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INHALT SEITE
I. Oral History - was ist das? 2
II. Das Gedächtnis 5
II. 1 Das kollektive’ und das individuelle’ Gedächtnis 6
II. 1 1 Das autobiographische’ Gedächtnis 6
II. 1 2 Das kollektive’ Gedächtnis 7
III. Das Interview selbst 8
III. 1 Besonderheiten eines Erinnerungsinterviews gegenüber herkömmlichen Quellen 8
III. 2 Praktische Vorüberlegungen bei der Durchführung von Erinnerungsinterviews 9
III. 3 Faktoren, die das im Interview Gesagte beeinflussen 9
III. 4 Faktoren, die Auswertung und Ergebnisse beeinflussen 10
IV. Fazit: Was kann Oral History leisten? 11
V. Oral History in Deutschland heute 12
B. Beispiele aus der Praxis - Nachkriegsalltag von Bergarbeiterfrauen im Ruhrgebiet 12
I. Anne-Katrin Einfeldt: Zwischen alten Werten und neuen Chancen - Häusliche Arbeit von
Bergarbeiterfrauen in den fünfziger Jahren 13
Sozialisation im Elternhaus 14
Erfahrungen außerhalb der Familie 14
Arbeit nach dem Krieg 16
Außenwelt und Innenwelt 18
Erziehungsziel: Liebe und Strenge 19
Fazit 20
II. Margot Schmidt: Im Vorzimmer. Arbeitsverhältnisse von Sekretärinnen und
Sachbearbeiterinnen bei Thyssen nach dem Krieg 21
Männermangel und seine Auswirkungen 21
Frauen haben keine Ehefrauen 23
Fazit 24
C. Literaturverzeichnis 25
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I. Oral History - was ist das?
Der Begriff „Oral History“ greift zurück auf die Ethnologie, wo Kulturen, die eine rein mündliche Überlieferung und keine Schriftkultur haben, als „Oral Traditions“ oder „Oral Societies“ bezeichnet werden. In solchen Gesellschaften ist die mündliche Überlieferung, oft in ritualisierter Form, die einzige bestehende Geschichte und nimmt als solche einen viel größeren Stellenwert ein als mündliche Überlieferung in westlichen Industrienationen.
Das Vokabular aus der Ethnologie wird jedoch in der Geschichtsforschung in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht: ‘Diachrones Interview’, ‘Erinnerungsinterview’, ‘Oral-History-Interview’, ‘biographisches Interview’, dies alles sind unterschiedliche Bezeichnungen für die gleiche Methode, nämlich die, Personen, die an Ereignissen, Epochen und Entwicklungen, die erforscht werden sollen, selber teilgenommen haben, ihre Erinnerungen erzählen zu lassen.
Wie aber sieht die genaue Vorgehensweise bei der Geschichtsforschung mit Hilfe von Oral-History-Interviews aus?
Grob vereinfacht gesagt sucht man sich vor Beginn eines geplanten Projektes eine Anzahl von Personen, die für das geplante Forschungsprojekt ‘aussagekräftig’ scheinen und läßt sie aus ihren Erinnerungen erzählen. Entweder man stellt ihnen Fragen zu bestimmten Themenbereichen oder man beginnt mit nur einer Leitfrage (z.B.: „Erzählen Sie doch mal, wie das war bei Kriegsende 1945...“) und läßt sie im weiteren Verlauf frei reden.
Die Impulse der Wissenschaftler, die in den fünfziger Jahren in den USA zum ersten Mal mit der Oral-History-Methode arbeiteten, waren vor allem, die Eliten- und Herrschaftsfixierung der Geschichtswissenschaft zu durchbrechen. Man wollte „die Sprachlosen, die bislang von Historikern nur allzu oft vernachlässigt worden sind“ 1 , wieder zu Wort kommen lassen.
Dementsprechend gab und gibt es zahlreiche Forschungen zu Arbeitern und unteren Schichten der Bevölkerung; man wollte zur Individualität der Massen vordringen, die ‘einfachen Leute’ in den
1 Terence Ranger: Persönliche Erinnerung und Volkserfahrung in Ost-Afrika; in: Lutz Niethammer (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis: die Praxis der ‘Oral History’; Frankfurt/Main 1985, S. 100-145. Hier zitiert: S. 101. Dieser Band wird im Folgenden als NIETHAMMER 1985 bezeichnet.
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Blickpunkt der Geschichtsschreibung rücken. Man versuchte, eine Geschichtsschreibung anhand von Qualität statt Quantität der Erfahrungen zu etablieren.
Die Oral History - Forschung ist angewiesen auf die Aussagen von Zeitzeugen, was es schlichtweg unmöglich macht, einen mehr als ca. neunzig Jahre zurückliegenden Zeitraum zu erforschen, einfach weil es heute dazu fast niemanden mehr gibt, den man befragen könnte. Lutz Niethammer, einer der führenden Oral-History-Forscher der Bundesrepublik, bringt dieses Problem auf den Punkt: „Oral History kann sich nur auf Zeitgeschichtliches beziehen, denn wir können keine Grabsteine befragen.“ 2
Forschern, die sich der Methode der Oral History bedienen, geht es nicht darum, einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu befragen um damit repräsentative Aussagen zu erhalten. Solche Dinge kann und will die Oral History nicht leisten. Oral History hat mit Statistik nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, Menschen zu befragen, von denen man annimmt, daß sie „bestimmte historische Prozesse exemplarisch verdeutlichen können.“ 3
Dabei „werden Konturen einer Lebensgeschichte sichtbar, die ihrerseits Verhaltensmuster eines Menschen in bestimmten Lebenssituationen zu erklären vermögen.“ 4
Lothar Steinbach, der sich u.a. auch mit methodologischen Problemen der Oral History ausei-nandergesetzt hat, charakterisiert die Zielsetzung der Oral History folgendermaßen: „Nicht Lebensläufe beliebiger Personen gilt es zu untersuchen, sondern Lebensläufe von Personen, die sich in einer ähnlichen, vergleichbaren Sozialisationssituation befanden. Der individuelle Erfah-rungshorizont kann dann zum Ausdruck von kollektiven Erfahrungen werden.“ 5
Die Sammlung von Informationen wie Daten und Fakten mittels eines Interview erweist sich als sehr problematisch. Bei einem Interview muß man sich immer der Tatsache bewußt sein, daß das Erzählte zutiefst subjektiv ist und die Erlebnisse eines einzelnen Individuums darstellt. Erinnerungsinterviews können höchstens insoweit zur Gewinnung von ‘Tatsacheninformationen’ herangezogen werden, als
2 Lothar Steinbach: Lebenslauf, Sozialisation und ‘erinnerte Geschichte’; in: NIETHAMMER 1985, S. 393-435. Hier zitiert: S. 430
3 Ronald J. Grele: Ziellose Bewegung - Methodologische und theoretische Probleme der Oral History; in: NIETHAMMER 1985, S. 195-220. Hier zitiert: S. 200
4 Steinbach in NIETHAMMER 1985, S. 396
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über andere Wege keinerlei Material über bestimmte Sachverhalte zu erhalten ist, z.B. weil es sich um vernachlässigte Bereiche der Geschichts- und Sozialgeschichtsschreibung handelt. Die Subjektivität jedoch ist gerade die Stärke der biographischen Interviews. Auf sie sollte sich die Auswertung eines Interview konzentrieren; zu Daten und Fakten, vor allem über Politik und Gesellschaft, gibt es andere, weit zuverlässigere Quellen - das subjektive Erleben eines Menschen aber kann nur er/sie selbst darstellen.
Lothar Steinbach legt Wert darauf, daß die Arbeit der Oral-History-Forschung die traditionelle Geschichtswissenschaft oder Geschichtsschreibung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen kann: „Die Interview-Methode steht lediglich ergänzend neben dem gesicherten Methodenbestand der Geisteswissenschaften. Sie stellt nur eine Verfahrensweise aus dem breiten methodologischen Spektrum der empirisch-analytischen Sozialwissenschaften dar. Sie entbindet die zeitgeschichtliche Forschungspraxis nicht von der vergleichenden Analyse jeglicher verfügbaren, quellenmäßigen Überlieferung.“ 6
Bei Berücksichtigung aller Probleme und Besonderheiten eines Oral-History-Interviews kann man die „besondere Beziehung des Individuums zu seiner Vision von Geschichte“ aufspüren. Diese ist „ein strukturelles Feld, innerhalb dessen Menschen ihre Geschichte leben, und das ihre Praxis und ihre Handlungen steuert“ 7 .
Der amerikanische Historiker Warren Susman sagt dazu, daß „die Vorstellungen von Geschichte selbst, bestimmte Formen historischer Betrachtung sowie verschiedene Einstellungen zur Geschichte
- ob nun rational verarbeitet oder nicht - stets eine tragende Rolle in einer Kultur spielen.“ 8 Dabei vertritt Susman die These, daß „es die Geschichte ist, die Ursprung, Wesen und Funktion verschiedener Organisationen sowie deren Zusammenwirken am besten erklären kann.“ 9
5 Steinbach in NIETHAMMER 1985, S. 432
6 Steinbach in NIETHAMMER 1985, S. 431
7 Grele in NIETHAMMER 1985, S. 208
8 Warren I. Susman: History and the American Intellectuals: Uses of a Usable Past, in: American Quarterly 16/2 (1964), S. 243-263, hier S. 243f.
9 ebda.
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II. Das Gedächtnis
Vor allem wenn die Interviewpartner alte Menschen sind, muß sich der Forscher auch Gedanken machen zu Problemen der Gedächtnis- und Erinnerungsleistung, muß sich über die Arbeitsweise des Gedächtnisses im klaren sein.
Um diese Probleme zu verdeutlichen, will ich ein Beispiel aus meiner eigenen Familiengeschichte anführen: Meine Großtante und mein Großonkel erlebten als Flüchtlinge aus Schlesien im Februar 1945 den ‘Dresdner Feuersturm’. Dieses Ereignis war für beide sehr traumatisch; mein Onkel war drei Tage lang verschüttet, meine Großtante kann bis heute kein Feuerwerk ertragen. Beide waren erst 1995, 50 Jahre danach, zum ersten Mal wieder in Dresden. Zu ihrer Erinnerung befragt, behaupten beide nachdrücklich, daß die offizielle Zahl von ca. 300 000 Toten weit untertrieben sei, es seien mindestens eine Million Tote gewesen, wenn nicht noch viel mehr. Man habe nur, als man dann die Zahl der Toten einigermaßen schätzen konnte, angesichts des Kriegsendes die Engländer nicht in ein noch schlechteres Licht rücken wollen und daher die ersten Schätzungen nie mehr nach oben korrigiert.
Nun stellt sich die Frage, wessen Angaben richtig sind: die Angaben der Zeitzeugen, die dabei gewesen sind, oder die offiziellen Angaben. Wie schon gesagt war der Angriff auf Dresden ein traumatisches Erlebnis und so könnte er sich in der Erinnerung zu etwas so extrem Furchtbaren verdichtet haben, daß die Zahl von 300 000 Toten dem nicht zu entsprechen scheint, also „müssen es mehr gewesen sein“. Andererseits ist auch das Argument der ‘Alliierten-freundlichen’ offiziellen Schätzung logisch nachvollziehbar, und so steht man mit der Frage, wessen Wahrheit nun die ‘richtige’ ist, wieder allein da...
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II. 1 Das ‘kollektive’ und das ‘individuelle’ Gedächtnis 10
II. 1.1 Das ‘autobiographische’ Gedächtnis
Man muß sich darüber klarwerden, daß das individuelle, ‘autobiographische’ Gedächtnis nicht wie eine Kamera funktioniert, die einfach nur registriert, was das Individuum erlebt. Vielmehr ist schon die Aufnahme eines Ereignisses in hohem Maße durch die Kontextsituation, in der eine Person dieses Ereignis erlebt, geprägt. Verschiedene Personen, die am gleichen Ereignis teilhaben, werden sich in der Wiedergabe ihrer Erinnerungen auf ganz unterschiedliche Details, Aspekte und Momente des Geschehens besinnen. Demzufolge kann man festhalten, daß Erinnerung selektiv funktioniert - Erinnerung kann niemals objektiv sein.
Die Ereignisse und Abschnitte im Leben eines Einzelnen werden unterschiedlich ausgeprägt im Gedächtnis bleiben. Einige Jahre werden vielleicht völlig in Vergessenheit geraten; andere, vielleicht nur kurzzeitige Erfahrungen, werden dagegen einen ungleich größeren Stellenwert haben. Ein fiktives Beispiel: die Zerstörung des Hauses im Krieg wird für eine Person ein zentrales Ereignis in ihrem Leben darstellen. Für eine andere Person, in deren Biographie sich an die Zerstörung des Hauses eine dramatische Flucht mir vielen Entbehrungen anschloß, wird die Zerstörung des Hauses angesichts der folgenden Ereignisse wahrscheinlich eher nebensächlich sein. Die nachfolgenden und vorhergehenden Ereignisse beeinflussen also die Wertung eines Erlebnisses im Gedächtnis des Individuums. Erst der Blickwinkel gibt dem Erinnerten seine Bedeutung.
Folglich muß „zwischen zwei Objektivitätsebenen unterschieden werden: einmal dem Objektivitätsgrad in der einfachen Beschreibung der Tatsachen (und auch der Handlungen, was weitaus problematischer ist), dann aber auch dem Grad von Objektivität bei der Wiederherstellung des Blickwinkels. Dieser aber ändert sich mit der gelebten Erfahrung.“ 11
Die Darstellung von geschichtlichen Ereignissen in den Medien und der offiziellen Geschichtsschreibung wird ebenso ohne Zweifel die Erinnerung des Einzelnen an dieses Ereignis beeinflussen. Je weniger persönliche Erinnerungen jemand an das Ereignis hat, desto mehr wird seine Darstellung des Ereignisses die offizielle Version beinhalten, auch wenn er glaubt, daß das seine ganz persönlichen Erinnerungen sind.
10 vgl. hierzu Daniel Bertaux und Isabelle Bertaux-Wiame: Autobiographisches und kollektives Gedächtnis; in: NIETHAMMER 1985, S. 146-165.
11 Bertaux/ Bertaux-Wiame in NIETHAMMER 1985, S. 151.
Quote paper:
Jutta Faehndrich, 1987, "Oral History" in Theorie und Praxis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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