen vor allem in Frankreich und England kostbare Liebhaberbibliotheken, deren Besitzer sich ausschließlich an bibliophil-ästhetischen Gesichtspunkten orientieren. 26 In diese Zeit fällt auch die Etablierung eines großen Buchmarktes. Der Bedeutungsverlust der privaten Büchersammlungen seit dem neunzehnten Jahrhundert geht einher mit der Zunahme der Buchproduktion und mit der Herausbildung des öffentlichen Bibliothekswesens. 27
Thomas Frognall Dibdin ist es zuzuschreiben, dass „a name for this curious ma lady came into widespread use“ 28 . Er beschreibt in seinem 1809 erschienenen Werk The Bibliomania; or, Book-Madness den geschichtlichen Verlauf, die Symptome sowie die Heilungsmöglichkeiten der Bücherleidenschaft. Sein Buch berichtet, dass diese nur Personen männlichen Geschlechtes aus höheren gesellschaftlichen Schichten befa lle und dass sie zu allen Jahreszeiten auftrete. 29 Als Symptome nennt er die Leidenschaft für großformatige Bücher, für unbeschnittene Bücher, für illustrierte Bücher, für Unikate, für auf Pergament gedruckte Bücher, für Erstausgaben sowie das generelle Verlangen nach Frakturschrift. 30 Sein Buch endet mit einer Aufzählung der Möglichkeiten, die dieser „malady“ Genesung verschaffen. Schon früh findet also eine Analogisierung von Bibliomanie und Krankheit statt. Später wird der krankhafte Aspekt herausgenommen und auf die Bibliomanie verlagert.
So ist auch Dibdins Verständnis und Beschreibung dessen, was er Bibliomanie nennt, heute zum Bereich der Bibliophilie zu zählen, da die pathologischen Merkmale weitgehend ausgeklammert werden, weder kriminelle Handlungen noch Wirklichkeitsverlust durch diese Art der Bücherliebe konstituiert werden. Der Grund für diese semantische Ungenauigkeit ist, dass die beiden Begriffe bis ins neunzehnte Jahrhundert synonym gebraucht wurden. 31 Auch heute sind die definitorischen Übergänge zwischen Bibliophilie und Bibliomanie fließend und demnach ebenfalls die Unterscheidung, ob jemand nur bibliophil oder gar biblioman ist, wie beispielsweise besagter Richard de Bury.
Das Phänomen der Bibliophilie findet in der Literatur keine sehr starke Ausprägung. Meist zeigt sich die Liebe zu den wertvollen Büchern besonders schöner Beschaffenheit
26 Vgl. ebd., S. 46
27 Vgl. Willms 1978, S. 132f.
28 Basbanes 1995, S. 25.
29 Vgl. Dibdin 1809, S. 14f.
30 Vgl. ebd., S. 58.
31 Vgl. Kümmel 1987, S. 45.
9
in Verbindung mit dem dramaturgisch effektiveren Aspekt der Bibliomanie. Ein Beispiel hierfür ist Der Club Dumas von Arturo Peréz-Reverte (1997). Der Protagonist Lucas Corso jagt i m Auftrag sehr vermögender bibliophiler Menschen wertvollen Büchern nach. In der Sammlung eines Bibliophilen, den er im Laufe seiner Jagd aufsucht, finden sich viele Ausgaben von Ritterromanen, denn dieser hat „sich in die Idee verrannt, alle fünfundneunzig Bücher aus der Bibliothek des Don Quijote zusammenzutragen, besonders die aus der Inventarliste des Dorfpfarrers“ (C 182). Diese Spezialisierung seiner bibliophilen Leidenschaft, erzählt der Sammler weiter, ist gängig unter Bibliophilen: einer dulde keine noch so unscheinbare Restauration, ein anderer kaufe kein Buch, von dem mehr als fünfzig Stück gedruckt seien und der nächste habe eine Vorliebe für unbeschnittene Exemplare.
1.3. Bibliomanie
Bogeng nennt den Bibliomanen „im schlimmen Sinne ein Jemand, der Nebensächliches mit dem Hauptsächlichen verwechselt, die Bücherwelt der Lebenswelt vorzieht, das Her-
barium dem Walde“ 32 . Ein Bibliomane - im besten Falle - kauft Bücher, nur um sie zu besitzen, nicht um sie zu lesen, „er wird zum Sklaven seiner übersteigerten Büchersucht und verwendet keinerlei Zeit mehr auf die Rezeption“ 33 . Der Büchernarr aus dem 1494 in Basel erschienenen Narrenschiff des Sebastian Brant gilt als frühes Beispiel der innerliterarischen Bibliomanie. Hier geht der Büchernarr, wie der Bibliomane früher genannt wurde, im Narrentanz voran, „da ich viele Bücher um mich sehe, die ich nicht lese und verstehe“ (N 12). Er unterliegt dem „Glauben an die
Autorität des Buches“ 34 , liest es jedoch nicht. Der Büchernarr beric htet weiter: Ich habe viele Bücher gleich wie er Und lese doch nur wenig drin. Zerbrechen sollt ich mir den Sinn, Und mir mit Lernen machen Last? Wer viel studiert, wird ein Phantast! Ich gleich sonst doch einem Herrn, Kann zahlen einem, der mich lern’! (N 13)
Die Bibliomanie meint also den falschen beziehungsweise nichtexistenten Gebrauch von Büchern, häufig bestimmt auch durch das Maß sowie die Art und Weise der Rezeption. Weiterhin gründet sich eine Unterscheidung gegenüber der Bibliophilie „auf psychischen Ausfallerscheinungen im Bereich der Kriterien des Wählens und Wertens, was
32 Bogeng 1984, S. 4.
33 Stockhorst/Frewer 2003, S. 2.
34 Bogeng 1984, S. 4.
10
sich auch auf die Art und Weise der Befriedigung dieses Triebes erstrecken kann“ 35 . Die Symptome dieser übersteigerten Bücherleidenschaft erstrecken sich von der Verwahrlosung im Alltag - „Verlust sozialer Beziehungen, Aufgabe von Beruf und Besitz, Einstel-
len der Nahrungsaufnahme“ 36 - bis hin zu Kapitalverbrechen. So stellt die Bibliomanie nicht nur ein Phänomen dar, das den Verlust der Welt auslöst. Auch wird immer wieder von Menschen berichtet, die von dem Wunsch nach einem bestimmten Buch oder nach der Vergrößerung ihres Buchbestandes zu kriminellen Handlungen getrieben werden. Das Buch wird somit sogar zum Gegenstand eines Verbrechens. Diese kriminellen Handlungen beschränken sich nicht nur auf den Diebstahl von Büchern oder dem Entfe rnen einzelner, wertvoller Seiten, die meist aus Abbildungen bestehen, aus Büchern, sondern beinhalten ebenfalls Mord, Raubmord und Brandstiftung. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist der deutsche Pfarrer Johann Georg Tinius, der im Februar 1813 zum Raubmörder
wird, um seine Buchleidenschaft zu finanzieren. 37 Tinius schreibt selbst Traktate, ein Wörterbuch und eine Autobiographie; sein Bücherwahn wird später fiktional bearbeitet, unter anderem im Buchtrinker von Klaas Huizing (1994), und in wissenschaftlichen und theoretischen Arbeiten untersucht.
Holbrook Jacksons erstmals 1930 erschienene Anatomy of Bibliomania behandelt unterschiedlichste Aspekte der Bücherliebhaberei und widmet einige Kapitel auch der Bibliomanie. Neben den Symp tomen der Bibliomanie, die hier bereits angeführt wurden, fragt Jackson weiterhin nach den Gründen, die manche Menschen zu Bibliomanen werden lassen. Er bezeichnet einige der Ursachen als in der mentalen Natur begründet und zeic h-
net den „character peculiar to bibliomania“ 38 nach. In seinem Vorwort bemerkt Jackson, dass er seine Untersuchungen zur Bibliomanie formal nach Robert Burtons Anatomie der Melancholie ausrichtet, deren Verleger er auch ist. Erstmals im Jahr 1621 erschienen, ist die Anatomie der Melancholie von einem „unersättlichen Leser“ 39 geschrieben worden. Burton definiert und diskutiert unterschiedlichste Ursachen der Melancho lie. Hierfür führt er einerseits einen zugefügten oder erlittenen Verlust, andererseits ein Streben nach einem unerfüllbaren Begehren an. 40
35 Kümmel 1987, S. 45.
36 Stockhorst/Frewer 2003, S. 2.
37 Vgl. Willms 1978, S. 186.
38 Jackson 1952, S. 527.
39 Horstmann 1988, S. 333.
40 Vgl. Burton 1988, S. 154ff.
11
Arbeit zitieren:
Julika Zimmermann, 2004, Kopf in Bücher - Bücher im Kopf: Elias Canettis Roman "Die Blendung" als Beispiel bibliomaner Buchnutzung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Julika Zimmermann hat den Text Kopf in Bücher - Bücher im Kopf: Elias Canettis Roman "Die Blendung" als Beispiel bibliomaner Buchnutzung veröffentlicht
Julika Zimmermann hat einen neuen Text hochgeladen
Elias Canetti's Counter-Image of Society: Crowds, Power, Transformatio...
Johann P. Arnason, David Roberts, Nicholas Vazsonyi
Dearest Georg: Love, Literature, and Power in Dark Times: The Letters ...
Veza Canetti, Karen Lauer, Kristian Wachinger
0 Kommentare