1. Einleitung
Die ernsthafte Auseinandersetzung der Geschichtswissenschaft mit dem Verhalten der eigenen Fachgebiete zur Zeit des Nationalsozialismus ist nicht sehr ausgeprägt. Entweder wird die Beschäftigung mit dieser Problematik insgesamt gemieden und das in einigen Fällen problematische Verhalten mancher Kollegen grundsätzlich ignoriert, oder es findet eine Vorverurteilung aller damaligen Historikergrößen (u.a. Helmut Berve), die in Deutschland tätig waren, statt. Da mir eine derartige Verallgemeinerung unzulässig erscheint, möchte ich mich differenzierter mit der Frage auseinandersetzen, welche Relevanz Helmut Berves Arbeiten zum Thema Sparta für die heutige wissenschaftliche Sparta-Forschung haben können.
Es gilt zum Einen zu untersuchen, ob Helmut Berve seinen Aufgaben mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise und einem methodischen Anspruch begegnet, der heutigen Normen entspricht; zum Anderen, ob sich dieser Anspruch in seinen Arbeiten tatsächlich widerspiegelt. Zusätzlich ist die politische Situation der Geschichtswissenschaft zu der Zeit als seine Werke entstanden zu beleuchten, da die Einflüsse des Umfeldes für die Arbeit eines Historikers m.E. sehr prägend sein können, bzw. der Versuch sich ihnen zu entziehen beachtet werden muß.
Deshalb soll im zweiten Kapitel eine kurze Einführung in die damalige Situation der Universitäten und speziell der Altertumswissenschaft gegeben werden, die darauf eingeht, welches Geschichtsbild in den Jahren 1933-45 gefördert und welche Beeinflussungen vom NS-Regime ausgeübt wurden.
Im dritten Kapitel findet zunächst eine Ausseinandersetzung mit der allgemeinen Geschichtsauffassung des Helmut Berve statt, so wie sie sich in etlichen seiner Artikel abzeichnet. Dabei wird das Augenmerk vornehmlich auf dem von ihm gesehenen Sinn und Zweck der Auseinandersetzung mit der Antike liegen. Der folgende Unterpunkt gibt einen kurzen Versuch der politischen Einordnung wieder, zu dem von verschiedenen Historikern verfaßte Biographien/Nekrologe herangezogen werden. Daraufhin wird der von Helmut Berve geforderte wissenschaftliche und methodische Anspruch behandelt, wobei (wie im ersten Unterkapitel 3.1) nur Selbstzeugnisse berücksichtigt werden sollen - jedoch direkter als auch indirekter Art, d.h. in Vorwörtern eigener Werke formulierten Bekundungen, sowie aus der Kritik in Rezensionen von Arbeiten anderer Historiker herauslesbare Vorstellungen. Abschließend soll auf die verschiedenen Meinungen bezüglich der Kompetenz und der wissenschaftlichen Bedeutung des Lebenswerkes des Helmut Berve eingegangen werden. Das vierte Kapitel behandelt direkt das Sparta-Bild Helmut Berves, wobei der Empfehlung Karl Christs, „Denn wie schon Berves erste Rezensenten sahen, können abstrakte Inhaltsangaben seiner ungewöhnlichen Einheit von Aussage und Beschreibung, Wertung und Form nicht gerecht werden, lediglich geschlossene Zitate einen angemessenen Eindruck der Darstellung vermitteln.“ 1 , Folge geleistet wird. Erst werden verschiedene Aussagen Helmut Berves in den diversen Aufsätzen und Rezensionen, die dieses Thema berühren, dargestellt. Dann folgt eine Zusammenfassung der Geschichte Lakedaimons, wie sie im ‘Sparta’-Buch von Helmut Berve geschildert wird. Im Folgenden wird Karl Christs Darstellung des ‘Sparta-Buches’ des Helmut Berve wiedergegeben. Dem möchte ich meine eigene Auffassung gegenüberstellen, indem ich die Kritikpunkte Karl Christs hinterfrage und genauer auf Helmut Berves Umgang mit kritischen Quellenfragen und seine Art der Auseinandersetzung mit den Problemen der lakedaimonischen Gesellschaft eingehe.
CHRIST I, S. 142 1
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Im Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengestellt und daraus abgeleitet, inwieweit die Nutzung der Werke des Helmut Berve bei der Bearbeitung von Fragen zur Geschichte Spartas sinnvoll sein kann. Zur Bearbeitung dieser Aufgabenstellung werde ich - im Hinblick auf das Thema sicherlich verständlich - keine antiken Quellen benutzen, aber vornehmlich direkt aus den Arbeiten Helmut Berves selbst Erkenntnisse ziehen. Hinzu kommen noch Rezensionen von Helmut Berves Werken, die anläßlich seines Ablebens von anderen Historikern (A. Heuß, F. Hampl) verfaßten Nekrologe und die Arbeiten Karl Christs. Vor allem in Zusammenhang mit dem zweiten Kapitel nutze ich zudem Monographien und Aufsätze Volker Losemanns, Karin Schönwälders, Horst Möllers, Bruno Reimanns und Reinhard Kühnls. Eine genaue Aufstellung der von mir benutzten Quellen und Literatur findet sich unter Punkt 6 im Literaturverzeichnis, indem auch die Fußnotenkürzel aufgeschlüsselt werden. Den Abschluß bildetet eine Bibliographie, die eine Auswahl der Literatur zur Geschichtswissenschaft der NS-Zeit und zu Helmut Berves Leben und Werken enthält, sowie eine um Vollständigkeit bemühte Aufstellung sämtlicher Veröffentlichungen Helmut Berves. Sie wurde mit Hilfe des Fußnotenapperates der verwendeten Literatur und unter Nutzung der ‘International bibliography of historical science, Bd. 1 (1925) - Bd. 44 (1980), Waschington u.a. 1926 - 1984’ erstellt.
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2. Zur Einführung: Altertumswissenschaft zwischen 1933-1945 in Deutschland
2.1 Die ‘Selbst-Gleichschaltung’ der dt. Universitäten und das Verhalten der Professoren
Die kritische Aufarbeitung des Verhaltens der Geschichtswissenschaft zur Zeit des Nationalsozialismus ist bestenfalls als dürftig zu bezeichnen. Erst Mitte der 60er Jahre kam es - nach heftigen Forderungen von Seiten der Studentenschaft - zu einer Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex. Aber noch immer überwiegen in der geschichtlichen Selbsterforschung der deutschen Universitäten von 1933 bis 1945 Ausklammerung, Verdrängung und beschönigende Interpretation, wie es auch B. W. Reimann in seinem Aufsatz ‘Die «Selbst-Gleichschaltung» der Universitäten’ bemängelt. 2 Er sieht den Grund hierfür darin, daß die Universitäten relativ konservative Institutionen darstellen, deren Selbstbild von Verfolgung altehrwürdiger Traditionen durch realistische Betrachtung dieser Traditionen getrübt würde. 3
Die eigentliche Frage, ob es sich bei der Gleichschaltung der Universitäten unter der NS-Diktatur um eine Gleichschaltung durch Regressionsmaßnahmen des NS-Regimes oder eher um einen Akt der inneren ‘Selbst-Gleichschaltung’ handelte, ist in der Forschung heute kaum noch umstritten. Fast alle Wissenschaftler, die sich ernsthaft damit auseinandersetzten, kamen zu dem Ergebnis, daß beide Aspekte eine Rolle spielten. Es existieren verschiedene Erklärungsansätze, wie es zu der ‘Selbst-Gleichschaltung’ kam, sie unterscheiden sich jedoch hauptsächlich in Bezug auf die Gewichtung der einzelnen Faktoren. So beschreibt Horst Möller in seinem Aufsatz ‘Nationalsozialistische Wissenschaftsideologie’, wie „[d]ie Nationalsozialisten versuchten ihre
Wissenschaftsideologie mit einer ganzen Reihe organisatorischer Maßnahmen durchzusetzen“ 4 . Einige der Maßnahmen (‘Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums’ vom April 1933; die neue ‘Rehabilitationsordnung’ vom Dez. 1934) erläutert er beispielhaft und kommt im Fazit zu dem Schluß: „Daß eine ganze Reihe dieser Gängelungsmaßnahmen erfolgreich sein konnte, lag allerdings nicht ausschließlich an der Gewaltsamkeit mit der das Regime vorging, [...]. Es lag auch [unterstr. vom Verf. dieser Arbeit] daran, daß sich der Nationalsozialismus der Verführung bediente, daß ideologische Anfälligkeit in großen Teilen des Lehrkörpers, die der Weimarer Republik ablehnend bis feindlich gegenübergestanden hatten, die nationalsozialistische Revolution mit konservativer Restauration verwechselte [...].“ 5 Dem zweiten Teil würde sich Reinhard Kühnl sicherlich anschließen, da er zwar davon ausgeht, „[...] daß die meisten Historiker keine Nationalsozialisten in einem engeren parteipolitischen oder rassenideologischen Sinn gewesen sind“ 6 , aber es unzweifelhaft so ist, daß gerade die Historiker „[...] den Boden bereiten halfen, auf dem der Faschismus gedeihen konnte.“ 7 Volker Losemann dagegen verfolgt in seinem Buch ‘Nationalsozialismus und Antike’ einen anderen Gedankengang. Er versucht nachzuweisen, daß die Regressionsmaßnahmen des NS-Regimes zwar dazu führten, daß oberflächlich ihren Forderungen entsprochen ( z.B. Teilnahme an weltanschaulich-politischen Schulungen während der akademischen Laufbahn; oberflächliche Anpassung der Formulierungen und Fragestellungen der Veröffentlichungen), die Substanz der wissenschaftlichen Arbeit dadurch aber höchstens am Rande berührt wurde. 8 So findet er in den Schriften jener Zeit sowohl Ausdrucksformen im Sinne der Parolen der NS-
REIMANN, 38 2 ebd., 39 3 MÖLLER, S. 71 4 MÖLLER, S. 74 5 KÜHNL, S. 104 6 ebd., S. 104 7
LOSEMANN, S. 84 f. u. 174 ff. 8
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Geschichtsideologen, als auch „[...] Zeugnisse unbeirrten Festhaltens an den unverzichtbaren Normen wissenschaftlichen Arbeitens.“ 9 Dieses entspricht auch der Grundtendenz in Karin Schönwälders Untersuchung ‘Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus’, deren Aufgabe es daher nicht sein konnte, die Kontinuität wissenschaftlichen Forschens in Frage zu stellen, sondern die Bedeutung der damals veröffentlichen Äußerungen der Historiker für die Legitimation des nationalsozialistischen Herrschaftssystems genauer zu betrachten. 10
2.2 Das NS-Geschichtsbild und seine Auswirkungen auf die Geschichtsforschung 1933-45
Karin Schönwälder geht davon aus, daß es zur Zeit des Nationalsozialismus kein real vorhandenes Konzept - im Sinne eines logisch zusammenhängenden Systems - zur völligen inhaltlichen Neugestaltung der Geschichtswissenschaft gab. 11 Dennoch kann sie einige Charakteristika der nationalsozialistischen Geschichtsauffassung nennen, die zwar selten gemeinsam in einem Text auftreten, aber nichtsdestotrotz typisch für die Schriften jener Zeit waren: „[...] eine simplifizierende Gesamtschau der Geschichte als Entwicklung hin zum nationalsozialistischen Reich, die Betrachtung der Weltgeschichte als Lebenskampf von Rassen um Raum, die generelle Idealisierung von Kampf und Krieg, der Chauvinismus und die Hierachisierung der Völkerbeziehungen bis hin zur Auffassung von einem - bedingt durch die Rasse - unterschiedlichen bzw. erst durch Kampf zu erwerbenden Lebensrecht und des Vorranges einer deutschen ‘Herrenrasse’, die Verknüpfung des ‘Ostens’ mit Bedrohung, minderwertigen Völkern und Eroberungsraum, die Verherrlichung der Macht, des Machtstaates und der ‘Führer’ und schließlich der Voluntarismus in der Bestimmung geschichtswirksamer Kräfte.“ 12
Volker Losemann dagegen geht ausführlich auf das große Interesse Adolf Hitlers an der Antike ein, die in ‘des Führers Vorstellungswelt’ ein dauerhaftes Element darstellte und zu einer Prägung des NS-Geschichtsbildes führte. So kann man aus Adolf Hitlers Buch ‘Mein Kampf’ einiges über sein Verständnis der Kulturgeschichte erfahren, welches er durch die Geschichtswissenschaft bestätigt wissen wollte: Der Arier ist der Kulturbegründer, von dem der Anstoß zu allen kulturellen Schöpfungen ausging. Er unterwarf fremde Völker, ‘deren Menschen niederer Art’ waren, und brachte ihnen die Kultur, die immer nur geringfügig an die Verhältnisse des gerade eroberten Gebietes angepaßt wurde, und so zumindest im Wesentlichen erhalten blieb. Zum Niedergang der Kulturen kam es erst, wenn die Eroberer nachlässig in der Unterscheidung zwischen sich und den Unterworfenen wurden und so eine Vermischung eintrat. ‘Reinhaltung des Blutes’ war also die Hauptvoraussetzung für das Bestehen eines Reiches. 13 An anderer Stelle stellt Volker Losemann dar, wie unbrauchbar diese ‘Lehren der Antike’ - welche zudem schon Hitler, Rosenberg und Himmler in uneinheitlicher Weise erkannten - für ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen waren. Seiner Meinung nach begnügten sich die Wissenschaftler z.gr.T. daher mit eindeutigen Bekenntnissen zum Nationalsozialismus in ihren repräsentativen Auftritten, während ihre Arbeiten, abgesehen von der Übertragung grobmaschiger Interpretationsmuster der NS-Ideologie, größtenteils unbeeinflußt blieben. 14
LOSEMANN, S. 178 9 SCHÖNWÄLDER, S. 82 10 ebd., S. 82 11 SCHÖNWÄLDER, S. 81 12 LOSEMANN, S. 18 13 ebd., S.174 ff. 14
5
3. Helmut Berve
3.1 Helmut Berves Geschichtsauffassung
Helmut Berve sieht die Antike als eine ‘gemeinsame Lehmeisterin’ aller europäischen Menschen , da „[..] sie alle teilhaben an jenem abendländischen Geist, der in Hellas geboren von Rom weitergetragen und dem Westen übermittelt wurde [...]“ 15 . Seiner Meinung nach ist „[...] die Beschäftigung mit der antiken Geschichte von großem praktischen Nutzen und hohem bildenden Werte [...]“ 16 , denn „[w]ohl scheinen dem flüchtigen Blick andere historische Bezirke gegenwartsnäher, doch gewahrt das tiefer dringende Auge bald, daß keine Periode der Geschichte so klar und reich einer jeden Zeit auf ihre großen Lebensfragen Antwort zu geben vermag wie die seit anderthalb Jahrtausenden versunkene Welt der Antike, in der die Grundprobleme der europäischen Menschheit nicht bloß aufgeworfen, sondern bis zum guten oder schlimmen Ende durchgekämpft worden sind.“ 17 Auf diese Weise können wir „[...] Gleichzeitiges schauen, aber über unseren Daseinspunkt hinaus in der Zukunft seiner Entwicklung.“ 18
Mit dem reinen Schauen will sich Helmut Berve allerdings nicht zufrieden geben. Er fordert die Stärkung der humanistischen Bildung. Diese Forderung kommt vor allem in seinem Aufsatz ‘Antike und nationalsozialistischer Staat’ zum Ausdruck, in dem er zunächst aufführt, welche Werte in den Bereichen Rassegedanke, Sport, Kunst und Zucht die Antike zu bieten hat und dann zu folgendem Schluß kommt : „Echte humanistische Bildung erzieht nicht zum Individualisten, zum geistigen Privatmann, sondern zum politischen Menschen - [...] - und überhaupt zu Einordnung in Form und Gesetz. Sie erzieht, wenn sie richtig betrieben wird, zu den Tugenden, die der nationalsozialistische Staat braucht.“ 19 Die Geschichte ist für Helmut Berve folglich nicht bloßes Anschauungsmaterial, sondern nacheiferwürdiges Vorbild.
3.2 Die politische Gesinnung Helmut Berves
Die politische Gesinnung des Helmut Berve aus seinen Taten und Schriften zur Zeit des Nationalsozialismus herauszulesen, ist ein schwieriges Unterfangen, denn wie es Volker Losemann treffend ausdrückt, läßt es sich im Einzelfall nur schwer abschätzen, „[i]n welchem genauen Verhältnis hier opportunistische Überlegungen und tatsächliche Überzeugung zueinanderstehen [...].“ 20
Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen ist Alfred Heuß überzeugt, daß Helmut Berve dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber stand, aber - wie so viele andere auch - der Illusion erlag, „[...] sich und die von ihm vertretene Sache nur unter Signalisierung eines positiven Verhältnisses zu ihm [dem Nationalsozialismus] behaupten zu können“ 21 . So wurde Helmut Berve schon im April 1933 Mitglied der NSDAP 22 . Ähnliches gilt vermutlich auch für seine Unterschrift unter das ‘Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat’ 23 , welches von den meisten seiner Kollegen
BERVE A III, S. 720 15 BERVE A II, S. 259 16 BERVE W II, S. 5 17
BERVE A II, S. 258 mit Bezug auf Spengler 18 BERVE A II, S. 270 19 LOSEMANN, S. 179 20 HEUSS, S. 784 21 SCHÖNWÄLDER, S. 24 22
ebd., S. 40 (mit Bezug auf einen Beitrag von Gauobmann A.Göpfert) 23
6
unterschrieben wurde, sowie für sein Engagement im Bereich ‘Kriegseinsatz der Altertumswissenschaften’. Daß er den Rektorposten in Leipzig nicht aufgrund seiner politischen Gesinnung, sondern in Folge seiner wissenschaftlichen Arbeit erhalten haben muß, wird an Hand seiner Berufung nach München deutlich, in deren Verlauf sich die Parteiinstanzen deutlich gegen ihn als Kandidaten aussprachen. 24 Wie man den Ausführungen Alfred Heuß entnehmen kann, brachte ihn gerade das Rektorat - welches ihm so oft als Beweis seines guten Verhältnisses mit der NSDAP angelastet wird - in Konflikt mit der Partei, da er es vermochte die Leipziger Volkshochschule größtenteils von Indoktrination zu bewahren, kompetente Professoren trotz aller politischer Bedenken berief und sogar ein Kolloquium einrichtete, in dem eine für damalige Verhältnisse liberale Atmosphäre herrschte. 25 Wenn sich in Helmut Berves Veröffentlichungen etliche Passagen finden, deren Phrasen der NS-Ideologie entsprechen (z.B. „[...] der wachgewordene Rasseinstinkt unseres Volkes läßt die beiden Völker der Antike, jedes in seiner Weise, als unseres Blutes und unserer Art empfinden; er schließt sie in den Kreis seiner Wesens-verwandtschaft ein.“ 26 ; „Geistige Schulung, so wie sie heute gewollt und gebraucht wird, Z uc h t nämlich, des allzu zuchtlos gewordenen Geistes zu Klarheit, Ordnung, Haltung und Form [...]“ 27 und „Wie stets in der Geschichte hat auch hier die den traditionellen Mächten abgerungene Anteilnahme des gesamten, bewußtgewordenen Volkes am Staate aus dem Volk, [...], eine Nation gemacht“ 28 ), kann es sich dabei durchaus um die Reaktion eines übervorsichtigen Wissenschaftlers auf die Zeichen seiner Zeit handeln. Ausschlaggebend für die Bestimmung seiner Gesinnung können daher nur Zeugnisse der Personen sein, die ihn persönlich kannten und keine Zweifel an seiner Integrität hatten 29 , als auch offizielle Beurteilungen von Seiten der Partei. So findet sich in den Aufzeichnungen des Kulturpolitischen Archivs folgende Äußerung zu seiner Person und Arbeit:
‘weltanschaulich nicht eindeutig und klar’ 30
3.3 Der wissenschaftliche Anspruch Helmut Berves
Helmut Berve, der eine starke Verbundenheit mit der antiken Welt der Griechen und Römer empfindet und darin eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit sieht („[...] daß der Mensch nur erkennen kann was er liebt.“ 31 ), distanziert sich deutlich von denjenigen seiner Kollegen, die versuchen die Bewegungen der Gegenwart um jeden Preis in die Entwicklungen der Antike hinein zu interpretieren („Denn es bedarf keines Beweises, daß die Beschäftigung mit Geschichte Sinn und Wert verlieren würde, wenn sie im Vergangenen nur Gegenwärtiges wiederfinden oder gar von Natur Fremdartiges dem eigenen Wesen anähneln wollte.“ 32 ) oder zu grob simplifizieren („[...] denn so einfach, daß alles Positive indogermanisch oder gar, wie man vielfach sehr unbekümmert sagt, nordisch sei, während alles andere etwa der Mittelmeerrasse angehöre, liegen die Dinge wahrlich nicht.“ 33 ).
LOSEMANN, S. 80 f. 24 HEUSS, S. 785 25 BERVE W II, S. 6 f. 26 BERVE A II, S.270 27 BERVE A I, S. 204 28 HEUSS, S. 784 29 LOSEMANN, S. 80 30
Berve-Zitat gefunden in CHRIST I, S.169 31 BERVE A III, S. 720 32 BERVE A II, S. 268 33
7
Stattdessen fordert er, daß man sich zu aktuellen Fragen und Problemen an die Geschichte wenden sollte, „[...] ohne ihr bestimmte, uns genehme Antworten in den Mund zu legen, vielmehr überzeugt, daß sie selbst sprechen muß, so wie sie wirklich war, und daß des Geschichtsforschers Aufgabe nur sein kann, sie in ihrer wahren Eigenart zum Worte kommen zu lassen.“ 34 Sein Ziel ist es, „[...] gerade deshalb, weil die Fragestellung unserer Gegenwart entstammt, nicht billig zu aktualisieren, sondern ihre geschichtliche Einmaligkeit herauszustellen [...]“. 35
Aus diesen Gründen lobt er die Versuche, die „[...] sich durch ein ernstes Streben nach tiefer Einfühlung in den Gegenstand auzeichnen und rationale Kritik mit feinem historischen Empfinden [...] verbinden“ 36 und verdammt die, die einfach vom modernen Standpunkt aus aburteilen. 37
Die Gefahr der ‘Vergewaltigung’ historischer Erscheinungen, sieht er neben der obenerwähnten ‘Modernisierung’ noch durch zwei weitere Ursachen auslösbar: Zum Einen durch vorgefaßte Meinungen, welche zu einseitigen Interpretationen der Quellen und zu wertenden Äußerungen in der Darstellung führen 38 , zum Anderen durch die gezielte Belegung allgemeingültiger Ideen durch ‘reales Geschehen’ 39 .
Während er einerseits die leichtfertige Haltung einiger seiner Kollegen in quellenkritischen Fragen kritisiert, da sie entweder Anekdoten und Mythen - ohne sie als solche zu kennzeichnen - in die Darstellung mit aufnehmen 40 oder antike Zeugnisse wahllos und ohne die gebührende Vorsicht und Auswertung benutzen 41 , rät er andererseits von allzu radikalem Skeptizismus ab. Die quellenkritische Methode für die Bearbeitung historischer Ereignisse für unerläßlich haltend, warnt er vor Übereifer, denn wirklich radikal betriebener Skeptizismus führt konsequenterweise zum Verbot jeglichen positiven Bildes. 42
Er selbst versucht die beschriebenen methodischen Fehler zu vermeiden und zudem nicht nur der Dürftigkeit der überlieferten Quellen gerecht zu werden, die leicht zu haltlosen Konstruktionen verleitet 43 , sondern auch der Tatsache, daß man bei den überlieferten antiken Zeugnissen zusätzlich den Blickwinkel der Autoren im Auge behalten sollte, der sich durch Einseitigkeit und fehlende Detailkenntnis bemerkbar macht. 44
BERVE A III, S. 720 34 BERVE W II, S. 10 35
Helmut Berve: Ehrenberg: Neugründer des Staates: Ein Beitrag zur Geschichte Spartas und Athens im VI. 36
Jahrhundert, Gnomon 1 (1925), S. 21
Helmut Berve: Forrest: A History of Sparta 950 - 192 B.C., Gnomon 44 (1972), S. 726 37 ebd. 38
Helmut Berve: Ehrenberg: Neugründer des Staates. Ein Beitrag zur Geschichte Spartas und Athens im VI. 39
Jahrhundert, Gnomon 1 (1925)
Helmut Berve: Lorenz: Alexander der Große. Bildnis eines Führers und Menschen, Gnomon 14 (1938), S. 54 40
Helmut Berve: Sieglin: Die blonden Haare der indogermanischen Völker des Altertums, Gnomon 13 (1937), 41 S. 571-573
Berve, Helmut: 1. Meier: Das Wesen der spartanischen Staatsordnung, 2. John: Vom Werden des spartanischen 42
Staatsgedankens, 3. Lüdemann: Sparta. Lebensordnung und Schicksal, 4. Roussel: Sparta, Gnomon 17 (1941), S. 2 ebd., S. 3 43 BERVE A I, S. 195 44
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Arbeit zitieren:
Andrea Dittert, 1996, Sparta - Forschung zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Untersuchung über die Relevanz der Arbeiten des Helmut Berve, München, GRIN Verlag GmbH
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