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Walter Hasenclevers 'Antigone'. Umgang mit dem Mythos am Anfang des 20. Jahrhunderts

Title: Walter Hasenclevers 'Antigone'. Umgang mit dem Mythos am Anfang des 20. Jahrhunderts

Presentation (Elaboration) , 1999 , 14 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Michael Obenaus (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Walter Hasenclever schrieb sein Drama Antigone im Jahre 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Es erschien 1917 in mehreren Auflagen. Die erste Aufführung war für 1917 geplant, unterlag aber einem Verbot der Zensur und fand möglicherweise erst 1919 statt. Das Stück wurde vom Publikum begeistert aufgenommen, unterlag aber ab 1920 erneut öffentlichen Sanktionen 1 . Diese Rezeption des Antigone-Mythos, angelehnt an die antike Vorlage Sophokles‘, fand also starke Resonanz beim Publikum seiner Zeit: Begeisterung von der einen, Verbote von der anderen Seite. Hasenclevers Antigone scheint den wunden Punkt seiner Zeit genau getroffen zu haben - kaum etwas anderes ist solch ein präziser Seismograph für die kritische Aktualität eines Textes wie das Verbot durch die Zensur, einem Instrument staatlicher Gewalt und Kontrolle. Wir haben in u nserem Referat über Hasenclevers Antigone (17./24. 06. 99) versucht, den Umgang mit einem Mythos am Beginn des 20. Jahrhunderts in Verschränkung mit Bezügen zur Aktualität, zur Wirklichkeitserfahrung dieser Zeit darzustellen. Dazu bedurfte es der Synthese zweier Perspektiven auf den Text: Zum einen der Analyse der literarischen Methoden und Mittel einer Mythosrezeption, die in das antike Muster vielschichtige Diskurstraditionenen deutet. Zum anderen der Einbettung des Werkes in sein literaturgeschichtliches, historisches, intellektuelles Umfeld, um so auch die Fluchtpunkte der Aktualisierung des Mythos einzubinden. Ich möchte mich in den folgenden Ausführungen auf die erstere Perspektive, also die Umdeutung bzw. literarische Rezeption des antiken Mythos konzentrieren, und verweise für den zweiten Aspekt unserer Darstellungen auf die Ausführungen meiner Mitreferentin, Annegret Hoffmann. Ich werde mich für Belege meiner Thesen und Interpretationen aus Gründen des Umfangs auf exemplarische Zitate, auf Szenenverweise und Motivkomplexe beschränken müssen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tragischer Konflikt

1.1 Kreon und Antigone: Ethische Entscheidung und Schuld

1.2 ”Das Volk“: Masse und Trieb

2. Umdeutung der Figuren

2.1 Antigone

2.2 Das Volk

2.3 Teiresias

3. Tragische Schuldkonzeption

4. Wirkungskonzept des Dramas: Katharsis versus Apokalypse

5. Schluß

6. Literatur

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Umdeutung des Antigone-Mythos in Walter Hasenclevers Drama von 1916/17 vor dem Hintergrund des zeitgenössischen literaturgeschichtlichen und historischen Umfelds am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die spezifischen dramatischen Konzepte – insbesondere das tragische Konfliktverständnis und die neue Wirkungsabsicht – als Ausdruck einer bewussten Abkehr vom antiken Vorbild zu analysieren.

  • Analyse der Transformation des antiken Mythos in eine moderne Diskursebene.
  • Untersuchung der christlich geprägten Erlöser-Symbolik der Figur Antigone.
  • Betrachtung des Volkes als manipulierbare, triebhafte Masse in Abgrenzung zum antiken Chor.
  • Gegenüberstellung des antiken Katharsis-Konzepts mit Hasenclevers Absicht, das Publikum zu erschüttern.
  • Deutung der tragischen Schuldkonzeption als Frage der ethischen Eigenverantwortlichkeit.

Auszug aus dem Buch

2.1 Antigone

Antigone wird als eine christliche Erlösergestalt figuriert, die durch ihr Leiden die allgemein menschliche Schuld (vgl. 3.) sühnt:

Ihre Einführung erfolgt in I. 2, wie bei Sophokles im Gespräch mit ihrer Schwester Ismene:

I. 2: ANTIGONE: „Rede nicht von Gott!/ Hat Gott erlaubt, daß sich die Menschen morden?/ Hat Gott, als Kreon sich vermaß,/ Zu treten auf den armen Leib des Toten,/ Erdbeben, Feuerbrände ausgesandt,/ Das Maul des Spötters zu ersticken?/ Gott schwieg.“

Antigone spricht hier ein Thema an, das immer schon eines der wesentlichen Probleme der christlichen Theologie und Religion gewesen ist: Wie kann ein gnädiger und gütiger Gott nur soviel Leid zulassen? Hasenclevers Antwort auf diese Frage weicht von der christlichen Glaubenslehre ab: Wo die christliche Lehre sich auf die Standhaftigkeit im Glauben an Gott und an den Sinn seiner Schöpfung, also auch der Welt, beruft, führt Hasenclever die Kategorie menschlicher Eigenverantwortlichkeit ein. Ich sehe im Gestus des ”trotzdem“, im Beharren auf der ethischen Pflicht des Individuums, sich dem Strudel der Gewalt und der Massen zu widersetzen, das Credo Hasenclevers im Angesicht einer als grundsätzlich triebhaften und nur durch Gewalt zu bremsenden Menschheit (vgl. dazu 2.2).

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung verortet das Drama historisch im Ersten Weltkrieg und erläutert das methodische Vorgehen, das den Mythos als materielle Basis für eine zeitgenössische Auseinandersetzung begreift.

1. Tragischer Konflikt: Dieses Kapitel analysiert die Umdeutung des antiken Konflikts in eine Frontstellung zwischen menschenverachtender Herrschergewalt und einem ethischen Prinzip mitleidiger Menschlichkeit.

2. Umdeutung der Figuren: Hier werden Antigone als Erlöserfigur, das Volk als affektgesteuerte Masse und Teiresias als Künder der Allmacht Gottes in ihrer neuen dramaturgischen Funktion beleuchtet.

3. Tragische Schuldkonzeption: Es wird dargelegt, wie die mythische Schuld in eine moderne ethische Verantwortung für das eigene Handeln und Unterlassen transformiert wird.

4. Wirkungskonzept des Dramas: Katharsis versus Apokalypse: Das Kapitel stellt Hasenclevers Intention, den Zuschauer durch eine apokalyptische Vision zu erschüttern, der klassischen Katharsis entgegen.

5. Schluß: Der Schluß interpretiert das Wort „Trotzdem“ als zentrale Botschaft des Werkes, die trotz der Unauflösbarkeit der Weltwidersprüche an der menschlichen Freiheit festhält.

6. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.

Schlüsselwörter

Antigone, Walter Hasenclever, Mythos-Rezeption, Drama, 20. Jahrhundert, Ethik, Christliche Symbolik, Erlöserfigur, Menschheit, Eigenverantwortlichkeit, Apokalypse, Katharsis, Massenpsychologie, Tragik, Schuld.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert, wie Walter Hasenclever den antiken Antigone-Stoff in seinem Drama von 1916 umgestaltet, um ihn als Medium für eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und menschlichen Wirklichkeit des frühen 20. Jahrhunderts zu nutzen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die ethische Eigenverantwortung des Einzelnen gegenüber staatlicher Gewalt, das Phänomen der triebhaften Masse, die christlich motivierte Erlöser-Symbolik und die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Geschichte.

Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?

Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie Hasenclever durch die literarische Umdeutung mythischer Figuren und Motive neue Konzepte für die Wirkung von Drama schafft, um den Zuschauer in einer krisengeprägten Zeit existenziell zu erschüttern.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Arbeit stützt sich auf eine diskursanalytische Herangehensweise, die das Werk in seinen literaturgeschichtlichen Kontext einbettet und durch den Vergleich mit der Sophokleischen Vorlage die spezifischen Modernisierungen herausarbeitet.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des tragischen Konflikts, die Analyse der umgedeuteten Figuren (Antigone, Volk, Teiresias), die Neukonzeption der tragischen Schuld und den Vergleich der Wirkungskonzepte von Katharsis und Apokalypse.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Mythos-Rezeption, christliche Erlöser-Symbolik, ethische Eigenverantwortung, Apokalypse, Massenhysterie und der „Trotzdem“-Gestus.

Wie unterscheidet sich Hasenclevers Antigone-Figur von der antiken Vorlage?

Während die antike Antigone dem Gesetz der Götter folgt, figuriert Hasenclever sie als christliche Märtyrerin, die durch ihre Tat und ihren Leidensweg versucht, der kollektiven Gewalt und den Sünden der Menschheit eine Botschaft der Liebe entgegenzusetzen.

Welche Rolle spielt „das Volk“ bei Hasenclever im Vergleich zum Chor?

Im Unterschied zum antiken Chor, der die Handlung kommentiert, ist das „Volk“ bei Hasenclever ein aktiver, jedoch weitgehend manipulierbarer und triebhafter Akteur, der die Dynamik der Massenpsychologie und des Krieges widerspiegelt.

Was bedeutet der „Trotzdem“-Gestus am Ende des Werkes?

Das Wort „Trotzdem“ markiert für den Autor die unaufgebbare moralische Verpflichtung des Menschen, trotz aller Sinnlosigkeit des historischen Geschehens und eigener Fehlbarkeit an der sittlichen Entscheidung und der Menschlichkeit festzuhalten.

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Details

Title
Walter Hasenclevers 'Antigone'. Umgang mit dem Mythos am Anfang des 20. Jahrhunderts
College
Humboldt-University of Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Course
Antigone
Grade
1,0
Author
Michael Obenaus (Author)
Publication Year
1999
Pages
14
Catalog Number
V23530
ISBN (eBook)
9783638266352
Language
German
Tags
Walter Hasenclevers Antigone Umgang Mythos Anfang Jahrhunderts Antigone
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Michael Obenaus (Author), 1999, Walter Hasenclevers 'Antigone'. Umgang mit dem Mythos am Anfang des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23530
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