1. Einleitung
In der Diskussion um Wahrnehmung und Sinne geht es vielfach um das Hören, Riechen, Sehen und Schmecken. Meist werden die Sinne, die die Grundlage des Lernens und der Entwicklung ausmachen, nicht berücksichtigt. Als Ergotherapeutin in der Pädiatrie arbeite ich mit Kindern, die Wahrnehmungsstörungen haben. Die Behandlung erfolgt nach der sensorischen Integrationstherapie, die aus der Theorie der sensorischen Integration entwickelt wurde. Bei dieser Arbeit wird mir immer wieder die Bedeutung der Wahrnehmung im Zusammenhang mit Lernen und Verhalten deutlich, über welche ich im Rahmen dieser Hausarbeit einen Überblick geben möchte. Dazu werde ich zunächst die sensorische Integration allgemein erläutern, bevor ich auf die so genannten Basissinne eingehe. Die Fernsinne, sehen, hören, riechen und schmecken, werde ich nicht detailliert beschreiben, da sie allgemein bekannt sind. Im Anschluss an die Ausführungen zur Sensorischen Integration und den Basissinnen stelle ich den Bezug zum Lernen und Verhalten bei Kindern dar.
2. Sensorische Integration im Allgemeinen
Die Sensorische Integration ist ein physiologischer Prozess der prä- und postnatalen Entwicklung des Nervensystems (Schaefgen 1999). Nach Ayres (1998) ist das Ziel der sensorischen Integration die Fähigkeit, innere und äußere Empfindungen und Reize im Gehirn aufnehmen, filtern und verarbeiten zu können, so dass eine adäquate Reaktion auf diese Reize bzw. ein gezieltes Handeln möglich wird. Dazu gehört die Verknüpfung mit anderen Informationen, die Einordnung und Ergänzung des aufgenommenen Reizes, die Hemmung des momentan Unwichtigen und die Verstärkung wichtiger Informationen.
„Wenn Empfindungen in einer gut organisierten, d.h. gut integrierten Weise dem Gehirn zufließen, kann es diese Empfindungen nutzen, um daraus Wahrnehmung, Verhaltensweisen und Lernprozesse zu formen.“ (Ayres, 1998, S. 7) Grundsätzlich ist die sensorische Integration ein Prozess, der ständig im Gehirn stattfindet. Im ersten Lebensjahr ist die sensorische Integration jedoch besonders ausgeprägt und bestimmt die weitere Vernetzung des
2
Nervensystems. Bis zum 7. Lebensjahr sind die Anpassungsreaktionen, also zielgerichtete Reaktionen auf Reize, eher motorisch als geistig, so dass man in dieser Zeit von der sensomotorischen Entwicklung spricht. „Die sensorische Integration, die sich beim Bewegen, Reden und Spielen vollzieht, ist die Grundlage für die komplexere sensorische Integration, die nötig ist für Lesen, Schreiben und gutes Verhalten“ (Ayres 1998, S. 11)
2.1. Die sensorische Integration als Theorie
Die Theorie der Sensorischen Integration wurde von der Psychologin und Ergotherapeutin Dr. A. Jean Ayres (1920-1989) entwickelt (Schaefgen 1999). Es handelt sich hierbei um eine Theorie, die durch empirische Forschung weiter entwickelt bzw. verändert wird und somit den aktuellen Wissensstand widerspiegelt. Im Kern der Theorie geht es darum, Beziehungen zwischen Gehirn/ sensorischer Verarbeitung und Verhalten bzw. Lernen aufzuzeigen, weiterführend Zusammenhänge zwischen Störungen der Aufnahme/Integration von Reizen und Störungen beim kognitiven und motorischen Lernen sowie Verhalten zu erklären. Nicht eingeschlossen sind dabei Verhaltensstörungen, die im Zusammenhang mit anderen diagnostizierbaren neurologischen Befunden stehen, wie z.B. geistige Behinderung oder Schädelhirntrauma. Im Grundsatz besteht die Sensorische Integrationstheorie aus drei Teilbereichen. Der erste beschreibt die physiologische sensorische Integration, der zweite definiert Dysfunktione n der sensorischen Integration, der dritte beschäftigt sich mit einem speziellen Therapieprogramm, das auf sensorische Integrationsstörungen ausgerichtet ist (Fisher et al. 2002).
3. Die Basissinne
Die Basissinne- vestibuläres, proprioceptives und taktiles System- bilden den Bereich der Eigenwahrnehmung und sind die Grundlage/ Basis für die Fremdwahrnehmung: „Die fundamentale Grundlage zur Bewältigung aller Anforderungen zur Selbsterhaltung“ (Schaefgen 1998, S. 22). Die Basissinne werden pränatal, vor der Entwicklung der Fernsinne- auditives, visuelles, olfaktorisches und gustatorisches System- ausgebildet. Sowohl die Basis- als auch die Fernsinne können zur besseren Übersicht isoliert beschrieben werden. Für die Entwicklung eines jeden Menschen ist es jedoch unbedingt notwendig,
3
dass sie miteinander verknüpft werden und eng zusammen arbeiten (Kiesling, 1999).
3.1. Das vestibuläre System
Das Vestibularorgan (dtsch: Gleichgewichtsorgan) liegt im Innenohr. Es reagiert auf Lageveränderungen (rechts/ links, oben/ unten, vorne/ hinten, Rotation) und den permanenten Reiz der Schwerkraft und gibt damit auch Informationen über die Stellung des Kopfes in Bezug zur Schwerkraft. Die Informationen aus dem Vestibularorgan werden miteinander und mit anderen sensorischen und motorischen Impulsen verknüpft und unterstützen die Gleichgewichtsregulation, die aufrechte Körperhaltung gegen die Schwerkraft und Bewegung. Des Weiteren registrieren sie Beschleunigung und Verlangsamung sowie Bewegungsrichtung des Kopfes (Ayres 1998). Fisher et al. (2002) führen ergänzend aus, dass das vestibuläre System in Verbindung mit dem propriozeptiven und visuellen System „für drei wichtige Funktionen eine Rolle spielt:
• Für das subjektive Bewusstsein bezüglich der Position und der Bewegung des Körpers im Raum
• Für den posturalen Muskeltonus und das Gleichgewicht sowie
• Für die Stabilisierung der Augen im Raum im Verlauf von Kopfbewegungen“ (2002, S.125).
So prüft das vestibuläre System z.B. in Verbindung mit dem proprioceptiven und visuellen S ystem, ob bei einer Lageveränderung eine motorische Anpassung erfolgen muss, um das Gleichgewicht zu halten. Ferner besteht ein Zusammenhang zwischen der Schwerkraftsicherheit, dem Gefühl, mit beiden Beinen sicher auf der Erde zu stehen und der emotionalen Stabilität (Kiesling, 1999).
3.2. Das propriozeptive System
Das propriozeptive System (lat: proprius- der „Eigene“, dtsch: Eigen/ Tiefenwahrnehmung) bekommt seine Informationen durch Rezeptoren an Muskeln, Sehnen und Gelenken. Diese werden durch Kontraktion und Extension an den Muskeln und Sehnen und an den Gelenken durch Drehen,
4
Druck und Zug stimuliert. Auch die Knochenhäute enthalten Propriozeptoren. Die Informationen der Muskeln und Gelenke werden permanent, d.h. sowohl bei Bewegung als auch im Stillstand, an das Gehirn geleitet. (Ayres, 1998). Wischmeyer (2000) beschreibt, dass diese Reize hauptsächlich unbewusst verarbeitet werden und dem Menschen nur ein geringer Anteil bewusst wird. Fisher et al. (2002) erwähnen weitere Quellen, die zur Propriozeption beitragen: Vestibuläre Rezeptoren und Verbindungen, die durch Handlungsplanung entstehen, so genannte interne Korrelate.
Grundsätzlich verdeutlichen Fisher et al. (2002) die enge Verbundenheit mit dem vestibulären System, die auch im Rahmen der Funktionen der Systeme deutlich wird.
Sherrington (1906, zitiert nach Fisher et al. 2002, S. 136) definiert Propriozeption als „Wahrnehmung von Gelenk- und Körperbewegungen sowie der Position des Körpers oder bestimmter Körperteile im Raum.“ Damit hängen folgende weitere Funktionen zusammen:
• Kontrolle über Ablauf und Geschwindigkeit von Bewegungen
• Abschätzungsvermögen für die Muskelkraft, die für eine bestimmte Aufgabe benötigt wird (Kalaska 1988; Matthews 1988; McCloskey 1985 zitiert nach Fisher et al. 2002).
Ayres (1998) beschreibt, dass Propriozeption u. a. wichtig ist, um eine Vorstellung vom eigenen Körper und dessen Bewegungsfähigkeit zu entwickeln, um Handlungsabläufe zweckmäßig zu planen/ auszuführen. In Ausführungen nach Kiesling (1999) ist das Propriozeptive System eng mit dem vestibulären und taktilen System verbunden.
3.3. Das taktile System
Das taktile System (Tastsinn, Oberflächensensibilität) mit der Haut als Sinnesorgan ist das flächenmäßig größte Sinnessystem. Diese enthält verschiedene Rezeptoren für unterschiedliche taktile Wahrnehmungen. Dem taktilen System kommt sowohl im psychischen als auch im physischen Bereich eine große Bedeutung zu. Es ist eng mit der Emotionalität verbunden und gibt Informationen über Berührungsreize, die teils unbewusst, teils bewusst
5
Arbeit zitieren:
Iris Busch, 2003, Die Sensorische Integration und ihre Auswirkung auf Lernen und Verhalten, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Tageseinrichtungen für Kinder als Aufgabenfeld der Kinder- und Jugendh...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 93 Seiten
Didaktische Modelle und ihre Bedeutung für die Unterrichtsplanung
Reflexion zum Unterrichtsprakt...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Essay, 7 Seiten
Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers
Psychologie - Beratung, Therapie
Seminararbeit, 27 Seiten
Case Management in der Sozialarbeit mit Suchtkranken unter besonderer ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 118 Seiten
Sind die Parteien in Deutschland auf dem Weg zu Kartellparteien?
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 16 Seiten
Nur ein "Amokläufer"? - Sozialpsychologische Zeitdiagnose &q...
Psychologie - Sozialpsychologie
Wissenschaftlicher Aufsatz, 20 Seiten
Sprachförderung in der Grundschule
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Seminararbeit, 21 Seiten
Möglichkeiten der Sichtveränderung durch den systemischen Ansatz in de...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 21 Seiten
Frauen in Führungspositionen - eine Minderheit
Erfolgsbarrieren und Maßnahmen...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit, 24 Seiten
„Der Verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie“ (vgl. SEEWALD ...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hauptseminararbeit, 16 Seiten
Iris Busch's Text Die Sensorische Integration und ihre Auswirkung auf Lernen und Verhalten ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Iris Busch hat den Text Die Sensorische Integration und ihre Auswirkung auf Lernen und Verhalten veröffentlicht
Iris Busch hat einen neuen Text hochgeladen
Von der Sensorischen Integration zur Entwicklungsbegleitung
Von Theorien und Methoden über...
Waltraut Doering, Winfried Doering
Lern-, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen in Praxisbeispielen
Ein Übungsbuch für die Aus- un...
Gisela Wolf
Mototherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen
Eine Anleitung zur Praxis
Gudrun Kesper, Cornelia Hottinger
Die Auswirkungen des Sarbanes-Oxley Act auf die deutsche Corporate Gov...
Ein Beitrag zur Amerikanisieru...
Annette Christina Nicklisch
0 Kommentare