2 Fragestellung
In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich, unter Rückgriff auf eine empirische Arbeit von Ramona Lenz und Sabine Hess, darstellen, wie Au Pair zu einer Migrationsstrategie von Frauen aus Osteuropa wurde. Hierfür werde ich zunächst kurz auf den Begriff der Transnationalität eingehen und nachfolgend erläutern in welcher Weise Au Pair als Migrationsstrategie fungieren kann und worin die Chancen und Risiken liegen. Abschließen gehe ich dann auf die wesentlichen Konfliktlinien zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin im privaten Haushalt ein.
3 Einleitung
Transnationalität ist mittlerweile zu einem Schlagwort geworden, um welches man in der neueren Migrationsforschung kaum herumkommt. Anders als Globalisierung, welche sich auf die Grenzauflösung und Internationalisierung von Märkten, Konsumgütern und Kommunikationsmitteln bezieht, beschreibt Transnationalität die Auswirkung dieser wirtschaftlichen Neuerungen auf der Ebene des Sozialen. Wobei insbesondere der Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit Konzeptualisierungen von Migrationsbewegungen als eingleisigem Verkehr, von einem Herkunftsland in ein Aufnahmeland, zur Einführung des Begriffs der Transnationalität in die Migrationsforschung führte. Infolge ansteigender, grenzüberschreitender Bewegung von Menschen, Gütern und Informationen entstehen hierbei transnationale oder transstaatliche Räume. „Diese sozialen Räume fallen nicht eindeutig mit einheitlichen Flächenräumen zusammen, wie es im Falle der ‚Auswanderer’ (Ankunftsland) und der rückkehrenden ‚Gastarbeiter’ (Herkunftsland) ist. [...] Vielmehr sind diese Transnationalen Sozialen Räume ein hybrides Produkt aus identifikativen und sozialstrukturellen Elementen der Herkunfts- und der Ankunftsregion, zwischen denen sie sich plurilokal und dauerhaft aufspannen“ 1
1 Pries 2000: 416, Hervorhebung im Original
1
Im Folgenden möchte ich mich mit einer spezifischen Form von Transnationalität befassen, die sich nicht, wie beispielshalber bei den Managern und Wissenschaftlern, welche bei internationalen Unternehmen und Organisationen beschäftigt sind, auf der Ebene der Produktion vollzieht. Gemeint ist hier die Transnationalität im reproduktiven Bereich.
Transnationalität im Haushalt ist durchaus kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert begaben sich weltweit Frauen im Ausland in ‚fremde Dienste’ als Dienstmägde, Haus- oder Kindermädchen. 2 Die städtischen Dienstmädchen im 19. Jahrhundert lebten gar in unmittelbarer Nähe zur Herrschaft und waren einerseits zwangsläufig Zeuginnen der Intimitäten des Familienlebens, andererseits demonstrierte eine Vielzahl von Praktiken ihres Alltags (wie das Essen der Reste von der Familientafel oder der separate Dienstboteneingang) wie sehr man sich von ihnen abgrenzte. Sie wohnten folglich im Haus ihrer Dienstherren, verrichteten dort häusliche Dienstleistungen und unterstanden der häuslichen Befehlsgewalt. Je nach Größe und Wohlstand des Haushalts waren die Dienstmädchen ihrer Herrschaft in der Küche, im Kinderzimmer oder in den Gesellschaftsräumen “stets zu Diensten“. Wobei einzelne Arbeiten und Funktionen räumlich und zeitlich nicht klar zu unterscheiden waren und hernach einer Einheit von Arbeiten und Wohnen entsprachen. Global gehört auch heute noch die mit einem Dienstmädchen verbundene Tätigkeit zum wichtigsten Arbeitsmarkt für Frauen. Überdies ist er mittlerweile bezüglich seiner Anstellungs- und Rekrutierungspraktiken besser organisiert den je zuvor 3 . Auch in deutschen Haushalten wird mit der Beschäftigung osteuropäischer Frauen als Kindermädchen und Haushaltshilfen die Geschichte von der "Herrin und der Magd" neu aufgelegt.
2 vgl. Young 1999
3 vgl. Henshall-Momsen 1999, S.5
2
4 Neue Migrationsmuster zwischen Ost und West
In den letzten Jahren lässt sich eine starke und teilweise unerwartete Veränderung, sowohl der internationalen Migrationsmuster, als auch der die "europäische Migrationsordnung“ beobachten 4 . Nicht zuletzt sind deren Ursachen in den, zwecks wirtschaftlicher Eingliederung in den Weltmarkt, unternommene Anstrengungen zu suchen, welche die zusammengebrochenen, sozialistischen Systeme politisch und
soziökonomisch umstrukturieren sollten. 5 Die ehemaligen Ostblockländer wurden zwar auch Ziel- und Durchgangsländer, angesichts der sich verschlechternden Lebensumstände in den post-sozialistischen Ländern jedoch vor allem zu Sendeländern. Laut Migrationsbericht der Bundesregierung von 2001 machen Nicht-EU-Europäer mittlerweile zwei Drittel der Neuankommenden in Deutschland aus. Somit fällt die Migration aus Osteuropa in den Westen Europas stärker ins Gewicht. Wobei allerdings zu bedenken ist, dass der weitaus größere Teil der Aufenthalts- und Arbeitsverhältnisse, nämlich jener illegale und irreguläre Teil, nicht erfasst ist. Dennoch kann von einer Massenmigration aus dem Osten, wie im öffentlichen politischen Diskurs in Deutschland oftmals der Anschein erweckt wird, nicht die Rede sein. Ethnographische Migrationsstudien verwiesen darauf, dass nicht die dauerhafte Auswanderung zunimmt, sondern die "ungeordnete Mobilität" über die Grenzen hinweg, also die Pendel- und Zirkelmigration ansteigt. 6 Zum einen wird dies begünstigt durch die Nähe zwischen Herkunfts- und Zielland welche das Hin- und Herpendeln möglich macht. Zum anderen forcieren das die deutsche und europäische Migrationspolitik, welche nur wenige und temporäre Einreise- und Arbeitsmodi gestattet. So wird der legale Zuzug und damit eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis nur noch zeitlich begrenzt gewährt und dies auch nur Vertragsarbeitern gegenüber, welche den entsprechenden Antrag vom Herkunftsland aus stellen. Eine andere Möglichkeit eines zunächst befristeten Aufenthaltes von drei Monaten
4 vgl. Thiessen 2000, S.98
5 vgl. Thiessen 2000, S.102
6 vgl. Cyrus 1997
3
bietet die Einreise als Tourist. Jedoch ist eine Erwerbstätigkeit in diesem Fall untersagt. 7 Solche Steuerungsversuche erschweren mit Sicherheit die Migration, können sie jedoch nicht ganz unterbinden. Vielmehr bringen sie mobile Migrationsstrategien und zeitlich befristete Aufenthaltsmuster hervor und/oder drängen Migranten und Migrantinnen auf verborgene Pfade, die sich den offiziellen Statistiken entziehen. 8
5 Migrationsstrategien osteuropäischer Frauen
Osteuropäerinnen bleiben neben den frauenspezifischen Migrationsformen wie Heiratsmigration und Prostitution, in welchen sie traditionelle Herkunftsländer Südostasiens längst abgelöst haben 9 , nur wenige andere, legale Möglichkeiten, wenn sie erstgenannte Wege nach Westeuropa zu kommen nicht wahrnehmen wollen. Die Arbeitsmigration Ost-West ist sowohl im formellen, wie informellen Arbeitsmarkt geschlechtsspezifisch geprägt. So dass Frauen in der Regel eher Putzarbeiten in Haushalten, Alten- und Kinderpflege übernehmen und in der Gastronomie, Reinigungsindustrie, Landwirtschaft und Prostitution tätig sind, Männer dagegen größtenteils bei Reparaturkolonnen, speziellen Arbeiten in der Landwirtschaft und im Baugewerbe Beschäftigung finden. Ein legaler Zugang zum Arbeitsmarkt ist Frauen aus Mittel- und Osteuropa jedoch fast völlig verwehrt, da die bekannten, offiziellen Arbeitsmigrationsformen sich auf die eher männlich konnotierten, weitgehend kurzfristigen Beschäftigungen in der Saisonarbeit und Werksverträge und das Künstlervisum beschränken, welches häufig der Prostitution diente. 10 Migrierende Frauen werden somit in die Illegalität und in die Unsichtbarkeit verbannt und wie Bridget Anderson die Situation von Migrantinnen zusammenfasste:
"In general, women who migrate to work must usually do so ‘illegal’ for despite the demand for their labour, they cannot get working visa for the main forms of
7 vgl. Cyrus 1997, 44 - 48
8 vgl. Cyrus 1997
9 vgl. Cyrus 1997
10 vgl. Cyrus 1997
4
Arbeit zitieren:
Bisrat Wolday, 2003, Gender und transnationale Migration, München, GRIN Verlag GmbH
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