Universität Trier, FB I – Philosophie, WS 2001/02, Referat Menschliches Bewußtsein zum Proseminar Jaegwon Kim: Einführung in die neuere Philosophie des Geistes von Imke Kannenberg
„Der Sachverhalt, dass ein mentaler Zustand bewußt ist, besteht darin, dass man den Gedanken hat, dass man in eben diesem mentalen Zustand ist.“ (ebenda) beziehen sich also eher auf das Selbstbewußtsein. Bezögen sie sich auf das Bewußtsein, könnten Tiere und Kleinkinder, die nicht zu Gedanken höherer Ordnung, die sich auf mentale Zustände beziehen, fähig sind, kein Bewußtsein haben. Aber empfinden Kinder, die zu auf sich selbst bezogenen Gedanken noch nicht in der Lage sind, etwa keine Schmerzen? Bewußte Empfindungen sind eine, Gedanken über solche Empfindungen eine ganz andere Sache. Letztere erfordern viel höhere und komplexere kognitive Fähigkeiten als erstere. Wofür aber ist Selbstreflexion, ist Selbstbewußtsein gut? Welche Aufgabe hat das Selbstbewußtsein in der Evolution? Ist es physikalistisch erklärbar?
Die aktuelle Diskussion um das Bewußtsein dreht sich meist um Bewußtsein im Sinne der erstgenannten Bedeutung, ist also beim Selbstbewußtsein noch nicht angelangt. Doch auch hier lassen sich dieselben Fragen stellen. Grundlage meines Referates ist Jaegwon Kims Philosophie des Geistes 3 und hier speziell das 7. Kapitel „Bewußtsein“. Auch dort – und deshalb auch in meinem Referat - dreht sich die Diskussion um die oben zuerst genannte Bedeutung des Begriffs.
Das Bewußtsein scheint ein zentrales, wesentliches Merkmal des menschlichen Geistes zu sein. Gehirnforscher, die heute in der aktuellen Diskussion führend sind, definieren Bewußtsein zumeist als die Summe aller bewußten Wahrnehmungsprozesse.
Hinderk Emrich, Leiter der psychiatrischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover: „Bewußtsein haben, heißt, bestimmte Phänomene im mentalen Raum miteinander zu verbinden.“ 4 Für ihn ist Bewußtsein also die Fähigkeit, unterschiedliche Sinneseindrücke zu einer sinnvollen Einheit zu verbinden. (Der Gesamteindruck einer Kaffeetasse z.B. besteht aus mehreren unterschiedlichen Wahrnehmungen (Geruch, Dampf, Form, Schimmern etc.), die jeweils in unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet werden. Den Ablauf, der diese verschiedenen Eindrücke zu der Einheit „Kaffeetasse“ verbindet, nennt man „binding“.) Auch der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer konzentriert sich bei der 3 Jaegwon Kim, Philosophie des Geistes (Wien; New York: Springer, 1998) 4 Gabor Paal, „Der Zombie im Menschen,“ Morgenwelt (6.März 2000): www.morgenwelt.de/wissenschaft/000306-bewusst1-p.htm, 26.11.2001
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Suche nach dem Bewußtsein auf die Erklärung dieses sogenannten „bindings“. Er sieht die Erklärung im synchronen Feuern derjenigen Neuronen, die jeweils zu einer Einheit gehören. Dem Bremer Neurobiologen Hans Flohr reicht das jedoch nicht, denn somit, so Flohr, wäre zwar erklärt, wie das Binding funktioniert, nicht aber, warum es bewußt geschieht. (ebenda) Jaegwon Kim nennt verschiedene Merkmale des Bewußtseins:
Ø Subjektivität Für manche Philosophen ist die Subjektivität bezüglich bewußter Zustände ein wesentliches Merkmal des Bewußtseins. Sie besagt, dass unser Wissen von unseren bewußten Zuständen unmittelbar ist und nicht auf B eobachtung, physikalischen Indizien o.ä. beruht. In Bezug auf unsere eigenen präsenten bewußten Zustände nehmen wir eine besonders privilegierte Position ein, denn nur wir können darüber Bescheid wissen (erste-Person-Autorität), ein anderer kann sich nur a uf unsere Aussagen stützen. Es gibt also eine Asymmetrie zwischen einem erste- und einem dritte-Person-Wissen von bewußten Zuständen. Daraus folgt aber nicht, dass das Subjekt einen jeden Aspekt seiner bewußten Zustände kennt, d.h. man kann daraus nicht auf die Descartessche „vollständige Transparenz“ des menschlichen Geistes schließen.
Ø Qualia Mentale Ereignisse und Zustände (z.B. das Sehen einer roten Tomate, das Riechen von Benzin, das Spüren eines stechenden Schmerzes) haben je eigentümliche phänomenale Qualitäten. Diese Sinnesqualitäten mentaler Ereignisse nennt man Qualia. Wir wissen, wie es ist, etwas Gelbes zu sehen, etwas Scharfes zu essen – wir können nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Solche qualitativen Merkmale scheinen auch bei m entalen Zuständen vorzuliegen (bei Ärger, Freude, Neid, Reue, Stolz etc.), jedoch kann man einen emotionalen Zustand nicht nur nach seinen qualitativen Merkmalen als einen bestimmten Typ (z.B. als Neid, Ärger etc.) identifizieren. Genausowenig kann es für alle Überzeugungen und Glaubensannahmen eine spezifische phänomenale Empfindung geben. Dies ist klar, da die Existenz unbewußter Zustände allgemein anerkannt ist: Dispositionelle (nicht aktuell gegenwärtige) Überzeugungen können keine Qualität haben, denn ihre Subjekte sind sich dieser Überzeugungen nicht bewußt. (Ein Beispiel: Bis mich jemand fragte, war ich mir meiner Überzeugung, dass jeder Banker einen schwarzen Anzug trägt, nicht bewußt, ich hatte sie aber schon, bevor sie mir durch die Frage
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gegenwärtig wurde.) Deshalb ist die Frage nach dem phänomenalen Charakter von mentalen Zuständen nur bei bewußten mentalen Zuständen interessant. Gibt es hier also ein spezifisches qualitatives Merkmal? Eines, das z.B. nur bei Überzeugungen mit einem bestimmten Inhalt vorkommt? Wohl eher nicht, denn „wer herausfinden will, was sein eingeklemmter Ellbogen macht, der kann sich auf seinen Ellbogen konzentrieren und sich fragen, ob die Schmerzen immer noch da sind. Hier gibt es ganz klar eine spezielle Art von Sinnesempfindung, ein Quale, nach dessen Vorhandensein wir uns selber fragen und das wir in unserer Wahrnehmung identifizieren können. Aber wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir eine bestimmte Proposition wirklich glauben – zum Beispiel dass Euthanasie moralisch erlaubt ist -, dann halten wir nicht nach einem Sinnes-Quale eines speziellen Typs Ausschau. Es scheint absurd anzunehmen, dass es eine Sinnesqualität Q gibt derart, dass dann, wenn wir entdecken, dass Q an unserem Gedanken dranhängt, dass Euthanasie moralisch erlaubt ist, wir daraufhin mit einem „Aha! Nun weiß ich, dass ich glaube, dass Euthanasie moralisch erlaubt ist“ reagieren.“ (Kim 179) Das Wissen, dass ich ärgerlich und nicht etwa bloß irritiert bin, das Wissen von intentionalen Zuständen (Wünsche, Überzeugungen etc.) scheine ich also unmittelbar zu haben. Es gibt demnach mentale Zustände ohne ein spezielles phänomenales Merkmal, die uns trotzdem bewußt sind. Wir erleben sie nicht, wir wissen sie einfach. „Erfahrungen“ scheinen diejenigen Ereignisse zu sein, die phänomenale Eigenschaften besitzen. (Kim 177ff) Man kann mentale Zustände also in zwei Kategorien aufspalten und dabei die Begriffe „seelisch“ und „geistig“ zur Benennung nutzen. Diejenigen mentalen Zustände, die kein spezielles phänomenales Merkmal haben, nennt man dabei geistig, „Erfahrungen“ dagegen seelisch. In der heutigen Bewußtseinsforschung von Gehirnforschern und Neurophysiologen liegt der Schwerpunkt auf der Erforschung des bewußten „Seelischen“. Die meisten dieser Forscher gehen davon aus, das Bewußtsein irgendwann im Gehirn lokalisieren und somit physikalistisch erklären zu können.
Eine Frage, die sich im Laufe der verschiedenen Ansätze der Bewußtseinsforschung immer wieder stellt, ist die nach dem Sinn des Erlebens. In einem
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Imke Kannenberg, 2002, Menschliches Bewußtsein, Munich, GRIN Publishing GmbH
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