Zusammenfassung
Die Arbeit nimmt eine Begriffsbestimmung der in Psychologie, Soziologie und Ethnologie weit verbreiteten Konzepte der individuellen und der kollektiven Identität vor. Im ersten Teil wird personale Identität zuerst aus der Perspektive des Symbolischen Interaktionismus sowie der Eriksonschen Ich-Psychologie betrachtet, auch in Abgrenzung zu verwandten Begriffen wie Individualität.
Kollektive Identität als Übertragung eines individualpsychologischen Konstrukts auf Kollektivsubjekte wird im zweiten Teil auf die damit einhergehenden Schwierigkeiten theoretischer und empirischer Art als auch auf die praktisch-politischen Konsequenzen wie Ausschlussprozesse und Konfliktpotential hin untersucht.
Im Schlussteil erfolgt eine kurze Diskussion über die offen bleibende Frage der sinnvollen Abgrenzung zwischen einem deskriptiven und einem präskriptiv-normativen Identi- tätsbegriff und möglichen Alternativen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
2 Personale Identität 6
2.1 Symbolischer Interaktionismus 6
2.2 Eriksons Ich-Psychologie 6
2.3 Straubs Konzeption personaler Identität 8
2.4 Identität vs. Individualität 9
3 Kollektive Identität 10
3.1 Was ist kollektive Identität? 10
3.1.1 Kollektive Identität, Recht und Gewalt 11
3.2 Was könnte kollektive Identität sein? 12
3.2.1 Identität als rekonstruierende Nachschrift 12
3.2.2 „wir“ anstatt kollektiver Identität 13
4 Diskussion 14
A Zu den Autoren 15
A 1 Lutz Niethammer 15
A 2 Jürgen Straub 15
Literaturverzeichnis 16
4
1 Einleitung
Das Konzept der Identität (für einen allgemeinen Überblick über verschiedene Identi-tätstheorien und -konzepte in der Psychologie vgl. Keupp, 2001) und der kollektiven Identität ist ein in sowohl in der Soziologie und Ethnologie als auch der Psychologie häufig gebrauchtes, zugleich jedoch auch oft heftig kritisiertes Konzept. Diese Arbeit soll anhand der Texte von Straub (1998) und Niethammer (2000, Kapitel III/ 4) in einem ersten Schritt eine genauere Bestimmung der begriffsgeschichtlichen Wurzeln von Identität vornehmen, in einem zweiten Schritt eine genauere inhaltliche Bestimmung von Straubs Idee von personaler Identität leisten, um daraufhin in einem dritten Schritt das Konzept der kollektiven Identität einer kritischen Untersuchung zu unterziehen und mögliche Alternativen zu betrachten.
Da kollektive Identität an Straub anschließend als Übertragung eines individualpsychologischen Kontrukts auf Kollektivsubjekte verstanden werden soll, erfolgt im folgenden Kapitel eine begriffsgeschichtliche und inhaltliche Beschreibung des relativ jungen Identitätskonzepts; zum einen soll dies in einer psychologischen/ psychoanalytischen Ausrichtung in Anlehnung an Erikson, zum anderen - in einer mehr soziologischen Ausrichtungmit dem symbolischen Interaktionismus erfolgen (für eine ausführliche Begriffsgeschichte von kollektiver Identität vgl. Niethammer, 1994, 2000)
5
2 Personale Identität
2.1 Symbolischer Interaktionismus
Erste wichtige Quelle des Konzepts der Identität ist der Symbolische Interaktionismus, eine meist mit George Herbert Mead verbundene soziologische/ sozialpsychologische Theorie. Sie baut auf dem amerikanischen Pragmatismus von William James und John Dewey und dessen Grundsatz auf, dass sich das Begreifen der Dinge an ihren praktischen Konsequenzen orientieren soll. Identität - bei Mead self genannt - besteht aus zwei Elementen: einerseits dem I, dem in Reaktion auf die Haltung anderer handelnden Subjekt, andererseits dem Me, der Summe der durch Rollenübernahme (Meads internalisierter generalisierter Anderer ) erworbenen Elemente gesellschaftlichen Ursprungs; Identität hat also sowohl eine subjektive als auch eine sozial vermittelte Dimension, die in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen.
2.2 Eriksons Ich-Psychologie
Weitere wichtige, wenn nicht die wichtigste begriffsgeschichtliche Wurzel des Identitätsbegriffs ist Erik H. Eriksons an die Psychoanalyse anschließende Ich-Psychologie. Ausgehend von sowohl sozial- als geschichtstheoretischen Überlegungen (so beschrieb Erikson z. B. den Lebensweg Luthers in den Begriffen seiner Identitätskonzeption) fasste Erikson Identität „als jene Einheit und Nämlichkeit einer Person aufzufassen, welche auf aktive, psychische Synthetisierungs- und Integrationsleistungen zurückzuführen ist, durch die sich die betreffende Person der Kontinuität und Kohärenz ihrer Lebenspraxis zu vergewissern sucht“ (Straub, 1998, S. 75, Hervorh. i. Original). Die genannten Integrationsleistungen werden notwendig infolge diachroner und synchroner Differenzerfahrungen, die Erikson zu einem universellen Stufenmodell der menschlichen Entwicklung zusammenfasst (Tabelle 2.1).
Wie die Tabelle zeigt, bleibt die Identitätskrise (und damit auch -entwicklung) nicht wie in anderen Ansätzen auf die Zeit der Adoleszenz beschränkt, sondern ist im Prinzip unbegrenzt; Erikson fasst die Identitätskrise - wie Freud die Neurose - als „psychologische Signatur seiner Epoche“ (Straub, 1998, S. 84) auf. Identität stellt sich hier also als etwas permanent Gefährdetes dar, etwas, das ständig neu erarbeitet werden muss, was deutlich macht, dass Erikson ein persönlichkeits-, entwicklungspsychologisches und klinisches Konzept formuliert hat.
Eriksons Identitätskonzeption fand und findet bis heute sehr viel Anklang, es wurde aber auch Kritik an seinem Modell formuliert:
In all seinen Schriften definiert er seinen Identitätsbegriff nie exakt, seine Beschreibun-
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Harald Kliems, 2004, Kollektive Identität - Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren eines Konstrukts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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