3
INHALT
1. Aby M Warburg: Heranführung an einen ungewöhnlichen Kulturwissenschaftler 4
Warburg und Burckhardt: die Peripherie als geistiges Zentrum 4
Aby Warburg Person und Werk 9
2. Von der Privatbank über die Privatklinik zur Privatbibliothek: Stationen einer
Kunsthistoriker-Laufbahn 13
Biographie und Bibliophilie 13
3. Zauberhauch der Bücherreihen : Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg
(K B W ) 15
4. Wider grenzpolzeiliche Befangenheit : Warburgs Theorie und Methode 23
Pathosformeln 23
Reise zu den Archetypen 24
Mnemosyne und soziales Gedächtnis 27
Denkraum der Besonnenheit 30
5. Abschließender Exkurs: Warburgs Seminar über Jacob Burckhardt im Jahre 1927 32
Biographisches in chronologischer Abfolge 35
Literaturverzeichnis 38
4
1. Aby M. Warburg: Heranführung an einen ungewöhnlichen
Kulturwissenschaftler
Warburg und Burckhardt: die Peripherie als geistiges Zentrum
Ansatzpunkt der Beschäftigung mit Aby Warburg im Rahmen des Seminars „Geschichts-
schreibung im 19. Jahrhundert“ waren Verbindungen und Parallelen zwischen Warburg und
Jacob Burckhardt.
Warburg äußert sich in seinen Schriften nur ein einziges Mal explizit zu seinem Verhältnis zu
Jakob Burckhardt, nämlich im Vorwort zur Studie Bildniskunst und florentinisches Bürger-
tum:
„Als vorbildlicher Pfadfinder hat Jakob Burckhardt der Wissenschaft das Gebiet der italienischen Kultur der Renaissance erschlossen und genial beherrscht; aber es lag ihm fern, das neuentdeckte Land selbstherrlich auszunutzen; im Gegenteil erfüllte ihn wissenschaftliche Selbstverleugnung so sehr, dass er das kulturgeschichtliche Problem, anstatt es in seiner ganzen künstlerisch lockenden Einheitlichkeit anzupacken, in mehrere äusserlich unzusammenhängende Teile zerlegte, um jeden
für sich mit souveräner Gelassenheit zu erforschen und darzustellen.“ 1
Daß in der Kultur der Renaissance die Kunst keine direkte Behandlung erfuhr, führt Warburg
hier vor allem auf ökonomisch-pragmatische Gründe zurück, auch wenn es in seinen Augen
einen Mangel darstellt, den er in den eigenen Arbeiten – auch wenn er dies sehr vorsichtig
formuliert – auszugleichen gedenkt: „Dass wir uns der überlegenen Persönlichkeit Jakob
Burckhardts bewusst sind, darf uns nicht hindern, auf der von ihm gewiesenen Bahn weiter-
zuschreiten.“ 2 Im folgenden bezeichnet Warburg seinen Aufsatz zur florentinischen Bildnis- kunst auch ausdrücklich als „Ergänzung“ zu einem posthum veröffentlichten Aufsatz Burck-
hardts über das Porträt (aus den Beiträgen zur Kunstgeschichte von Italien, 1898); ein Um-
stand, der zeigt, in welch hohem Maße er sich Burckhardts Arbeiten verpflichtet sah.
Vor allem aber war das, was Burckhardt für eine kunstgeschichtliche Kulturgeschichte gelei-
stet hatte, für Warburg, wie die oben zitierten Äußerungen belegen, ein Punkt, an den er in
seinen eigenen Arbeiten anknüpfen konnte, über den er aber auch hinausgehen wollte. Sein
Ziel war es eben, „das kulturgeschichtliche Problem ... in seiner ganzen künstlerisch locken-
den Einheitlichkeit anzupacken“ und „auf der von ihm [Burckhardt] gewiesenen Bahn weiter-
1 Bildniskunst und florentinisches Bürgertum. I. Domenico Ghirlandaio in Santa Trinita. Die Bildnisse des Lorenzo de´ Medici und seiner Angehörigen. Leipzig 1902, 5f. Zuletzt in: Wuttke, Dieter (Hrsg.): Aby M.
Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen. Baden-Baden: Koerner 1979 (Saecvla Spiritalia; 1), S. 65-
102, hier S. 67f. Im folgenden wird dieses Werk zitiert als ‘ASW’.
2 ebda.
5
zuschreiten.“ So sieht auch Edgar Wind in seiner Darstellung von Warburgs Begriff der Kul-
turwissenscha ften die methodischen Anregungen, die Warburg durch Burckhardt erfahren hat,
gerade darin, daß Warburg „die Arbeit Burckhardts gerade in der Richtung weitergeführt
[hat], von der Wölfflin [...] mit vollem Bewußtsein abgebogen war.“ 3
Eine der wesentlichen methodischen Übereinstimmungen beider Wissenschaftler bildet die
Beschäftigung mit der Gesamtkultur einer Epoche. Während der Burckhardt-Schüler Heinrich
Wölfflin sich nurmehr für das reine künstlerische Sehen interessierte, 4 standen bei Warburg
genau wie schon bei Burckhardt die Zeugnisse der Gebrauchs- und Alltagskunst neben den
Meisterwerken der Hochkultur gleichberechtigt im Mittelpunkt des Interesses. Warburg zog
zum Verständnis der Renaissance u.a. Testamente 5 und Handelskorrespondenz 6 hinzu, und er
verfolgte die Wanderung von kulturprägenden Ausdrucksmotiven bis hinein in Werbung und
Briefmarken 7 seiner eigenen Zeit.
Sowohl Warburg als Burckhardt beschäftigen sich, ungefähr im Abstand von 30 bis 40 Jah-
ren, 8 ausführlich mit der florentinischen Frührenaissance und entwickeln an ihr die jeweils
eigene Methodik sozusagen exemplarisch. Warburg kommt aber trotz der großen Vorbildwir-
kung Burckhardts 9 zu recht unterschiedlichen Ergebnissen in Bezug auf die Geisteshaltung
der Menschen dieser Zeit im Spiegel ihrer Kunstwerke.
In Jacob Burckhardts berühmtem Werk Kultur der Renaissance ist der gesamte zweite Ab-
schnitt Entwicklung des Individuums überschrieben. In dessen ersten Kapitel faßt Burckhardt
3 Wind, Edgar: Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine Bedeutung für die Ästhetik. [Zuerst 1931] In: ASW, S. 163-179. Hier zitiert S. 167.
4 vgl. hierzu die Ausführungen bei Wind, a.a.O.
5 Francesco Sassettis letztwillige Verfügung. Leipzig 1907. Zuletzt in: ASW, S. 137-63.
6 Flandrische Kunst und florentinische Frührenaissance. Studien I; in: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlung 23 (1902); zuletzt in ASW, S. 103-124.
7 Im Material zu Warburgs unvollendetem Spätwerk, dem „Mnemosyne-Atlas“, findet sich u.a. eine Reisewer- bug der Hapag-Lloyd; Warburg klassifiziert die abgebildete Reisende als „heruntergekommene Nymp he“; vgl. Hofmann, Werner (Hg.): Die Menschenrechte des Auges. Über Aby Warburg. Frankfurt/ M.: Europäische Ve r-
lagsanstalt 1980 (Europäische Bibliothek; 1), Abb. S. 109 und Anm. 35, S. 111. Dieses Werk wird im Folgenden
als HOFMANN 1980 zitiert. Ebenso waren Briefmarken Teil des Mnemosyne-Materials, vgl. Go mbrich, Ernst H.: Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt/ M.: Europäische Verlagsanstalt 1981 [Engl. EA 1970],
S. 352, Abb. 134, 136. Dieses Werk wird im Folgenden zitiert als GOMBRICH 1981.
8 Seine Dissertation über „Sandro Boticellis ‚Geburt der Venus’ und ‚Frühling’“ (1893) schrieb Warburg noch zu Burckhardts Lebzeiten und schickte ihm sogar ein Exemplar; vgl. die Ausführungen dazu weiter unten.
9 Vgl. die oben angeführte Stelle aus der Einleitung zu Warburgs „Bildniskunst“. Fritz Saxl, Freund Warburgs und späterer Leiter der Bibliothek Warburg, berichtet außerdem, daß Warburg Burckhardts Kultur der Renais-
6
bereits im zweiten Absatz seine These von der Entwicklung des Individuums in einer vielzi-
tierten Passage zusammen:
„Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewußtseins – nach der Welt hin und nach dem Inneren des Menschen selbst – wie unter einem gemeinsamen Schleier träumend oder halbwach. Der Schleier war gewoben aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn: durch ihn hindurchgesehen er- schienen Welt und Geschichte wundersam gefärbt, der Mensch aber erkannte sich nur als Rasse, Volk, Partei, Korporation, Familie oder sonst in irgendeiner Form der Allgemeinheit. In Italien zu- erst verweht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller
Macht das Subjektive; der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ 10
Ist für Burckhardt in der zitierten Passage die Renaissance diejenige Epoche, in der der
Mensch den „Schleier“ des Mittelalters von den Augen nimmt und als Individuum im Sinne
der Neuzeit in Erscheinung tritt, so kann Warburg, in seiner detailreichen Analyse der floren-
tinischen Bildniskunst, nur ein komplexes Nebeneinander von aufkeimendem Selbstbewußt-
sein florentinischer Patrizier und mittelalterlich-christlicher Frömmigkeit feststellen. Es gibt
für ihn keine klare Abfolge, keinen zeitlich eindeutig datierbaren plötzlichen Wandel des
Selbstbewußtseins von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zum modernen Selbstbewußtsein.
So sagt Warburg über die Renaissance-Portraits der Sassetti- und der Lorenzo-Familie:
„Die ganz heterogenen Eigenschaften des mittelalterlich christlichen, ritterlich romantischen oder klassisch platonisierenden Idealisten und des weltzugewandten etruskisch heidnisch praktischen Kaufmanns durchdringen und vereinigen sich im Mediceischen Florentiner zu einem rätselhaften Organismus von elementarer und doch harmonischer Lebensenergie, [...]. Er verneint die hem- mende Pedanterie des „entweder-oder“ auf allen Gebieten, nicht etwa, weil er die Gegensätze nicht
in ihrer Schärfe spürt, sondern weil er sie für vereinbar hält; [...]“ 11 .
In einem Seminar „Zur kulturwissenschaftlichen Methode“ faßt er 1928 die Frage nach der
genauen Abgrenzung zwischen Mittelalter und Renaissance noch einmal prägnant zusammen:
„Gibt es [...] eine durch stilpsychologische Interpretation gewonnene exakte Abgrenzung zw ischen Mittelalter und Renaissance? Ein solcher Abgrenzungsversuch, rein auf die Zeit bezogen, kann keine zuverlässigen evidenten Einteilungsprinzipien zu Tage fördern, weil das, was wir mit Mittel- alter und Neuzeit bezeichnen, ein Versuch ist, den geistigen Habitus einer bestimmten innerlich zu- sammenhängenden Gruppe von Menschen einheitlich zu benennen, deren Denkweise wohl nach aussen hin mehr oder weniger vorherrschend nachgewiesen werden kann, in seiner eigentlichen Existenz aber innerhalb der menschlichen Seele wurzelt und nach Gesetzen lebt oder abstirbt, die
kein zeitloses „entweder – oder“ des Vorhandenseins kennt.“ 12
sance „seit seiner Studienzeit liebte, bewunderte und immer wieder las“; s. Fritz Saxl: Warburgs Besuch in Neu-
Mexico. In: ASW, S. 317-322, hier zitiert S. 319.
10 Erstausgabe Basel: Schweighauser’sche Verlagshandlung 1860. Hier zitiert nach der Ausgabe: Jacob Burck-
hardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Hg. von Konrad Hoffmann. Stuttgart: Kröner 11 1988, S. 99 (basierend auf der Ausgabe von Walter Goetz, Leipzig 1922, der der Text der 2., von Burckhardt noch selbst durchgesehenen und ergänzten Auflage, Leipzig 1869, zugrundeliegt).
11 Bildniskunst und florentinisches Bürgertum, a.a.O. (ASW), S. 74.
12 Zitiert nach Roeck, Bernd: Aby Warburgs Seminarübungen über Jacob Burckhardt im Sommersemester 1927. In: IDEA. Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle. X (1991), S. 65-89, hier S. 88. Von Roeck als Quelle angegeben:
7
In unpublizierten Notizen Warburgs ist auch von „Heroenverehrung“ in der Kultur der Re- naissance die Rede; der Cicerone wird fast schon abwertend ein „hedonistischer Reiseführer
zur Schönheit“ genannt. 13 Warburg war zu diesem Zeitpunkt mit der Renaissance-Darstellung Burckhardts nicht ganz einverstanden; er wollte in seinen Arbeiten zu Renaissance „auf der von ihm gewiesenen Bahn weiter[..]schreiten“ (s.o.) und Burckhardt ergänzen.
Warburg schickte Burckhardt dann sogar seine Dissertation über Boticelli. Zweifellos interes-
sierte ihn das Urteil desjenigen, auf dessen Weg er „weiterschreiten“ wollte. Burckhardt schrieb ihm dankend zurück:
„ Basel, 27. Dec. 1892.
Verehrter Herr!
Die schöne Arbeit, welche ich mit bestem Dank zurücksende, zeugt von der ungemeinen Vertie - fung & Vielseitigkeit welche die Erforschung der Höhezeiten der Renaissance erreicht hat. Sie ha- ben die Kenntnis des socialen, poetischen & humanistischen Mediums, in welchem Sandro lebte und malte, durch Ihre Schrift um einen großen Schritt weiter befördert und Ihre Deutung des ‚Frühlings’ wird ohne Zweifel bleibende Geltung behaupten.
[... – Burckhardt äußert noch einige kleinere Kritikpunkte an Details - ...]
Genehmigen Sie den Ausdruck meines ergebensten Dankes
In vollkommener Hochachtung
Dieser kurze Antwortbrief bezeugt allerdings auch, daß sich Warburg schon von seinem „Vorläufer“ Burckhardt entfernt hatte. Burckhardt erwähnt die von Warburg in ebendieser Dissertationsschrift entwickelte These der Übernahme spezifischer Abbildungsweisen des
„bewegten Beiwerks“ (meist im Wind flatternde Kleider und Haare, wobei auf den Bildern charakteristischerweise keinerlei sonstige Windbewegung sichtbar ist) aus der Antike, auf die
die Kunst der Renaissance laut Warburg zur Äußerung spezifischer emotionaler Zustände zurückgreift, mit keinem Wort. Vielmehr sieht er die „bleibende Geltung“ der Arbeit vor al- lem in Warburgs Deutung von Boticellis ‘Frühling’ (Warburg deutete das Bild als zusam-
mengehörig mit der ‘Geburt der Venus’) 15 – was sicherlich auch eine wichtige Erkenntnis
The Warburg Institute, London, Warburg-Zimmer, Nr. 99, „Schlussübung“, Seminar 1927/28, final session II; vgl. auch GOMBRICH 1981, S. 357f. Zu Warburgs Seminar über Burckhardt vgl. den Schlußteil dieser Arbeit.
13 GOMBRICH 1981, S. 183f.
14 abgedruckt in: Heckscher, William S.: Die Genese der Ikonologie. In: Ekkehard Kaemmerling (Hg.): Bildende Kunst als Zeichensystem. Bd. 1: Ikonographie und Ikonologie. Köln: DuMont 1979, S. 112-164; hier zitiert S.
145 (Anm. 6).
15 Warburg, Aby: Sandro Boticellis „Geburt der Venus“ und „Frühling“. Eine Untersuchung über die Vorstellun- gen von der Antike in der italienischen Frührenaissance. Hamburg und Leipzig: Leopold Voss 1893. Zuletzt in:
8
war. Nur die Tatsache des von Warburg erwiesenen bewußten Rückgriffs auf bestimmte Mo-
tive der Antike scheint Burckhardt nicht sehr interessiert zu haben, jedenfalls war sie ihm keine Erwähnung wert.
Warburg war, wie Jacob Burckhardt auch, ein Kunst- und Kulturhistoriker, der an der „Peri-
pherie“ arbeitete. Burckhardt blieb zeitlebens an der kleinen Universität Basel, Warburg wurde erst kurz vor seinem Tod Honorarprofessor an der neugegründeten Hamburger Univer-
sität. Beiden blieben große akademische Ehren immer verwehrt, da sie mit ihrer Methodik und Thematik nicht in den Kanon der akademischen Praxis hineinpaßten. Es war aber wohl gerade diese Arbeit am Rande des akademischen Betriebes, die Burckhardt genau wie War-
burg erst das möglich machte, was nachher den Ruhm von beiden begründen sollte. Burck- hardt hatte abseits von den akademischen Zentren die Möglichkeit, seinen eigenen Ansatz
fruchtbar zu verfolgen; Warburg war überhaupt nicht an die Weisungen einer Universität ge- bunden; er hatte durch die Finanzmittel seiner Familie die Möglichkeit, seine Forschungen
und den Aufbau seiner Bibliothek ganz nach eigenen Vorstellungen durchzuführen, ohne daß akademische Gremien o.ä. ihn in seiner Konzeption hätten behindern können. Auch die 1933, vier Jahre nach Warburgs Tod, notwendig gewordene Emigration der Bibliothek und somit
ihr Fortbestand war allein durch die Tatsache möglich, daß sie Privatbesitz eines amerikani-
schen Bankhauses war. 16
Im Jahre 1927 beschäftigte sich Warburg nach langer Zeit noch einmal mit Burckhardt: er veranstaltete ein Seminar über ihn. Warburgs Sicht auf Burckhardts Arbeiten hatte sich zu
diesem Zeitpunkt durch Erscheinen der nachgelassenen Schriften Burckhardts gewandelt und sein hartes Urteil über die „Heroenverehrung“ in der Kultur der Renaissance gemildert. In
diesem Seminar ging es jedoch erstaunlicherweise, wie Bernd Roeck in einer Auswertung der
erhalt enen Seminarunterlagen zeigen kann, 17 weniger um Burckhardts Methode als Kunst- und Kulturhistoriker, sondern um die Persönlichkeit des Gelehrten. Roeck stellt in diesem
Zusammenhang die These auf, daß Warburg in Burckhardt den Typus des Wissenschaftlers
ASW, S. 11-64; die Deutung des ‘Frühling’ als Fortsetzung und Ergänzung der ‘Geburt der Venus’ findet sich
auf S. 39 (bzw. S. 53 in den ASW).
16 Stockhausen, Tilmann von: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg: Architektur, Einrichtung und
Organisation. Hamburg: Dölling und Galitz 1992, S. 26. Dieses Werk wird im Folgenden zitiert als
‘STOCKHAUSEN 1992’.
17 Roeck, Bernd: Aby Warburgs Seminarübungen über Jacob Burckhardt im Sommersemester 1927. In: IDEA.
Jahrbuch der Hamburger Kunsthalle. X (1991), S. 65-89.
9
sah, der im Vergleich mit Warburg selbst ein Ideal verköperte, das Warburg zeitlebens an-
strebte und nicht zu erreichen meinte. 18
Im Folgenden soll versucht werden, die besondere und bis dahin einzigartige Methode Aby
Warburgs darzustellen, aber auch seine Person in Bezug zu seinem Werk zu setzen. Abschlie-
ßend soll deutlich werden, warum Warburg aus seinen theoretischen Vorannahmen heraus die
Renaissancedarstellung Burckhardts modifizieren mußte, und warum ihn gegen Ende seines
Lebens dessen Persönlichkeit fast mehr als sein Werk interessierte.
Aby Warburg – Person und Werk
In seiner Grabrede auf Aby Warburg sagt Ernst Cassirer:
„Warburg war nicht in dem Sinne ein Wissenschaftler und Forscher, daß er von hoher Warte herab dem Spiel des Lebens gelassen zusah und sich an ihm im Spiegel der Kunst ästhetisch erfreute. Er stand immer mitten im Sturm und Wirbel des Lebens selbst; er griff in seine letzten und tiefsten tragischen Probleme. [...] Denn in seinem eigenen Inneren hat Warburg von früh an den Kampf ge- kämpft, den er [...] gewissermaßen in der Projektion auf die Geistesgeschichte vor uns hinstellt. Den Weg „per monstra ad sphaeram“, wie er ihn zu nennen pflegte, ihn verstand er, weil er selbst
ihn immer wieder gegangen war und immer wieder gehen mußte.“ 19
In der Tat ist Warburgs Biographie fast ge nau so bemerkenswert und ungewöhnlich wie die
von ihm entwickelte spezifische kulturwissenschaftliche Methode. Seine Selbstbeschreibung
„Amburghese di cuore, ebreo di sangue, d’ anima Fiorentino“ (Jude von Geburt, Hamburger
im Herzen, im Geiste ein Florentiner) 20 verweist auf seine Stellung, aber auch seine Vermittlerposition zwischen den Kulturen.
Er lebte in Hamburg und Florenz, fuhr als junger Mann nach Amerika, um dort die „primiti-
ven“ Kulturen der Pueblo-Indianer zu studieren, und fand in ihnen den gleichen Kampf um
einen den Leidenschaften und bedrohlichen mythischen Urkräften mühsam vom Menschen
abgerungenen „Denkraum der Besonnenheit“, der ihn auch an der florentinischen Frührenais-
sance faszinierte. Bei Ende des ersten Weltkriegs erlitt er einen nervösen Zusammenbruch
und steigerte sich bis zum Wahn in seine Angst vor antisemitischen Angriffen auf seine Fa-
18 Vgl. dazu die o.a. Arbeit von Roeck sowie die Ausführungen am Schluß dieser Arbeit.
19 Ernst Cassirer: Worte zur Beisetzung von Professor Dr. Aby M. Warburg. In: Mnemosyne. Beiträge zum 50. Todestag von Aby M. Warburg. Hg. von Stephan Füssel. Göttingen: Gratia 1979, S. 15-22; hier zitiert S. 18f.
20 Bing, Gertrud: Aby M. Warburg. Vortrag anläßlich der feierlichen Aufstellung von Aby Warburgs Büste in der Hamburger Kunsthalle am 31. Oktober 1958. Hamburg 1958
Quote paper:
Jutta Faehndrich, 1999, Aby Warburg - Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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