Thomas Mann sagte über seine Erzählung ´Der kleine Herr Friedemann`, dass sie sein „eigentlicher Durchbruch in der Literatur [gewesen sei, da sie] zum erstenmal ein Grundmotiv“ 1 anschlägt, das in seinem Gesamtwerk eine wichtige Rolle spiele n wird. Die Geschichte des kleinen Herr Friedemann wird oft als ´Vorreiter` der Buddenbrooks gesehen, da sie erstaunliche Parallelen aufweist. Jedoch soll hier hauptsächlich auf die zwei Protagonisten, Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen, eingegangen werden. Johannes Friedemann, der ´stille Held` der Erzählung, wird von einer ihm überlegenen Frau, der Offiziersgattin Gerda von Rinnlingen, so sehr gedemütigt, dass ihm als letzter Ausweg nur noch der Selbstmord bleibt. Ein Streitpunkt der Forschung ist nach wie vor die Frage, ob Friedemann von sich selbst oder von Gerda in den Tod getrieben worden ist. Aus diesem Grund wird hier versucht, diese zwei Ansichten mit Hilfe eines Vergleichs mit Leopold von Sache r-Masochs ´Venus im Pelz` und dem Aspekt der ´femme fatale` genauer zu erläutern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen – Eine Charakterstudie
3. Ist Gerda von Rinnlingen eine ´femme fatale`?
4. Ein Vergleich von ´Der kleine Herr Friedemann` und ´Venus im Pelz` von Leopold von Sacher-Masoch
5. Schlusswort
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologische Charakterisierung der Protagonisten in Thomas Manns Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“. Dabei steht die Frage im Zentrum, ob der Protagonist durch die Begegnung mit Gerda von Rinnlingen in den Suizid getrieben wird, oder ob seine Zerstörung in einer bereits vorhandenen selbstdestruktiven Veranlagung begründet liegt.
- Analyse des Außenseiter-Daseins von Johannes Friedemann
- Untersuchung der ambivalenten Rolle der Gerda von Rinnlingen
- Diskussion des „femme fatale“-Motivs in der Literatur
- Vergleich mit Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“
- Reflektion über Triebverzicht und den Zusammenbruch bürgerlicher Lebensentwürfe
Auszug aus dem Buch
Der Konflikt der Überlegenheit
Der Konflikt der ´Überlegenheit` Gerdas und der ´Unterlegenheit` Friedemanns wird hier zum Ausdruck gebracht, als Gerda ihren Fächer fallen lässt und ihn trotz Friedemanns Bemühen selber wieder aufhebt. Sie verspottet ihn daraufhin mit einem „Ich danke.“ Durch diese Geste zwingt Gerda Friedemann, sich aktiv zu ´erniedrigen`. Dadurch bedroht sie Friedemanns ohnehin nur künstlich aufgebautes ´Selbst`, und schwächt sein Selbstbewusstsein.
Gerda wirkt auf alle Männer der Erzählung verführerisch, aber zugleich grausam. Ihrem Ehemann gegenüber benimmt sie sich „eiskalt“ und rücksichtslos, trotzdem muss sie auf ihn eine verführerische Wirkung haben, da er sie sonst nicht zur Frau genommen hätte. Gerda wird sehr wage beschrieben, sie wirkt beinahe wie ein Bild. Außer bei ihrem ersten Auftritt, als Frau Hagenström als Repräsentantin der bürgerlichen Gesellschaft ihre Meinung über Gerda von Rinnlingen äußert, erfährt der Leser nur durch Friedemann eine Beschreibung. Eine Innenansicht Gerdas wird nie gegeben. Sie wird sehr ambivalent dargestellt: Friedemann beschreibt sie als schöne Frau, die durch ihr rotes Haar und feines Gesicht mit den bläulichen Schatten sehr zerbrechlich und lebensuntauglich wirkt. Für Friedemann verkörpert sie die Leidenschaft und Sensibilität. Andererseits benimmt sie sich burschikos, ist kalt, grausam und vernichtend. Gerda verwirrt die Öffentlichkeit durch ihre dominierende und emanzipierte Art, wobei sie vom ersten Augenblick an Überlegenheit ausstrahlt. Thomas Mann beschreibt Gerda als eine „problematische Natur“, die durch ihre provozierende Art zu einer Außenseiterin der Gesellschaft geworden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Erzählung ein und thematisiert die Forschungsfrage, ob Friedemanns Tod selbstverschuldet oder fremdverschuldet ist.
2. Herr Friedemann und Gerda von Rinnlingen – Eine Charakterstudie: Dieses Kapitel analysiert die Rollenverteilung zwischen dem Außenseiter Friedemann und der dominierenden Gerda von Rinnlingen sowie das Aufbrechen seines geordneten Lebens durch Leidenschaft.
3. Ist Gerda von Rinnlingen eine ´femme fatale`?: Hier wird der literarische Topos der „femme fatale“ untersucht und inwieweit er auf Gerda anwendbar ist, wobei auch Thomas Manns eigene Einschätzung der Figur betrachtet wird.
4. Ein Vergleich von ´Der kleine Herr Friedemann` und ´Venus im Pelz` von Leopold von Sacher-Masoch: Dieses Kapitel arbeitet detaillierte inhaltliche und motivische Parallelen zwischen den beiden Werken heraus, insbesondere den Masochismus des Protagonisten.
5. Schlusswort: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet die Erzählung in den Kontext von Thomas Manns Gesamtwerk und dessen typische Leitmotive ein.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann, Gerda von Rinnlingen, femme fatale, Charakterstudie, Venus im Pelz, Leopold von Sacher-Masoch, Masochismus, Außenseiter, Triebverzicht, Literaturanalyse, Jahrhundertwende, Identität, Selbstmord, Leidenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die psychologische Dynamik zwischen den Hauptfiguren in Thomas Manns Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Themen Außenseiter-Dasein, der Einfluss von Triebunterdrückung, das Motiv der „femme fatale“ sowie die Ähnlichkeiten zu Sacher-Masochs Werk.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu klären, inwieweit Friedemanns Scheitern und sein Suizid als eine unvermeidbare Konsequenz seiner selbstdestruktiven Persönlichkeit zu werten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die durch einen komparativen Vergleich mit Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charakterentwicklung der Protagonisten, prüft das Rollenbild der Gerda von Rinnlingen und beleuchtet die motivischen Gemeinsamkeiten mit der „Venus im Pelz“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Thomas Mann, Masochismus, Identitätskonflikt, Triebverzicht und literarische Charakterstudie beschreiben.
Wie spielt das Motiv des „Zitterns“ eine Rolle für Friedemann?
Das Zittern fungiert als Bindeglied zwischen den Charakteren und visualisiert Friedemanns inneren Zusammenbruch sowie seine Unfähigkeit, die aufkommenden Leidenschaften zu kontrollieren.
Warum wird Gerda von Rinnlingen in der Forschung ambivalent diskutiert?
Sie wird einerseits als „femme fatale“ gesehen, die den Protagonisten aktiv ins Verderben führt, andererseits als „Leidensgenossin“, die selbst unter gesellschaftlichen Zwängen steht.
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- Nicola Dürr (Author), 2003, Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann - Eine Charakterstudie der Protagonisten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23900