INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. ROLLENDISTANZ 4
3. FALLANALYSE EINER SCHIZOPHRENEN PSYCHOSE 11
4. BEANTWORTUNG DER FRAGESTELLUNG 16
5. LITERATURVERZEICHNIS 20
2
1. Einleitung
Erving Goffman schreibt in seinem Buch „Interaktion: Spaß am Spiel, Rollendistanz“ in dem Kapitel „Rollendistanz“ über die Situation des Individuums, das an gewisse Rollen gebunden ist, mit denen es sich jedoch nicht immer identifizieren kann Diese Nicht- Identifikation des Individuums mit der ihm auferlegten Rolle wird dabei oftmals durch Rollendistanz ausgedrückt, d.h. das Individuum erfüllt zwar die Aufgaben der Rolle, macht aber deutlich, daß er dies nur widerwillig tut. Dabei stellt sich die Frage, wie sich diese Rollendistanz bei an Schizophrenie erkrankten Personen ausdrückt.
3
2. Rollendistanz
Da der Begriff der Rolle in der Soziologie oftmals sehr allgemein verwendet wird, definiert Goffman zunächst Begriffe der Rollentheorie.
Dabei ist ein „Status [ist] eine Position in einem System oder Schema von Positionen und durch reziproke Bindungen auf die anderen Positionen in der Einheit bezogen, durch Rechte und Pflichten, die die Inhaber binden.“ 1 Das System oder Schema beansprucht jedoch nur einen Teil des Individuums.
„Die Rolle besteht in der Tätigkeit, in der sich der Inhaber engagiert, handelte er lediglich im Sinn der normativen Forderungen, die jemandem in seiner Position auferlegt werden. Die Rolle in diesem normativen Sinn ist vom Rollenspiel oder vom Rollenverhalten zu unterscheiden, dem tatsächlichen Verhalten eines besonderen Individuums, während es in seiner Position „im Dienst“ ist.“ 2 Das Rollenverhalten des Individuums wird durch einen Kreis direkter sozialer Situationen mit Rollenpartnern deutlich, d.h. mit bedeutsamen Bezugspersonen. Dabei bezeichnet Goffman verschiedene Rollenpartner oder Rollenbeziehungen als Rollensatz.
Er schreibt weiter, daß die „Über“-Rolle, die einer Position entspricht, in Rollenabschnitte, bzw. –teile oder Unterrollen zerfällt, von denen jede mit einer besonderen Art von Rollenpartnern zu tun hat.
Soziale Veränderungen in einer Rolle finden demnach aufgrund von Verlust oder Gewinn an Rollenpartnern statt, innerhalb eines speziellen Sektors einer Rolle, der den Rollenträger mit einem bestimmten Rollenpartner verbindet.
Der Rolleninhaber, der eine bestimmte Position einnimmt, muß ein ganzes Bündel von Verhaltensweisen annehmen, das die entsprechende Rolle umfaßt.
Nach Goffman bewirkt die Einnahme einer Rolle eine gewisse Unfreiheit des menschlichen Willens: „Rolle bedeutet also einen sozialen Determinismus und eine Lehrmeinung über Sozialisation. [...] Die Rolle ist damit die Grundeinheit der Sozialisation. Durch Rollen werden in einer Gesellschaft Aufgaben zugewiesen und Vorbereitungen getroffen, um deren Durchführung zu erzwingen.“ 3
1 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 95
2 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 95
3 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 97
4
Das Innehaben einer Position wird durch Statussymbole, z.B. Benehmen, Kleidung, verdeutlicht. Durch einen bestimmten sozialen Maßstab bringt diese Position ein entsprechendes Maß an Prestige oder Verachtung ein. In seinem Rollenverhalten muß das Individuum darauf achten, daß die Eindrücke, die es in der Situation auf andere macht, mit den dieser Rolle zugeschriebenen Eigenschaften vereinbar sind. Goffman schreibt, daß zugeschriebene und erwartete persönliche Eigenschaften eine Positionsbezeichnung bilden, welche dem Inhaber als Basis für sein Selbstbild dient und den Rollenpartnern ein Bild von ihm vermittelt.
„Ein Selbst wartet also darauf, daß das Individuum eine Position einnimmt; es braucht sich nur dem auf ihn wirkenden Druck anzupassen, und es wird ein Ich finden, das für ihn gemacht ist. Tun ist nach Kenneth Burke sein.“ 4
Goffman schreibt weiter, daß die Funktion einer Rolle der Teil ist, den sie in der Aufrechterhaltung (Eufunktion) oder Zerstörung (Dysfunktion) eines Systems oder Schemas als eines Ganzen spielt. Dabei unterscheidet er zwischen manifester und latenter Funktion.
Eine manifeste Funktion liegt vor, wenn die funktionale Rolle offen bekannt und anerkannt ist. Bei einer latenten Funktion ist die Wirkung nicht regelmäßig voraussehbar.
Von einer Verpflichtung des Individuums kann dann die Rede sein, wenn es in eine Position gedrängt und gezwungen wird, mit den damit verbundenen Vor- und Nachteilen zu leben und zu akzeptieren. Solch starke Rollenverpflichtung kommt gewöhnlich nur bei regelmäßig ausgeübten Rollen vor.
Rollenverhaftung kann ein Individuum demonstrieren, das sein Eigenimage liebt, es für äußerst wünschenswert hält und seine Selbstgefühle an sie überträgt. Nach Goffman ist eine Person seelisch gesund, wenn sie ihrer Rolle verhaftet ist und sie daher ergeben und regelmäßig ausübt.
Rollenverpflichtung und Rollenverhaftung können auch gemeinsam auftreten, können aber auch getrennt vorkommen.
Goffman schreibt, daß es eine Grundannahme der Rollenanalyse ist, „daß jedes Individuum in mehr als einem System oder Schema engagiert sein und daher mehr als
4 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 98
5
eine Rolle ausüben wird. Jedes Individuum wird daher mehrere „Ichs“ haben, was uns vor das interessante Problem Stellt, wie diese „Ichs“ miteinander verwandt sind.“ 5 Gerade nicht ausgeübte Rollen werden aufrechterhalten, die bei anderen Gelegenheiten zum Vorschein kommen. Dabei muß sich das Individuum im Klaren sein, wo und was es wann sein soll. Nach Goffman kann diese Rollentrennung durch Publikumstrennung erleichtert werden, da das Individuum in bestimmten Situationen die einen Rollenpartner, in anderen Situationen, beim Ausüben einer anderen Rolle, die anderen Rollenpartner hat.
In einem Rollendilemma befindet sich diejenige Person, die beim Ausüben einer Rolle auf einen Rollenpartner einer anderen Rolle trifft. Die Person reagiert auf diesen Rollenkonflikt mit Verwirrung und Schwanken.
In Bezug auf Rechte und Pflichten eines Rollenträgers unterscheidet Goffman zwischen Vorschrift und Erwartung: „als Vorschrift im Sinne einer eigenen Aktion, die es von selbst oder andere von ihm fordern können, und als Erwartung im Sinne einer Aktion anderer, die es selbst oder die anderen legitimerweise fordern können.“ 6 Goffman ergänzt den Begriff der Position so, daß eine Position die Situation des Individuums während eines Lebensabschnitts ist. „Die Rolle kann jetzt in dieser korrigierten Fassung als die typische Reaktion von Individuen in einer besonderen Position definiert werden. [...] Im allgemeinen muß dann eine Unterscheidung zwischen einer typischen Rolle, den normativen Aspekten der Rolle und dem tatsächlichen Rollenverhalten eines besonderen Individuums gemacht werden.“ 7 Ein situationsabhängiges Handlungssystem, in dem Rollenträger gemeinsam aktiv werden, stellt das situierte Aktivitätssystem dar, ein geschlossener, sich selbstausgleichender und sich selbstbeendender Kreislauf voneinander abhängigen Aktionen mit dem Ziel, eine bestimmte gemeinsame Aufgabe auszuführen. Situierte Rollen entstehen durch die häufige Wiederholung des Verlaufs eines situierten Systems. Dabei umfaßt die situierte Rolle ein Bündel von Aktivitäten, die zwar selbstständig von einem Individuum ausgeführt werden, aber gleichzeitig in deutlichem Zusammenhang mit den Aktivitäten der anderen stehen.
5 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 101
6 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 103
7 Goffman, Erving (1973) Interaktion, S. 104-105
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Quote paper:
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel, 1997, Rollendistanz bei Schizophrenie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Rollentheorie und Erving Goffman
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