Gliederung
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis IV
1. Problemstellung 1
2. Die Auswirkungen der neuen Informations-
und Kommunikationstechnologien auf das Musikgeschäft 3
2.1 Die Co-Produktion von Haushalten und Unternehmen 3
2.2 Effizienzgewinne durch die Reorganisation der Aufgabenteilung 8
2.3 Neue Angebote als Reaktion auf Abwanderung und Widerspruch 11
2.4 Die Folgen der Prozessinnovation für Produktinnovationen 13
3. Die Überwindung der „Kostenlos-Kultur“ 22
3.1 Die Entstehung des Peer-to-Peer Musiktausches 22
3.2 Napster im Kreislaufmodell der Kultur 25
3.3 Die Strategien der Musikindustrie zur Regulierung von Napster 33
4. Preissetzung bei kopierbaren Informationsgütern 39
4.1 Die Nachfrage nach Originalen und Kopien 39
4.2 Oligopolistische Preissetzung 47
4.3 Die Preissetzung eines monopolistischen Multiproduktunternehmens 57
5. Ausblick 62
Literaturverzeichnis V
II
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildung 2.1: Phonoline
Abbildung 3.1: Napster vs. P2P-Modell
Abbildung 3.2: Kreislaufmodell der Kultur
Tabelle 4.1: Nettonutzen, wenn Gut i nicht gekauft wird
Abbildung 4.1: Individuelle Limit-Preissetzung
Abbildung 4.2: Preissetzung eines
monopolistischen Multiproduktunternehmens
III
Abkürzungsverzeichnis
B2C Business-to-Consumer
BPI The British Phonographic Industry
bzw. beziehungsweise
CD Compact Disc d. h. das heißt
DRM Digital Rights Management DSL Digital Subscriber Line
DVD Digital Versatile Disk f. folgende
FFA Filmförderungsanstalt GEMA Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische
Vervielfältigungsrechte GfK Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung
GPL General Public License IFPI International Federation of the Phonographic Industry
Inc. Incorporated Company Mio. Millionen
MP3 Moving Picture Experts Group Audio-Layer-3 MPEG 4 Moving Picture Experts Group - Type 4
o. ä. oder ähnlich(es) o. V. ohne Verfasser
P2P Peer-to-Peer PC Personal Computer
s. siehe S. Seite
SACD Super Audio Compact Disc
SDMI Secure Digital Music Initiative u. d. N. unter der Nebenbedingung
usw. und so weiter vgl. vergleiche
vs. versus WAV Wave
WIPO World Intellectual Property Organisation z. B. zum Beispiel
IV
1. Problemstellung
Der Konsum von Musik ist seit Jahren unverändert die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Deutschen, vier von zehn Bundesbürgern geben 1992 und 2002 „Musik hören“ als ihr Lieblingshobby an (vgl. Institut der deutschen Wirtschaft 2003, S. 1). Der Tonträgerumsatz in Deutschland ist dagegen seit 1997 um nominal 25,5% eingebrochen (vgl. Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft 2003a, S. 15). Vertreter der Musikindustrie begründen diesen massiven Umsatzeinbruch vor allem mit der Nutzung des kostenlosen Musiktausches in Peer-to-Peer-Börsen 1 (P2P) im Internet in Verbindung mit der zunehmenden Verbreitung von CD-Brennern.
Musik ist ein Informationsgut und kann wie Börsenkurse, Bücher oder Filme digitalisiert werden (vgl. Shapiro / Varian 1999, S. 3). Bei der Produktion von Informationsgütern fallen meist hohe Fixkosten und geringe, oft zu vernachlässigende marginale Kosten an, was eine Nichtrivalität im Konsum impliziert. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien verstärken zudem das Problem der Nichtausschließbarkeit vom Konsum, da sie die Verbreitung und Reproduktion der Musik in hoher Qualität ermöglichen. In Verbindung mit einem mangelnden Unrechtsbewusstsein vieler Konsumenten kommt es dadurch zu massenhaften Urheberrechtsverletzungen im Internet.
Im Internet existieren verschiedene Erscheinungsformen von Musik (vgl. Zapf 2002, S. 4-6). Dazu zählt beispielsweise die Untermalung eines Internetangebots mit Musik, ähnlich der Hintergrundmusik in einem Kaufhaus. Eine andere Erscheinungsform ist das Internetradio, wobei es sich wie bei einem herkömmlichen Radio um ein Zugriffssystem handelt, bei dem der Nutzer auf ein im Internet übertragenes, festgelegtes Programm zurückgreift und keinen Einfluss auf den Programmablauf hat. Die wichtigste Quelle für Musik aus dem Internet sind allerdings so genannte Abrufsysteme, bei denen der Nutzer bestimmte Inhalte jederzeit unabhängig von einem Programmablauf abrufen kann. Abrufsysteme stellen den stärksten Eingriff in das Urheberrecht der Musikschaffenden dar, da die Konsumenten das Werk durch das Herunterladen der Musikdatei dauerhaft in digitaler Qualität erhalten.
1 Peer-to-Peer-Börsen sind Netzwerke Gleichberechtigter (Peers) im Internet, die sich wechselseitig
Ressourcen wie beispielsweise Musiktitel zur Verfügung stellen. Auf eine zentrale Koordination wird
dabei verzichtet (vgl. Schoder / Schmitt / Fischbach 2003, S. 1186-1191; s. auch Abbildung 3.1).
1
Der frühere technologische Wandel im Musikmarkt wurde von den Tonträgerherstellern gezielt gesteuert, z. B. beim Übergang von der Vinylplatte zur CD (vgl. Kurp / Hauschild / Wiese 2002, S. 94). In den letzten Jahren geben dagegen marktexterne Akteure die Verbreitung technologischer Veränderungen vor, welche die Musikindustrie unmittelbar betreffen. Die Etablierung des offenen MP3-Standards 2 und die Musikpiraterie, die dadurch ermöglicht wird, zwingen die Musikindustrie daher, Business-to-Consumer-Strategien (B2C) für das Internet zu entwickeln (vgl. Easley / Michel / Devaraj 2003, S. 95).
Dabei ist umstritten, ob die Etablierung eines kostenpflichtigen Angebots von Musik im Internet wünschenswert ist, oder ob der freie Austausch von Musik als Ausdruck von Informations- und Meinungsfreiheit die Zukunft künstlerischer Freiheit ohne die kommerziellen Zwänge der Musikindustrie darstellt. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob und wie es zum jetzigen Zeitpunkt noch möglich ist, ein kostenpflichtiges Musikangebot im Internet zu implementieren. Hat mit Napster 3 der Untergang der Musikindustrie begonnen, oder bieten die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien die „größte Wachstumschance (...) seit Einführung der Compact Disc“ (Peter Jamieson, BPI, zitiert in: Schmidt 2003)?
Um diese Fragen zu beantworten, wird im zweiten Kapitel analysiert, welche Konsequenzen die Verbreitung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien für die Musikindustrie und den Innovationsprozess hat. Im dritten Kapitel wird Napster als Ursprung der „Philosophie der Unentgeltlichkeit“ (Zapf 2002, S. 2) im Musikkonsum vorgestellt und abgeleitet, wie die „Kostenlos-Kultur“ überwunden werden kann. Im vierten Kapitel werden daraufhin drei unterschiedliche Preissetzungsstrategien auf ihre Durchsetzbarkeit hin überprüft, unter besonderer Beachtung der Auswirkungen eines kartellähnlichen Gesamtangebots der Musikindustrie auf den Preissetzungsspielraum.
2 MP3 ist ein Datenkomprimierungsverfahren.
3 Napster war das Unternehmen, das die gleichnamige Software zum Auffinden von Musikdateien auf den
PCs anderer Napster-Nutzer entwickelt hat, und damit der Pionier unter den Peer-to-Peer-Systemen zum
kostenlosen Austausch von Musikdateien war.
2
2. Die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf das Musikgeschäft
„Yet thanks to the new technology,
we can be assured that the potential for creation, for enjoyment,
and for use of music has never been greater.”
(Vogel 1998, S.153)
2.1 Die Co-Produktion von Haushalten und Unternehmen
Im zweiten Kapitel werden die Konsequenzen der Verbreitung der neuen Informations-und Kommunikationstechnologien aus verschiedenen Perspektiven untersucht. In den ersten beiden Abschnitten werden die Auswirkungen auf die Verteilung der Produktionsaufgaben zwischen Haushalt und Unternehmen am Beispiel Musik erörtert. Durch die Anwendung des Haushaltsmodells von Becker (vgl. Becker 1965, S. 493-517) lassen sich die potentiellen Effizienzgewinne durch die Nutzung der neuen Technologien durch Haushalte und Unternehmen zeigen. Im dritten Abschnitt werden die Reaktionsweisen der Konsumenten auf eine Leistungsverschlechterung der Unternehmen in Form von Abwanderung und Widerspruch dargelegt, die durch die neuen Technologien ermöglicht werden. Dabei wird gezeigt, unter welchen Bedingungen dies als Gesundungsmechanismus für die Unternehmen funktionieren und zu neuen Strategien führen kann (vgl. Hirschman 1974). Im vierten Abschnitt des zweiten Kapitels wird die Bedeutung der Urheberrechte für den Innovationsprozess in der Musik erläutert. Dabei werden Auswirkungen der neuen Technologien auf die Allokation der Urheberrechte zwischen Künstlern und Tonträgerherstellern (vgl. Regner 2002, S. 104-117) analysiert, und inwiefern eine Gefahr für die Musikwirtschaft und für Produktinnovationen in Form neuer Musiktitel besteht.
Der Grad der Arbeitsteilung zwischen Unternehmen und Haushalt hat sich, angefangen mit der industriellen Revolution, ständig geändert. Technischer Fortschritt hat dazu geführt, dass der Produktionsprozess von den Haushalten in die Unternehmen verlagert wurde, z. B. um Skalenerträge auszunutzen (vgl. Buchheim 1994, S. 11-40). Mit der Entstehung der Service-Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Verteilung der Arbeit wieder stärker in Richtung Haushalt. Durch organisationale Innovationen wie Selbstbedienung an Tankstellen, in Supermärkten
3
oder Restaurants wurde unproduktive Wartezeit in produktive Zeit umgewandelt, wodurch Kostensteigerungen im Service-Sektor gebremst wurden.
Die Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien hat die Beteiligung des Haushalts am Produktionsprozess weiter gewandelt und erweitert. So verfügen in Deutschland im Jahr 2003 56,2% der Bevölkerung über einen Internetzugang, etwa ein Viertel davon sind leistungsfähige Breitband-, DSL- oder Kabel-Zugänge (vgl. Filmförderungsanstalt 2003, S. 28). 51,1% der Haushalte in Deutschland haben zudem mittlerweile Zugriff auf einen CD-Brenner. Im Jahr 2002 wurden damit 515 Mio. CD-Rohlinge gebrannt, davon 259 Mio. Stück mit Musik (vgl. GfK-Gruppe 2003, S. 5-19). Des Weiteren wurden 622 Mio. Musiktitel aus dem Internet heruntergeladen (vgl. GfK-Gruppe 2003, S. 30).
Ein höheres reales Einkommen und ein höheres Bildungsniveau haben ferner dazu beigetragen, dass die Präferenzen der Haushalte für differenzierte und individualisierte Güter und Dienstleistungen zugenommen haben (vgl. Inglehart 1998, S. 190-197). In diesem Sinne werden als Hauptgründe für das Brennen von Musik-CDs genannt, dass die Zusammenstellung der Lieblingsmusiktitel auf einem Tonträger möglich ist, sowie dass nur einzelne Titel eines Albums gewünscht und bestimmte, nicht-kaufbare Zusammenstellungen bevorzugt werden (vgl. GfK-Gruppe 2003, S. 24f.).
Die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Arbeitsteilung zwischen Haushalten und Unternehmen lassen sich anhand der Allokation der Produktionsaufgaben vor und nach dem Durchbruch des Internets zeigen. Dabei ist allerdings nicht nur die reine Verbreitung der neuen Technologien entscheidend, sondern vielmehr dass die Informationsnetzwerke nutzbar sind, d. h. dass entsprechende Zugangsanwendungen und effiziente Suchmechanismen verfügbar sind (vgl. Simon 1997, S. 194-197), wie im Folgenden angenommen wird.
Analysiert wird die Entwicklung der Beteiligung des Haushalts an der Produktion anhand des Austauschprozesses zwischen Haushalten und Unternehmen. Der Austauschprozess hat mehrere Stufen (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 316f.). Er beginnt damit, dass der Haushalt Informationen über Güter und Dienstleistungen sammelt und Alternativen sondiert. Nach Vergleich der relevanten Alternativen kommt es zum
4
Kaufprozess, der durch Bezahlung und Lieferung abgeschlossen wird. Darauf folgt unter Umständen noch After-Sales-Service, z. B. Reparaturen oder weiterführende Beratung.
Der Haushalt wird im Folgenden nicht als passiver Nutzenmaximierer betrachtet, dessen Nutzen lediglich durch den Kauf von Gütern bestimmt wird, sondern als aktiver Nutzenmaximierer, der selber produziert und investiert (vgl. Stigler / Becker 1977, S. 77). Der Haushalt nutzt die Marktgüter i q , Elemente des Vektors q, als Inputfaktoren in
seine Produktion. Diese Marktgüter umfassen sowohl physische Güter als auch Dienstleistungen. Sie gehen allerdings nicht in die Nutzenfunktion des Haushaltes ein. Statt dessen transformiert der Haushalt die Marktgüter in so genannte nutzenstiftende Güter bzw. Dienstleistungen (vgl. Becker 1965, S. 495), bezeichnet durch den Vektor s mit den Elementen j s . Um das Gut j s zu produzieren, benötigt der Haushalt die Zeit
t , ein Element des Vektors t (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 318). Die
j
Produktionsfunktion des Haushalts kann somit geschrieben werden als
( )
= . t q F s ,
j i j
Diese nutzenstiftenden Güter und Dienstleistungen j s gehen in die Nutzenfunktion des
Haushalts ein. Der Haushalt produziert nutzenstiftende Güter und maximiert gleichzeitig seinen Nutzen mit folgender Nutzenfunktion durch die optimale Kombination der Güter und Dienstleistungen (vgl. Becker 1965, S. 495):
( ) ( ) ( ) ( ) ≡ = t q U F U s U s U ,... ; ,...,...,..., .
1 I i I J
Das Modell lässt sich zusätzlich um „emotionale Effekte“ erweitern (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 318f.), d. h. der Haushalt hat direkte Präferenzen in Bezug auf die verschiedenen Produktionsaufgaben. Hierin liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Motiven der Produktion von Haushalten und Unternehmen. Ein Haushaltsmitglied übernimmt bestimmte Produktionsaufgaben wie beispielsweise die Zubereitung einer Mahlzeit nicht zwangsläufig aus Effizienzgründen, wie das bei einem Unternehmen der Fall ist, sondern weil es Spaß am Kochen hat, d. h. es generiert einen
5
positiven Nutzen aus der Produktionstätigkeit. Die Nutzenfunktion des Haushalts lässt sich daher schreiben als
( ) = t s U , ,
so dass einige Elemente des Vektors t als Freizeit im Sinne von Muße interpretiert werden können.
Die Entwicklung des Internets ermöglicht dem Haushalt durch die Schaffung völlig q die Übernahme von Tätigkeiten in neuen Bereichen. Der Fokus neuer Inputfaktoren i
liegt dabei auf neuen Alternativen für die Beschaffung von Informationsgütern durch den Haushalt. Dabei sind vier verschiedene Typen von Informationen zu unterscheiden (vgl. im Folgenden Lindbeck / Wikström 2003, S. 319f.).
Der erste Typ sind Informationen über verfügbare Produkte, sowohl bezüglich ihrer Attribute als auch ihrer Preise. Diese Informationen ermöglichen es dem Haushalt, q zu wählen. Ein Beispiel ist eine Preisliste verfügbarer CDs. geeignete Inputfaktoren i
Der zweite Informationstyp sind Informationsgüter im engeren Sinne, d. h. nicht- q ,die den Haushalt zur Produktion nutzenstiftender Güter und greifbare Inputfaktoren i
Dienstleistungen befähigen, z. B. ein Musiktitel oder ein anderer Inhalt einer CD. Ein
dritter Informationstyp ist die Information über die Produktionsfunktion ( )
t q F , , welche
dem Haushalt ermöglicht, die verschiedenen Inputfaktoren in der Produktion zu kombinieren. Als Beispiel ist die Bedienungsanleitung eines CD-Brenners zu nennen. Der vierte Typ von Informationen sind die Konsuminformationen. Diese Art von Informationen hilft dem Haushalt, die nutzenstiftenden Güter und Dienstleistungen j s
zu bewerten. Präferenzen werden durch soziale Interaktion zwischen Haushalten
( ) = t s U , modifiziert wird. Zu diesem verändert, wodurch die Nutzenfunktion
Informationstyp zählen Informationen über Musik im allgemeinen, einzelne Musikrichtungen oder Künstler.
Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen einen verbesserten Zugang zu allen vier Arten von Informationen. Das Internet stellt einen neuen Informationskanal dar, bei dem die Haushalte in einer in Bezug auf die Zeit effizienten Weise aus einer größeren Auswahl von Informationsquellen wählen können
6
(vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 320). Ein weiterer Vorteil der neuen Technologie ist, dass eine neue Form der Haushalt-zu-Haushalt-Interaktion im Sinne eines Austausches über die Eigenschaften von Erfahrungsgütern möglich ist (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 323). Informationen über Erfahrungsgüter sind ohne die Möglichkeiten des Internets nur schwer auf der Haushaltsebene zu kommunizieren, durch das Internet besteht hier die Möglichkeit einer deutlichen Senkung der Transaktionskosten und damit des Abbaus von Informationsasymmetrien (vgl. Tietzel 1988, S. 23-26). Musik ist ein typisches Erfahrungsgut. Beim Entdecken neuer Musik investieren Konsumenten viel Zeit in das Lesen von Musikzeitschriften, Radiohören, Musikfernsehen gucken oder Probehören im Handel, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen (vgl. Duchêne / Waelbroeck 2003, S. 3). In Internetforen können sich Konsumenten über neue Musik austauschen. Ferner investiert die Musikindustrie einen erheblichen Teil ihres Budgets in Werbung für neue Künstler und Alben auf Grund dessen, dass die Eigenschaften von Musik vor dem Konsum nicht bekannt sind. Das Internet ermöglicht hier einen kostengünstigeren Weg der Promotion, wenn die Konsumenten sich über Kanäle wie Peer-to-Peer-Börsen über die Musik informieren können (vgl. Duchêne / Waelbroeck 2003, S. 8-16). Durch den Austausch von Musiktiteln in Peer-to-Peer-Netzwerken wie beispielsweise KaZaA besteht die Möglichkeit, Musiktitel vor dem Kauf zu testen.
Die Unternehmen profitieren vom neuen Informationskanal außerdem durch einen besseren Zugang zu Informationen über Kunden. Es ist möglich, auf technischem Weg detaillierte Informationen über Struktur, Präferenzen, Bedürfnisse oder Ressourcen von Haushalten zu bekommen. Die Nutzung neuer Technologien durch Unternehmen ermöglicht infolgedessen die flexiblere Ausrichtung der Produktion nach individuellen Präferenzen (vgl. Milgrom / Roberts 1990, S. 511-515). Der direkte und interaktive Kontakt mit dem Haushalt erlaubt außerdem eine stärkere Kundenbindung und bietet individuelle Informationsmöglichkeiten bezüglich neuer Veröffentlichungen o. ä. (vgl. Schaber 2000, S. 34). Nicht zu vernachlässigen ist dabei allerdings die Problematik der Verletzung der Privatsphäre der Konsumenten durch Überwachungstechniken, die z. B. die Websitebesuche eines Konsumenten ohne dessen Wissen analysieren (vgl. Lessig 2001, S. 133).
7
2.2 Effizienzgewinne durch die Reorganisation der Aufgabenteilung Die durch den technischen Fortschritt verbesserten Informationsmöglichkeiten führen auf Grund von Veränderungen in der relativen Effizienz der Produktion zu einer Re-Allokation der Produktionsaufgaben zwischen Haushalten und Unternehmen. Unter
( )
= ) lassen sich vier Beachtung der Produktionsfunktion des Haushalts ( t q F s ,
j i j
Arten von möglichen Effizienzgewinnen feststellen, welche einen signifikanten Einfluss auf die Aufgabenteilung in der Produktion haben (vgl. im Folgenden Lindbeck / Wikström 2003, S. 326f.).
q ) als Inputfaktoren Als erster Punkt ist der verbesserte Zugang zu Marktgütern ( i anzuführen. Bei traditionellen physischen Tonträgern sind mehrere Musiktitel gebündelt und an den Tonträger gebunden (vgl. Hutzschenreuter 2000, S. 131). Bei der Herstellung des Tonträgers wird dabei eine musikalische Vorauswahl durch Musiker und Musikindustrie für den Haushalt getroffen. Unabhängig davon, ob der Haushalt sich für alle zuvor ausgewählten Musikstücke interessiert, muss er das ganze Album kaufen, wenn er bestimmte Musiktitel als Inputfaktoren in seine Produktionsfunktion einsetzen möchte. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien steigern hier die Produktionseffizienz, da der Haushalt infolge der Entbündelung auf diejenigen Musiktitel zurückgreifen kann, die seinen Präferenzen entsprechen.
Zudem kann das Internet die Verfügbarkeit von Musiktiteln erheblich verbessern, da im Prinzip „unbegrenzter Regalplatz“ vorhanden ist. Informationsgüter können demzufolge zu relativ geringen Kosten bereitgestellt werden. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, Musiktitel im Internet anzubieten, die im traditionellen Tonträgerhandel nicht mehr erhältlich sind (vgl. Schaber 2000, S. 32). Ferner können Musiktitel auf diesem Weg z. B. von Künstlern ohne Plattenvertrag verbreitet werden, für welche die Veröffentlichung ihrer Musik auf einem herkömmlichen Tonträger aus finanziellen Gründen nicht möglich ist (vgl. Pfahl 2001). Der Haushalt hat auf Grund der größeren Auswahl bessere Chancen, seinen Präferenzen entsprechende Musiktitel zur Produktion nutzenstiftender Güter einzusetzen.
Die zweite Form von Effizienzgewinnen wird über Preisvergleichsmöglichkeiten realisiert. Der Haushalt ist nicht mehr an die Preisvorgaben lokaler Händler gebunden, sondern kann im Internet meist Inputfaktoren zu günstigeren Preisen finden. Vor allem
8
im Bereich der Musik ist dieser Faktor bisher der wesentliche Antrieb für Veränderung. Abgesehen von Verbindungskosten ist der Vorteil in pekuniärer Sicht immens, da Musiktitel in Peer-to-Peer-Börsen zum Preis von Null angeboten werden. Die Möglichkeit des Downloads von Musik aus dem Internet senkt daher die Kosten des Musikkonsums, wodurch der Haushalt in der Regel mehr Musik konsumiert 4 .
Der dritte Punkt ist die Anwendung einer effizienteren Produktionstechnologie, d. h.
einer besseren Funktion ( )
F , . Verbesserungen der Produktionstechnologie werden t q
j i j
zum einen durch die technische Verbesserung von Computern und Internetzugängen erzielt, zum anderen durch spezifische Anwendungen und Systeme, wie z. B. Peer-to-Peer-Software oder Suchmaschinen. Auch die Einführung von tragbaren MP3-Abspielgeräten oder MP3-fähigen Autoradios optimiert den Produktionsprozess des Haushalts und ermöglicht eine flexiblere Nutzung der Inputfaktoren.
Viertens ist die Zeitersparnis oder die Nutzung von Zeit mit geringeren Opportunitätskosten eine Quelle für Effizienzgewinne, die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht wird. Bei der Beschaffung von Musiktiteln aus dem Internet spielt die Nutzung von Zeit mit geringeren Opportunitätskosten eine wichtige Rolle, da Musik im Internet jederzeit zur Verfügung steht und auch in ansonsten nicht produktiv genutzter Zeit heruntergeladen werden kann. Der Haushalt ist zudem nicht länger auf die Ladenöffnungszeiten des traditionellen Handels angewiesen.
Zusätzlich zu den potentiellen Effizienzgewinnen werden mit der Nutzenfunktion
( )
t s U , emotionale Effekte des Haushalts bezüglich der Produktionsaufgaben berücksichtigt (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 327). Manche Individuen genießen die Nutzung des neuen Informationskanals, unabhängig von finanziellen oder zeitlichen Gründen. Auch bei der Nutzung von Peer-to-Peer-Technologien zum Tausch von Musiktiteln im Internet spielt das hedonistische Motiv eine wichtige Rolle (vgl. Haug / Weber 2002, S. 87-94). Daraus folgt, dass die Haushalte Produktionsaufgaben nicht nur
4 Dieser Punkt wird bei Studien zu den Folgen des illegalen Musikdownloads meist nicht berücksichtigt,
was in Verbindung mit ebenfalls oft nicht beachteten positiven Auswirkungen des Musiktausches wie
dem Aufbau von Konsumkapital und dem dadurch ansteigenden Musikkonsum (vgl. Stigler / Becker
1977, S. 78-81) zu Überschätzungen des negativen Einflusses illegaler Downloads auf den Absatz von
Musik-CDs führt (vgl. Hui / Png 2003, S. 1-20; Liebowitz 2003, S. 1-31).
9
aus ökonomischen Gründen, im Sinne einer effizienteren Produktion, übernehmen, sondern auch aus subjektiven, emotionalen Gründen.
Durch das Zusammenspiel der oben genannten Faktoren hat der Haushalt somit starke Anreize, vom Empfänger von Musikprodukten zum Co-Produzenten des Unternehmens zu werden (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 328). Der Produktionsprozess entwickelt sich zu einer gemeinsamen Produktion, in welche die Haushalte den Faktor Arbeit einbringen, während die Unternehmen Kapital und Technologie in Form von Systemen und Anwendungen bereitstellen. Durch diese Zusammenarbeit können sowohl die Haushalte als auch die Unternehmen Aufgaben übernehmen, die vorher nicht denkbar waren. Die neuen Aufgaben, welche die Haushalte übernehmen, sind teilweise Substitute zu denen der Unternehmen, wie beispielsweise bei der Zusammenstellung und dem Brennen von CDs. Zugleich gibt es aber auch komplementäre Aufgaben zu den neuen Aufgaben der Haushalte, die von den Unternehmen übernommen werden. Als Beispiel ist die Bereitstellung von neuen Musiktiteln, Suchprogrammen oder MP3-Playern zu nennen.
Die Veränderungen auf den verschiedenen Stufen des Austauschprozesses zwischen Haushalten und Unternehmen haben dabei ein unterschiedliches Ausmaß je nach Art der betrachteten Musikprodukte (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 331f.). Hohe Effizienzgewinne werden im Falle herkömmlicher Tonträger in den ersten Stufen des Austauschprozesses erzielt, z. B. bei der Suche nach Informationen über CDs im Internet. Bei digitalisierten Musiktiteln kann es demgegenüber auf allen Stufen des Austauschprozesses zu Effizienzgewinnen kommen, da von der Informationssuche bis zur Bezahlung und Lieferung der gesamte Austauschprozess über das Internet ablaufen kann 5 . Die Voraussetzung für die Re-Allokation der Arbeitsteilung und die daraus resultierenden Steigerungen der Effizienz ist die Bereitschaft der Unternehmen, Inputfaktoren wie digitalisierte Musiktitel bereitzustellen. Die Entwicklung im Internet zeigt, dass die Unternehmen keine Alternative haben, als ein entsprechendes Angebot zu realisieren.
5 Die Bezahlung ist oft weiterhin traditionell geregelt, beispielsweise per Rechnung.
10
2.3 Neue Angebote als Reaktion auf Abwanderung und Widerspruch Abwanderung und Widerspruch sind Reaktionsweisen der Konsumenten auf einen relativen oder absoluten Leistungsabfall der Unternehmen (vgl. Hirschman 1974, S. 3-36). Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien verändern die Marktsituation und führen zu besseren Möglichkeiten der Abwanderung, d. h. der Haushalt hat mehr Alternativen und kann aus einer größeren Bandbreite von Anbietern q ) wählen. Im Fall der Musikindustrie ist die besser passende Inputfaktoren ( i
Abwanderung zu kostenlosen Musiktauschbörsen zur Zeit die entscheidende durch das Internet neu geschaffene Alternative für die Konsumenten. Der Haushalt ist folglich nicht mehr auf Inputfaktoren angewiesen, welche ihm von der Musikindustrie direkt zur Verfügung gestellt werden, sondern er kann sich die Musiktitel in Peer-to-Peer-Börsen wie KaZaA beschaffen.
Stärkerer Widerspruch, verstanden als verbesserte Kommunikation mit den Unternehmen, ermöglicht dem Haushalt ferner, auf Inputs für die Produktionsfunktion zurückzugreifen, die seinen Präferenzen stärker entsprechen (vgl. Lindbeck / Wikström 2003, S. 332-334). Verstärkter Widerspruch kann entweder durch eine direkte Kommunikation über die Websites der Unternehmen, oder z. B. in Online-Communities indirekt geschehen, durch Bewertungen von Musikalben oder die Kommunikation zwischen Konsumenten in einem Chat 6 . Hier wird der Widerspruch von vielen Konsumenten koordiniert und verbreitet.
Durch die verbesserten Bedingungen für Abwanderung und Widerspruch vergrößern die neuen Technologien demzufolge die Marktmacht der Haushalte. Abwanderung und Widerspruch können außerdem als Korrekturmechanismen für die
Leistungsverschlechterungen der Unternehmen wirken (vgl. Hirschman 1974, S. 3-36). Die Unternehmen reagieren auf Abwanderung und Widerspruch, indem sie Kosten senken, Neuerungen einführen oder eine aggressivere Marktpolitik verfolgen. Die Musikindustrie hat beispielsweise zu Beginn der Verbreitung von Peer-to-Peer-Börsen im Internet kein qualitativ hochwertiges Online-Musikangebot bezüglich Auswahl, Funktionalität und Nutzungsflexibilität zur Verfügung gestellt (vgl. van Wijk 2002, S. 9), so dass den Haushalten eine effizientere Produktion von nutzenstiftenden Musikgütern trotz der technischen Möglichkeiten verwehrt blieb. Die Entstehung von
6 Ein Chat ist ein im Internet angebotenes Kommunikationsmedium.
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Peer-to-Peer-Börsen ermöglicht dem Haushalt, zum umfangreichen und flexiblen, weil kaum kontrollierbaren, kostenlosen Angebot abzuwandern. Die Musikindustrie reagiert daher auf die Abwanderung mit technischen Neuerungen wie Phonoline. Phonoline bündelt die Angebote der fünf großen und über 100 kleiner Plattenfirmen über das Warenwirtschaftssystem Phononet, um ein umfangreiches Angebot an Musiktiteln bereitzustellen. Der Vertrieb der Musiktitel wird in verschiedene Internetangebote integriert, d. h. die Titel sind auf den Websites verschiedener Anbieter wie Kaufhäusern, TV-Sendern, Telekommunikationsunternehmen oder der Tonträgerhersteller selbst herunterzuladen (vgl. Schulz 2003).
Abbildung 2.1: Phonoline (vgl. Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft 2003b).
Neben einem neuen, leistungsfähigen Angebot werden auch aggressive Methoden wie Klagen gegen Konsumenten angewendet, die Peer-to-Peer-Systeme nutzen. Diese aggressive Geschäftspolitik wurde vermieden, bevor Abwanderung und Widerspruch zu einer Bedrohung für die Industrie wurden (vgl. Stinauer 2003, S. 35).
Damit die neue Konkurrenz durch Peer-to-Peer-Systeme als Korrekturmechanismus funktioniert, ist es für die Unternehmen allerdings entscheidend, eine Mischung aus aktiven und passiven Konsumenten zu haben (vgl. Hirschman 1974, S. 20). Aktive Konsumenten sind im Extrem permanent auf der Suche nach neuen Inputfaktoren, um ihre Nutzenfunktion zu optimieren. Im Gegensatz zu passiven Konsumenten sind sie an speziellen Musiktiteln und neuen Technologien interessiert und nutzen die Effizienzgewinne der neuen Form des Musikkonsums aus (vgl. Hirsch 1980, S. 87f.). Passive Konsumenten nutzen ebenfalls Musik zur Bedürfnisbefriedigung, zeichnen sich
12
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Jens Mennigmann, 2004, Von P2P zu B2C - Eine ökonomische Analyse der Geschäftsstrategien der Musikindustrie für das Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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