Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Mediengeschichte und -gebrauch 3
2.1 Was sind Medien? 3
2.2 Entstehungsgeschichte des Medium Fernsehens 4
2.3 Das Medium Fernsehen innerhalb der Familie 5
2.4 Zeitverwendung von und Zeitstrukturierung
durch Medien 7
2.5 Programmvorlieben 9
2.6 Mediennutzung als Haupt- oder Nebentätigkeit 10
2.7 Einflussfaktoren auf das Medienverhalten 11
3. Sozialisation 12
3.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation 13
3.2 Wahrnehmungsentwicklung bei Kindern 18
3.3 Mediale Sozialisation 19
4. Geschlechterrollen 24
4.1 Geschlechtsstereotypen 25
4.2 Geschlechtstereotypen in den Medien 29
5. Kinderprogramme 32
5.1 Geschichte der Kinderprogramme 32
40 5.2 Geschlechterverhältnis in Kinderprogrammen
Geschlechterdarstellung in Kinofilmen für Kinder 48 5.3
5.4 Geschlechterdarstellung in Zeichentrickfilmen 54
6. Geschlechtsspezifische Verhaltenskonzepte
und Leitbilder für Jungen und Mädchen 59
6.2 Verschiedene Serienarten 61
6.2.1 Serien über den „bewegten Alltag“ 6.2.2 Serien über die „gerechten Kämpfe“ 6.2.3 Serien über „kleine Abenteuer“ 6.2.4 Zusammenfassung
6.3 Worauf Mädchen ihren Fokus legen 73
6.3.1 Die Leitbilder für Mädchen 74
6.4 Worauf Jungen ihren Fokus legen 79
6.4.1 Die Leitbilder für Jungen 80
7. Schlussbemerkung 89
8. Literaturverzeichnis 92
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Entwicklung der abendlichen Fernsehnutzung 7
Abbildung 2: Am wenigsten verzichten kann ich auf ... 8
Abbildung 3: Gibt es eine Figur/Person, für die Du besonders schwärmst? 22
Abbildung 4: Weibliche und männliche Stereotypen 27
Abbildung 5: Was suchen Kinder in Cartoons 61
Abbildung 6: Der „bewegte Alltag“ im Urteil der Altersgruppen 63
Abbildung 7: Der „bewegte Alltag“ im Urteil der 7- bis 11jährigen 64
Abbildung 8: Die „gerechten Kämpfe“ im Urteil der Altersgruppen 66
Abbildung 9: Die „gerechten Kämpfe“ im Urteil der 7- bis 11jährigen 68
Abbildung 10: Die „kleinen Abenteuer“ im Urteil der Altersgruppen 70
Abbildung 11: Beliebte und unbeliebte Serientypen 72
1 Einleitung
Ein Leben ohne Medien ist für uns heutzutage kaum mehr vorstellbar. Angefangen beim Aufwachen durch den Radiowecker begleiten uns Medien durch den ganzen Tag. Sie umgeben uns in Form der morgendlichen Tageszeitung, der Werbeplakate auf dem Weg zur Arbeit, dem Telefon im Büro bis hin zum abendlichen "Abschalten" vor dem Fernseher. Die Bedeutung, die Medien dabei in unserem täglichen Leben einnehmen, ist enorm - und uns ist meistens gar nicht bewusst, wie sehr sie unser Leben beeinflussen. In dem gleichen Maße wie die Vielfalt der unterschiedlichsten Medien zugenommen hat, ist auch das Alter gesunken, indem Kinder zum ersten Mal in Kontakt mit den Medien kommen. Das Medium Fernsehen hat den Einzug sogar schon bereits bei Grundschulkindern in deren Kinderzimmer geschafft. Da man dem Fernsehen unter anderem eine starke wertevermittelnde und sozialisierende Fähigkeit zuschreibt, stellt sich natürlich auch die Frage, inwieweit dieses Medium Einfluss auf die geschlechtsspezifische und mediale Sozialisation der 3- bis 13jährigen Kinder hat. Interessant hierbei ist auch die Darstellung der Geschlechterrollen aus dem Blickwinkel des Medium Fernsehens.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema “Kinder und Medien“ und stellt sich die Frage: Wie werden Geschlechter in Kindersendungen dargestellt und welche Leitbilder werden den Kindern angeboten? Dabei wird zuerst definiert was Medien sind und inwieweit diese von Familien, insbesondere von Kindern benutzt werden. Die Ausführung über die Entwicklung des Medium Fernsehens ist daher wichtig. Da das Fernsehen eine wichtige Rolle in der Sozialisation der Kinder übernimmt und Jungen und Mädchen schon in sehr jungem Alter manipulieren kann, wird in einer theoretischen Einführung aufgezeigt, was man allgemein unter Sozialisation versteht, und
1
Mediensozialisation im Besonderen bedeutet. Des weiteren wird auf die Bedeutung von Geschlechterrolle und Geschlechterstereotyp im allgemeinen und besonderen eingegangen. Das Medium Fernsehen kann eine
traditionelle oder aber schon eine neue veränderte Darstellung von Geschlechterrollen aufzeigen, und somit vermitteln was als typisch „männlich“ und als typisch „weiblich“ angesehen werden soll. Dieses aufgenommene Bild wird vom Rezipienten zurück in die Gesellschaft getragen. Im Hauptteil dieser Arbeit werden die gewonnenen Erkenntnisse anhand von Beispielen verdeutlicht, wobei sich ausschließlich mit Kinderprogrammen und deren geschlechtsspezifischer Rollendarstellung von Kinder bis zu 14 Jahren spezialisiert wird. In den Fokus genommen werden dabei Jungen und Mädchen in ihren Rollen in Kindersendungen, vor allem inwiefern sie in stereotypischen Charakteren auftreten und somit geschlechtsspezifische Rollenbilder vertreten. Aufgezeigt werden auch die verschiedenen Leitbilder, die die Kinderprogramme jeweils für Jungen und Mädchen anbieten und für welche sich die Kinder entscheiden.
2
2. Mediengeschichte und -gebrauch
2.1 Was sind Medien?
Medien werden definiert als „hochentwickelte Informations- und Kommunikationstechnologie[n], die seit den 1980er Jahren Verbreitung finden.“ 1 Sie dienen der Vermittlung von Informationen und sind somit das entscheidende Bindeglied zwischen Sender und Empfänger. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Medien, angefangen bei den ersten Tontafeln und Handschriften der Menschheit über Buch und Zeitungsdruck, Telefon, Schreibmaschine, Film, Rundfunk, Fernsehen bis hin zu Computer und Internet. Alle diese Medien haben gemein, dass sie Informationen über räumliche und zeitliche Instanzen hinweg speichern und übertragen. In besonderem Maße stellen Massenmedien, wie zum Beispiel das Fernsehen, eine Rolle bei der Vermittlung und Verbreitung von Meinungen, Informationen und Kulturgütern an einen möglichst großen Rezipientenkreis dar. Durch ihre Selektions- und Strukturierungsfunktion übernehmen sie zwangsläufig eine große Verantwortung bei der Welt- und Wirklichkeitsvermittlung sowie Meinungsbildung, da sie Geschehnisse filtern und rekonstruieren und diese den Rezipienten als weitgehend wahre Abbilder der Wirklichkeit präsentieren. Sie verhalten sich nicht neutral gegenüber dem was sie vermitteln, sondern sie passen den Inhalt an gesellschaftlich relevante, kulturelle, juristische und politische Normen an. Während die Alltagskommunikation sich dadurch auszeichnet, dass man aufeinander reagiert und sich zeitgleich wechselseitig beeinflusst, ist die mediale Kommunikation einseitig und in der Regel zeitversetzt. Im offenen Dialog überwiegen spontane und individuelle Äußerungen, wohingegen mediale Kommunikation meist vorbereitet wird und sich an einen großen
3
potentiell unbegrenzten Adressatenkreis richtet. Die beteiligten Rezipienten sind dabei nicht identifizierbar, was dazu führen kann, dass es durch die Einseitigkeit dieser Kommunikation zu Verständigungs-schwierigkeiten zwischen Sender und Empfänger kommt.
Seit mehreren Jahrzehnten ist gerade das Medium Fernsehen eines der beliebtesten Massenmedien und hat dadurch einen ganz besonderen Stellenwert bei der weltweiten Präsentation von Informationen erlangt und wurde zum potentiellen "Meinungsmacher". Im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung wird der Begriff „Medium“ ausschließlich Synonym für jegliche Form von Fernsehen verwendet und schließt andere Medien, wie Rundfunk-
2 und Printmedien aus.
2.2 Entstehungsgeschichte des Mediums Fernsehen
Die ersten Fernsehsender wurden in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland gegründet und haben seither einen stetigen Zuwachs auf gegenwärtig 35 dauerpräsente Kanäle erfahren. Diese Entwicklung wurde durch den konstanten Anstieg an Fernsehgeräten in deutschen Haushalten ab 1952 ermöglicht und die Vermarktung des Farbfernsehers um 1967 tat Entscheidendes bei dem Eroberungsfeldzug des Mediums Fernsehen bei. In Zahlen bedeutet das, dass zu Beginn der ersten Fernsehausstrahlungen 1952 vom Nordwestdeutschen Rundfunk ungefähr 1.000 deutsche Haushalte ein Fernsehgerät besaßen, 1964 waren
3 Dies entspricht einem Zuwachs von 9000% in nur es bereits neun Millionen.
12 Jahren. 1996 waren, der Media Analyse folgend, 97% aller Haushalte im
1 Fuchs- Heinritz, Werner 1995, S. 426
2 vgl. Neumann- Braun, Klaus 2000, S. 29ff 3 vgl. Heidtmann, Horst 1992, S. 76
4
Besitz eines Fernsehgerätes. 4 Teilweise befinden sich dabei nicht nur einer, sondern sogar zwei oder noch mehr Geräte pro Haushalt darunter. Begründet werden derartige Anschaffungen mit unterschiedlichen Programmvorlieben der Familienmitglieder. Aber auch die Tatsache, dass der Fernseher als Statusobjekt betrachtet wird, ist dafür ausschlaggebend. Auch wenn er gar nicht oder aber nur sehr selten genutzt wird, erscheint er als unverzichtbares Objekt.
An dieser Entwicklung kann man sehr gut erkennen, dass das Medium Fernsehen einen immer höheren Stellenwert in der Gesellschaft zugesprochen bekam und gegenwärtig noch immer eine steigende Tendenz aufweist. Auch innerhalb der Familie zeigt sich deutlich, dass das Medium einen hohen Stellenwert besitzt.
2.3 Das Medium Fernsehen innerhalb der Familie
Der elterliche Umgang mit Medien spielt eine große Rolle bei der Art und Weise, wie häufig Kinder und Jugendliche diese nutzen. Die Programmwahl wird durch die Rollenverteilung der Gesellschaft beeinflusst, so setzen sich Männer gegenüber Frauen, ältere gegenüber jüngeren Kindern und Väter gegenüber Müttern und Kindern durch. Tendenziell scheinen sich Eltern jedoch zunehmend den Wünschen der Kinder zu fügen. Bei häufiger Mediennutzung werden innerhalb der Familie bestimmte „Medienrituale“ entwickelt, so z.B. das gemeinsame Abendessen vor dem Fernseher, das Mitraten bei Quizsendungen oder das sich Verbrüdern von Vater und Sohn
5 Durch die heutige Lebens- und Wohnsituationbei Sportsendungen.
Kleinfamilie und Trennung von Wohn- und Arbeitsraum - kann man immer häufiger feststellen, dass Kinder relativ oft allein sind. Der Fernseher wird
4 vgl. Weiler, Stefan1999, S.110ff
5
hier zum elektronischen „Babysitter“, indem er als Medium von den Eltern bewusst eingesetzt wird, um das Kind zu beschäftigen oder sogar von den
Kindern selbst, um ihre Verlassenheitsängste zu mildern. 6 Mit dem Einzug des Fernsehers in die Kinderzimmer verliert das Fernsehen seinen Stellenwert als „Familienmedium“, da man es nicht mehr als Familie gemeinsam und zur selben Zeit nutzt. Befindet sich ein Fernsehgerät erst einmal im eigenen Kinderzimmer, steigt automatisch die Nutzung und auch die elterliche Kontrolle wird umgangen. Die Eltern verlieren den Überblick darüber oder den Einfluss darauf, welche Sendungen angeschaut werden
7 Dadurch werden und wie stark der Fernsehkonsum ihrer Kinder ansteigt. die Datenmengen unreflektiert von den Kindern aufgenommen. Das entstehende Problem dabei ist, dass sie bis zu einem bestimmten Alter noch nicht zwischen Medienfiguren und Menschen aus ihrem Umfeld unterscheiden können. In der Kindheit sind die Trennungslinien zwischen Alltagswelt und Fernsehwelt sehr fließend. Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Fiktion und Realität entwickelt sich erst noch. Daher ist es notwendig, dass eine Kommunikation zwischen Eltern und ihren Kindern entsteht, um diesen Unterschied verdeutlichen zu können. Diese Entwicklung der Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität wird im späteren Verlauf
8 Wichtig hierfür ist zu wissen, dass die dieser Ausführung noch erläutert.
elterliche Fernsehnutzung auch das Verhalten der Kinder beeinflusst. Die Dauer und die Häufigkeit des Fernsehkonsums der Kinder richten sich häufig nach dem elterlichen Fernsehverhalten.
5 vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 387f.
6 vgl. Wilhelm, Peter u.a. 1997, S. 35 7 vgl. Friedrichsen, Mike 1995, S. 111 8 vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 387
6
2.4 Zeitverwendung von und Zeitstrukturierung durch Medien
Der Tagesablauf wie auch die Mediennutzung passt sich an standardisierte Schemata an. Die Fernsehnutzung bei Kindern und Jugendlichen beginnt erst nach 14 Uhr. Dabei liegt der Höhepunkt des Fernsehkonsums erst gegen 20 Uhr und endet mit der Bettgehzeit um 22 Uhr, dies lässt sich in Abbildung 1 erkennen. Im Durchschnitt schauen jeden Tag 5,48 Millionen 3-
9 bis 13- Jährige mindestens eine Stunde fern.
Abbildung 1: Entwicklung der abendlichen Fernsehnutzung
In einer Untersuchung von Thomas Windgasse und Walter Klinger von 1998 wurde festgestellt, dass im ersten Halbjahr 1997 die 3- bis 5jährigen eine durchschnittliche Sehdauer von 78 Minuten haben. Die 6- bis 9jährigen schauten 92 Minuten und die Sehdauer der 10- bis 13jährigen betrug bereits
114 Minuten. 10
9 vgl. Weiler, Stefan 1999, S. 199
10 vgl. Krüger, Heinz- Hermann 2002, S. 645
7
Eltern und Freunde beeinflussen die Häufigkeit der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Man hat festgestellt, dass es eine starke Korrelation zwischen der Sehdauer von Kindern und der Sehdauer ihrer
11 Eltern besteht.
Man darf die Mediennutzung aber nicht unabhängig von der Einbindung dieser in den Alltag der Kinder betrachten. Denn das Fernsehen ist heutzutage nicht mehr aus dem Alltag der Kinder weg zu denken. Nach der KIM Studie 2000 können drei Viertel der befragten Kinder auf dieses Medium am wenigsten verzichten.
Abbildung 2: Am wenigsten verzichten kann ich auf …
11 vgl. Wilhelm, Peter u.a. 1997, S.116
8
Abbildung 2 zeigt, dass insgesamt 75% der Befragten auf das Fernsehen nicht gern verzichten. Interessant ist dabei, dass es mehr Mädchen sind,
12 Daraus lässt sich nämlich 77 % im Gegensatz zu 73% der Jungen. schließen, dass die meisten Jungen und Mädchen heutzutage nicht mehr ohne Fernsehen auskommen. Beeinflusst wird dieses Verhalten durch die Vielfalt der angebotenen Sendungen der Fernsehanstalten. Jungen und Mädchen wollen auf ihre Lieblingssendungen nicht mehr verzichten. Dabei liegt der Schwerpunkt bei Jungen als bei Mädchen in unterschiedlichen Genres.
2.5 Programmvorlieben
Programmvorlieben lassen sich insbesondere im Bezug auf Geschlecht und Alter unterscheiden. Bei Kindern sind in der Regel die privaten Veranstalter am beliebtesten, wie z.B. Pro7 und RTL, sowie VIVA und MTV. In der Quantität des Fernsehkonsums unterscheiden sich Jungen nicht von
13 Mädchen. Nur in Bezug auf den Inhalt gibt es verschiedene Präferenzen. Bevorzugte Sendungen der 6- bis 8 jährigen sind spezielle Kindersendungen, auch alle Arten von Zeichentrickserien. Die 12- bis 14jährigen bevorzugen eher Comedy, Krimis und alle Arten von sonstigen Serien. Dabei lässt sich feststellen, dass Jungen eher Actionserien und Mädchen eher Daily Soaps bevorzugen. Comedy ist allerdings bei Mädchen wie Jungen sehr beliebt. Spielfilme, vor allem Abenteuerfilme sowie Unterhaltungssendungen, werden vorwiegend von der ganzen Familie
geschaut. 14 Zeichentrick ist bei den Jungen und Mädchen vor allen anderen
12 vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 2001, S. 17 13 vgl. Wilhelm, Peter u.a. 1997, S. 34
14 vgl. Weiler, Stefan 1999, S. 201
9
Genre stark bevorzugt, was auch die Vielfalt an angebotenen
15 Zeichentrickfilmen widerspiegelt.
Auf die geschlechtsspezifischen Tendenzen wird im Hauptteil der Ausarbeitung noch ausführlich eingegangen.
2.6 Mediennutzung als Haupt- oder Nebentätigkeit
Normalerweise werden während des Fernsehens Arbeiten im Haushalt verrichtet, es wird gelesen, geredet, gegessen, telefoniert, herumspaziert oder gar geschlafen - auch Kinder spielen nebenher, ohne dem Fernsehgeschehen Aufmerksamkeit zu schenken - eher selten wird ausschließlich ferngesehen. Das alltägliche Familienleben verläuft in der Regel unabhängig von an- oder ausgeschaltetem Fernsehgerät. Auf die Frage, warum Kinder gerne fernsehen, wurde in einer Umfrage von 1997 Angaben gemacht, wie z.B.: um die Zeit zu füllen oder Gesellschaft zu haben. Auch gelernt wird während des Fernsehens, vor allem aber wird dieses Medium zur Ablenkung, Flucht aus dem Alltag, aus Langeweile und
als Grundlage zu Diskussionen mit Freunden genutzt. 16 Diese Nutzung des Mediums zeigt, dass nicht nur ausschließlich ferngesehen wird, sondern andere Tätigkeiten nebenher verrichtet werden. Das Medium wird nur als Begleiter im Tagesablauf genutzt. Die Mediennutzung ist aber stark von anderen Faktoren abhängig, wie im folgenden Abschnitt näher beleuchtet wird.
15 vgl. Schwanebeck, Axel 2000, S. 59
16 vgl. Wilhelm, Peter u.a. 1997, S. 34
10
2.7 Einflussfaktoren auf das Medienverhalten
Das Medienverhalten in Familien wird durch viele unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten sind hierbei Schicht und Milieu, Alter und Geschlecht. Je geringer der soziale Status, die Bildung und das Einkommen von Erwachsenen, desto höher ist tendenziell der Fernsehkonsum. Die Fernsehinhalte werden hier generell weniger hinterfragt, der Fernseher läuft oft "nebenher". Über einen eigenen Fernseher verfügen auch häufiger Kinder
17 aus Familien mit einem niedrigen Bildungsniveau. Der Umgang von Medien wird auch vom Lebensalter beziehungsweise den Lebensphasen beeinflusst. Während im Alter von 12 bis 15 Jahren mehr ferngesehen wird, nimmt der Fernsehkonsum ab 16 Jahren ab. Ab 25 Jahren findet wieder eine größere Fernsehnutzung statt, was mit dem Berufseinstieg und der Familiengründung in Zusammenhang gebracht wird. Es wird in diesem Alter immer noch mehr Radio gehört als ferngesehen. Unter erschwerten Lebenssituationen wie Arbeitslosigkeit oder allein erziehendes Elternteil verändert sich auch der Umgang mit Medien. Es findet ein verstärkter Medienkonsum statt. Dabei spielt vor allem das Bedürfnis nach Unterhaltung, Zerstreuung und Fluchten aus dem Alltag eine wesentliche
18 Rolle.
Die elterliche Erziehung hat großen Einfluss auf die Mediennutzung der Kinder, ist aber nicht die einzige Sozialisationsinstanz, die die Kinder prägt. Auch das Medium Fernsehen hat eine sozialisierende Wirkung.
17 vgl. Backes, Margitta 1999, S. 47ff
18 vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 388f
11
3. Sozialisation
Der aus der Soziologie stammende Begriff „Sozialisation“ oder auch Vergesellschaftung genannt, ist eine
Bezeichnung für den Prozess, durch den ein Individuum in eine soziale Gruppe eingegliedert wird, indem es die in dieser Gruppe geltenden sozialen Normen, insbesondere die an das Individuum als Inhaber bestimmter Position gerichteter Rollenerwartungen, die zur Erfüllung dieser Normen und Erwartungen erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die zur Kultur der Gruppe gehörenden Werte, Überzeugungen usw. erlernt und in sich aufnimmt. 19
Alle gesellschaftlichen Einrichtungen, die bewusst oder unbewusst Sozialisationsprozesse steuern und der Vermittlung von bestimmten Normen und Wertvorstellungen, Ziele und Verhaltensformen dienen, sind Instanzen der Sozialisation. In der Familie, in der wichtige Persönlichkeitsmerkmale wie Sprache, Denken, Fühlen und Handeln ausgeformt werden, findet die Primäre Sozialisation statt. Gelernt wird neues soziales Rollenverhalten. Diese Einflüsse der Erziehung wirken unterstützend, aber auch entgegenwirkend, auf den Sozialisationsprozess. Der Sozialisationsbegriff meint zum einen die Anpassung des Individuums an die gesellschaftlichen Rollen- und Verhaltensanforderungen, zum anderen die Entwicklung des Menschen zur autonomen, gefestigten Persönlichkeit. Als Sozialisationsinstanzen werden Schule, Universität, berufliche
Ausbildungsstätte, Arbeitsstätte, Kirche, Militär, traditionelle Vereine usw. angesehen. Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede zwischen Unterschicht-und Mittelschichtan-gehörigen im Sozialisationsablauf und -erfolg. Eine Reproduktion der sozialen Schichtungen und der damit verbundenen
20 Sozialisation bezeichnet sozialen Ungleichheit findet dadurch ständig statt. somit den Prozess
19 Fuchs-Heinritz, Werner 1994, S. 615 20 vgl. Krüger, Heinz- Hermann 2002, S. 84ff.
12
des Erwachsenwerdens unter Anleitung von Familie und besonderen Einrichtungen, sie findet jedoch immer auf Hinblick geschlechtsspezifischer Erziehung statt.
3.1 Geschlechtsspezifische Sozialisation
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat die Wissenschaft versucht, Unterschiede zwischen den Geschlechtern nachzuweisen, wobei die Wissenschaftler sich weitestgehend mit einer Darstellung der geschlechtsspezifischen Unterschiede befassten, die sie mit einer Überlegenheit des männlichen Geschlechts begründeten und aufrecht erhielten. Erst zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts mit dem Aufkommen der neuen Frauenforschung begannen einige Forscherinnen, Untersuchungen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, indem sie versuchten, nicht nur Ergebnisse darzustellen, in denen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbar wurden, sondern auch eine Vielzahl von Daten veröffentlichten, in denen kein Geschlechtsunterschied erkennbar war. Bis dahin gab es auch noch keine ausgeprägte Theorie der geschlechtsspezifischen Sozialisation. In Untersuchungen hat sich nun herausgebildet, dass die Geschlechterdifferenzen nicht von der patriarchalen Gesellschaftsstruktur zu trennen sind, wobei auch eindeutig eine Hierarchie
21 Zwischen den im Geschlechterverhältnis festgestellt werden kann.
Geschlechtern sind viele Unterschiede nicht biologisch bedingt, daher ist die Unterscheidung zwischen ,,sexus", was sich auf die körperlichen Unterschiede bezieht, und ,,genus", das die psychischen, sozialen und
22 kulturellen Unterschiede bezeichnet, sehr wichtig.
21 vgl. Brück, Brigitte etc. 1997, S. 76ff. 22 vgl. Giddens, Anthony 1995, S. 178
13
Schon in den ersten Lebensjahren beginnt die Sozialisation und somit auch die geschlechtsspezifische Behandlung von Jungen und Mädchen. Die Kinder internalisieren die unterschiedliche Rollenverteilung, allerdings erfolgt noch keine stereotype Zuweisung zum jeweiligen Geschlecht. Die Kinder orientieren sich lediglich an den Unterschieden zwischen Erwachsenen und Kindern, also den Kleinen und den Großen, den Lehrenden und den
23 Bis zum Lernenden, sowie zwischen den Mächtigen und den Abhängigen. 6. Lebensjahr sind sich Kinder bewusst, welchem Geschlecht sie angehören, dass es zwei verschiedene Geschlechter gibt und dass diese durch verschiedene Genitalien gekennzeichnet sind. Außerdem können sie den Geschlechtern verschiedene Merkmale, wie z.B. Aussehen und Namen zuordnen und sie wissen, dass die Geschlechter unveränderbar sind. Bei den Verhaltensweisen wurden je nach Untersuchung bis hin zum 6. Lebensjahr noch keine oder nur geringe spezifische Unterschiede
24 festgestellt.
Normen und Werte werden offensichtlich unterschiedlich an die nächste Generation weitergegeben, wobei die Reaktionen der Kinder auf die unterschiedliche Behandlung durch die Erwachsenen lange Zeit als Imitations- oder Identifikationslernen der jeweiligen Geschlechterrolle beschrieben wurde. Simone de Beauvoir hat mit ihrem Ausspruch: ,,Man
25 einen Denkanstoß für die kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es!"
frauenfeindliche Sozialisation im Patriarchat gegeben. Denn wir übernehmen eine Identität, die in unserer Gesellschaft durch Mitmenschen definiert und vorgelebt wird. Schon Babys werden von Erwachsenen völlig unterschiedlich behandelt, je nach dem ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Ergebnis von Experimenten war, dass ein Baby, das einmal als Junge und einmal als Mädchen
23 vgl. Kürthy, Tamás 1978, S. 5 24 vgl. Hagemann-White 1984; S.84f. 25 Beauvoir, Simone de 1968, S.281
14
ausgegeben wurde, dementsprechend von den Erwachsenen behandelt wurde. Das vermeintlich weibliche Baby wurde als „süß“ und „zart“, das
vermeintlich männliche Baby als „stark“ und kräftig“ bezeichnet. 26 Kleine Kinder lernen schon sehr früh, auch schon auf der nonverbalen Ebene die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu erkennen und beginnen bald, die Unterschiede ihres Verhaltens sowie des Verhaltens zueinander zu erkennen. Selbst wenn Eltern sehr bemüht sind, ihre Kinder geschlechtsneutral zu erziehen, so stoßen sie bald an von außen gesetzte Grenzen, da sie einerseits unbewusst ihre Vorstellungen weitergeben und
27 In andererseits auch die Einflüsse der Umwelt nicht umgehen können. Kinderbüchern und Filmen werden seit einiger Zeit doch verstärkt Mädchen dargestellt, die Abenteuer erleben und außerhäuslichen Tätigkeiten nachgehen. Aber nach wie vor werden kaum Jungen dargestellt, die häusliche Tätigkeiten verrichten. Auch Spielzeug wird nach wie vor stark geschlechtsspezifisch angeboten und beworben. Peer- Groups verstärken das bis dahin erlernte geschlechtsspezifische Verhalten im Allgemeinen noch. In der Pubertät müssen Jungen, besonders solche der Unterschicht, sich davor hüten, „weibisches Verhalten" zu zeigen, um nicht als verweichlicht oder gar homosexuell zu gelten. Mädchen sind in dieser Zeit einem besonderen Druck ausgesetzt, die weibliche Rolle zu übernehmen. Einfluss auf das Verhalten der Kinder hat auch in nicht geringem Maße das Spielzeug, das ihnen zur Verfügung steht. Mädchen werden hierbei typisch weibliche Spielzeuge, wie z.B. Puppen und Kinderwagen zugeordnet und Jungen typisch männliche, wie z.B. Autos und Baukästen. Mädchen allerdings wird von ihren Eltern die Freiheit gegeben auch mit typisch männlichem Spielzeug zu spielen. Im Gegensatz dazu wird von Jungen rollenkonformes Verhalten gefordert.
26 vgl. Feldmann, Klaus 2001, S. 168 27 Brück, Brigitte etc. 1997, S. 81f.
15
Nicht mit dem „richtigen“ Spielzeug spielen wird bei Jungen stärker sanktioniert. Mädchen- Spielzeug hat im Gegensatz zu Jungen- Spielzeug
28 Mädchen werden schon früh mit ihrer einen geringeren Stellenwert.
zukünftigen Rolle als Mutter vertraut gemacht, indem man ihnen Puppen und Kinderwagen schenkt beziehungsweise indem ihnen die zukünftige Rolle durch Werbung für geschlechtsspezifisches Spielzeug in den Medien
29 zugewiesen wird.
Laut einer Untersuchung von Monika Weiderer und Annegret Komorek-Magin wird Jungen in ihrer Erziehung mehr Freiheit und Selbständigkeit zugestanden. Mädchen dagegen werden für nicht-stereotypes Verhalten
30 eher sanktioniert und nach dem traditionellen Frauenbild sozialisiert. Es gibt verschiedene Theorien, die geschlechtsspezifischen Sozialisation versuchen zu erklären. Die Ähnlichkeitshypothese geht z.B. davon aus, dass Kinder Geschlechterrollen durch Interpretation des geschlechtsspezifischen Verhaltens der Eltern erwerben. Sie orientieren sich jeweils an denen ihnen ähnlicher erscheinenden Rollen und übernehmen dieses Verhalten. Die Aneignung von Weiblichkeit und Männlichkeit läuft nach der psychoanalytischen Theorie über die Identifikation an den Eltern. Die Kinder richten ihr Verhalten am gleichgeschlechtlichen Elternteil aus, und werden dementsprechend die von der Mutter und vom Vater vorgelebten weiblichen und männlichen Rollen übernehmen.
Aus lerntheoretischer Sicht sind diese angebotenen und vorgelebten Geschlechterrollen die Vorbilder für Kinder. Diese Modelle von weiblich und männlich werden nachgeahmt. Diese Nachahmung wird von der Umwelt verstärkt, indem Kinder für bestimmte Verhaltensweisen gelobt oder getadelt
werden, wie zum Beispiel ein Junge soll nicht weinen. 31
28 vgl. Feldmann, Klaus 2001, S. 168
29 vgl. Brück, Brigitte etc. 1997, S. 83f. 30 vgl. Weiderer, Monika; Komorek-Magin, Annegret 1994; S.34
31 vgl. Fromme, Johannes 1999, S. 63 ff.
16
Arbeit zitieren:
Stefanie Meyer, 2003, Kinder und das Medium Fernsehen - Eine Darstellung der geschlechtsspezifischen und medialen Sozialisation sowie die Geschlechterdarstellung von Kindern, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Glaubwürdigkeit in computervermittelter Kommunikation
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Seminararbeit, 20 Seiten
Gibt es den typischen Mann oder die typische Frau?
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 19 Seiten
Wirkung von Fußtritten gegen Kopf und Thorax
Medizin - Gesamtmedizin, allgemeine Grundlagen
Doktorarbeit / Dissertation, 89 Seiten
Untersuchung von Frauenrollen und Rezipienten am Beispiel der Lindenst...
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Projektunterricht - eine umfassende Betrachtung
Referat (Ausarbeitung), 26 Seiten
Vom 11. September 2001 zum Irak-Krieg 2003
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Kinderalltag - Medienalltag. Medienbesitz und Nutzungsverhalten
Diplomarbeit, 132 Seiten
Stefanie Meyer's Text Kinder und das Medium Fernsehen - Eine Darstellung der geschlechtsspezifischen und medialen Sozialisation sowie die Geschlechterdarstellung von Kindern ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Stefanie Meyer hat den Text Kinder und das Medium Fernsehen - Eine Darstellung der geschlechtsspezifischen und medialen Sozialisation sowie die Geschlechterdarstellung von Kindern veröffentlicht
Stefanie Meyer hat einen neuen Text hochgeladen
Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?
Ein Aufruf gegen Gewalt in Fer...
Dave Grossman, Gloria DeGaetano, Martin Kraus, Bruno Sandkühler
Ihre Rezeption, Wahrnehmung un...
Dorothee M. Meister, Uwe Sander, Klaus Peter Treumann, Eckhard Burkatzki, Jörg Hagedorn, Mareike Strotmann
So mache ich mein Kind fernseh- und medienfit
Mit Tipps aus der Praxis
Theresia Maria de Jong
Die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie bei psychischen Störungen von E...
Expertise zur empirischen Evid...
Birgit Kröner-Herwig, DGVT & AVM
0 Kommentare