Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass Kinder (und auch Erwachsene) in unserer Zeit doch noch Märchen brauchen. Vor allem Kinder zeigen ein großes Interesse an den fantastischen Erzählungen, in der die Grenzen zur Wirklichkeit und zu Wunderbarem aufgehoben sind. Märchen sind in unserer Gesellschaft sehr wohl noch erwünscht und erzielen eine große Wirkung besonders auf Heranwachsende. Woran dies nun liegt, woher das Interesse an Märchen kommt und warum Märchen viele Menschen derartig in ihre Fesseln ziehen, soll in dieser Arbeit gezeigt werden. Dieser Teil der Arbeit, der nach einer allgemeinen Einführung in die Gattung Märchen folgt, soll ein Verständnis an Märchenwichtigkeit vermitteln, ebenso das Empfinden des pädagogischen Wertes von Märchendidaktik stärken. Der/Die junge LehrerIn soll dazu ermutigt werden, in seinem/ihrem Unterricht mit Märchen zu arbeiten. Am Bespiel Schneewittchen wird ein Interpretationsansatz von Bruno Bettelheim referiert, an dem einige grundlegende Aspekte des Märchens aufgezeigt werden. Ebenso wird an „Schneewittchen“ gezeigt, wo der pädagogische Wert des Märchens uns seine Wirkung auf die Kinder gesucht werden kann. Der letzte Teil der Arbeit gibt einige Anregungen für die Umsetzung des Themas „Märchen im Unterricht“, und stützt sich auch auf den Rahmenplan Grundschule des Landes Hessen.
2 Allgemeine Aspekte zum Märchen
2.1 Definitionsversuche
Die Verwendung des Wortes „Märchen“ kann bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Zunächst hieß es jedoch „Märlein“, seit dem 18. Jh. wird „Märchen“ verwendet. Der Begriff stammt von „Maere“ ab, was so viel wie „Kunde, Bericht, Erzählung, Gerücht“ bedeutet. Märchen sind hochkomplexe Phänomene, die Interpretationen vieler wissenschaftlicher Disziplinen wie etwa die der Literaturwissenschaft, Psychologie, Gesellschaftstheorie oder der der Volkskunde zulassen. Im Englischen (fairy tale) und im Französischen (Conte de fèe) wird mit der Bezeichnung für Märchen die Rolle der Fee betont, die jedoch nur in sehr wenigen Märchen auftritt. Märchen sind fantastische realitätsüberhobene variable Erzählungen, deren Stoff aus mündlicher und volkstümlicher Tradition stammt und bei jeder mündlichen oder schriftlichen Realisierung je nach Erzähltalent und –intention oder nach stilistischen Anspruch anders gestaltet sein kann. Fest bleibt jedoch der Erzählkern – Inhalte
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sind frei erfunden und weder zeitlich noch räumlich festgelegt und von fantastisch- wunderbaren, den Naturgesetzen widersprechenden Figuren belebt und gestaltet. Bernd Wollenweber sagte zu den Märchen, dass sie nicht fantastisch und unrealistisch, sondern höchst realistisch sind. Sie geben Erfahrungen wieder, zeigen tatsächliche Konflikte, deren Aufhebung wunderbar ist. Außerdem betont er, dass Märchen nicht grausam sind, sondern lediglich die grausame Wirklichkeit wiederspiegeln. Wege zur Zielverwirklichung sind nicht wunderbar, sondern realistische Mittel wie List, Klugheit, usw. Lutz Röhrich sagt weiterhin, dass Märchen ein Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit sind, selbst im betont Unwirklichen steckt eine Aussage über Wirklichkeit. Meist sind Märchenmotive wunderbar und das Märchenthema wirklich, wie z.B. Konfliktsituationen wie Generationskonflikte, Untreue,... das Wunderbare zeigt sich meist im Zufall. Klaus Doderer: Kinderfiguren wirklichkeitsgetreu, Verhaltensweisen spiegeln gesellschaftlich vermittelte Werte wieder Lüthi: Märchen will nicht zeigen, wie es auf der Welt zugehen sollte, sondern wie es in Wahrheit zugeht. Kritisiert, dass nicht jedes Element in sich aufgenommen wird, z.B. wird nicht das Dazwischenliegende zwischen König und Bauer dargestellt, weil es das Wunderbare, Abenteuerliche stört.
Karl Ernst Meier: Märchen ist äußerst wichtig für die sprachlich-literarische, geistig- seelische, fantastisch-magische, ethische, existenzielle und p ersonale Entwicklung des Kindes, insgesamt für dessen Sozialisation und Personalisation.
Weiterhin zur Glaubwürdigkeit von Märchen:
Märchen sind häufig Auseinandersetzungen mit den gegebenen Realitäten. Lediglich die Form des Märchens und die Transformation der tatsächlichen Umstände ins Fiktive, erweckt den Anschein, dass Märchen vollkommen bezugslos im Raum stehen.
Man unterscheidet zwischen dem Volksmärchen und dem Kunstmärchen:
Das VOLKSMÄRCHEN geht auf volkstümliches, anonymes Erzählgut zurück und ist eine kürzere volksläufig-unterhaltsame Prosaerzählung von fantastisch-wundersamen Begebenheiten ohne zeitlich und räumliche Festlegung. Dabei ist die Hauptfigur des Märchens stets so gezeichnet, dass sie zur Identifikation anregt. Es ist aus dem Erzählen des Volks hervorgegangen und hat den Zusammenhang mit der Erzählweise des Volkes nicht verloren.
KUNSTMÄRCHEN sind einmalige Erfindungen und Fassungen namentlich bekannter Autoren, bewusste Kunstschöpfungen, dichterisch gestaltet.
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2.2 Geschichte
Das älteste Märchenbuch ist die über 300 Stücke umfassende persisch-arabische Sammlung „Tausendundeine Nacht“, die ins 10. Jahrhundert zurückdatiert. Der Ursprung unserer Märchen liegt also im Orient und von dort gelangen sie schon lange vor den Kreuzzügen ins Abendland. In der Antike und im Mittelalter waren Märchen noch keine selbständige Gattung, sondern Bestandteil anderer epischer Dichtungen. Sogar in der germanischen Heldensage lassen märchenhafte Bestandteile schon auf ein sehr frühes Vorhandensein der Ur-Märchen in unserem Sprachraum schließen.
• Straparola, Giovan Francesco: Der erste europäische Märchensammler. Zwischen 1550 und 1553 erschienen unter dem Titel „Le piacevoli notti“ (Die göttlichen Nächte) 74 Erzählungen.
• Basile ( 1575-1632): Märchensammlung, die Grimms ebenfalls bekannt war; 1634 Basiles „Pentamerone“ (Das Märchen aller Märchen oder Unterhaltung für Kinder).
• Perrault (1628-1703): Verfasser einer kleinen Märchensammlung; er hat neben französischen Quellen auch italienische Vorgänger benutzt; er hat seine Quellen nach dem Grundsatz „Niemals etwas schreiben, was Anstand und Schicklichkeit verletzen könnte“ gemildert; 1697 erschien Perraults „Contes de ma mère l’oye“ – 8 Prosaerzählungen im höfischen Stil des Zeitalters von Ludwig XIV (Dornröschen, Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Däumling, Der gestiefelte Kater, Blaubart, Frau Holle)
• Feenmärchen: Zwischen 1785 und 1789 in 41 Bänden unter dem Titel „Cabinet des fèes“
• Brentano: Die erste deutsche Märchensammlung stammt von (1805)
• Die erste deutsche Übersetzung aller 50 Stücke wurde 1846 mit einer Vorrede von Jakob Grimm veröffentlicht.
2.3 Kennzeichen
Ausgangssituation des Märchens ist oft ein ungerechter Zustand; Ziel ist es, diese Störung aufzuheben. Damit entsteht im Märchen eine Dichotomie (Zweiteilung). Es tritt immer ein
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gutes und ein böses Prinzip auf. Das gute Prinzip gewinnt zum Ende des Märchens und wird belohnt, das böse Prinzip verliert und wird bestraft. Das Bedrohende wird in Gestalten konkretisiert und damit greifbar gemacht. Seine Macht ist durch Gegenkräfte aufgehoben oder abgeschwächt. Die Figuren des Märchens stehen oft im Schutz der guten Geister, häufig steht die Hauptfigur in Gunst der Götter. Übersinnliche Kräfte treten oft auf, um den Figuren bei Bewältigung ihres Alltagslebens zu helfen, oft treten sie personifiziert auf. Figuren wie Hexen, Zauberer, Feen, Zwerge, Riesen, Drachen usw. sind natürliche Bestandteile des Märchens, über deren Auftreten sich keiner wundert. Tiere können reden und unter Umständen Menschengestalt annehmen. Auch Menschen können im verwunschenen Zustand Pflanzen- oder Tiergestalt annehmen (verdeckte Spuren mythischen Glaubens). Generell ist das Märchen eine eindimensionale Form des Erzählens, die ermöglicht, die Handlung leicht nachzuvollziehen. Somit i st die Identifikation mit den Hauptpersonen einfacher. Komplizierte, verwirrende Inhalte treten nie auf. Ein Märchen stellt ein Dilemma kurz und pointiert fest. Das Kind befasst sich also mit dem Problem in seiner wesentlichen Gestalt. (Das Märchen vereinfacht alle Situationen. Die Gestalten sind klar gezeichnet. Einzelheiten werden nur erzählt, wenn sie wirklich wichtig sind. Charaktere sind nicht einmalig, sondern typisch.) (Bettelheim) Ebenso gibt es wenige Personen, die repräsentativ wirken. Auch sind d ie auftretenden Personen keine Individuen. Das Dreisymbol ist charakteristisch, ebenso die Erlösung durch die Liebe und ein freier Wunsch (oder 3 freie Wünsche). Tiermärchen dienen als Spiegel einer bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Meistens tritt nur eine Hauptperson auf, damit wird die Aufmerksamkeit des Hörers nicht von anderen Personen abgelenkt. Bei wenigen Märchen, die zwei Hauptpersonen haben, wie z.B. bei Hänsel und Gretel oder Brüderlein und Schwesterlein sind beide Schicksale so eng miteinander verknüpft, dass das Los des einen nicht von dem des anderen zu trennen ist. Der Zuhörer muss sich damit nur mit einem Schicksal identifizieren. (Bettelheim) Nur der Held, die Person, mit welcher man sich identifiziert, das gute Prinzip, macht im Märchen eine Entwicklung durch, der „Anti-Held“ entwickelt sich nicht weiter, seine Werte bleiben zum Anfang und Ende des Märchens gleich, er lernt im Laufe des Märchens nichts dazu (Bettelheim).
Zu beachten ist, dass Märchen nicht nur der Unterhaltung dienen, d enn sonst würden mehr Variationen auftreten. Charakteristisch sind ebenfalls formelhafte Wendungen am Anfang und am Ende des Märchens wie „es war einmal“ oder „und wenn sie nicht gestorben sind“ In den Märchen lebt die Erinnerung an Mythen fort, was an den mythischen Zügen der Märchen zu erkennen ist . Inhaltlich stehen stets wiederholbare Erfahrungen im Mittelpunkt,
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es handelt sich um umgesetzte religiöse Traditionen. Hinter verschiedenen Märchengestalten verbergen sich heidnische Gottheiten (Frau Holle). Durch die mündliche Überlieferung der Märchen wurde viel neues beigemischt und altes verdrängt. Die Mutterfigur ist im Märchen immer gut! Sollte sie jedoch böse sein, so wird sie zur Stiefmutter gemacht. Der Mutterbegriff wird nicht „verschmutzt“.
Märchen waren im ursprünglichen Sinne kunstvolle Gebilde von Erwachsenen für Erwachsene. Adressaten der Märchen waren ursprünglich keine Kinder, sondern die Bevölkerung der Unterschicht. Ausnahmen stellen die Feenmärchen dar, welche hauptsächlich an Höfen erzählt wurden. Für die Adressaten der Unterschicht kam es nicht darauf an, dass die Märchen möglichst fantastisch waren, sondern darauf, welche Befriedigung sie erzielten. Aufgrund ihrer sozialen Unterlegenheit war Befreiung aus ihrer Lage nur durch geheimnisvolle Helfer und durch Wunder möglich. Diese Adressaten waren nicht an Schicksälen von Individualitäten interessiert, sondern an Schicksälen, in die sie sich hineinversetzen könnten. Wunderdinge wurden aktualisiert, z.B. trat an stelle des Zauberschwertes plötzlich ein sich selbstladendes Gewehr auf. Märchen waren überall Sache der Erwachsenen, solange die Völker Analphabeten waren, denn die erzählten Geschichten ersetzten ihnen das Buch, die Illustrierte, den Rundfunk, das Fernsehen. In manchen Kulturen gab und gibt es auch heute noch den Beruf des Märchen- und Geschichtenerzählers . Dieser Beruf ist jedoch in unserer Kultur zugunsten der Medien fast in Vergessenheit geraten.
Märchen belehren, ohne lehrhaft zu sein. Die Lehre an sich war nie der Entstehungsgrund, sondern sie geht automatische aus dem Märchen hervor. Märchen setzen den Hörer nicht unter Druck, der Sinn erscheint indirekt und unaufdringlich.
3 Kinder brauchen Märchen
3.1 Was bewirken Märchen bei Kindern?
Millionen Kinder auf der Welt lassen sich von Märchen bezaubern und lieben es, sich mit ihnen zu beschäftigen. Auch berühmte Schriftsteller betonten vor langer Zeit, welch wichtige Stellung die Märchen auch in ihrer Kindheit eingenommen hatten. Schiller sagte zum Beispiel:
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Juliane Kipp, 2000, Kinder brauchen Märchen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Gut geschrieben und fachlich in Ordnung. Leider in der gesamten Arbeit kaum zitiert und die Vergleiche fehlen ganz. Aus welchem Buch stammen welche Ansätze?! Bitte nacharbeiten...
on Wednesday, January 19, 2011-