Inhaltsverzeichnis Seite 2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
Statt eines Vorworts 3
Einleitung 4
1 Kneipe als Alltagskultur 6
2 Kneipe als Kommunikationsfeld 18
3 Kneipenkommunikation als soziale Unterstützung 25
3.1 Soziale Unterstützung in Netzwerken 28
3.2 Soziale Netzwerke 43
3.3 Einige Anmerkungen zum Thema Alkohol 48
4 Kneipe und Sozialarbeit 54
Schlußbetrachtung 61
Literaturverzeichnis 64
Einleitung Seite 4
Einleitung
Als ich anfing, mir darüber Gedanken zu machen, womit sich meine Dip- lomarbeit beschäftigen sollte, faßte ich den Entschluß, ein lebensweltori- entiertes Thema auszuwählen.
Ich hatte zu dieser Zeit ein Seminar, in dem das Konzept soziale Unter- stützung diskutiert wurde. Als ich an diesem Abend in meine Stamm- kneipe ging, fiel mir auf, daß ich am Stammtisch genau das vor mir sah, was ich tagsüber in der Theorie kennengelernt hatte.
Ich erkannte, daß Kneipe ein Ort sozialer Unterstützung und Kommuni- kation ist und entschied mich, dies in meiner Diplomarbeit zu untersu- chen, auch um Anregungen für die Sozialarbeit zu finden.
Um mich an das Thema heranzuarbeiten, betrachte ich im ersten Kapitel Kneipe als Alltagskultur. Auch die Kneipe ist ein Teil Alltagskultur für ihre Gäste und bietet ihnen damit Sicherheit, Überschaubarkeit und Planbar- keit im Alltag. Warum das so ist, stelle ich anhand der Geschichte der Kneipe dar. Ich werde herausarbeiten, daß die Bedeutung der Kneipe für ihre Gäste in der sozialen Funktion liegt.
Im zweiten Kapitel untersuche ich Kneipe als Kommunikationsfeld. Ich stelle Unterschiede und Besonderheiten im Vergleich zu anderen Kom- munikationsfeldern dar.
Im dritten Kapitel werde ich den kommunikativen Austausch in der Knei- pe näher als soziale Unterstützung beschreiben. Soziale Unterstützung sehe ich hier im Kontext sozialer Netzwerke. Deshalb wird an dieser Stelle eine Darstellung der Netzwerktheorie folgen.
Um auch auf das Thema Alkohol, das zweifelsohne auch eine Rolle in der Kneipe spielt, einzugehen, werde ich hier einige Gedanken dazu dar- legen.
Im vierten Kapitel werde ich den Blick der Sozialarbeit auf die Funktion alltäglicher Bezugspunkte für den Menschen richten. Die sozialräumliche
Einleitung Seite 5 Netzwerkperspektive kann als indirekte Förderung sozialer Netzwerke, wie sie zum Beispiel die Kneipe darstellt, gesehen werden. Ich werde abschließend einige Gedanken der Sozialplanung darlegen und erklären, daß die Sozialarbeit hier einen politischen Auftrag hat, wenn sie ihre Le- bensweltorientierung nicht nur theoretisch bearbeiten, sondern auch praktisch umsetzen will.
Nun noch einige formale Anmerkungen. Ich schreibe der Einfachheit halber in der männlichen Form, meine damit aber beide Geschlechter. In direkten Zitaten sind Auslassungen durch (...) gekennzeichnet, eckige Klammern [ ] stellen von mir dazugefügte Textpassagen zum sinnvollen Verständnis direkter Zitate dar. Ich benutzte die alten deutschen Recht- schreibregeln.
Kneipe als Alltagskultur Seite 6
1 Kneipe als Alltagskultur
In diesem Kapitel werde ich die Fragen, was Kultur, insbesondere All- tagskultur ist, wie sie sich im Kneipenkontext, besonders in Quartiers- kneipen, in ihrer sozialen Bedingtheit darstellt, beantworten.
Das Wort Kultur stammt aus dem Lateinischen (cultura) und wird in ver- schiedenen Zusammenhängen benutzt. Hier interessiert der Begriff Kul- tur hinsichtlich seiner Beschreibung als Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft oder eines Vol- kes. 2 In anderen Quellen wird Kultur als Begriff bezeichnet, der sich vom Beg- riff der Natur, die ohne das Zutun des Menschen existiert, unterscheidet und sich auf alles, „was der Mensch als gesellschaftliches Wesen bzw. die Menschen aller Völker zu den verschiedensten Zeiten und in unter- schiedlichster Weise produktiv bearbeitet oder gestalterisch hervorge- bracht haben“ 3 , bezieht. In diesem Sinn ist Kultur Bedingung und Ergeb- nis des denkenden und handelnden Menschen auf der Suche nach den jeweils adäquaten Lösungen seines gesellschaftlichen Seins. „Im Hin- blick auf die Kommunikation bezeichnet Kultur die Fähigkeit, sich mit anderen in einer Weise auseinandersetzen zu können, die zu produkti- ven Ergebnissen führt, u.a. Gesprächs-, Konflikt-, Streitkultur.“ 4 Zusammenfassend ist also Kultur das Resultat der in der Praxis erreich- ten Umgestaltung und Vervollkommnung der natürlichen und gesell- schaftlichen Umwelt und drückt den historischen Stand der menschli- chen Freiheit aus. 5 Kultur kann auch verstanden werden als „Gesamtheit aller Lebensformen, die der ‚homo sapiens’ als Gattung in seiner Ge- schichte entwickelt hat, sowie zeitgeschichtliche Formen des Welt-
2 Der Begriff Kultur wird auch verwendet zur Beschreibung für: 1. die Zucht von Bakte- rien und anderen Lebewesen auf Nährboden ; 2. die Nutzung, Pflege und Bebauung von Ackerboden; 3. den Bestand von Forstpflanzen. vgl. wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (1990), S. 440 3 Meyers Lexikonredaktion (1992), S. 291 4 ebd., S. 291 5 vgl. Sczilinski (1992), S. 64
Kneipe als Alltagskultur Seite 7 erlebens und Weltgestaltens von Einzelpersonen, sozialen Gruppen und Gesellschaften.“ 6 Wenn es mir hier um Kneipe, besonders um Quartiers- kneipe, geht, bezieht sich Kultur auf die Gruppe der Kneipengänger.
Bei der Begriffsbestimmung von Alltag wird es schon schwieriger. In kei- nem Lexikon ist beschrieben, was Alltag bezeichnet. Ich versuche es mit Synonymen. Alltäglich kann beschrieben werden mit täglich, üblich, oder Alltäglichkeit mit Trivialität, Üblichkeit, alltags ist wochentags und Alltag ist ein Wochentag. 7 Alltag grenzt sich somit vom Nicht-Alltäglichen ab. Nicht-Alltäglich ist demnach, wenn man z.B. in unregelmäßigen Abstän- den ins Kino geht, ab und zu mal ein Museum besucht oder in den Ur- laub fährt etc.
Wenn man die Begriffe Kultur und Alltag zusammenbringt, bedeutet es, daß Kultur nicht nur an Feiertagen stattfindet, „sondern [sich] auch in den wiederkehrenden routinierten Handlungsvollzügen, die die enge Welt des profanen, instrumentellen Handelns bilden“ 8 , wiederspiegelt. Bei- spiele für Alltagskultur sind frühstücken und zur Arbeit fahren, am Ar- beitsplatz Kaffee trinken und mit Kolleginnen und Kollegen die privaten Geschehnisse des Vortages zu bereden, Kantinen benutzen, Güter pro- duzieren oder Dienstleistungen verrichten, Kinder zum Kindergarten bringen, Tiefkühlkost auftauen, die Waschmaschinen bedienen, den Staubsauger betätigen, fernsehen, das Auto reparieren, zum Friseur ge- hen, den Zahnarzt besuchen, mit Partnern kommunizieren, telefonieren und verschiedene Räume vom Supermarkt bis zur Kneipe aufsuchen. Das Konzept „Alltag und Kultur“ geht zurück auf den Philosophen Ed- mund Hussel aus den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war Begründer der Phänomenologie als philosophische Methode und verband die Bereiche Alltag und Kultur systematisch. Die Lebenswelt der Menschen, meinte er, ist ihre Alltagswelt. „Es ist ihre wahrnehmbare, beschränkte und vorgegebene Erfahrungsumwelt. Aber die Lebenswelt wird nicht naturgebunden vorgefunden. Sie ist eine ‚Kulturwelt’, die histo-
6 Schwendtke (1995), S. 273
7 vgl. wissenschaftlicher Rat der Dudenradaktion (1997), S. 36
8 Schweppenhäuser (2003)
Kneipe als Alltagskultur Seite 8 risch immer wieder neu angeeignet und so (...) auch stets verändert wird.“ 9 Heute versteht man im wissenssoziologischen Sinn unter Alltagskultur ein Konzept, nachdem sich „nur in der alltäglichen Lebensumwelt (...) eine gemeinsame kommunikative Umwelt konstituieren (...) [kann]. Die Lebenswelt des Alltags ist folglich die vornehmliche und ausgezeichnete Wirklichkeit des Menschen (...). Alltagskultur (...) [ist] die spezifische Ge- dächtnisleistung, mit deren Hilfe sich das Subsystem des lebensweltli- chen kommunikativen Alltagshandelns selbst produziert und erhält, in- dem es die Grenze zwischen sich und seiner Umwelt aufrechterhält.“ 10 Man kann Alltagskultur aber auch schlicht und einfach als die Besetzung profaner Arbeits- und Kommunikationsvorgänge mit Sinn und Bedeu- tung, mit Formen und Stilen, auch mit Genuß und Lust, bezeichnen. Alltagskultur stellt die Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Daseins zur Verfügung, die im menschlichen Leben unverzichtbar sind, und zwar Entlastung, Sicherheit und stabile Kommunikationsstrukturen. 11 Wenn Kneipe als ein Teilaspekt zur Alltagskultur gehörte und gehört, dann heißt das somit, daß Kneipe Bedingungen bereit hält, die Entlas- tung und Sicherheit im menschlichen Dasein bieten. 12 Besonderes Hauptaugenmerk ist dabei auf die Kneipenbesucher zu rich- ten, für die das Merkmal Kneipe als Alltagskultur gelten kann. In dieser Arbeit werde ich mich deshalb nur mit den Stammgästen beschäftigen, denn nur für diese ist der Kneipenbesuch ein, wie oben beschrieben, wiederkehrender routinierter Handlungsvollzug.
Alltagskultur im Kneipenkontext:
Zunächst eine sprachwissenschaftliche Begriffsbestimmung. Das Wort ‚Kneipe’ soll aus der Sprache der Vogelfänger stammen und bedeutete ursprünglich eine Spalte in einem Stück Holz, welches man zum Fallen
9 ebd.
10 ebd.
11 vgl. ebd.
12 zum Weiterlesen: Lefebvre, Henri (1968): Das Alltagsleben in der modernen Welt. Theorie. Herausgegeben von Jürgen Habermas, Dieter Henrich und Jakob Taubes. deutsche Übersetzung und Herausgabe 1972: Frankfurt/Main: Shurkamp Verlag
Kneipe als Alltagskultur Seite 9 stellen benutzte und in dem sich der zu fangende Vogel wie in einer Kneip- (d.h. Kneif-) Zange selbst fing. Danach ging dieser Begriff auf Gastwirtschaften niederer Kategorien über, in denen Vogelfänger, Fuhr- leute und anderes ‚fahrendes Volk’ verkehrten, weil sie dort oft genug wie von einer Kneipzange festgehalten wurden und auch manch locken- der Vogel in solchen ‚Kneipen’ gefangen werden konnte. Wie und wann sich dieser Begriff verbreitete und in der Umgangsprache heimisch wur- de, ist schwer zu sagen. 13 Der Gast (vom mittelhochdeutschen gast, geste) ist der Fremde, der Krieger und der Wirt, (von wirt) ist ein Gatte, Hausherr, Landsherr. Das Wort könnte vom germanischen werdu stammen, was soviel wie Mahl oder Gastfreundschaft heißt. 14
Kneipen kannte man schon in der Antike als Beherbergungs- und Ver- pflegungsbetriebe - der im Römischen Reich ausgedehnte Handels- und Verwaltungsverkehr erforderte die Einrichtung von Raststationen für Un- terkunft und Pferdewechsel an den Landstraßen -, die sich zu den heuti- gen Hotels weiterentwickelten. Es gab aber auch öffentliche Wirtshäuser, die vorwiegend von den untersten sozialen Schichten aufgesucht wur- den. 15 Auch später, im hohen und ausgehenden Mittelalter waren Schänken (Kneipen) Orte für das gemeine Volk. Schon damals stand nicht der Al- kohol im Vordergrund des Schänkenbesuches. 16 Sie waren Treffpunkt für Unterhaltung, Information - hier wurden öffentliche Aushänge pla- ziert - und Orte, die durch Raub und Betrügereien Gewinn bringen konn- ten.
Die nächste Entwicklungsstufe der Kneipe, die in ihrer Entstehung nicht mit den Schänken des Mittelalters zu vergleichen ist, findet im 19. Jahr-
13 vgl. Thiel (1987), S. 16
14 vgl. Eck-Koening (1994), S.52; vgl. auch Langer (1996), S. 11 15 vgl. Langer (1996), S. 11 16 Denn Alkohol war nicht nur Genußmittel, sondern auch Alltagsgetränk und Volksnah- rung. Bier oder Wein war bereits für Kleinkinder Frühstücksgetränk und Biersuppe in vielen Regionen die Standardnahrung. Auch heute ist es in einigen Regionen Euro- pas noch üblich, Kindern zum Einschlafen etwas Rotwein (Frankreich) oder Bier (Bayern) zu reichen. vgl. Dröge (1987), S. 120
Kneipe als Alltagskultur Seite 10 hundert statt. Als mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen „Prozeß der Klassenbildung“, weiterhin durch „industriell bedingte Urba- nisierung, d.h. das rapide Wachstum vieler Städte und ehemaliger Dörfer (...) mit der Zusammenballung von Lohnarbeitern in neuentstandenen Arbeiterquartieren“ 17 und letztendlich durch eine von ökonomischen und produktionstechnisch bestimmten Lebens- und Arbeitsprozessen neue Zeitstrukturen entstehen, bilde sich die neuen Arbeiterkneipen heraus. Erst in dieser Epoche entwickelt sich die Freizeit, die ab hier abgetrennt ist von Zeit, in der die Arbeit und häusliche Reproduktionstätigkeit statt- finden.
Nun muß beachtet werden, daß die Proletarier in den industriellen Bal- lungsgebieten in sehr kleinen Wohnungen leben mußten. Sie hatten nicht, wie das Bürgertum, in ihren Wohnungen Platz, um Freunde und Bekannte zu treffen oder einzuladen. Die Wohnungen bestanden meis- tens nur aus Küche und Schlafraum. Wollten sie sich treffen, blieb ihnen nur der Gang ins Wirtshaus. 18 „Durch die Kneipen wurde der häuslich- familiäre Bereich erweitert. (...) In den Kneipen konnten Arbeiter und Handwerker sowie andere Teile der städtischen Unterschichten ein Ge- flecht aus Beziehungen zwischen Gleichrangigen entwickeln.“ 19 Außerdem diente die Kneipe als Ort der politischen und sozialen Organi- sationsleistung der Arbeiterklasse. Durch die Enteignung und Vernich- tung der Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus ist von dieser Funkti- on aber nicht mehr viel übrig geblieben. Es überlebt lediglich die soziale Dimension der Kneipe.
Aus der Arbeiterkneipe ist im allgemeinen, außer in Wohngebieten mit überwiegender Arbeiterbevölkerung, die Quartierskneipe geworden, wel- che nicht mehr der Klassenseinteilung folgt. Sie ist klassenstrukturell inhomogen, dagegen nach den Kriterien des Status und der Berufs-
17 ebd., S. 124
18 Das kann man in Berlin heute noch in nicht sanierten Wohnhäusern aus der Jahr- hundertwende beobachten. Im Vorderhaus befinden sich 2 bis 3-Zimmerwohnungen für die Reicheren, in den Hinterhöfen befinden sich die 1-Zimmerwohnungen, oft noch mit Außenklo, für die Armen.
19 Dröge (1987), S. 257, vgl. auch Payer (2001a)
Kneipe als Alltagskultur Seite 11 zugehörigkeit relativ homogen. Stammkneipen sind räumlich im Quartier eingebunden. In älteren Untersuchungen liegt die Entfernung von Woh- nung zur Stammkneipe bei zwei Häuserblocks oder zwei bis drei Minu- ten Fußweg. 20 Eine aktuelle Studie stellt einen Einzugsbereich von durchschnittlich vier Kilometern fest. 21 Aber es wird nicht zwangsläufig die Kneipe, die am nächsten zur eigenen Wohnung liegt, zur Stamm- kneipe. Denn zu der Bedingung, daß Stammkneipen in räumlicher Nähe von „zu Hause“ liegen müssen, kommt ein personelles Faktum: Freunde oder Bekannte, die schon dort verkehren, neue Bekannte, die man hier kennengelernt hat oder die allgemeine Atmosphäre, die durch den Wirt, das übrige Publikum und das Ambiente ausgestrahlt wird, sind entschei- dend für die Auswahl. Der eine mag es lieber rustikal-bürgerlich, der an- dere lieber improvisiert-alternativ. 22
Zu den Quartierskneipen zählen meiner Ansicht nach auch die Kneipen, die sich aus den Kneipen der Studentenbewegung der sogenannten 68er entwickelt haben. Der Grund ist einfach:
Sie haben zwar andere historische Vorläufer als die oben genannten Quartierskneipen, haben sich aber in ihrer Funktion diesen angeglichen. Studentenkneipen gab es schon sehr lange, sie waren immer in der Nä- he der alten Universitäten zu finden. Die Studenten der 68er Bewegung lehnten sich gegen Mißstände an den Universitäten auf und demonstrier- ten gegen eine konservative Politik ihrer Elterngeneration mit teils natio- nalsozialistischer Vergangenheit sowie den Vietnamkrieg. Sie schufen sich ihre eigenen Kneipen, denn die biederen Studentenpinten konnten „mit dem sich ändernden Habitus der 68er, mit ihren ausschwärmenden kommunikativen und emotionalen Bedürfnissen, mit ihrer Ironisierung bürgerlicher Institutionen eben überhaupt nicht umgehen. (...) Und keine hat so viele Tabus aufgebrochen und zu selbstverständlichen Bestand- teilen des Alltagslebens transformiert“ 23 wie die 68er Bewegung.
20 vgl. Dröge (1987), S. 133-134
21 vgl. Brauerei C. & A. Veltins GmbH & Co. (2001), S. 27
22 vgl. Dröge (1987), S. 134-135
23 ebd., S. 136
Kneipe als Alltagskultur Seite 12 Heute gibt es diese Bewegung nicht mehr, ihre Kneipen existieren aber noch. Der äußerliche Unterschied zu den Eckkneipen besteht haupt- sächlich in der dämmrigen Beleuchtung der Kneipen, meistens durch Kerzen auf den Tischen, und in der lauteren Musik als man sie aus Eck- kneipen kennt. Auch in der Beziehung zum Wirt, die hier nicht so stark ausgeprägt ist, unterscheidet sie sich von den Eckkneipen. Auch im Hin- blick auf Frauen in der Kneipe gibt es Unterschiede. Hier (in den Kneipen der ehemaligen 68er Bewegung) sind Frauen als Gäste selbstverständ- lich. Aber in ihrer Funktion als sozialer Treffpunkt im Quartier gibt es kei- nen Unterschied zu den Eckkneipen. Auch hier liegt der Einzugsbereich relativ gering bei ca. sechs Kilometern 24 , verglichen mit der Größe einer Stadt wie Berlin eine doch recht geringe Distanz. Deshalb betrachte ich im folgenden Kneipe als Ort kommunikativen Austausches gleicherma- ßen als historisch gewachsene Quartierskneipen wie auch als Quartiers- kneipen, die aus den Studentenkneipen entstanden sind.
Ein in der Literatur nicht erwähnter, mir aber bekannter Kneipentyp, den ich aus meinen eigenen Erfahrungen zu den Quartierskneipen zähle, sind die Kneipen, die aus der Hausbesetzerszene, die ihren Ursprung in Wohnraumspekulationen und dem daraus entstandenen Wohnraum- mangel in den Großstädten der 70er Jahre hatte, entstanden sind. Hochkonjunktur hatte diese Bewegung in Westberlin und in neuerer Zeit in den Innenstadtbezirken von Ostberlin nach 1989. Jedes besetzte Haus hatte seine eigene Kneipe. Es ging um das Treffen von Gleichge- sinnten und gegenseitige Unterstützung. Heute sehen diese Kneipen unterschiedlich aus. Je nachdem, wie sich die Häuser entwickelt haben, haben sich auch die Kneipen entwickelt. Manche Bewohner sind gemä- ßigter geworden, andere haben immer noch einen hohen politischen An- spruch. Und so sind auch die Gäste in ihren Kneipen. In manche kann man ganz gut auch als „normaler“ Mensch reingehen, in anderen wird man deswegen schon sehr mißtrauisch betrachtet. Das hat aber sicher- lich auch mit der Angst vor staatlichen Repressalien zu tun, denn der
24 vgl. Brauerei C. & A. Veltins GmbH & Co. (2001), S. 33
Kneipe als Alltagskultur Seite 13 Verfassungsschutz wähnt manche dieser Kneipen und das, was darin besprochen wird, am Rande der Legalität.
Für ihre Gäste stellt dieser Typ auf jeden Fall auch eine Quartierskneipe dar, und auch hier steht das Sich-Treffen und der soziale Austausch im Vordergrund. Diese Kneipen sind natürlich nur in Quartieren vorhanden, in denen die (ehemalige) Hausbesetzerszene zu finden ist.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß Kneipen, in denen hauptsächlich die unteren Schichten der Bevölkerung verkehren, schon immer sozialer Treffpunkt und Austausch-Ort waren. Historisch hatte die Kneipe auch andere Funktionen, aber die gingen im Laufe der Zeit verlo- ren oder sind für den Außenstehenden nicht mehr erkennbar.
Als nächstes möchte ich die Dorfkneipen ausgrenzen, es geht mir nur um Kneipen in der Stadt, da Dorfkneipen einen „grundlegend anderen Typus“ 25 darstellen. Im Dorf gibt es vorgegebene und vorgeformte Hand- lungs- und Kommunikationsmöglichkeiten, welche somit nicht erst er- kämpft bzw. erarbeitet werden müssen. Es besteht eine stärkere soziale Kontrolle, welche einerseits Sicherheit in den Handlungs- und Kommuni- kationsmöglichkeiten gibt und vor Anonymität schützt. Andererseits kann diese gegenseitige Kontrolle als beengend empfunden werden, da es kaum Möglichkeiten zum Ausprobieren neuer Handlungsmöglichkeiten gibt. 26 „Die schwache soziale Kontrolle des Individuums in der Stadt legt die- sem zwar weniger Zwänge auf, bietet ihm aber auch weniger vorgeform- te Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten. Die Bildung von in der Kultur geltenden Normen wird nicht mehr primär durch den direkten Kon- takt mit der Kultur und ihren Vertretern bewirkt (durch Sanktionen etc.) (...) Für den Stadtbewohner bedeutet dieser Aspekt der Individualisie- rung und der schwächeren sozialen Kontrolle eine Erschwerung des kommunikativen Zugangs zu Fremden.“ 27 Man darf aber nicht verges-
25 Dröge (1987), S. 9
26 vgl. Payer (2001c)
27 ebd.
Kneipe als Alltagskultur Seite 14 sen, daß die Stadt ihren Bewohnern auch mehr Freiheit als im Dorf ver- schafft, da man hier, wenn man will, sich weitgehend einer Kontrolle durch andere entziehen kann.
Stadtbewohner sind stärker in Freundes- und Kollegenkreisen, Klein- stadt- und Landbewohner mehr in Nachbarschaftskreisen involviert. Re- lativ gleich bleibt dagegen die Bedeutung von Partnern und Familien. 28 Hier spielt die Kneipe eine entscheidende Rolle, denn sie ermöglicht den Stadtbewohnern, die oben beschriebene Anonymität aufzuheben und ihnen Sicherheit im Alltag zu geben.
„Die Eckkneipe[n] (...) sind Bestandteile unseres Alltags, vom Menschen geschaffene Manifestationen unserer Kultur. Daß Menschen sich ihre Umwelt schaffen und diese in ihrer räumlich-materiellen Struktur auf den Menschen zurückwirkt, soll hier am Beispiel des Lokals untersucht wer- den.“ 29
Wenn man durch die Straßen einer Großstadt geht, sieht man natürlich nicht nur Quartierskneipen. Es gibt auch Restaurants, Pizzerien, Knei- penstraßen und so weiter. Diese Kneipen nenne ich Verkehrskneipen. Diese Lokalitäten sind deutlich von den Quartierskneipen zu unterschei- den, denn hier geht es hauptsächlich um den Verkauf von Speisen und Getränken und vor allem um den Verkauf von Erlebnissen (Erlebnisgast- ronomie). 30 Diese Kneipen haben ihre historischen Vorläufer in den Amüsiervierteln der großen Hafenstädte. Es sind Kneipen, die in einer gewissen Häufung an einem Ort vorkommen. Solche Kneipen findet man in Berlin z.B. in Prenzlauer Berg am Kollwitzplatz oder in Friedrichshain rund um die Si- mon-Dach-Straße. Hier steht der Versorgungsaspekt der Gäste durch das Bedienpersonal und das Repräsentationsbedürfnis der Gäste sowie die Erlebnisqualität der Gaststätte im Vordergrund. 31 Des weiteren wer- den diese Kneipen durch ihre Anhäufung an einem Ort zu einer touristi-
28 vgl. Nestmann (1988), S. 73-74
29 Miller (1985), S. 317
30 vgl. Dröge (1987), S. 319
31 vgl. Beneder (1997), S. 104
Kneipe als Alltagskultur Seite 15 schen Attraktion, was „aber dem Verhalten der Publikumsschicht ent- spricht, hier mal reinzuschauen und dort noch einen Grappa zu nehmen. (...) Eine solche Kneipe ist (...) kein intern konsenshaft strukturierter Kul- turzusammenhang, sondern das kommerzielle Angebot einer Modebüh- ne. Mit gestiegener Kapitalinvestition ihrer Ausstattung tritt auch ihre ö- konomische Funktion stärker in den Vordergrund.“ 32 „Das Publikum (...) [in] Verkehrskneipen [besteht] aus ‚einzelnen’ Perso- nen oder Gruppen, die gegeneinander abgeschottet ihren Geschäften nachgehen oder sie gerade durch Pausen unterbrechen. (...) Der Wegfall des das Trinken verlangsamende Kneipengesprächs ermöglicht hohe Umsätze“ 33 für die Brauereien und diese Kneipenbetreiber. Hier stehen nicht die unterhaltsamen Aspekte des Gasthauslebens im Vordergrund, sondern die unterhalterische Funktion, denn „diese neuen Angebotsformen zeichnen sich vor allem aus durch flexible Inneneinrich- tung, die modischen Schwankungen angepaßt werden kann (...), sie ver- kaufen an eine als Marktsegment definierte Kundschaft begrenzten Al- ters Unterhaltungserlebnisse (...). Sie können diese Kundschaft nicht als ‚Stamm’ binden, das widerspräche gerade ihrer eigenen Erfolgsgrundla- ge. Alle paar Jahre wird die Kundschaft ‚umgeschlagen’, d.h., Neuinves- titionen sind erforderlich für die neue Generationsmode.“ 34 Verkehrs- kneipen arbeiten profitorientiert, ohne in Quartiere oder ähnliche Nahbe- reiche eingebunden zu sein.
Im Gegensatz zur Verkehrskneipe kann die Quartierskneipe als vermit- telndes Kulturforum beschrieben werden. 35 Hier steht „der Aspekt des sozialen Austausches im Vordergrund.“ 36 Diese Kneipen sind Teil des Alltags.
„Hier verkehren sowohl ‚Fremde’ als auch vor allem viele Stammgäste; man hält sich kurz oder auch für längere Zeit, meist abends und am Wo-
32 Dröge (1987), S. 313
33 ebd., S. 117 34 ebd., S. 317 35 vgl. Dröge (1987), S. 319; vgl. auch Nestmann (1985), S. 335 36 Beneder, S. 104-106
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Kathleen Laaser, 2003, Kneipe als Kommunikationsfeld der Alltagskultur und was die Sozialarbeit daraus lernen kann, Munich, GRIN Publishing GmbH
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