1. Vorwort
"Die Blechtrommel" von Günter Grass, heute fast unumstritten eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur, wurde nach ihrem Erscheinen im Jahr 1959 leidenschaftlich diskutiert.
Bewunderung für das künstlerische Werk auf der einen Seite, harte Vorwürfe der Pornografie und Gotteslästerei auf der anderen Seite: fast jede bedeutende und unbedeutende Zeitung und Zeitschrift nahm den Roman ins Visier: die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", ebenso wie die "Neue Apotheken-Illustrierte" oder die "Zeitschrift für Versicherungswesen", um nur einige zu nennen. So liegt es nahe, dass sich die Rezensionen ähneln und es entsteht leicht der Verdacht, einige Kritiker hätten von anderen abgeschrieben, ohne den Roman selber gelesen zu haben.
Trotzdem fiel es mir nicht leicht, eine Auswahl zu treffen. "Die Blechtrommel" bietet einigen Stoff an Kritik, und ich musste mich darauf beschränken, nur einen Teil davon herauszugreifen.
Über viele Aspekte der Kritiken könnte man eigene Arbeiten verfassen, so zum Beispiel über die Frage der Pornografie oder sogar über das Scheitern von Reich-Ranickis Kritik, doch musste ich mich im Rahmen meiner Arbeit auf das Nötigste beschränken.
Gerne wäre ich auf den zeitlichen Hintergrund näher eingegangen, dem diese Rezensionen zugrunde liegen. Auch der Fall Ziesel musste zu meinem Bedauern nahezu unerwähnt bleiben.
Die Entstehung des Werkes und die Lesung vor der "Gruppe 47" anzusprechen, erschien mir wichtig um die Bedeutung des Werkes herauszustellen und um zu zeigen, welche bedeutenden literarischen Vorbilder der Roman hat. 2. Vorgeschichte
2.1 Entstehung des Werkes und literarische Vorbilder
"Die Blechtrommel" war Günter Grass` erster Roman. Grass war zu diesem Zeitpunkt nur einem kleinen Kreis von Literaturkennern bekannt. Sein Gedichtband mit eigenen Grafiken "Die Vorzüge der Windhühner" (1956) war seine erste nennenswerte Veröffentlichung vor der "Blechtrommel". Motive, die im Roman von Bedeutung sind, finden sich auch in seinen eigenen früheren Werken wieder. So kommt in seinem Gedicht "Drei Vater unser" das Motiv der zersungenen Gläser vor.
Im Jahr 1952 sah Grass einen dreijährigen Jungen, dem eine Blechtrommel um den Hals hing. "Ihn faszinierte die selbstvergessene Verlorenheit des Dreijährigen an sein Instrument, auch wie er gleichzeitig die Erwachsenenwelt (...) ignorierte." Wesenszüge, die auch seinem späteren Helden Oskar eigen sind. Beeinflusst wurde Grass auch von der Kameraperspektive des Films "Der Dritte Mann", die dem Blick eines Kindes folgt.
Erzählerisches Vorbild war Alfred Döblin, von dem Grass die "Erzählperspektive, die Organisation großer Stoffmassen und die Darstellung gleichzeitiger Handlungen" lernte. Auch finden sich Parallelen zu Laurence Sternes Roman "Tristram Shandy", dessen Held die eigene Zeugung beschreibt, ähnlich wie Oskar, der seine Geburt bewusst miterlebt. "Ich gehöre zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muss." Er übertrumpft Tristram Shandy sogar, da er bereits die Zeugung seiner Mutter darstellt. Auch E.T.A. Hoffmann gehört mit seinem Märchen "Klein Zaches, genannt Zinnober" zu den literarischen Vorbildern der "Blechtrommel". Hier findet sich das Motiv des nicht mehr wachsenden Dreijährigen wieder. "Groß - schön - stark - verständig, ja das alles kann der Junge nun einmal nicht werden, ...", ein Irrtum, dem auch Oskars Umgebung erliegt. Andere literarische Vorbilder waren Grimms Märchen ("Rumpelstilzchen", "Der kleine Däumling"), Jean Paul ("Siebenkäs") oder Gerhart Hauptmann ("Das Meerwunder", "Michael Kramer").
1956 begann die eigentliche Arbeit an der "Blechtrommel". Grass lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie in Paris. Mehrere Manuskripte wurden von Grass verworfen, die erste erwähnenswerte Fassung war die Urtrommel. Das fertige Werk kam im November 1959 auf den Büchermarkt.
2.2 Die Lesung vor der "Gruppe 47"
Bei der "Gruppe 47" handelte es sich um einen politischen literarischen Freundeskreis, der im September 1947 erstmals zusammenkam. Ihr Vorläufer war die Zeitung "Ruf", die für Kriegsgefangene in den USA herausgebracht wurde. Mitglieder der "Gruppe 47" waren neben Grass so bekannte Autoren und Kritiker wie Siegfried Lenz, Martin Walser, Walter Jens, Heinrich Böll, Alfred Andersch, Walter Höllerer, Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Hans Magnus Enzensberger, Wolfdietrich Schnurre, Uwe Johnson oder Ilse Aichinger. Mit dem Einzug der Kritiker Mitte der 50er Jahre in die "Gruppe 47" wurde der Freundeskreis zu einem immer wichtigeren Forum für junge Schriftsteller. "Eine vernichtende Kritik kann eine kaum begonnene Autorenkarriere beenden. Erfolgreichere Debütanten hingegen sehen sich nach ihrer Darbietung von verheißungswilligen Lektoren umworben - sie werden zu einer Art Versteigerungsobjekt, das dem Meistbietenden zufällt." Ende 1958 las Grass die Kapitel 1 ("Der weite Rock") und Kapitel 34 ("Wachstum im Güterwagen") aus der "Blechtrommel" der "Gruppe 47" vor und avancierte zum Preisträger der Gruppe. Das hatte zur Folge, dass mehrere Verleger sich um den Roman rissen, um ihn zu veröffentlichen. Grass entschied sich letztendlich für den Luchterhand Verlag. 3. Zeitgenössische Kritiken
Der Roman geriet zum Verkaufsschlager. In 20 Sprachen übersetzt, wurden bis heute über drei Millionen Exemplare verkauft. Die Palette der Reaktionen reichte weit. Teilweise wurde das Buch enthusiastisch gelobt, teilweise machte sich große Empörung breit:
"Man nehme zwei Teile psychoanalytische Weisheit (gar nicht wichtig, Genaues zu wissen), füge fünf Teile eingehende und genaueste sexuelle Details hinzu, mische gut, und fülle dann auf mit `wilder und ungetümer Diktion´. Schließlich versäume man nicht, einige Tropfen Gotteslästerung und einen guten Schuß morbider und obszöner Maßlosigkeit hinzusetzen, und fertig ist der preisgekrönte Roman: `Die Blechtrommel´."
So überschreibt der hier zitierte Dr. med. H. Müller-Eckhard seine Rezension. Im nachfolgenden Kapitel werde ich einige der wichtigsten Kritiken darstellen. 3.1 Künstlerische Verehrung
Grass` Freund Hans Magnus Enzensberger, ebenfalls Mitglied der "Gruppe 47", erkannte in seiner Kritik "Wilhelm Meister auf der Blechtrommel" schon früh, dass der Erstlingsroman von Grass "Schreie der Freude und der Empörung hervorrufen" würde. Er bezeichnete das Buch als "ein Brocken, an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzehnt lang zu würgen haben" und bewies damit erstaunliche Weitsicht. Enzensberger selbst stand auf der Seite der Verehrer des Werkes. Er lobte die Genauigkeit der Erzählung und war der Ansicht, dass Grass die Begebenheiten schildert, in aller Offenheit und in aller Konsequenz. Diese "vollkommene Unbefangenheit" [mache das Werk] zu einer künstlerischen Ruhmestat (...)". Grass` Darstellung von Gewalt, von ekelerregenden Szenen (z.B. der von Aalen zerfressene Pferdekopf) und seine detaillierten Darstellungen sexueller Handlungen stünden nicht für sich selber, sondern seien Teil des künstlerischen Werks.
Auch Marcel Reich-Ranicki lobt Teile des Romans. "Wenn er eine gute Stunde hat, dann hämmert und trommelt er mit einer Wut und einem rhythmischen Instinkt, dass es einem beinahe dem Atem verschlägt. Man freut sich (...), dass einer in deutscher Sprache so penetrant und geschickt schmettern kann." Trotz großer Kritik, die Reich-Ranicki an der "Blechtrommel" übt, wie wir später noch sehen werden, attestiert er Grass ein großes Talent.
Walter Höllerer, Herausgeber der Münchner Zweimonatszeitschrift Akzente, war voll des Lobes für die "Blechtrommel". Er lobt die "künstlerische[...] Intelligenz, die kaum ein Kritiker dem Autor absprechen wird, die wir lebhaft begrüßen im nun auch vom Ausland wieder vernehmbaren Chor deutscher Literatur."
Selbst die Zeitschrift "Unser Danzig", ansonsten mit harter Kritik am Werk nicht sparsam, hebt die "glänzende[...] Form und [die] lebendige[...] Milieuschilderung" der "Blechtrommel" hervor und bescheinigt Grass "... große[...] schriftstellerische[...] Gaben...". 3.2 Der Vorwurf des Nihilismus
Dieselbe Zeitschrift fühlte sich jedoch durch die Darstellung der Danziger in der "Blechtrommel" stark beleidigt. Gemeint ist die Stelle des Romans, als Oskar und Alfred Matzerath am Tage nach der Reichskristallnacht zur brennenden Synagoge am Langgasser Tor fuhren. "Vor der Ruine schleppten Uniformierte und Zivilisten Bücher, sakrale Gebrauchsgegenstände und merkwürdige Stoffe zusammen. Der Berg wurde in Brand gesteckt, und der Kolonialwarenhändler benutzte die Gelegenheit und wärmte seine Finger und seine Gefühle über dem öffentlichen Feuer." Auch Oskar zeigte sich wenig betroffen von den Geschehnissen, sondern "verdrückte sich unbeobachtet und eilte in Richtung Zeughausgasse davon, weil er um seine Trommeln aus weißrot gelacktem Blech besorgt war." Der eigentlich gutmütige Matzerath wärmt sich zu Beginn des Massenmords am öffentlichen Feuer, Oskar sorgt sich lediglich um seine Trommeln, das Schicksal des Spielzeughändlers Sigismund Markus berührt ihn dabei wenig. Alfred und Oskar stehen für die Danziger Bevölkerung, die Brandstiftung und Plündereien der Nazis tolerierten, teilweise unterstützten. Oskar macht sich selbst zum Plünderer, indem er "eine heile und zwei weniger beschädigte Trommeln aus den Trümmern" des Ladens mitnimmt.
In der Kritik der Zeitschrift "Unser Danzig" heißt es dazu: "Die Danziger sind nicht besser und schlechter als andere Menschen auch. So sind sie aber nicht gewesen. So kann sie nur jemand darstellen, der wahrhaft Nihilist ist. ... Dieses Buch heilt nicht, es verletzt nur." 3.3 Der Vorwurf der Gotteslästerei
Oskar hat den Satan in sich. Bei seiner Taufe fragte der Pfarrer: ">>Widersagst du dem Satan?...<< Bevor ich den Kopf schütteln konnte - denn ich dachte nicht daran, zu verzichten - sagte Jan dreimal, stellvertretend für mich: >>Ich widersage.<<". Später flüsterte der Satan Oskar zu: ">>Hast du die Kirchenfenster gesehen, Oskar? Alles aus Glas, alles aus Glas!<<". Diese Tatsache allein rechtfertigt den Vorwurf der Gotteslästerung nicht. Doch Oskar verunglimpft die Jesus-Figur in der Herz-Jesu-Kirche: "Mein süßer Vorturner, nannte ich ihn, Sportler aller Sportler, Sieger im Hängen am Kreuz unter Zuhilfenahme zölliger Nägel. Und niemals zuckte er! Das ewige Licht zuckte, er aber erfüllte die Disziplin mit der höchstmöglichen Punktzahl." Der Katholik Grass setzte sich hier auf eine groteske Weise mit seiner Kirche auseinander, die einige Kritiker dazu bewogen, dem Roman Blasphemie zu unterstellen. "In nahezu blasphemischer Weise führt Grass einen Kampf mit dem Erscheinungsbild seiner Kirche.". Auch Müller-Eckhard behauptet ähnliches: "Von diesem Buch kann man sagen, daß es eine neue Kreuzigung und Verhöhnung Christi bringt."
Peter Hornung geht noch einen Schritt weiter: "Grunzend kann ich nur das Behagen nennen, mit dem Grass in Abnormitäten und Scheußlichkeiten wühlt. Konsequent macht er sich über jeden moralischen und ethischen Anspruch lustig. Vom Religiösen ganz zu schweigen." 3.4 Der Vorwurf der Pornografie
Die große Begabung von Grass, Vorgänge bis ins kleinste Detail schildern zu können, ist in der "Blechtrommel" auch in Passagen zu finden, die von den Kritikern als pornografisch und obszön bezeichnet werden. Ihm wird vorgeworfen, "minutiös Ekelerregendes und Perverses" zu schildern, "tausendfältig Tabus um Sex" in "obszön[er], schamlos[er], widerlich[er]" Weise zu verletzen und es wird behauptet, Grass wolle "den Leser aufs rüdeste schockieren, durch brutale Härten und Deftigkeiten irritieren oder angreifen".
Tatsächlich spielen sexuelle Vorgänge in Grass` Debütroman eine große Rolle. Dr. Müller-Eckhardt stellt den "Zwang zu voyeuristischen Antrieben" heraus. Es wird
Arbeit zitieren:
Sinan Beygo, 2002, Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Das Glinz'sche Wortarten- und Satzgliedsystem im Kontext der Anwen...
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Sinan Beygo hat den Text Pornografie, Lästerei und Nihilismus - Günter Grass: "Die Blechtrommel" in der zeitgenössischen Kritik veröffentlicht
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