Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Ästhet in seiner Umwelt. 4
2.1. Spinell in Gegenüberstellung mit Klöterjahn 4
2.2. Spinell in Gegenüberstellung mit Gabriele. 8
2.2.1. Gabriele als beliebter Frauentyp der Jahrhundertwende 8
2.2.2. Spinell als lebensfeindlicher Verführer 10
2.3. Der junge Klöterjahn - Spinells Lebensflucht. 14
3. Karikatur des dekadenten Ästheten. 15
4. Schlussfolgerung 18
5. Literaturverzeichnis. 20
2
1. Einleitung
Durch das in den Mittelpunkt dieser Arbeit gestellte Werk, „Tristan“, versuchte Thomas Mann 1901 die Gestalten der keltischen Sage von Tristan und Isolde wieder zu beleben. Dabei griff er nicht nach dem höfischen Epos Gottfried von Straßburgs, sondern bediente sich der rauschhaft-romantischen Oper Richard Wagners, dessen Kenntnis damals seiner Meinung nach ein unerlässlicher Teil der bürgerlichen Bildung war.
Thomas Mann jedoch blickte nicht nach dem mittelalterlichen Irland, sondern versetzte die Handlung ins wilhelminische Deutschland, wo sich eine „zu Sentimentalität und Kitsch neigende Variante“ 1 der internationalen Kunstbewegung entwickelt hatte, und zog den tugendhaften Tristan in das makabre Kleid des Fin de Siècles 2 um. Durch die Nachahmung des Wagnerschen „Tristan“ setzte er sich daher nicht nur mit Wagners Oper, sondern mit der modernen Kunstauffassung auseinander. Thomas Mann brachte die überschriebenen Satzfragmente in den verzerrten zeitgeschichtlichen Kontext, mischte das Ernste und das Komische, das Komische und das Grausige und schuf damit eine vielfache Parodie. Die vorliegende Arbeit will nun versuchen, Thomas Manns Parodie auf einen stilisierten Fin-de-Siècle-Künstlertyp und dessen Verkörperung, Detlev Spinell, sichtbar zu machen. Mein Hauptaugenmerk richtet sich deshalb auf die Maßstäbe und Erscheinungsformen dieser Epoche, von der sich Thomas Mann zu distanzieren versuchte. Um Spinells Benehmen als Folge dieser Weltanschauung aufzeigen zu können, wird Spinell zunächst den anderen Figuren der Novelle gegenübergestellt: den Mitgliedern der Familie Klöterjahn. Erst danach bietet sich die Identifizierung der einseitigen ästhetischen Haltung Spinells als ein unbezweifelbares Kennzeichen der Dekadenz, des eigentlichen Objekts der Parodie, an.
1 Hajek, Edelgard: Literarischer Jugendstil: Vergleichende Studien zur Dichtung und Malerei um 1900. Hg. v. Klaus
Günther Just, Leo Kreutzer und Jochen Vogt. Düsseldorf 1971, S.10.
2 Vgl. Mann, Thomas: Zit. nach: Reinhild Schwede: Wilhelminische Neuromantik- Flucht oder Zuflucht?
Ästhetizistischer, exotistischer und provinzialisches Eskapismus im Werk Hauptmanns, Hesses und der Brüder Mann
um 1900. Frankfurt am Main 1987, S.76.
3
2. Ästhet in seiner Umwelt
2.1. Spinell in Gegenüberstellung mit Klöterjahn
Der Mannsche Tristan ist also aus dem mittelalterlichen Boden ins Deutschland der Jahrhundertwende entführt worden. Die „Tristan und Isolde“ - Geschichte läuft in einem Sanatorium, dessen Bequemlichkeit und Reichtum sich nicht viel von der Prächtigkeit der mittelalterlichen Schlösser unterscheiden. Hier lernt Spinell seine Isolde, die schöne, lungenkranke Gabriele, kennen. Die Tatsache, dass sie mit einem lauten, groben Mann, namens Klöterjahn, verheiratet ist, verbannt Spinell aus seinem Bewusstsein: „„Wie heißt der Mann?“ fragte Herr Spinell... „Klöterjahn heißen sie!“ Sagte Doktor Leander [...]“ 3
Spinells Rivale wird als „mittelgroß, breit, stark und kurzbeinig“ 4 vorgestellt. In der plumpen Figur und dem roten, vollen Gesicht spiegelt sich seine außerordentliche Gesundheit wieder. Seinen überaus guten Appetit kann sogar die Sorge um Gabrieles Gesundheit nicht verderben. In der Novelle gibt es keine Stelle, wo Klöterjahn erscheint, ohne dass er eine Menge Kaffee und Buttersemmeln genießerisch verzehrt. Der Emporkömmling von der Norddeutschküste hat sich durch seine unermüdliche Arbeit einen großen Ruf des „Großkaufmann[s] Klöterjahn -Firma A.C. Klöterahn & Comp“ 5 erworben. Wenn es im ersten Augenblick scheint, dass der Erzähler mit Sympathie seinen englischen Backenbart, Kleidung und durch englische Floskeln durchsetztes Sprechen beschreibt, folgt immer seine ironische Distanzierung: „Langsam, Gabriele, take care, mein Engel, und halte den Mund zu“, hatte Herr Klöterjahn gesagt, [...] und dieses „take care“ musste zärtlichen und zitternden Herzens jedermann innerlich einstimmen, der sie erblickte, - wenn auch nicht zu leugnen ist, dass Herr Klöterjahn es anstandslos auf deutsch hätte sagen können.“ 6 Die Früchte seiner Tätigkeit, sein blühendes Geschäft und sein ungewöhnlich gesunder und lebendiger Sohn, sind für jeden sichtbar. Um sein Ansehen nicht zu gefährden, muss sich Klöterjahn auf Verschwendung und Müßiggang für immer verzichten. Er hat kein Interesse und Verständnis für die Kunst, die keinen Zweck hat. Für ihn ist es wichtig nur das, was notwendig und nützlich ist. Er will im Sanatorium nicht länger bleiben, wenn es dazu keine Notwendigkeit besteht. Klöterjahn vermindert den Ernst von
3 Mann, Thomas: Tristan. In: Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden. Bd.1. Darmstadt 1987, S.247
4 ebd., S.243.
5 Hajek, Edelgard, a.a.O., S.238.
6 Mann, Thomas, a.a.O., S.239.
4
Gabrieles Krankheit, indem er sich naiv am Wort „Luftröhre“ festhält, das auf ihn „eine überraschend tröstliche, beruhigende, fast erheiternde Wirkung [...] ausübte“ 7 . Da in seinem Bewusstsein Gabriele an der Luftröhre leidet, kann sich Klöterjahn ruhig seinem Handel widmen. Seine Naivität und Dummheit schaden nicht seiner Wertschätzung in der bürgerlichen Gesellschaft.
Klöterjahns übermäßige Vitalität grenzt sich mit der leidenschaftlichen Begierde: Wenn ihn sein Kind und Geschäft nicht in Anspruch nehmen, muss er sich anderer „irdischen Freuden“ bedienen, was er „an jenem Abend“ bewies, „als [...] ein Schriftsteller [...] ihn auf dem Korridor in ziemlich unerlaubter Weise mit einem Stubenmädchen scherzen sah.“ 8
Die Rolle des Tristan übernimmt ein merkwürdiger Brünetter „am Anfang der Dreißiger“ 9 mit grauen Haaren an den Schläfen, gedrungener Nase, großen, kariösen Zähnen und umfangreichen Füßen. Wegen seines noch immer knabenhaften und unentwickelten Gesichts wird Spinell ironisch von einem Sanatoriumsgast „der verweste Säugling“ 10 genannt. Der Wagnersche strahlende Tenor lässt sich in der milden und angenehmen Stimme von Spinell erkennen. Statt der ritterlichen Künste wird der Schriftsteller nach dem exzentrischen Fin-de-Siècle-Geschmack erzogen. Im Gegensatz zu Wagnerschen Tristan kämpft Spinell nicht für seinen Herrn sondern für sich und seinesgleichen „unnütze[n] Geschöpfe“ 11 . Er hasst das Bürgerliche, weil das Bürgerliche naiv, gewöhnlich und nützlich ist.
Der Zweck seines Aufenthalts im Sanatorium ist keine Kur, sondern der Stil des Sanatoriums, denn „„Einfried“ ist ganz empire [...]“, „zwischen diesen geradlinigen Tischen, Sesseln und Draperien“ 12 wurde sein Inneres gereinigt und restauriert. Das einzige Kunstwerk des Schriftstellers, ein Roman „mit einer vollkommen verwirrenden Umschlagzeichnung versehen und gedruckt auf einer Art von Kaffeesiebpapier mit Buchstaben, von denen ein jeder aussah wie eine gotische Kathedrale“ 13 , liegt immer aufgeschlagen in seinem Zimmer, als wäre er ein wichtiger, dekorativer Teil des Interieurs. Spinell bekommt jedoch keinen Besuch, der seinen „wertvollen Ausstellungsgegenstand“ bewundern könnte, denn er schließt mit keinem Freundschaft.
7 ebd., S.242.
8 ebd., S.243.
9 ebd., S.244.
10 ebd. S.244.
11 ebd., S.250.
12 ebd., S.249.
13 ebd., S.245.
5
Unter seiner künstlerischen Arbeit versteht Spinell noch das tägliche Schreiben und die Versendung der Briefe, auf die jedoch keine Antwort erfolgt. Wie sein Roman, den niemand außer ihm bewundert, finden auch seine Briefe keine Reaktion der Empfänger. Wir haben die Möglichkeit, den Einblick in seine Briefkunst zu bekommen, aber darauf werde ich später eingehen.
In Opposition zu Klöterjahns Vitalität und Potenz steht Spinnels anorganische und sterile Existenz 14 , die der Erzähler andeutet, indem er seinen Namen als Name „irgendeines Minerals oder Edelsteins“ 15 beschreibt. In der Novelle gibt es zwar keinen expliziten Beweis dafür, dass Spinell impotent oder unfruchtbar sein könnte, dennoch spricht sein ganzes Benehmen dafür. Wenn er Gabriele verführt, erhofft er sich nicht einmal Liebe oder Befriedigung seiner erotischen Neigung, wie vielleicht zu erwarten wäre, sondern genügt sich mit dem Schwelgen in dem schönen und wirklichkeitsfernen Bild. Das kommt besonders zum Ausdruck, wenn er Gabriele von seiner Einbildungskraft erzählt:
„Ich habe die Dame im Vorübergehen nur mit einem halbe Blicke gestreift, ich habe sie in Wirklichkeit nicht gesehen. Aber der vermischte Schatten von ihr, den ich empfing, hat genügt, meine Phantasie anzuregen und mich ein Bild mit vornehmen lassen, das schön ist...Gott es ist schön!“ 16
Seine Triebe werden auch nicht durch das künstlerische Schaffen sublimiert, weil Spinell in Wirklichkeit kein Schöpfer ist, und wie später bewiesen wird, kein Künstler. Seine schöpferische Begabung beschränkt sich auf nur oben beschriebenen Buch und zahlreiche Briefe, was der Erzähler bis zur Abgedroschenheit wiederholt. Aus der Gegenüberstellung mit Köterjahn lässt sich ein uraltes dialektisches Prinzip erkennen, das um die Jahrhundertwende besonders aktuell war: das Geist-Leben-Prinzip. Um dieses Prinzip gründlich zu bearbeiten, nutzt Thomas Mann alle seine möglichen Varianten: Detlev Spinell und Klöterjahn sind nicht nur durch ihre gesellschaftlichen Rollen entgegengesetzt, sondern allegorisieren durch den Dualismus von Kunst und Leben, von Anorganischen und Organischen, von Dekadenz und Vitalität, von Nacht und Tag 17 diese entgegengesetzten uralten Prinzipien. Die beiden Charaktere werden dadurch ins Extreme gezogen, so dass diese kaum noch menschlich wirken.
14 Vgl. Dittmann, Ulrich: Thomas Mann: Tristan: Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1999, S. 9
15 Mann, Thomas, a.a.O., S.238.
16 ebd., S.252.
17 Vgl. Hajek, Edelgard, a.a.O., S.54.
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Ivana Spasic, 2003, Detlev Spinell als Parodie auf den Künstler des Ästhetizismus, München, GRIN Verlag GmbH
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